Biden for President (Ausschnitt entnommen aus dem Briefing des aktuellen Economisten)

Wochenbericht 27

Die USA nach Trump

Vier Monate vor den Präsidentschaftswahlen in den USA baut Jo Biden in Wahlprognosen seinen Vorsprung kontinuierlich aus. Der erste Teil beleuchtet die Rahmenumstände des Machtwechsels..

Stuttgart, 4. Juli.

Independence Day ist der höchste Feiertag der USA. Seit dem 4. Juli 1776 spricht man von »den Vereinigten Staaten von Amerika«. Allein nach vier Jahren unter einer Trump-Administration ist das Land gespaltener denn je. Das ist exemplarisch an den COVID-19-Fallzahlen ablesbar. Die NewEngland-Staaten im Osten mit ihrem liberalen, europäischen Lebensstil und mehrheitlich demokratischen Regierungen haben die Pandemie fürs Erste überwunden. Die republikanisch regierten Sunbelt-Staaten bilden neben Lateinamerika ( Brasilien ) das globale Epizentrum der Pandemie.

Die hartnäckige, ideologisch begründete Weigerung der republikanischen Entscheidungsträger, erprobte Verfahren der Pandemieeindämmung anzuwenden, spielt den US-Demokraten massiv in die Hände. Keine Wahlprognose, die nicht einen Sieg Jo Bidens ankündigt.

Reset

Die Ausgangslage des Jahres 2021 gleicht in vielen Punkten der des Jahres 2009, aber es gibt gewichtige Unterschiede. Barak Obama begeisterte die Massen, zeichnete Visionen, die letztlich nicht Umsetzungsfähig waren. Jo Biden verzichtet komplett auf Großveranstaltungen und große Visionen.

Seine Ziele sind wenig ambitioniert, dafür möglicherweise aber umsetzbar: Eine Krankenversicherung für alle, Klimaneutralität bis 2050. Unpopulär aber notwendig: Steuererhöhungen. Unklar: Die zukünftige Stellung der USA als globale Ordnungsmacht.

Die Welt wartet nicht

Die letzten Monate der Bush-Administration glichen auffällig der Gegenwart. Ein führungsloses Weißes Haus, zerstrittene Parlamentskammern mit Abgeordneten, die nichts anderes im Sinn haben, als ihre eigene Zukunft. Eine Wirtschaftskrise, die sich immer weiter in die Gesellschaft hineinfrisst.

Während die Welt 2008 auf Impulse aus den USA wartete, probieren die Machtblöcke in Europa und Asien 2020 munter eigene Handlungsoptionen aus. China nutzt die Gelegenheit, sich Hongkong einzuverleiben und Europa schaut gebannt auf die zweite Jahreshälfte, in der die EU unter einer deutsch-französischen Ägide die große Transformation beginnt. Das Besondere des Jahres 2020: Reisebeschränkungen zerteilen die Welt in drei Teile. Es herrscht ein Wettstreit um die besten Zukunftrezepte. Zwischen den Machtblöcken haben sich Gräben und Mauern gebildet.

Eine Abnahme der Korrelation der Assetpreisentwicklung ist eine logische Konsequenz.

USA: Assetpreise zu hoch

Eine unbestrittene Obsession der Trump-Administration ist es, die Preise für Vermögenswerte zu erhöhen. Sei es aus Eigeninteresse oder um Geschäftspartnern zu imponieren. Zuerst wurde das Ordnungsrecht beschnitten oder gar abgeschafft und ein Laissez Faire Kapitalismus installiert. Dessen zentrales Element, ein schwacher Staat, benötigt auch keine Steuern. Eine massive Steuerreform war deshalb zwangsläufig. Zuletzt verschenkte der Staat sogar Geld an seine Steuersubjekte.

Das Ergebnis: Vier Monate vor dem Ende der ersten Amtsperiode D.T. ist das Haushaltsdefizit der USA maximal, ebenso die Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig dominieren an den Kapitalmärkten wenige Internetkonzerne mit globaler Wirkmacht. Diese als verblassende Monumente einer vergangenen Epoche zu bezeichnen, ist wohl nicht übertrieben.

Für ein selbstbewußtes Europa wäre es ein Leichtes, nach chinesischem Vorbild das Rückgrat der US-Wirtschaft mittels weniger, zielgerichteter Maßnahmen zu isolieren und die Geldströme in eigene Zukunftsprojekte umzuleiten. Je besser die deutsch-französische Achse in den kommenden 12 Monaten funktioniert (Frankreich löst Deutschland im Winter beim Ratsvorsitz ab), desto rascher dürfte die Einhegung der Digitalhegemonie der USA vonstatten gehen. Es droht eine Underperformance der Nasdaq-Werte.

