Wochenbericht 25

Sommerintermezzo

Wie im Zeitraffer entluden sich im ersten Halbjahr 2020 aufgestaute Entwicklungen. Der Ost-West-Konflikt, die Klimakrise, Stagnation innerhalb der EU und die scheinbare Alternativlosigkeit risikobehafteter Aktieninvestitionen. Zumindest an den Finanzmärkten nimmt die Dynamik spürbar ab. Zeit für vorsichtige Anleiheexplorationen.

Stuttgart/Villach 25. Juni 2022.

Die Welt ist kompliziert, viel komplizierter als wir es wahr haben wollen. Adam Tooze, Professor für Wirtschaftsgeschichte in NewYork und Herausgeber des Blogs Chartbook, schaut in der aktuellen Ausgabe wehmütig auf den Winter zurück. Damals skizzierte er die Folgen eines russischen Einmarsches in die Ukraine wie folgt

Abbildung 1: Adam Tooze, Chartbook, Der Russische Einmarsch, Einschätzung aus dem Janaur 2022

Heute zeigt sich die wahre Komplexität.

Abbildung 2: Adam Tooze, Chartbook, Der Russische Einmarsch, Auswirkungen Stand Juni 2022

Wundert es, dass auf der gesellschaftlichen Ebene das genaue Gegenteil zelebriert wird und die politischen Ränder populär sind, weil sie (immer noch) für einfache Lösungen stehen? Die jüngsten Wahlerfolge faschistoider Kräfte in Ungarn, Serbien, Frankreich und Italien erinnern sehr an Entwicklungen in der Zwischenkriegszeit, als der Faschismus aus einer ähnlich komplexen Gemengelage heraus seinen fürchterlichen Siegeszug antrat. Deutschland und Österreich scheinen diesmal Dank der erfolgreichen Integration der ehemaligen grünen Protestbewegung ins politische System immun gegen eine politische Radikalisierung zu sein. Es ist faszinierend zuzuschauen, wie sich hierzulande die Ableger paneuropäisch florierender Extremparteien selbst zerlegen und ungemein beruhigend, dass ausgerechnet der deutschsprachige Teil Europas jetzt Garant für eine demokratische Zukunft des Kontinents ist.

Leider hat die vergangene Woche gezeigt, dass, anders als vor 100 Jahren, von den USA in der Gegenwart keine konstruktiven gesellschaftlichen Impulse ausgehen. Die Rücknahme des bahnbrechenden Urteils zum Schwangerschaftsabbruch und die höchstrichterliche Entscheidung, dass jedermann überall mit einsatzbereiten und geladenen Kriegswaffen herumspazieren darf zeigt, wie dominant die Sehnsucht nach einfachen Lösungen der Vergangenheit dort ist. Das zeitgleich in Deutschland das Abtreibungsrecht liberalisiert und das Recht auf Selbstbestimmung nun auch das eigene Ableben einbezieht, wirft ein Schlaglicht auf die global zunehmende gesellschaftliche Divergenz. Die Menschen ringen mehr denn je individuell und auf Gesellschaftsebene um die Lebensmodelle der Zukunft. Auch dies erinnert sehr an die Zwischenkriegszeit vor 100 Jahren. Wir leben in spannenden, leider aber auch instabilen Zeiten.

Endlich Rezession

Das Szenario einer Rezession in Europa und den USA im Herbst und Winter wird immer konkreter. Der Inflationsimpuls kommt auf immer breiterer Front bei den Konsumenten an. Die Konjunktur wurde zuletzt durch vorgezogenen Konsum am Leben gehalten.
Sentimenterhebungen (Einkaufsmanager, Konsumentenvertrauen, Ifo) sind in einem Punkt konsistent: Zukunftserwartungen sind überall extrem negativ. Die seit dem Jahreswechsel bereits deutlich gesunkenen Aktienpreise haben dies bereits vorweg genommen. Eigentlich dürften die Notierungen kaum noch auf Gewinnwarungen reagieren, sehr wohl aber positive Entwicklungen honorieren (siehe Marktbericht der Vorwoche: Kurzfristiger Wendepunkt).

Das bedeutet nicht, dass es nicht zu heftigen Preisanpassungen kommen kann. Am Donnerstag nach Handelsschluß veröffentlichte Zalando eine Gewinnwarnung und bestätigte damit die Markterwartungen. Der Aktienpreis ist von 100 € im September 2021 auf aktuell 25 € zurückgekommen. Trotzdem, unmittelbar nach Handelsbeginn handelte die Aktie mit einem Abschlag von fast 20 Prozent unterhalb des Emissionspreises von 21,50 €. Die Medien1 berichteten ausführlich.

Unter hohem Volumen erholten sich die Notierungen von da an kontinuierlich. Am Ende des Handelstages notierte der Wert dann noch 0,4 € (1,5%) im Minus.

Abbildung 3: Intraday-Preisverlauf der Zalando-Aktie in der Berichtswoche

Die Übertreibung zu Handelsbeginn ist auf fehlende Liquidität zurückzuführen. Dies nutzen Spekulanten gnadenlos aus. Das hohe Handelsvolumen gleich nach der Eröffnung und zum Tagesschluß zeigt, dass die »Maßnahmen« der Spekulanten, Investoren zu Ausverkaufspreisen aus ihren Engagements zu locken, durchaus erfolgreich waren.

Eurostoxx

Das Marktbarometer mit den 50 größten Unternehmen der Eurozone testete im Wochenverlauf nochmals das Preisniveau im März aus.

