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Wochenbericht 9

Wasserstoff für die energieintensive Industrie

Die aktuellen Verwerfungen an den Kapitalmärkten katalysieren den Trend zu Local Sourcing. Dies ist zudem eine Voraussetzung für den Übergang zu einer klimagerechten Industrielandschaft. Wasserstoff kristallisiert sich immer mehr als zentraler Baustein heraus.

(Stuttgart, 29. Februar) In der vergangenen Woche versilberte ThyssenKrupp seine Aufzugssparte. Der Elevator, mit einer 246 Meter hohen Textilfassade und das eigentliche Wahrzeichen Rottweils und Aushängeschild von ThyssenElevator, wird jetzt von einer Heuschrecke betrieben. ThyssenKrupp zieht sich auf sein zyklisches und derzeit wenig profitables Kerngeschäft zurück. Ein auf den ersten Blick wenig überzeugender Schritt.

Tatsächlich spült die Transaktion dringend benötigtes Geld in die Konzernkasse. Aktuell ist das Unternehmen mit 7,5 Mrd. € verschuldet. Drei Jahre in Folge verbuchte der Konzern Verluste. Die Dividende ist gestrichen – für die KruppStiftung ist das eine mittlere Katastrophe. Die Erträge aus dem Aufzugsgeschäft subventionierten defizitäre Sparten, die hohe Verschuldung stand einer fundamentalen Neuausrichtung des Konzerns entgegen.

Zukunftsmarkt Local Sourcing und Green Steel

Die aktuellen Kapitalmarktverwerfungen zeigen nur zu deutlich, wie risikobehaftet Global Sourcing, also auf maximale Kosteneffizienz getrimmte, weltumspannende und tiefverzweigte Lieferketten, tatsächlich ist. Wenn Industriecluster und Großkonzerne eine Lehre aus der Entwicklung seit dem willkürlichen Shutdown Chinas ziehen, dann ist das die Forderung nach mehr Autarkie: ein Fokus auf Local Sourcing.

Die fatale Abhängigkeit von fragilen Lieferketten ist spätestens seit der Eskalation des sinoamerikanischen Handelskriegs in den Fokus der Strategieabteilungen geraten. Dessen Eskalation im Rahmen der COVID-19-Entwicklung dürfte den bereits eingeleiteten Prozess ungemein beschleunigen.

Shell steigt in großtechnische Wasserstoffprodution ein

In der vergangenen Woche wurden die Planungen für die Errichtung einer mit Offshore-Windstrom versorgten Elektrolyseanlage für grünen Wasserstoff konkreter. Auftraggeber ist die niederländisch-britische Royal Dutch Shell. Die EU veröffentlichte eine Landkarte mit den verabredeten Förderregionen für den Green Transition Fund, mit dem die Energiewende auf EU-Ebene katalysiert werden soll. Der anvisierte Produktionsstandort von Shell liegt im einzigen Fördergebiet der Niederlande. Ziel ist es, einen Tipping Point anzusteuern, der einen Markthochlauf der grünen Wasserstoffproduktion ermöglicht. Hierfür muss die großtechnische Wasserstoffproduktion jedoch profitabel sein.

Die aktuellen Preisrückgänge bei konventionellen Energieträgern dürften die Planungen für eine grüne Zukunft bei Shell nochmals beschleunigen. 2019 fielen die Erträge aus dem Gas- und Ölgeschäft bei Shell um 23 Prozent, der Aktienpreis sinkt beständig. Energiewerte sind besonders von den Verkaufswellen der vergangenen Woche betroffen. Auch Shell steht auf der Verkaufsliste vieler institutioneller Investoren, die von ihren Aufsichtsgremien zu nachhaltigen Investments gedrängt werden.

ThyssenKrupp Konzernstrategie

Was auf den ersten Blick widersinnig erscheint, nämlich der Verkauf des Tafelsilbers um die Schulden aus dem defizitären Kerngeschäft zu tilgen, macht angesichts des Umbruchs in der energieintensiven Industrie viel Sinn. Jetzt ist die Zeit, Weichen für eine nachhaltige Zukunft der Stahlproduktion zu stellen. ThyssenKrupp kann nur als stark fokussiertes und finanziell gesundes Unternehmen diesen Zukunftsmarkt für sich reklamieren.

In dieses Bild passt auch der endlich vollzogene Rückzug des Stahlkonzerns aus seinem teuren brasilianischen Abenteuer. Die Zukunft der Stahlproduktion bei ThyssenKrupp liegt im 21. Jahrhundert wieder in Europa!

Monatsveränderungen

Die Finanzmärkte liegen zum Monatswechsel mit heftigen COVID-19-Symptomen auf der Intensivstation. Die starken Preissignale dieses Monats zeigen, welche Märkte zukunftsfähig aufgestellt sind und welche nicht.

Robuste Märkte1. - 29.2 (%)Fragile Märkte1. - 29.2. (%)
TSX(Toronto):-7,5DowJones:-12,7
SSE(Shanghai):-3,2Bovespa:-12,5
STI(Singapore):-7,0DAX:-12,5
BSE(Bombay):- 7,3KOSPI:-11,5

In China stütze der Staat massiv die Marktpreise. Staatsfonds und auch Fondsgesellschaften wurden aufgefordert, heimische Titel zu kaufen. Unternehmen konnten Anleihen emittieren, die direkt und garantiert von staatlichen Stellen aufgekauft wurden. Die Marktkorrektur ist bereits abgeschlossen.

