Wochenbericht 23

Geldstaubsauger USA

Trotz sinkender Marktpreise finden Renten-ETF's gerade reißenden Absatz, wenn US-Staatsanleihen enthalten sind. Die Perspektive auf 3 % Rendite in US-Dollar verzückt konservative Kapitalanleger weltweit.

Stuttgart/Villach 11. Juni 2022.

Im Vorfeld des Hexensabbats in der kommenden Woche fahren die Notierungen an den Börsen Achterbahn. Analytisch markante Trends finden sich eher in Randmärkten.

Ausverkaufspreise für Renten-ETF

Im April 2022 meldeten die ETF-Emittenten einen Zweijahrestiefstand beim Absatz von US-Renten-ETF’s. Rückblickend war dies ein Ausrutscher, die Ruhe vor dem Sturm. Die Nachfrage zog danach anhaltend an. Zum Monatswechsel Juni war das Handelsvolumen zwei bis dreimal höher als normal.

Die Emittenten berichten fast ausschließlich von Käufen (96 %). Außerdem konzentriert sich das Interesse auf US-Staatsanleihen.

Abbildung 1: Handelsvolumen für US-Renten-ETF's

Im Mai erreichte die Rendite für US-Staatsanleihen mit 10 Jahren Restlaufzeit drei Prozent. Nach einer kurzen Konsolidierung auf 2,75 % sprang die Rendite in den letzten Tagen wieder über die Drei-Prozent-Marke.

Die Preise für Anleihen sinken, wenn die Rendite steigt. Alle Käufer von Renten-ETF’s sitzen derzeit folglich auf Buchverlusten. Trotzdem ist das Handelsvolumen weiterhin hoch, der Aufbau der Rentendepots schreitet voran.

Abbildung 2: Renditeverlauf für US-Staatsanleihen (10 Jahre)

Rochade beim ausländischen Besitz von US-Treasuries

Ganz anders verhalten sich derzeit die Notenbanken. Im April verkaufte die chinesische Notenbank etwa zwei Prozent ihrer USD-Reserven (68 Mrd. $) und die BoJ (ebenfalls rekordverdächtig) US-Staatsanleihen für 31 Mrd. USD. Indien verkaufte im März 26 Mrd. $ in US-Treasuries. Noch vor ein paar Jahren hätten diese Interventionen die Währungstrends maßgeblich bestimmt. Doch die Macht der Notenbanken schwindet.

Noch während der Finanzkrise »besaßen« ausländische Notenbanken dreiviertel aller US-Dollar-Bestände außerhalb der USA (3,4 Billionen USD).
Der Anteil ist auf 58 % gesunken. Der Bestand in privaten und institutionellen Depots hat sich im letzten Jahrzehnt von 1,1 auf 2.8 Billionen Dollar fast verdreifacht.

Zinsstrukturkurve

Trotz der hohen Nachfrage sinken die Preise für US-Staatsanleihen. Was treibt konservative Anleger dazu, in das vermeintlich fallende Messer zu greifen?

Ein Blick auf die Zinsstrukturkurve zeigt deutlichen Konjunkturpessimismus. Ab einer Laufzeit von drei Jahren steigt die Rendite nicht mehr mit längerer Restlaufzeit, im Gegenteil:

Laufzeit357102030Jahre
Rendite3,143,193.193,133,453,20Prozent

Die Zinsstrukturkurve spricht für eine nachlassende Konjunktur. Risiken im Aktienmarkt sind größer, als inflationsbedingte, kurzfristige Preisrisiken bei US-Staatsanleihen. Die antizyklischen Käufe der Staatsanleihe-ETF’s sind Wetten auf ein nur kurzes Inflationsintermezzo. Bei ausländischen »Kunden« der US-Treasury kommt die Sorge vor einer nachhaltigen Abwertung der lokalen Währung hinzu.

Öl

Dreh- und Angelpunkt für dieses pessimistische Konjunkturszenario ist der Ölmarkt.

Abbildung 3: Preisentwicklung von US-Öl (Sorte WTI)

Die vergangene Woche brachte mit dem Überschreiten des bisherigen Jahres-Höchstpreises nochmals ein trendfolgendes Kaufsignal. WallStreet setzt auf weiter steigende Preise: Goldman Sachs: 140 - 150 $ im Herbst (das ist das Preisniveau aus dem Jahr 2008), JP Morgan: 175$, Trafigura: 150 – 180 $ pro Barrel bis Herbst.

Hintergrund der einhelligen Meinung: Die Sanktionen wirken. Russland wird zum Jahresende etwa 3 Mio Barrel Öl pro Tag weniger absetzen (entsprechend 30 % der Gesamtproduktion Russlands), ermittelte die Internationale Energie Agentur. Kurzfristig lassen sich aber nur 1 Mio Barrel aus anderen Quellen erschließen. Die Differenz muss eingespart werden. Das passiert erst bei deutlich höheren Energiepreisen.
Insgesamt verbrennt die Menschheit etwa 100 Mio. Barrel Öl pro Tag. Im Frühjahr 2020 sank die Förderung auf 90 Mio. Barrel pro Tag. Zeitgleich sank der Preis für Öl am Terminmarkt unter Null.

Extreme beim Ölpreis sind immer geopolitische und -ökonomische Zäsuren.

Aktuell durchlaufen wir eine derartige Zäsur. WallStreet sieht den Wendepunkt nicht vor dem nächsten Winter. Mit Engagements in US-Staatsanleihen versuchen Investoren diese Phase kapitalschonend zu überstehen.

