Was sind wir alle schlau

Wochenbericht 23/26 Stuttgart, 06. Jun. 2026

In der letzten Ferienwoche bereitet sich die USA auf die Fußballweltmeisterschaft vor und der US-Finanzmarkt auf das SpaceX IPO. Hieronymus kann auswählen, über welche Bank er die Aktie zeichnen will: RobinHood, Binance, Kraken: alle bieten den Premiumzugang zu den neuen Aktien wie Sauerbier an. Die Krypto-Broker trommeln wie wild: Die Aktie ist bereits tokenisiert und man versucht alle und jeden in den Wert zu hieven. Die Kurse für Krypto-Token fielen in der abgelaufenen Woche stark – ein Hinweis auf massive spekulative Kapitalzuflüsse in die neuen Aktien bereits vor dem IPO?

Sehr irritierend war ein Bericht in der FT, wonach ein Berater von Goldman Sachs im Rahmen einer RoadShow für das SpaceX-IPO eine Verhundertfachung des Werts der Aktie bis 2030, also innerhalb von vier Jahren prognostizierte. Aus 1,75 Billionen Dollar werden dann 175 Billionen, oder
175 000 000 000 000 $. Aktuell sind die teuersten Unternehmen der Welt ca. 5 Billionen $ wert.

Das spricht eigentlich für sich.

Googles 85-Milliarden-Dollar-Wette

Google hat seit 2005 kein Eigenkapital mehr aufgenommen. Das war logisch, die US-Technologiegiganten trugen das Label “Asset-Light” vor sich her: Die digitale Ökonomie skaliert unendlich bei quasi konstanten Kapitalkosten, glaubte man. Google galt als Cash-Maschine mit angeschlossenem Startup-Hub und massiven Aktien-Buybacks. Mitte Mai 2026 stoppte das Unternehmen das Aktienrückkaufprogramm. Am Pfingstwochenende dann die Kehrtwende: 84,75 Milliarden Dollar Kapitalerhöhung — die größte der Geschichte. Parallel standen bereits 85 Milliarden Dollar an neuen Anleihen in den Büchern, die in den Monaten zuvor emittiert worden waren.

Blättern wir zurück: Die Quintessenz des Wochenberichts 22/26: »Schulden sind wieder sexy«. SAP erhöht Verschuldung, kauft parallel Aktien zurück, investiert in AI. Der vorliegende Beitrag setzt dort an und zeigt, warum Googles Kapitalerhöhung nicht das ist, was sie zu sein scheint.

Die unausgesprochene Wandelanleihe

Die 85 Milliarden Dollar Fremdkapital waren bereits emittiert, als Google die Eigenkapitalerhöhung ankündigte. Das ist kein Zufall. Zusammen ergeben beide Transaktionen das, was sonst eine Wandelanleihe gewesen wäre: Die Anleihen als Bond-Floor, das Eigenkapital als Conversion-Option. Google hat die Convertible-Logik auf die gesamte Kapitalstruktur angewendet.

Dass genau das funktioniert, zeigt der US-Convertible-Markt: 57 Milliarden Dollar YTD 2026, Rekord-Tempo (sagt Barclays.) CoreWeave: emittierte 3,5 Milliarden Dollar zu 1,75 Prozent — einen Tag nachdem klassischen Anleihen zu 9,75 Prozent platziert wurden (1,5 Mrd. $). Akamai platzierte eine Wandelanleihe über 3,5 Milliarden Dollar zu null Prozent Zinsen. ON Semiconductor startete die Vermarktung seiner Wandelanleihen bei 0,5 Prozent und verkaufte bei null. »Wenn man eine Convertible verkauft, monetarisiert man im Effekt Volatilität«, sagte Zain Jaffer von RBC BlueBay. Auf Deutsch: Über eine Wandelanleihen-Emission profitieren Unternehmen von stark schwankenden Aktienkursen. Sie bekommen Fremdkapital zu Vorzugskonditionen!