Auch die Marktreaktion in Singapore und Toronto ist überschaubar. Exportorientierte Volkswirtschaften und der aus den Schwergewichten des trumpschen America zusammengesetzen Dow Jones Industrial tragen gemeinsam die rote Laterne. Interessant ist die Performance des brasilianischen Aktienmarkts. Die Preisrückgänge zeigen die Bedeutung des Rohstoffsektors für diese Volkswirtschaft.Die klassischen Rohstoffländer Kanada und Australien haben sich mit -7,3 bzw. -8,4 % vergleichsweise gut geschlagen. Die Volatilität ist an diesen Märkten zudem deutlich niedriger, als in den USA (VIX: 48%: ASX VIX: 26%).

Emerging Markets: Reihenweise Kaufsignale

Die Abgaben der letzten Woche haben auch vor den Schwellenländern in Asien nicht halt gemacht. Dabei stellt sich immer deutlicher heraus, dass COVID-19 ein Wintervirus ist, der sich im tropischen Klima kaum weiter verbreiten kann. Deshalb sind die Fallzahlen aus diesen Ländern trotz intensiver Kontakte nach China gering.

Eine Weile warfen Seuchenmediziner den Schwellenländern vor, die Schutzmaßnahmen nicht ausreichend umzusetzen. Inzwischen ist man bezüglich einer Ausbreitung insbesondere in Indien und Indonesien entspannt.

Abbildung 1: Wertentwicklung des MSCI Indonesia ETF
Abbildung 2: Wertentwicklung des MSCI Philippines ETF

Die Marktpreise für die Lämder-ETF’s notieren sämtlich in der Nähe der unteren Preisumkehrpunkte der letzten Jahre. Dies ist in Abb. 1 und 2 für Indonesien und den Philippinen in einer Betrachtung seit 2011 dargestellt.

Diese Länderindizes waren vor den jüngsten Preisabschlägen bereits Kandidaten für einen Positionsaufbau. Die jüngsten Preissenkungen haben deren Attraktivität weiter verbessert.

Die Woche an den Finanzmärkten

  • Hongkong: Geld für alle.
    10.000 Hongkong Dollar (1.150 €) für jeden Einwohner der ehemaligen britischen Kronkolonie: damit will die Regierung den privaten Konsum nach den Massen­protesten des Jahres 2019 und den Einschränkungen im Umfeld der COVID-19 Ausbrüche wieder beleben. Unternehmen können mit Steuererleichterungen rechnen.
    Die Einmalmaßnahmen werden aus Kapitalreserven bezahlt. Bereits 2011 hatte die Regierung 6.000 HKD an jeden Einwohner verteilt.
  • China: Index für Industrieproduktion fällt im Februar auf 35,7.
    Wenig überraschend bricht die Industrieproduktion im Februar ein. Ein Wert unter 50 bedeutet Kontraktion. Sie fällt im Jahresvergleich um fast 20 Prozent. Ökonomen sind entsetzt, Hieronymus ist erstaunt, dass immerhin noch 86 Prozent des üblichen Produktionsvolumens erzielt wurde. Schließlich stand das ganze Land mindestens zwei Wochen still. Gemäß TS Lombard, einem globalen Finanzresearch­dienstleister mit Schwerpunkt China, waren zur Monatsmitte nur 35 Prozent aller chinesischen Arbeitsplätze besetzt.
  • Gold: Metallpreis und Minenwerte unter Druck.
    Newcrest Mining, einer der größten Goldminenbetreiber der Welt wurde am Freitag förmlich abverkauft: -8%. Noch im September kostete eine Aktie 37 AUD, aktuell nur noch 26 A$. Trotz der Erwartung weiterer Zinssenkungen in den Industrieländern ist der Goldpreis seit Mittwoch um 10% gesunken.
    Was will uns dies sagen?
    In einigen Foren wird diskutiert, dass man an dieser Preisentwicklung den wahren Marktstress ablesen kann. Demnach ist der Preisrückgang ein Ergebnis von Zwangs&shyerkäufen nach Margin-Calls. Ein ähnliches Preismuster zeigte sich im Jahr 2008.
    Das Problem: Dies erklärt den aktuellen Preisverfall bei Gold und ignoriert den bereits länger andauernden Trend zu niedrigeren Bewertungen von Goldminen.
  • Euro: Überraschende Aufwertung.
    Die Finanzmärkte proben den Krisenmodus. Aktien werden preiswerter, Anleihen trotz Negativrenditen teurer. Und der Euro: wertet auf. Darüber wundern sich nicht wenige. Noch 2008 war ein starker US-Dollar Markenzeichen der Krise. Nun ist auf einmal der Euro der sichere Hafen?
    Gut – Spekulationen über eine deutliche Intervention der US-Notenbank wollen nicht abreissen. Gleiches gilt aber auch für die Aussicht auf eine konzertierte Aktion von Notenbanken.
    Abbildung 3: Wechselkursverlauf Euro/US-Dollar