Quelle: Pixabay

Wochenbericht 8

Notizen von der Mitgliederrundreise der GLS

Nachhaltigkeit begeistert inzwischen selbst renditeoriente Kapitalmarktteilnehmer. Wie stellt sich der Platzhirsch unter den nachhaltigen Banken dem Hype?

(Stuttgart, 22. Februar) Hieronymus war zu Gast auf der Mitgliederrundreise der GLS Bank.

Anthroposophen verändern die Republik

Wie anders wäre dieses Land ohne die erfolgreichen Ladenketten mit anthroposophischen Wurzeln? Ohne DM wäre das Land weiterhin mit muffigen Schlecker-Filialen zugepflastert. Alnatura hat das Marktsegment Biosupermarkt in die Fläche gebracht. Im Finanzbereich ist die GLS mit dem Fokus auf ökosoziale Anlagegrundsätze uneingeschränkter Platzhirsch. Alnatura und DM sind längst im Massenmarkt angekommen und stellen sich selbstbewußt der Konkurrenz. Hieronymus wollte herausfinden, wo die GLS sich aktuell positioniert.

Die Genossenschaft

Der Name GLS steht für Genossenschaft für Leihen und Schenken. Seit der Gründung 1974 hat sich die Bank mehrfach neu erfunden. Inzwischen ist sie das ökosoziale Aushängeschild der Volks- und Raiffeisenbanken. Sie tritt als Vollbank am Markt auf, unterscheidet sich im Bezug gelebter Werte signifikant von den Partnergeldinstituten.

Brüder im Geiste

Der Vorstand Thomas Jorberg führte sehr authentisch durch den Abend. Gemeinsam wurden grün-liberale Werte zelebriert. Allgemeines Kopfnicken bei der lakonischen Feststellung, das Land habe sich vom Motor in Sachen Klimaschutz zum Bremsklotz entwickelt, der praktizierte Freihandel sei Ursache für eine ganze Reihe aktuell zu beobachtender Fehlentwicklungen. Und auch hier: Eine explizite Begeisterung für den wirtschaftspolitischen Kurs der EU-Kommission unter von der Leyen( siehe Wochenbericht 7 ). Die Bank präsentiert sich dem stetig wachsendem grün-liberalem Bürgertum der Republik als Partner für alle Geldangelegenheiten. Sie ist augenscheinlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Transparenz im Bankgeschäft

Anthroposophen sind oft gute Geschäftsleute. Mit dem Faustpfand persönliche Integrität und Authentizität und einem langfristigen Ansatz gelingt es eigene Werte am Markt durchzusetzen und gleichzeitig sehr profitabel zu sein. Dies zeigt sich auch am Geschäftsmodell der GLS. Die Bank verlangt von jedem Kunden einen Jahresbeitrag für ihren Service. Die Begründung: Wir leisten einen tollen Service für unsere Kunden, das muss bezahlt werden. Die Transparenz erfordert es, dass dies offen ausgewiesen wird. Radikal ehrlich.

Der Nachteil: Die Kunden müssen tatsächlich für alles zahlen, verdeckte Quersubventionierungen sind nicht möglich. So ist es bei Fintech’s, wie der sehr erfolgreichen N26, und auch der etablierten ING üblich, das Asset Kundendaten zur Finanzierung von Bankdienstleistungen zu nutzen. Die Kunden der GLS benutzen die gleichen Instrumente und geben damit ihre Daten preis. Sie profitieren jedoch nicht davon.

Die Transparenz geht noch einen Schritt weiter: Die Bank tritt deutlich erkennbar als Geldmakler auf. Kundenberater werben um Einlagen und vermitteln Anlageprodukte. Kreditberater kümmern sich um den Vertrieb der Kundengelder gemäß der Verwendungsgrundsätze. Anders als bei der Konkurrenz, wissen die einen von den anderen.

In naher Zukunft werden Kundengelder ab 100 k€ mit -0,5% verzinst. Damit finanziert man Renditeabschläge für die Finanzierung ausgewählter Projekte. Dies verkauft man ganz selbstbewußt als »Transformation ermöglichen«. Die Liste finanzierter Projekte ist natürlich öffentlich, es gibt sogar eine Smartphone-App.

