Wochenbericht 36

Indian Summer

Im globalen Wettstreit entpuppt sich Indien immer mehr als lachender Gewinner im wieder aufkeimenden Kalten Krieg. Das Land besinnt sich auf seine Erfahrungen als blockfreier Staat.

Stuttgart, 10. September 2022.

Mit der Zinserhöhung (0,75%) der EZB ist die Niedrigzinsphase auch in Europa beendet. Der Euro profitierte unmittelbar. Ein sehr schlauer Schachzug ist die Verlängerung der LTRO-Kreditfacilitäten, mit der die Banken weiterhin auf negativ verzinste Liquidität zurückgreifen können. Anders als die FED, reduziert die EZB ihre Bilanzsumme nicht.

Hierauf haben die Finanzmärkte zum Wochenschluss positiv reagiert. Ein weiteres Entspannungssignal kommt von der FED. Dort setzt sich augenscheinlich die Erkenntnis durch, dass man die Inflation nicht bekämpfen, sondern nur einhegen muss. Das allein macht Investments in Anleihen aktuell interessant.

Die Futuresmärkte halten an einem Rendite-Zenit im Frühjahr 2023 fest. Auch dies spricht für Anleihen. Die Marktpreise laufen der Realität schließlich eine gewisse Zeit voraus.

Abbildung 1: Preisentwicklung von US-Staatsanleihen (Coupons werden reinvestiert)

Wie ungewöhnlich die Situation an den Rentenmärkten derzeit ist, zeigt die Abb. 1. Derart gute Perspektiven auf positive Erträge gab es seit den 1980ern nicht mehr.

Repsol trennt sich von kanadischen Ölfeldern

Der spanische Energiekonzern wird 38.000 Hektar Land in Alberta inklusive Öl- und Gas-Schürfrechten sowie Midstream-Aufbereitungsanlagen und der zugehörigen Leitungsinfrastruktur an Teine Energy veräußern. Teine gehört dem Canada Pension Plan Investments Board, der größten Pensionskasse des Landes.

Der Verkauf muss noch von den Behörden in Alberta genehmigt werden. Als Kaufpreis nennt Globe & Mail 400 Mio. $. Dieses Geld dürfte Repsol in den Ausbau seines Solar- und Windkraft-Portfolios stecken, ggf. auch in eine Beteiligung an Betreibergesellschaften wie Neoen oder Azure.

Azure in Big Trouble

Azure Global Power Ltd ist ein aufstrebendes Unternehmen mit Sitz in New Delhi. Das Kerngeschäft: Bau und Betrieb von Solar- und Windkraftwerken in Indien und den USA. Auf seiner Webseite wirbt es mit einem AA-Credit-Rating und einem fünfjährigem Listing an der Nasdaq. Die installierte Leistung: 7,5 GW. Azure ist sowohl hinsichtlich des Kerngeschäfts als auch beim Geschäftsvolumen vergleichbar zur Neoen (Wochenbericht 35).

Das gute Kreditrating ist Voraussetzung für eine fremdkapitalbasierte Projektfinanzierung. 2019 konnte Azure Unternehmensanleihen mit einem Coupon von 3,575 % zu emittieren. Auch hier spielt es in der Premium-Liga – solche Renditen sind auch in Europa üblich.

Abbildung 2: Preisentwicklung der Azure-Aktie mit Handelsvolumina

Die Azure-Aktie markierte um die Jahreswende 2020/2021 ein Preistop (51,4 $). Unter hohem Handelsvolumen sinkt der Marktpreis seitdem mehr oder weniger dynamisch. Am 28. August erreichte der Aktienpreis die charttechnisch wichtige Unterstützung bei 10 $ – und unterschritt sie am nächsten Handelstag bei sehr großen Umsätzen dynamisch. Der Schlusskurs am 29.8.2022: 5,61 $. Auch die Folgetage waren von ungewöhnlich großen Umsätzen und niedrigeren Marktpreisen geprägt.

Ein derart starker Ausverkauf deutet immer auf existentielle Probleme hin. Die Rendite der öffentlich gehandelten Anleihen erreichte zwischenzeitlich 12 Prozent.

