It's Stonehenge Time

Wochenbericht 25

Libra-Relaunch

Wirecard geht, Libra kommt. Das Scheitern des bundesdeutschen Fintechs liefert eine Steilvorlage für eine Evolution im Zahlungsverkehr. Softbank hübscht derweil mit zirklulären Investments völlig legal seine Bilanz auf.

(Stuttgart, 20. Juni.) Die letzte spektakuläre Pleite eines DAX-Konzerns liegt schon eine Weile Zurück. Hieronymus erinnert sich noch an den Bremer Vulkan, der 1997 vor den Augen vieler investierter Privatanleger zusammenbrach. Wirecard könnte ein ähnliches Schicksal erleiden. Ein Fehlbetrag von 1,9 Mrd. Euro sind keine Peanuts. Genau wie beim Vulkan verkörpert das Fintech-Unternehmen Wirecard die Vergangenheit. Die Zukunft des digitalen Bezahlens wird gerade in der Schweiz vorbereitet.

Revitalisierung des Libra-Projekts

Vor exakt einem Jahr verkündete Mark Zuckerberg, dass Facebook zusammen mit gewichtigen Playern der Digitalwirtschaft und den großen Zahlungsabwicklern Visa und Mastercard eine Cryptowährung namens Libra auf die Welt bringen wird, mit der zukünftig Zahlungen aller Art grenzüberschreitend sicher, preiswert und schnell abgewickelt werden können.

Die Verwaltung der Währung sollte durch eine Stiftung mit Sitz im schweizer Crypto-Valley erfolgen. Doch Facebook hatte die Rechnung ohne die Zentralbanken gemacht. Es hagelte Kritik, einige Gründungsmitglieder sprangen ab.

Doch – Totgesagte leben bekanntlich am Längsten. Die Zuspitzung der Probleme bei Wirecard geht sicherlich nicht zufällig einher mit einer Neuentdeckung dieses Projekts.

Im April hatte das Consortium ein Whitepaper für Libra 2.0 veröffentlicht. Libra 2.0 ist keine Alternative mehr zu BitCoins. Statt dessen plant man, bis zum Jahresende digitale Versionen bestehender Währungen zu emittieren. Es soll also einen Libra-Dollar und einen Libra-Euro geben. Die digitalen Währungen sind vollständig mit realem Geld besichert (stable Coins). Sämtliche Transaktionen werden auf der Blockchain abgelegt. Zahlungen sind damit auch ohne zentrale Instanzen, wie Banken, Zahlungsabwickler und sonstige Intermediäre sicher.

Die ursprüngliche Idee, eine Superwährung zu schaffen, wurde aufgegeben. Auch kann nicht jeder Libra schürfen und der Blockchain hinzufügen. Das Libra-Projekt toleriert die Präsenz der Zentralbanken und ordnet sich diesen unter. Die Geldmengensteuerung erfolgt allein durch die Zentralbanken. Es wird keinen Wechselkurs Euro/Libra oder Dollar/Libra geben, wie in der ursprünglichen Vision von Zuckerberg.

In dieser Variante ist die Cryptocurrency nichts weiter, als eine Blockchain-Erweiterung für bereits existierende Währungen. Eine Kriegserklärung an reine Zahlungsabwickler, wie Visa, Mastercard & Co.

Temasek, dem Staatsfonds aus Singapore, kommt eine Schlüsselrolle zu. Zusammen mit Shoptify trat der Staatsfonds nach der Präsentation des Whitepapers dem Consortium bei. Es ist das erste asiatische Mitglied und hat beste Verbindungen zur Monetary Authority of Singapore, der dortigen Zentralbank. Man kann davon ausgehen, dass es von Beginn an einen digitalen Singapore-Dollar geben wird, der in das Libra-Universum eingebunden ist. Singapore sichert sich seine Stellung als Trading- und Fintech-Hub Südostasiens und verhilft Libra von Beginn an zu einer globalen Präsenz.

Die Ziele des Libra-Consortiums sind ambitioniert. Bis zum Jahreswechsel will man bei den Hauptwährungen die Zulassung für den Zahlungsverkehr erwirkt haben und ab 2021 die Libra-Coins emittieren. Dann werden Visa und Mastercard (in ihrer Debit-Card-Version) für den Online-Handel überflüssig und Paypal muss sein Geschäftsmodell reformieren.

Libra steht damit auch in direkter Konkurrenz zu den Bezahldiensten von Alibaba, Tencent, Google, Amazon und Yandex.

Der Wirecard-Skandal zeigt die Schwächen des traditionellen Zahlungsverkehrs im digitalen Zeitalters. Es ist offenbar sehr leicht, große Summen unentdeckt zu entwenden. Es ist auf der anderen Seite ungleich aufwendiger, verdeckte Transaktionen aufzuspüren. Libra ist in dieser Hinsicht ein Game-Changer. Hieronymus bezweifelt deshalb, dass sich Wirecard von dem jüngsten Skandal erholen wird.