Die Preisperspektiven für US-Assets sind genauso begrenzt, wie das Aufwertungspotenzial des US-Dollar.

Abbildung 1: Preisverlauf des Russell 2000 (1 Kerze = 1 Tag) und des Stoxx600 (Linie) im Vergleich

Die Abb. 1 zeigt eine beginnende Outperformance des europäischen Aktienmarkts (Stoxx 600) gegenüber dem Russell 2000.
Dies könnte sich zu einem Sommerthema (und darüber hinaus) entwickeln!

Lateinamerika: Assetpreise zu niedrig

Im wahrsten Sinne vernichtende Nachrichten erreichen uns aus Brasilien. Eine korrupte, populistische und lobbygetriebene Machtelite bestimmt die Geschicke des Landes. Der Regenwald steht in Flammen, Menschen und Tiere sterben wie die Fliegen, die einen fallen Viren zum Opfer, die anderen der Brandrodung. Die Agrolobby setzt auf Massentierhaltung und Monokulturen, produziert auf Kosten der Umwelt und der Lebensbedingungen der Einwohner Proteine und Kohlenhydrate zur Ernährung der Arbeitssklaven des 21. Jahrhunderts.

In anderen Teilen der Welt hat das SARS-Virus derart eklatante Fehlentwicklungen offengelegt und die Gesellschaften gezwungen, zu reagieren. Brasilien hält am Status Quo fest.

Das Ergebnis: Kapitalflucht, Abwertung der Landeswährung, Underperformance an den Kapitalmärkten.

Abbildung 2: Preisverlauf des MSCI Brazil

Ein Machtwechsel in den USA destabilisiert auch das Regime in Brasilia. Die Preisperspektiven für die Börse in Sao Paulo verbessern sich im Zuge dieser Entwicklung. Anders als der US-Aktienmarkt hat der MSCI Brazil Preispotenziale. Gerechterweise muss man schon zugeben, dass die Entwicklungspotenziale von Brasilien und Argentinien ausgezeichnet wären, wenn die gesellschaftlichen Probleme angegangen würden.

Ähnliches gilt auch für Chile. Das Mutterland des Neoliberalismus steht vor einem gesellschaftlichen Trümmerhaufen. Eine Abkehr der USA von neoliberalem Wirtschaften würde es dem Land erleichtern, notwendige Kurswechsel einzuleiten.

Angesichts ungewisser Aussichten für den US-Kapitalmarkt erscheint im Falle einer Verfestigung der Perspektive eines Machtwechsels in Washington ein mittelfristig angelegtes, breit gestreutes Engagement in Lateinamerika aussichtsreich.

Die Woche

  • Shell mit Gewinnwarnung.
    Der nächste Ölkonzern, der seine Prognosen langfristig zurück nimmt. In der vergangenen Woche bereitete das Unternehmen die Finanzmärkte auf einen Fehlbetrag von 22 Mrd. $ in der Bilanz für das 2. Quartal vor. Die Shell-Interne Projektion des Öl-Preises wurde auf 50 $/Barel im Jahr 2022 und auf 60 $ ab 2023 herabgesetzt. Der Konzern wird die Dividende dauerhaft kürzen, keine weiteren Aktienrückkäufe vornehmen, drastisch Kosten senken, die Exploration deutlich zurückfahren, ebenso Investitionen in Raffinerien.

  • Pleitewelle in den USA. . In den ersten 6 Monaten 2020 haben mit 3.427 fast genauso viele Unternehmen in den USA Gläubigerschutz beantragt (Insolvenz) wie 2008 (3.451). Wenn die Geschichte sich wiederholt, dann steigt die Zahl der Insolvenzen bis zum Jahresende auf 8.550 und 2021 auf 12.500.

  • Das Lincoln Project. Auch ohne große Paraden und Massenwahlveranstaltungen ist der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten skurril. Bereits seit einigen Monaten setzt eine Gruppe ehemaliger Angestellter der Bush-Administration dem amtierenden Präsidenten in den sozialen Medien zu, versucht ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.
    Neu ist das Bekenntnis, trotz republikanischem Parteibuch offen zur Wahl von Jo Biden aufzurufen und der eigenen Partei bei den kommenden Wahlen die Stimme zu verweigern.
    Das Lincoln Project, bekannt sind 25 Mitglieder, hat bisher 30 Videos veröffentlicht, die 120 MillionenZugriffe verzeichneten. Es ist Wahlkampf in den USA. Je besser ein Video, desto mehr Spenden gehen ein. Je mehr Spenden, desto ausgefeilter wird die Strategie, den Präsidenten bei jeder sich bietenden Gelegenheit bloß zu stellen. Zum Narrativ gehört auch die Prophezeiung: Unser Pulver ist trocken und das Lager mit den Wurfgeschossen prall gefüllt. Follow on Twitter: The Lincoln Project.