Yen

Im Juli wird in den USA eine Zinserhöhung um bis zu 0,75 % und in Europa eine um 0,25 % erwartet. Die Bank of Japan hält eisern an ihrer Nullzinspolitik fest.

Haruhiko Kuroda, der Vorsitzende der japanischen Notenbank, bestätigte in der abgelaufenen Woche nochmals den Kurs der BoJ. Steigende Energiepreise sind keine Inflation, wird Kuroda nicht müde zu betonen. Steigende Energiepreise in Kombination mit einer dramatisch abwertenden Landeswährung schon.

Abbildung 4: Die Abwertung des Yen seit 2012

Der Yen ist so schwach wie seit 1998 nicht mehr.

Im Juli sind Wahlen zum Oberhaus angesetzt. Das zentrale Wahlkampfthema auch hier: die steigenden Lebenshaltungskosten. Gut möglich, dass der politische Druck auf die Notenbank auch in Japan wächst, die geldpolitischen Zügel zu straffen.

Im historischen Kontext ist die gegenwärtige Dynamik im Währungspaar USD/JPY dabei noch unauffällig. Ein Blick zurück ins 20. Jahrhundert zeigt, zu welcher Dynamik dieser Markt fähig ist.

Abbildung 5: Die Aufwertung des Yen seit 1970

Die Aufwertung aus dem Jahr 1985 ist das Ergebnis des Plaza Accords. Die damaligen G5 Staaten hatten sich auf eine konzertierte Aktion zur Schwächung des US-Dollars geeinigt. In den Vorjahren war die USA zunehmend zu einem Geldstaubsauger geworden. Trotz höherer Inflation als anderswo zog ein immer festerer US-Dollar Kapital magisch an. Die Deutsche Mark wertete innerhalb von 5 Jahren von 1,82 auf 2,94 pro Dollar ab. Erklären konnte sich das niemand, das arbeitet der unten verlinkte Artikel aus dem damaligen Spiegel prägnant heraus.

Der japanische Yen wertete zwischen 1980 und 85 zwar auch ab. Mit dem Plaza-Accord setzte sich die übergeordnete Aufwertung der Währung aber dynamisch fort. Der Prozess endete mit dem ökonomischen Kollaps des Jahres 1989. Nun deutet sich eine Rückführung der damaligen Preisanpassung an.

New Capitalism in Japan

In der vergangenen Woche überraschte der japanische Ministerpräsident mit der Ankündigung einer Umwidmung von Anlagevermögen des größten Pensionsfonds überhaupt (GPIF). Seit der Machtübernahme im Oktober 2021 versucht Fumio Kishida, der Premierminister, mit einer Kampagne »New Capitalism« Veränderungsprozesse anzustoßen. Dazu gehört auch eine Umdefinition sinnvoller Investments des GPIF. Zukünftig soll das Arbeitskapital für zukünftige Pensionsauszahlungen auch von (profitablen) StartUp-Unternehmen stammen. Der GPIF wird Private Equity Investor! Und zwar nicht, weil dies möglicherweise ertragreich ist, sondern weil die Politik dies anordnet.

Die Idee dahinter: Die Initiative des GPIF kommt einer Bürgschaft für StartUp-Unternehmen nahe. Wenn ein StartUp eine Kreditlinie des GPIF vorweisen kann, erhöht dies dessen Bonität in privaten Finanzierungsrunden. Die finanziellen Hürden für Jungunternehmer werden deutlich gesenkt, sagt die Regierung.

Die Überlegung, Zukunftsinvestitionen aus dem Vermögen der noch aktiven Beamten- und Lehrergeneration zu finanzieren, ist nicht neu. Chile macht das bereits seit der Pinochet-Zeit. Dort steht die Reform des Rentensystems nicht grundlos im Zentrum der Reformagenda. Staatliche Strukturen sind für die gezielte Entrepreneur-Förderung suboptimal.

In Kern sieht Kishada’s New Capitalism einen klima- und menschengerechten Umbau des derzeitigen Shareholderkapitalismus in einen nachhaltigen Stakeholderkapitalismus vor, dem man mit jungen Entrepreneuren Leben einzuhauchen gedenkt.

Aus der Perspektive renditehungriger Kapitalanleger ist das eine wenig inspirierende Vision. Keine Frage, es wird viele Innovationen geben und es wird den Beteiligten richtig Spass machen, die Projekte zu realisieren. Passive Investoren dürften kaum Überrenditen erzielen.

Japan droht das Schicksal der Bundesrepublik in den 1980ern: Trotz einer Exportwirtschaft und signifikantem Leistungsbilanzüberschuss wertet die lokale Währung immer weiter ab.

Eine weitere Abwertung des Yen dürfte auf den Euro ausstrahlen. Dann wäre der Geldstaubsauger USA reinstitutioniert.

Ressourcen

  • Treasury Seekers, Economist, 11.6.2022, p.74
  • Flows into government bond ETFs surge to record high in May; FT, 9.6.2022
  • The world must brace itself for a further surge in oil prices; FT, 8.6.2022
  • Trafigura warns oil prices could reach ‘parabolic state’ in threat to economy; FT 7.6.2022
  • BoJ governor retracts claim over tolerating price rises, FT 7.6.2022
  • »Weißes Rauschen« bestimmt den Kurs – Der anhaltende Höhenflug des amerikanischen Dollar macht die Wirtschafts-Experten ratlos; DER SPIEGEL 7/1985
  • Japan to tap vast pension fund in drive to create more start-ups, FT, 10.6.2022