Abbildung 3: Charttechnisch hat sich im Eurostoxx 50 (möglicherweise) ein Doppelboden ausgebildet

Die Marktpreise haben das damalige Preisniveau nicht unterschritten sondern vorher gedreht. (Nicht dargestellt) Die Volatilität ist gesunken und aus charttechnischer Perspektive bildete sich im Wochenverlauf ein Doppel-Tief aus. Ob diese eine Bodenbildung andeutet, eine Preisumkehr einleitet oder schlicht nur Rauschen ist, zeigt sich in den nächsten Wochen. Selbst hartnäckige Bärenmärkte neigen nach Phasen überproportionaler Preisrückgänge zur temporären Preisstabilität. Selbst kurzfristige Bearmarketrallyes sind nicht ausgeschlossen.

Es spricht einiges für stabile oder gar leicht steigende Marktpreise, zumindest vorübergehend.

Rätselhafte Türkei

Die offizielle Inflation beträgt im Mai 2022 73 Prozent. Am Donnerstag bestätigte die türkische Notenbank ihr Festhalten an den extrem niedrigen Zinsen. Die Notenbank bekämpft die Inflation mit unorthodoxen Methoden.

Am Donnerstag verfügte die Notenbank, dass Unternehmen mit Guthaben in Fremdwährungen keine Lira-Kredite mehr aufnehmen dürfen. Die Verfügung gilt ab sofort. Alle Lira-Kredite und -Kreditlinien, die zum 30.6. turnusmäßig verlängert werden müssten, laufen nun ersatzlos aus. Die Unternehmen sollen statt dessen ihre Fremdwährungskonten auflösen.

Die Exportwirtschaft muss seit April eh schon 40 Prozent der Deviseneinnahmen zum Tageskurs in Lira wechseln.

Abbildung 4: Renditeverlauf türkischer Staatsanleihen (in TRY)

Üblicherweise führen administrative Maßnahmen, die Devisenkontrollen vorbereiten, zu einer Flucht in den US-Dollar. Staatsanleihen in TRY müssten Renditeaufschläge aufweisen, die Währung sollte weiter abwerten.

Das Gegenteil passierte: Die Lira wertete zeitweise um 5 Prozent auf, Anleihenrenditen sind bereits seit April per Saldo auf dem Rückzug. Die Arithmetik hinter einer Anleiherendite von 18,6 Prozent p.a. bei einer Inflationsrate von 73 Prozent ist Hieronymus ein Rätsel. Auch die Renditen von türkischen Fremdwährungsanleihen haben sich bei ca. 10 Prozent stabilisiert.

Zeit für Aufstockungen bei Unternehmensanleihen

Zumindest kurzfristig deutet vieles auf eine Beruhigung des Inflationsdrucks hin. In Europa sind die Konjunkturerwartungen im freien Fall und in den USA deutet immer mehr auf eine Moderation des Zinsanhebungspfads der FED hin.

Langlaufende Euro-Anleihen weisen Renditen von ca. 2,5 Prozent auf. Die Republik Österreich hat eine Anleihe mit einer Laufzeit bis 2086 emittiert. Diese kostete im Dezember 2020 175 % der Nominalen. Aktuell handelt die Anleihe zu 69 %.

Der Erwerb dieser Anleihe schaufelt allein über die Kuponzahlngen eine garantierte Rendite von 2,5 % pro Jahr ins Depot Sollte die EZB ihre Geldpolitik wieder lockern und/oder die Inflationslandschaft zur »Normalität« zurückkehren, kann sich der Anleihepreis rasch verdoppeln.

Abbildung 5: Preisverlauf einer österreichischen Staatsanleihe ( Kupon: 1,5%, Fälligkeit 2086 )

Das gilt auch für langlaufende Anleihen von US-Weltkonzernen. Apple beispielsweise. Das Unternehmen hat eine 2046 fällige Anleihe mit einem Kupon von 4,65 % emittiert. Das Papier wird aktuell mit 103 % gehandelt, Rendite: 4.53 % pa.

Abbildung 6: Preisverlauf einer Apple-Anleihe ( Kupon: 4,65%, Fälligkeit 2046 )

Der Preisverlauf dieser Anleihe zeigt das Potenzial für kurzfristige Windfall-Erträge. Falls die Spekulation auf einen Preisanstieg um 30 Prozent nicht aufgeht, greift die Basisverzinsung von 4,5 Prozent. Die Kupons werden in USD ausgeschüttet und auch die Rückzahlung erfolgt in dieser Währung. Das Währungsrisiko wird folglich mit einer Rendite von zwei Prozent pro Jahr vergütet.

Langlaufende Unternehmensanleihen europäischer Großkonzerne (z.B. Linde, Siemens, Vinci) sind zwar ebenfalls zu Ausverkaufspreisen zu haben. Der Renditeaufschlag von 50% gegenüber der österreichischen Staatsanleihe kompensiert die Risiken des immer weiter eskalierenden Ost-West-Konflikts nur unzureichend. Hier gilt es, den Winter abzuwarten und sich bei weiteren Preisabschlägen auf die Lauer zu legen.

Ressourcen

  • Zalando warning sends shares below 2014 listing price before late revival – Online retailer slashes guidance as recession fears rise, FT 24.06.2022
  • Turkish bank regulator limits lira loans for firms holding foreign exchange, FT, 23.6.2022

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