Am 29. August warf der CFO von Azure nach gerade zwei Monaten das Handtuch. Azure hätte bereits am 1. August seine Geschäftszahlen veröffentlichen müssen. Das Management sah sich zudem gezwungen, auf Vorwürfe eines Whistleblowers zu reagieren, der dem Unternehmen massive Unregelmäßigkeiten vorwirft.

Das Unternehmen kommt seinen Verpflichtungen als Aktiengesellschaft nicht nach und hat offenbar auch operative Probleme. Welchen Grund könnte es also geben, sich dennoch mit dem Unternehmen auseinander zu setzen?

Da ist zum einen das Kerngeschäft. Azure ist ein Pionier in vielfacher Hinsicht. Zum Zeitpunkt seiner Gründung war es das erste Unternehmen, das in Indien sog. Utility Scale-Solarprojekte als Kerngeschäft projektierte und betrieb. Niemand hat dort mehr Erfahrung mit Großprojekten. Es war das erste indische Solarunternehmen, dass einen Börsengang an der Nasdaq wagte. Auch der erste in Indien emittierte Green-Bond stammt aus dem Hause Azure. Dann ist da noch die Aktionärsstruktur: Zwei kanadische Pensionsfonds, Caisse de dépôt et placement du Québec und Ontario Municipal Employees Retirement System (OMERS) halten 75 Prozent des Aktienkapitals. Caisse ist Aktionär der ersten Stunde, hat bereits beim Börsengang der Gesellschaft erste Anteile aufgebaut und aktiv an allen folgenden Kaptialerhöhungen teilgenommen (Einstandspreis: 14 $). OMERS ist 2021 eingestiegen und weist einen durchschnittlichen Einstandspreis von 21 $ aus.

Beide strategischen Investoren sitzen derzeit auf Buchverlusten von zusammen 650 Mio $. Die kanadischen Pensionskassen stehen bereits in der Kritik, weil deren Depots zu risikoreich sind. Im Sommer musste sich OMERS für ein 150 Mio. $ Investment in Celsius Network Ltd. rechtfertigen. Das Krypto-Abenteuer endete mit einem Totalverlust. Das darf sich nun nicht wiederholen.

Die beiden Pensionskassen haben sich trotz fallender Marktpreise und einem immer negativerem Sentiment konsequent hinter Azure gestellt. Im Januar 2022 emittierte Azure im Zuge einer Kapitalerhöhung neue Aktien. Es gelang immerhin, knapp 80 Prozent der Aktien abzusetzen. Die beiden Pensionskassen zeichneten das ausstehende Kapital. Beide Pensionskassen bekleiden je einen Aufsichtsratsposten. Sie betonen, dass sie auf eine gründliche Aufarbeitung der Unregelmäßigkeiten drängen.

Seit dem 6. September steigt der Aktienkurs unter wiederum hohem Volumen dynamisch. Der Marktpreis hat sich seit dem Low bereits wieder verdoppelt.

Für den 30. September 2022 ist die Hauptversammlung angesetzt. Hieronymus geht davon aus, dass die Großaktionäre bis dahin eine transparente Aufarbeitung der Unregelmäßigkeiten einfordern werden.

Auf dem aktuellen Preisniveau sind die Aktien natürlich extrem interessant. Gelingt es, das Unternehmen wieder auf Spur zu bringen, hat Azure alle Chancen, im sich abzeichnenden Solar-Boom eine maßgebliche Rolle zu spielen. Aktuell liefert es allerdings keinerlei Transparenz. Die veröffentlichten Geschäftszahlen sind veraltet und möglicherweise falsch, auf der Hauptversammlung werden die Interessen der Großaktionäre bedient.

Man kauft die sprichwörtliche Schrödingers Katze und hat keine Möglichkeit, belastbare Fakten über den Gesundheitszustand zu erfahren.
Die aktuell hohen Volumina können sowohl Schnäppchenkäufe der Großinvestoren sein, strategische Käufe eines weiteren institutionellen Investors oder auch ein exzellent inszenierter Ausstieg der Pensionskassen.