Risiken im Blick

Die Bank selbst ist Gläubiger für die vergebenen Kredite. Die Kundeneinlagen finanzieren zwar die Kreditvergaben, die Kreditrisiken trägt jedoch die Genossenschaft. Die Liste der finanzierten Projekte enthält eine große Anzahl kleiner Kredite, die von klassischen Banken niemals finanziert worden wären.

Das Problem: Die Geschäftspolitik konzentriert Kreditrisiken in der Bilanz der Bank.
Die gute Nachricht: Die GLS betreibt einen sehr großen Aufwand beim Risikomanagement. Etwa ein Drittel des Vortrags auf der Mitgliederrundreise bezog sich hierauf. Der Nachteil: Diesen Aufwand zahlen nicht die Kreditnehmer, sondern die Genossenschaftsmitglieder.

Hier handelt die Bank tatsächlich fahrlässig und in den Augen Hieronymus auch zum Nachteil der Kunden. Aus ideologischen Gründen verzichtet man auf durchaus vorhandene Kapitalmarktinstrumente zur Risikostreuung.

Anlageprodukte

Die Bank tritt als provisionsgetriggerter Finanzanlagenvermittler und im Private Banking als klassischer Vermögensverwalter auf. Im Angebot sind ausschließlich nachhaltige Geldanlagen.
In diesem Geschäft ist die Bank tatsächlich im Mainstream angekommen. Sie muss sich entsprechend messen lassen.

Kunden der Bank können Direktinvestments in geschlossene Fonds (Graumarktprodukte) oder Unternehmen (Crowdfunding) tätigen, sie können Publikumsfonds erwerben, darunter auch GLS-Eigengewächse.

GLS-Publikumsfonds

Bei selbst aufgelegten Fonds wird ein ähnliches Risikomanagement betrieben, wie bei Eigenkapitalfinanzierungen (Kreditgeschäft). In einem aufwändigen Verfahren werden Nachhaltigkeitsrisiken für die Beteiligungen im Fondsbestand ermittelt. Dabei wird simuliert, wie sich die Ertragslage entwickelt, falls die CO2-Bepreisung eingeführt wird und welche absehbaren Geschäftsrisiken bei einer weiteren globalen Temperaturerhöhung bestehen.

Dies treibt natürlich die Verwaltungskosten in die Höhe. Eigentlich ist es Aufgabe der Aktiengesellschaften selbst, diese Daten bereit zu stellen. Dies kann die GLS mangels Masse natürlich nicht durchsetzen. Im Rahmen der Nachhaltigkeitsoffensive von Blackrock und der Green Deal Initiative in Europa ändern sich aber gerade die Marktgesetze. Die entwickelte Insellösung hat vermutlich nur eine kurze Lebensdauer.

Die Publikumsfonds sind aus einen weiteren Grund schwerlich zukunftsfähig.
Nachhaltige Anlageprodukte sind Mainstream und werden von der Stange vertrieben. Der Aufwand für die Ermittlung und Bewertung von Risikokennzahlen erfolgt bei Publikumsfonds nicht auf der Ebene des Fondsmanagements, sondern beim Indexprovider. Dort vollzieht sich aktuell die wahre Nachhaltigkeitsrevolution im Finanzbereich. Hier entstehen gerade die Anlageprodukte des 21. Jahrhunderts. Und auf dieser Ebene entscheidet sich, ob es dem kapitalistischen System gelingt, die Nachhaltigkeitswende zu stemmen.

Bewertung und Fazit

Auch im Jahr 2020 ist die Mehrzahl von Bankern konservativ und steht ideologisch eher rechts. Um so erfrischender der Auftritt der GLS. Wenn der Erfolg der GLS ein Indikator für den Wandel der bundesdeutschen Gesellschaft ist, stimmt dies äußerst positiv.

