Der offizielle Weihnachstsbaum

Wochenbericht 52

Rauhnachtbetrachtungen

Sieben Thesen. Reflexionen über gesellschaftliche Trends 2019 und deren Implikationen für die nächsten zwölf Monate.

(Stuttgart, 28.12.) Die zwölf Nächte ab dem 25. Dezember haben konfessionsübergreifend eine besondere Wertigkeit. Ursprünglich zur Synchronisierung des Mondkalenders (354 Tage) an das Sonnenjahr zur Wintersonnenwende eingefügt, sind diese Tage eine seltene Gelegenheit, die diverse säkulare Gesellschaft in trauter Reflexion zu beobachten. Hieronymus schließt sich diesem Brauchtum an und formuliert einige Thesen für das Jahr 2020.

These 1: Antropozän ist Chance und Risiko

Das Jahr 2019 stellt in einer Hinsicht eine Zäsur dar: Mit dem Auftritt von Greta Thunberg auf der globalen Bühne ist erstmals einer größeren Gruppe die Verantwortung des Menschen für den Planeten bewußt geworden. Der sehr lesenswerte AnthropoScene Blog zeigt in der Folge 6 eindringlich, welche Gestaltungskraft vom Homo Sapiens im 21. Jahrhunderts ausgeht. Die Bildungseliten der Industrieländer stehen vor der Entscheidung, weiterhin hedonistisch dem Egotrip zu folgen oder zugunsten der nachfolgenden Generationen einen gesellschaftlichen Transformationsprozess mit ungewissem Verlauf zu unterstützen.

These 2: Beharrungskräfte dominieren auch 2020

In den Staaten des demokratischen Kapitalismus hatten die bewahrenden Kräfte 2019 eindeutig die Oberhand. Mit Fridays for Future (F4F) ist aber erstmals eine globale Bewegung entstanden, die dem neoliberalen Wachstumsmodell eine lebenswerte Alternative entgegenstellt. Der Wettbewerb um die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist eröffnet. Gemeinwohl- und Postwachstumsökonomie erleben im Windschatten von F4F einen nie gekannten Höhenflug. Dennoch fahren konservative Parteien mit populistischen Frontmännern reihenweise Wahlerfolge ein, zuletzt in Groß Britannien.

These 3: Gesellschaftliche Fliehkräfte bauen sich auf

Die politischen Eliten der Industriestaaten des Jahres 2019 sind fest im Denken des 20. Jahrhunderts verhaftet. Dies wird nirgends deutlicher, wie in der Bundesrepublik. Die verstaubte Berliner Republik regiert für die Generation 50+ und lastet den nachfolgenden Generationen eine Last nach der anderen auf. Legitimationsbasis ist die weiterhin gut laufende Konjunktur, die auch gesellschaftliche Fliehkräfte einhegt.

Für 2020 wird weltweit eine weitere konjunkturelle Abschwächung prognostiziert. Es ist absehbar, dass die Verteilungskämpfe intensiver werden. Die Protestkultur des Jahres 2019 ist wohl der Auftakt zu einer Phase härterer gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Hieronymus hofft, dass die Entwicklung anders abläuft, als zu Beginn der 1970er Jahre (Stichwort: RAF).

These 4: Mythos 1,5 Grad Ziel wird aufgegeben

Die Klimabewegung des Jahres 2019 erlebt eine ähnliche Professionalisierung, wie die Anti-AKW-Bewegung in den 1980ern. Die frühen F4F-Protagonisten äußerten vornehmlich emotionale Bedenken und verwiesen zum Faktencheck auf Wissenschaftler. Mit jeder Klimademo differenzieren sich die Forderungen, übernehmen die Redner mehr Lösungsverantwortung. Mit German Zero mischen sich die Experten direkt ein und stellen konkrete politische Ziele. Ähnlich verhielten sich die Atomkraftgegner spätestens nach der Besetzung des Endlagers Gorleben. Die Erfolge der Anti-AKW-Bewegung sind auf globaler Ebene nicht meßbar.
Hieronymus sieht keine Chance für einen substanziell anderen Verlaufspfad der Klimabewegung1. Konsequenz: Die nachfolgenden Generationen müssen mit einer 4 - 6 Grad wärmeren Welt zurechtkommen – mit allen negativen Konsequenzen.