Indien: Wachstumsstory intakt

Die Vorgänge um die Azure sind ein Anlass, genauer auf Indien zu schauen. Zuletzt war die Aufmerksamkeit viel zu stark auf Europa und die USA fokussiert.

  • Die indische Regierung bestätigte gerade das diesjährige Wachstumsziel von 7 bis 7.4%.

Das überrascht. Überall sonst werden Wachstumsprognosen kassiert, Europa steuert auf eine Rezession zu. Der Grund ist im Kalten Krieg zu suchen. Die Wirtschaftspolitik des Subkontinents ähnelt sich verblüffend der des 20. Jahrhunderts. Wir erinnern uns: Damals war Indien blockfrei.

Seitdem hat sich das Land zwar geöffnet, seinen Protektionismus aber nie abgelegt. Die indischen Industrien sind immer noch durch hohe Zollbarrieren vom Weltmarkt abgeschirmt. Im Ergebnis ist der heimische Konsum weitgehend von der Weltwirtschaft entkoppelt.

Derzeit kann die indische Elite vor Stolz und Kraft kaum laufen: Man zelebriert die hohen Wachstumszahlen und blickt verächtlich auf die ehemalige Kolonialmacht, die (auch als Reminiszenz an das 20. Jahrhundert) wieder als kranker Mann Europas dasteht. Jetzt ist Indien sogar die fünft-größte Wirtschaftsnation, UK ist auf Platz sechs zurückgefallen:

Those who ruled us for 250 years – we have left behind to move ahead in the world economy,

zitiert die New York Times Narenda Modi, den Premierminister.

2023 erwartet Indien ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent. Die Abschwächung des Wachstums geht maßgeblich auf schlechte Prognosen für die Exportindustrie zurück. Erstmals gelingt es der Regierung auch, das Land vom globalen Inflationstrend abzukoppeln. Dies ist maßgeblich günstigen Energiepreisen geschuldet – Indien beteiligt sich nicht an den internationalen Sanktionen Russlands. Im Wettlauf mit China, dass die Sanktionen bekanntlich auch nicht mitträgt, hat Indien klar die Nase vorn.

Ob diese erfolgreiche »Strategie« der indischen Elite frei von Nebenwirkungen ist, wird sich zeigen. Ein Blick zurück in die bipolare Welt des zwanzigsten Jahrhunderts zeigt im Falle des blockfreien Indiens mehr Schatten als Licht.

Abbildung 3: Globaler Inflationstrend

Shopify ernennt Investmentbanker zum CFO

Die heimliche Amazon-Konkurrenz aus Kanada gab am Freitag bekannt, dass Jeff Hoffmeister ab November die Rolle des Chief Financial Officer übernehmen wird. Hoffmeister blickt auf eine 20-jährige Karriere bei Morgan Stanley zurück. Seine Ernennung beendet bei Shopify eine Konsolidierungsphase. Der scheidende CFO hatte zuletzt die Belegschaft um 10 Prozent verringert und die Aktionäre auf ein defizitäres zweites Halbjahr eingestimmt. »Man stellt keinen Investment-Banker ein, um ein Kostensparprogramm umzusetzen«, schreibt das Wallstreet Journal treffend. Shopify dürfte damit wieder auf

Wachstumskurs geschwenkt sein und Unternehmen aggressiv Online-Alternativen zu globalen Marktplätzen schmackhaft machen. (Siehe auch Wochenbericht 26: Verflixte Statistik)

Ressourcen

  • Repsol agrees to sell Alberta oil assets to CPPIB-backed Teine Energy, The Globe and Mail, 7.9.2022, B2
  • Top Economies wary of Global Recession. No One Told India, NYT, 8.9.2022 , B3
  • Can India become the new emerging markets powerhouse? FT 9.9.2022
  • Caisse, OMERS hit hard after Indian firm’s share price plummets, The Globe and Mail, 6.9.2022, B1
  • Shopify Taps Banker as New CFO, Wallstreet Journal 9.6.2022, B6