Wochenbericht 51

The Sky is the Limit

Die Roaring Twenties bilden gerade die ideale Projektionsfläche für den Ausblick nach einem außergewöhnlichen Jahr. Wir verschließen uns dem - wenngleich mit einem zwinkernden Auge - nicht.

Stuttgart, 19. Dezember 2020.

Disruption – Thema auch für 2021

Jedes Jahr wählt die Gesellschaft für deutsche Sprache(GdfS) ein Wort des Jahres aus. 2008 lautete dies »Finanzkrise», gefolgt von »Abwrackprämie« im Jahr 2009. 2007 war es übrigens »Klimakatastrophe«.
Wenig überraschend wurde 2020 »Corona Pandemie« gekürt. 2019 lautete das Unwort des Jahres »Klimahysterie«.

Interessanterweise taucht das Wort »Disruption« nicht einmal in der Liste der 10 ausgewählten Worte auf. Dabei ist dies die offensichtliche Konsequenz der Erfahrungen seit März. Liegt es daran, dass wir uns bereits alle an die neue Wirklichkeit gewöhnt haben und über die Gegenwart einfach kein Wort verloren wird. Oder hoffen die Meisten, dass der Spuk bald vorüber ist, und dann die gute alte Zeit zurückkommt?

Fakt ist: Wesentliche Gesetze der Thermodynamik gelten auch für Gesellschaften. Das hilft bei der Unterscheidung reversibler von irreversiblen Veränderungen.

  • Infinitisimale Systemveränderungen sind reversibel
  • Sobald Entropie frei wird, sind Systemveränderungen irreversibel

2020 haben sich die Gesellschaften mehr verändert, als in der gesamten jüngeren Geschichte. Niemand kann ernsthaft erwarten, dass die Prozesse reversibel sind.

Beispiel: Shopping Mall. Selbstverständlich müssen Menschen irgendwo einkaufen. Aber ist die Idee, dass jeder mit seinem PKW zu einem Ort fährt, der die Dinge der Begierde (und noch mehr) bereithält, nach 100 Jahren einer Erfolgsgeschichte noch zeitgemäß?

Beispiel: Büroimmobilie. Selbstverständlich benötigt eine Firma eine repräsentative Wirkstätte, einen Platz in dem die Unternehmenswerte Realität sind. Aber müssen die Mitarbeiter tatsächlich jeden Tag unzählige Kilometer zurücklegen und Lebenzeit opfern, um produktiv zusammen arbeiten zu können?

Beispiel: Kongress + Messe. Selbstverständlich benötigen Firmen Präsentationsflächen für ihre Produkte und Orte, um neue Kunden anzusprechen. Aber sind die Marketingaufwendungen hier tatsächlich gut eingesetzt?

2020 hat in allen Beispielen mehr als deutlich gezeigt, welche Alternativen bestehen.
Was fällt auf?

  • Betroffen sind Dienstleistungen und Vermögenswerte
  • Der gesellschaftliche Schaden wird auf Zulieferer von Gütern und Dienstleistungen abgewälzt
  • Ökonomische Folgen ähneln dem Wellenmuster eines Steinwurfs in einen Teich.

Die Industriestaaten versuchen mit massiven Subventionen, zum einen die Illusion einer Rückkehr zum Status Quo vor der Pandemie zu bewahren und bestehende Geschäftsmodelle zu konservieren. Zum anderen bieten sich Unternehmern aktuell Veränderungschancen wie selten zuvor. Nach fast einem Jahr mit unsicheren Perspektiven dämmert es vermutlich den Letzten, dass es an der Zeit ist, sich nach neuen Geschäftsmodellen umzusehen. Nun – am Geld mangelt es zumindest nicht.

In der Konsequenz ist selbst in kristallinen Branchen, wie Reinigungsdienstleistungen, Messebau und Centermanagement Disruption angesagt. Was mit der Digitalisierung angefangen hat, erreicht nun auch den Unterbau der Industriegesellschaften.

Bislang wird diese Entwicklung nicht einmal durch die Furcht vor Überschuldung gehemmt. Eine aktuelle Umfrage des SWR zeigt, dass mehr als die Hälfte der Bürger trotz der Rekordausgaben für Coronahilfen keine Überschuldung des Staats fürchtet, drei Viertel der repräsentativ Befragten sahen ihre eigene wirtschaftliche Zukunft positiv.

Nach 9 Monaten Leben mit der Pandemie ist (zumindest in Baden Württemberg) keine depressive Grundstimmung meßbar. Vielmehr stehen die Zeichen auf disruptiven Aufbruch.

Roaring Twenties

Im Wochenbericht 45 war eine Abbildung eines Arbeitssportvereins aus dem Jahr 1929 das Titelbild. Hieronymus schaut sich bereits seit längerem nach Parallelen zu dieser Epoche um.
Nach den traumatischen Erfahrungen von Weltkrieg und spanischer Grippe wurde das Leben innerhalb weniger Jahre kurzgeschlossen. Man lebte im Hier und Jetzt, kümmerte sich kaum um die Zukunft.

Das dortige Lebensgefühl charakterisiert Siegfried Kracauer im Essay »Dodo«, der im Tanzpalast angesiedelt ist, kaum dass die Musik beginnt im Jahr 1925 wie folgt

Die Herrenwelt rüstet sich zu Unternehmungen, zarte Finger greifen zu Puderbausch.
Der Augenblick ist gekommen, in dem Dodo entsteht. Er ist die Idee des Gehöhrigen, lebendig gewordene Schicklichkeit in Person. Auch die anderen benehmen sich regelhaft; nun ja, so das Übliche, matte Kopien, beschämt durch das Original.