These 5: European Green Deal - oder die verzweifelte Suche nach der Wundertechnologie

Wurden in der These 2 alte Männer als Verantwortliche für den politischen Stillstand in vielen Industrienationen identifiziert, sind es alte Frauen, die mittels maximalem technischem Fortschritt die Klimakatastrophe abwenden wollen. Ein Green New Deal wurde von Elisabeth Warren in den USA propagiert. Ursula von der Leyen stellt dies in adaptierter und erweiterten Funktion im Auftrag der Kanzlerin in den Zentrum ihrer Agenda für Europa. Beiden ist klar: Ein Green Deal kostet sehr, sehr viel Geld. Er bindet zudem alle Teile der Gesellschaft ein und stärkt damit die Demokratien.

Das Grundproblem ist aber: Der EU Green Deal fokussiert technische Lösungen. Einen gesellschaftlichen Transformationsprozess stößt man damit nicht an. Der ist aber Grundvoraussetzung für das Einhalten der völkerrechtlich verbindlichen Klimaschutzziele von Paris.

Vermutlich ist dies aber das Beste, was die Politik den Bürgern anbieten kann, ohne das demokratische System zu zerstören. Die Protagonisten schauen sich trotzdem besser die Erfolge des originalen New Deals in den USA an. Nicht die Sozialprogramme sondern die Kriegswirtschaft nach dem Kriegseintritt überwand die strukturellen Probleme der 1930er Jahre.

These 6: Buthan taugt nicht als Vorbild

Das kleine Land im Himalaja hat als Einziges Glück als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen. Tatsächlich belegt das Land gemäß dem Gini-Koeffizenten einen weltweiten Spitzenplatz. Die Staatsbürger sind die Zufriedensten der Welt. Zugleich weist das Land eine negative Kohlenstoffbilanz auf, die Pflanzen entziehen der Atmosphäre mehr Kohlendixid als die Bewohner emittieren. Einwohner des Königreichs können zwar reisen – sie tun es aber nicht oder nur ganz selten. Die gesellschaftliche Kontrolle ist sehr stark. Das Land gleicht eher einem Ameisenhaufen denn unserer Vorstellung einer diversen, demokratischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Falls die Staaten der Welt das Gesellschaftsmodell Buthan’s kopieren würden, wäre der Klimawandel kein Thema mehr; die bereits vorhandenen Menschen zu ernähren und den digitalen Kontratjew weiter zu führen aber sehr wohl.

These 7: Neoliberalismus als Chance

Neoliberalismus ist die konservative Systemantwort auf die gesellschaftlichen Umwälzungen ab 1967. Anstatt wie noch in den 1960ern die Welt in engen politischen Zirkeln aufteilen und starre Grenzen zu setzen (beispielsweise mit dem Bretton-Wood-Währungssystem fester Wechselkurse), setzt man auf selbstregulierende Marktkräfte.

Nach der Finanzkrise hat die Politik viele Bereiche einer strengen Regulierung unterworfen und damit teilweise die Vergangenheit reaktiviert. Insbesondere die Geldpolitik greift immer stärker in das Marktgeschehen ein. Als Konsequenz sind die Kapitalmärkte gezähmt. Dies drückt sich in eindimensionalen Wahrnehmungen aus:

  • Aktien bringen unabhängig vom aktuellen Marktpreis eine positive Rendite.
  • Immobilien bieten eine attraktive und risikoarme Überrendite (die Assetklasse ist ein heißer Kandidat für eine Übertreibung im Sinne des Peso Problems).
  • Anleihenpreise sind viel zu hoch und die Renditen wenig attraktiv.

2020 könnte das Jahr der Rückbesinnung auf den Wert frei ausgehandelter Marktpreise werden. Die EZB hat bereits angekündigt, die Geldpolitik völlig neu aufstellen zu wollen. Die Zukunft kann im Norden besichtigt werden: Die schwedische Riksbank hat sich im Dezember von der Nullzinspolitik verabschiedet und die norwegische Notenbank erhöhte bereits 2019 fleißig die Zinsen – bislang ohne negative konjunkturelle Auswirkungen. Aus Anlegersicht bedeutet dies: Wenig Rendite im Anlageschwerpunkt Buy and Hold, ein Anstieg der Volatilität und der Abschied vom Trend hin zu immer niedrigeren Renditen am Geld- und Anleihemarkt. 2020 könnte ein sehr interessantes Jahr für Alternative Investments werden.

  1. Trotzdem ist ein Engagement bei F4F, German Zero, Extinction Rebellion, BUND und WWF, den Grünen usw. natürlich unabdinglich.