Google hat vermutlich seine eigene AI bemüht, um dies für sich maximal umzusetzen. Der Verkauf der »Wandelanleihen, die keine sind, an TOP-Gläubiger, die keine sein wollen ist effektiv eine Monetarisierung der (aktuellen) Volatilität der eigenen Aktie. Man verkauft die Furcht vor einem Marktpeak — nicht die Aktie selbst. 75 institutionelle Investoren zeichneten, dazu Berkshire Hathaway mit 10 Milliarden Dollar. Die Verwässerung von 2 Prozent der Marktkapitalisierung wurde stillschweigend akzeptiert.

Der Dominoeffekt

Die Sequenz: Erst saugen die Hyperscaler den Fremdkapitalmarkt leer Wochenbericht 13/26. Danach emittieren sie Convertibles als verkleidetes Eigenkapital. Zuletzt verkauft Google Aktien an der höchsten Bewertung der Geschichte. Und nun wird der Staat als Eigenkapitalgeber einsteigen. Die Grenze zwischen Schulden und Eigenkapital verschwindet. Die Grenze zwischen Staat und Unternehmen auch.

Financial Engineering 3.0

Die historischen Parallelen sind nicht beruhigend: 2020/21 emittierten Dutzende Tech-Firmen Zero-Coupon-Convertibles — Airbnb und DraftKings funktionierten, Peloton und Beyond Meat endeten in der Pleite. »Elevated convertible bond issuance is, at heart, a response to the market being twitchier than usual. That alone should tell investors to be cautious.« (FT Lex)

Das klingt, als hätte man das schon einmal gehört. Richtig: 1999, 2007, 2021. Jedes Mal war es diesmal anders. Jedes Mal war es das nicht.

Meta – Die Kapitalfressmaschine

Der Vorschlag für den Titel machte die hauseigene AI… Der Rest ist nicht so lustig.

Im April 2026 erhöhte Meta seine Investitionsziele für das laufende Jahr auf 125–145 Mrd. $ — weit über allen Analystenerwartungen. Die Aktie fiel 6 bis 7 Prozent. 8.000 Stellen wurden gestrichen. 6.000 weitere werden nicht wieder besetzt. Die seit 2017 laufenden Aktienrückkäufe wurden gestoppt.

Was den Markt wirklich nervös machte, war die Begründung: höhere Komponentenkosten — insbesondere für Memory-Chips — und Wettbewerb um Land, Strom und Arbeitskräfte. Meta spielte Verlierer-Rolle: Es musste gegenüber den Wettbewerbern aufholen, während die Preise für alles stiegen. „Investors continue to be concerned about how Zuckerberg’s once capital-light money machine may be morphing into a capital-intensive incinerator”, sagte Dec Mullarkey von SLC Management damals. Daran hat sich nichts geändert, im Gegenteil.

Am Freitag meldete die FT: Meta erwägt eine Eigenkapitalerhöhung in der gleichen Größenordnung wie Google („tens of billions”). CFO Susan Li und Präsidentin Dina Powell McCormick — 16 Jahre bei Goldman Sachs, seit Januar 2026 bei Meta — leiten die Gespräche. Die Struktur: „mandatory convertible preferred issuance”, exakt das Modell, das Google in seinem 85-Mrd.-Dollar-Deal angewendet hat. Cash sofort, Aktienausgabe um Jahre verschoben.

Anders als bei Google ist hier kein Ankerinvestor im Stile von Berkshire Hathaway in Sicht, ob die Staatsfonds anbeißen, ist auch nicht gewiss. Privatanleger lassen sich kaum dafür begeistern.

Die Aktie fiel weitere 5,5 Prozent. Die Reaktion war konsistent: Der Markt bestraft Meta härter als Google. Warum? Weil Googles Kapitalerhöhung auf einer soliden Cashflow-Position beruht. Bei Meta reicht der Cashflow nicht.