Wie soll man Dodo selber beschreiben? Schwer, ihn vorzustellen, denn er ist Oberfläche und Hauch. Ein magerer Halm seine Gestalt, ein Schwung in der Luft.Rote Nelke links oben, Taschentuchwimpel gegenüber, Reflexe auf Lack, aromatischer Dunst. Ein Monokel ersetzt das Geschicht; blonde Strähnen, nach rückwärts gestrichen, fliehen ins Leere.

Bei den ersten Tönen ist Dodo längst unterwegs. Genauere Angaben verbieten sich, da unerklärlich ist, wie er sich fortbewegt. Zu sagen: er ginge, hieße lästern. Er wandelt auch nicht, noch schreitet er, eher tänzelt er schon, aber das wäre zu schollenhaft. Am besten, man verzichtet auf Schilderung, er zieht hin wie über Wogen, einfach ein Wunder. Die Menge teilt sich von selber, wo er erscheint. Lautlos gleitet er durch sie hindurch, ein Admiralsboot, siegerhaft ohne Prunk.

Die Landung ist ein Ereignis für die Küstenbevölkerung. Dodo laviert in eine klippenreiche, nicht ungefährliche Bucht, er hat eine Dame erkoren, die sich unter dem Schutz einiger Angehörigen befindet. Ihre Lippen sind geschwellt, sie sehnt sich nach dem offenen Meer. Wird sie es wagen? Der Intellektuelle stiert aufmerksam. Dodo verneigt sich und lächelt.

In diesem Umfeld entwickelte sich in den USA die bis dato größte Kapitalmarktblase. Sie wurde angetrieben durch den kontinuierlichen finanziellen Aderlass des Kriegsverlierers, Deutschland1. Hier spitzten sich soziale Gegensätze zu, in den USA genoß man die Friedensdividene in vollen Zügen. Eine analoge Entwicklung an den Kapitalmärkten kann aktuell nicht ausgeschlossen werden. Wie im letzten Wochenbericht ausgeführt, wird allgemein angenommen, dass sich die sozialen Gegensätze in den kommenden Jahren stark vergrößern. In den Roaring Twenties war dies der Treibsatz für sprudelnde Börsenerträge.

Abbildung 1: Um zyklische Schwankungen bereinigte Renditen fürAktienanlagen in den USA

Die Abbildung 1 zeigt recht deutlich, wie stark die Rendite für Aktienanlagen im Zuge der Aktienmarktrallye bis 1929 zurück ging. Auch für (sichere) Aktien gilt: Je geringer die Rendite, desto höher der Preis. Die Logik dahinter: Je sicherer die Erträge, desto geringer sind die von Investoren geforderten Risikoaufschläge.

Die Abbildung zeigt auch, dass die Periode hoher Inflation zu einem deutlichen Anstieg gerade dieser Risikoaufschläge geführt hat. Umgekehrt gilt: Je geringer die Zins- und Inflationserwartungen sind, desto höher sind Marktpreise. Aktuell sind die Marktpreise demnach am oberen Limit.

Die Frage nach der Stabilität der Marktpreise treibt die Kommentatoren zum Jahreswechsel in den angelsächsischen Qualitätszeitschriften um.

  • Die dauerhaft niedrigen Anleiherenditen rechtfertigen längerfristig hohe Bewertungen für (sichere) Aktien. Die jüngsten Aktionen der Zentralbanken haben die Renditedifferenz zwischen Aktien und Anleihen nochmals ausgeweitet. Das Problem: Weitere Unterstützung der Marktpreise ist von der Anleihenseite nicht zu erwarten.
  • Die vorteilhaften Perspektiven einer geopolitischen Entspannung steht bröckelnden Marktpreisen entgegen.
  • Seit der Perspektive einer erfolgreichen Impfkampagne steigen die konjunkturellen Vorlaufindikatoren und in deren Schlepptau die Ertragserwartungen. Dann sind auch wieder Dividendenausschüttungen möglich, was Investments zusätzlich rechtferigt.

Fazit

Es ist möglich, mit einem positiven Ausblick ins Jahr 2021 zu blicken. Es bestehen einige Parallelen zu den »Roaring Twenties«, eine der spannendsten Perioden der jüngeren Zeitgeschichte. Ziemlich sicher ist: 2021 wird das »schnelle Leben« zurückkehren, Ausschweifungen, Dekadenz und Disruptionen eingeschlossen. Es liegt an uns, daraus einen nachhaltigen Lebensentwurf für das 21. Jahrhundert zu basteln.

  1. Die USA war in der Nachkriegszeit außerordendentlich protektionisich. Es war für europäische Firmen schlicht unrentabel in die USA zu exportieren. Andererseits waren amerikanische Anleger nur allzu gern bereit, Schuldtitel europäischer Staaten mit hohen Kupons zu zeichnen. Gemeinsam mit den in Versailles vereinbarten Reparationszahlungen führte dies zu einem kontinuierlichen Zahlungsstrom insbesondere von Deutschland in die USA. (siehe z.B. Michael Hudson, Finanzimperialismus, Stuttgart 2017)