Die Bank ist klar erkennbar auf dem Weg in den Mainstream. Hieronymus ist gespannt, ob sich der Finanzplatz Deutschland ähnlich wandelt, wie der Markt für Drogerieprodukte mit dem Aufschlag von DM.

Die Transparenzoffensive der Bank zeigt zum einen Wege auf, wie eine Bank im Nullzinsumfeld agieren kann. Sie ignoriert aber auf Kosten der Mitglieder die Potenziale der Digitalisierung. Gleiches gilt für das Risikomanagement des Einlagenportfolios auf der Kreditseite. Hier verzichtet man leichtfertig auf die Möglichkeiten der Risikostreuung durch den Kapitalmarkt. Im Anlagebereich ist die GLS nachhaltiger Vertriebspartner der Volks- und Raiffeisenbanken.

Die Woche an den Finanzmärkten

  • Anleihen: Inverse Zinsstrukturkurve und historische Zinstiefs. Zum Wochenschluß sinken die Renditen für US-Staatsanleihen mit 30 Jahren Laufzeit erstmals überhaupt unter 1,9 Prozent. Der Finanzmarkt preist nicht nur weitere Zinssenkungen ein. Immer deutlicher werden die ökonomischen Bremsspuren als Folge der Abschottung China’s.

  • Korea: Die 2,4 Millionen Einwohner von Daegu müssen zuhause bleiben. In der viertgrößten Stadt Koreas wurden zwei Covid-19-Tote gezählt, allein am Freitag stieg die Zahl der Infizierten um 100. Pikant: In Daegu befindet sich eine große US-Base. Das Epizentrum ist offenbar eine evangelikale Sekte: kürzlich zelebrierte man ein Ritual mit mehr als 1.000 Teilnehmern.

    80 Prozent der vermutlich 200.000 Sektenmitglieder bekennen sich nicht öffentlich zu ihrem Glauben, meist wissen selbst die Verwandten nichts davon. Die Behörden befürchten, dass sich infizierte Sektenmitglieder aus Angst vor der Enttarnung ihrer religiösen Praktiken nicht den Behörden stellen.

  • China: Austausch von infizierten Banknoten. Die Maßnahmen der chinesischen Behörden werden immer abstruser. Die Banken sind angehalten, Banknoten vor der Ausgabe zu sterilisieren. Dabei ist bekannt, dass die Viren auf den Geldscheinen nur einige Stunden überleben können. Ein weiteres Zeichen dafür, was Angst mit Menschen macht, wie die Fähigkeit leidet, rationale Entscheidungen zu treffen.
    Abbildung 1: Wuhan: Straßenbild der abgeriegelten Millionenstadt
  • Japan: Wachstumseinbruch nach Mehrwertsteuererhöhung.
    Satte 1,575 % ging das GDP Japans im Q4 gegenüber Q3 zurück, nachdem die Mehrwertsteuer im Oktober von 8 auf 10 Prozent angehoben worden war. Die Konsensmeinung war ein Rückgang um weniger als einem Prozent. Rechnet man dies auf das Jahr hoch, kommt man auf einen Wirtschafts­einbruch von 6,3 %. In der Folge wertete der Yen kräftig gegenüber dem USD ab.
    Nach der letzten Mehrwertsteuererhöhung im Jahr 2014 ging das Wirt­schafts­wachstum in ähnlicher Größenordnung zurück. Damals wertete der Yen bis 122 Yen pro US-Dollar ab, die Wirtschaftsdaten erholten sich dank der Währungsabwertung rasch.
    Dies wird sich so nicht wiederholen. Zum einen hat Covid-19 definitiv einen negativen Einfluß mindestens im aktuellen Quartal. Zum anderen konnte die japanische Notenbank 2014 ihre Geldpolitik anpassen. Das ist aktuell schon wegen der unberechenbaren Reaktionen der USA schwerlich möglich. Da Japan weiterhin eine Exportnation ist, hat die Mehrwertsteuererhöhung über die Reaktion am Währungsmarkt global eine deflationäre Wirkung.
    Abbildung 2: Verlauf des Währungspaares USD/JPY