Die Woche an den Finanzmärkten

  • Softbank: Zirkuläre Investitionen.
    Eine zirkulare Investition liegt vor, wenn ein Investor Geld in ein Asset steckt, dass direkt oder indirekt, mit oder ohne Hebel in andere Investitionen des Investors investiert. Damit manipuliert er mittelbar die Preise seines eigenen Portfolios.
    Die japanische Softbank ist für undurchsichtige Finanzierungen bekannt. Nicht gut läuft es für den Vision Fund, der eine Rendite von 7 % erzielen muss, damit Softbank selbst überleben kann.1 Mangels operativer Performance erreicht man dies nun mittels kreativer Methoden. Zirkulares Investment zum Beispiel. Softbank selbst nennt das Supply Chain Investments. Man bedient sich zweier Vehikel: Ein Invetmentfonds der Credit Suisse und Greensill Capital. Letzteres ist ein Beratungsunternehmen, dass die Assetauswahl für den Fonds des Vermögensverwalters Credit Suisse vornimmt. Greensill Capital gehört der Softbank. Softbank selbst investierte in den letzten Monaten 500 Mio. $ in den Credit Suisse Investmentfund. Der Fonds selbst hat ein Volumen von 7,5 Mrd. $. Er hat zeitgleich seine Investments in Unternehmen des Softbank Vision Funds deutlich aufgestockt.
    Im Ergebnis hat Softbank damit Geld in einen Fonds gesteckt, der auf sein Geheissen die Marktkapitalisierung von Unternehmen verbessert hat, in die der Vision Fund investiert ist. Die so herbeigeführte höhere Marktkapitalisierung zum Stichtag entspannt die Bilanz von Softbank erheblich. Das ist natürlich pure Preismanipulation.

  • Wer zahlt Mißerfolge in der Pandemiebekämpfung?
    Der CEO des japanischen Medizinkonzern Shionogi fragte kritisch, wie es der Pharmaindustrie nach einer erfolgreichen Bekämpfung der Pandemie in etwa zwei Jahren gehen würde. Konkret fragte er, was mit den jetzt hektisch aufgebauten Kapazitäten passiert.
    Tatsächlich macht sich über die Folgekosten aktuell niemand Gedanken. Ein Großteil der über einhundert Unternehmen, die eine erfolgsversprechende Therapie- oder Serumsentwicklung betreiben, baut lange vor der Genehmigung großtechnische Anlagen zur Produktion von Milliarden Dosen des Wirkstoffs in kurzer Zeit auf. Zudem werden überall Labortestkapazitäten inklusive großer Mitarbeiterstäbe aufgebaut.
    Beides ist in zwei Jahren höchstwahrscheinlich überflüssig.
    Die Gefahr ist groß, dass die Pharmaindustrie nachhaltig mit Überkapazitäten umgehen muss. Das riecht scharf nach einer nachhaltigen Underperformance des Sektors.

  • Run auf langlaufende US-Unternehmensanleihen.
    Das Niederigzinsumfeld treibt seltsame Blüten. Die Anleihenkäufe der japanischen und europäischen Notenbanken senken die erzielbaren Renditen im Yen- und Euroraum, Anleihenpreise steigen entsprechend.
    Die Rendite langlaufender investmentgrade US-Unternehmensanleihen (USD-Notierung) beträgt derzeit etwa 3 %. Entsprechende Euro- oder Yen-denominierte Anleihen erzielen weniger als 0,5 % pro Jahr.
    Ob sich ein Investment in US-Unternehmensanleihen lohnt, hängt wesentlich von den Währungsrisiken ab. Diese haben sich in den letzten Wochen deutlich reduziert. Maßstab hierfür sind die Kosten eines vollständigen Währungshedges, der über Optionen realisiert wird. Deren Volatilität ist deutlich zurückgegangen.
    Japanische Anleger erzielen mit kompletter Währungsabsicherung durch den Kauf langlaufender US-Unternehmensanleihen einen Zinsvorteil von 2,5 %; verglichen mit einem Yen-Engagement.
    Entsprechend können sich US-Unternehmen aktuell gerade wieder bequem auf dem Weltmarkt refinanzieren.

  1. Der Vision Fund ist Fremdkapitalfinanziert. Die Investoren haben kein Eigenkapital (also Geld) bereitgestellt. Statt dessen hat Softbank Anleihen emittiert, die von den Investoren gezeichnet wurden. Meist tauschten die Vertragspartner Bürgschaften gegen die Anleihen aus: Softbank nutzte dies Bürgschaften selbst als Collateral für die Finanzierung von Investments des Vision Funds. Am Ende erhalten die Investoren 7 % Rendite von Softbank. Egal wie die Investments im Fund prosperieren.