Wochenbericht 50

Noch schnell an die Börse

Was war nochmal im Jahr 2020? Stimmt: Das Leben war auf das Wohnzimmer reduziert. Das ganze Leben? Nein! Zum Glück gab es Börsengänge. Das war fast so wie eine richtige Party. Ein Kater eingeschlossen.

Stuttgart, 12. Dezember 2020.

Ein wenig Sarkasmus sei angesichts der Rahmenumstände der abschließenden Börsengänge dieses Jahres erlaubt. Genauso fühlte sich Endphase der Dot-Com-Zeit an. Hieronymus kann sich allerdings nicht an lange Schlangen vor Essensausgaben im Jahr 2000 erinnern. Auch waren die Zinssätze damals unverschämt hoch. Geschichte wiederholt sich so einfach nicht.

Pandemiefolgen

Die unmittelbaren Auswirkungen der Pandemie auf die Gesellschaften wurde von den Industriestaaten mittels großzügiger Staatshilfen abgefedert. Zumindest in der EU ist inzwischen auch ein mittelfristiges Investitionsprogramm verabschiedet, dass dem Narrativ »Die Pandemie hat uns einen ordentlich Ruck gegeben.« genügt. Nun wird also »wieder in die Hände gespuckt, für das Bruttosozialprodukt.«.

Die Hoffnung: Es gelingt, aus dem Teufelskreis der Vergangenheit auszubrechen.

Abbildung 1: Soziale Folgen einer Pandemie 2001 -18, Quelle: IMF

Der Internationale Währungsfond hat die gesellschaftlichen Folgen der Pandemien seit der Jahrtausendwende analysiert. Mit einer Verzögerung von 14 bis 24 Monaten wirkt eine Pandemie zunehmend destabilisierend auf gesellschaftliche Systeme. Je instabiler eine Gesellschaft ist, desto wenig produktiv ist sie, desto geringer ist die Dynamik des Wirtschaftsgeschehens, desto geringer ist der wissenschaftliche und gesellschaftliche Fortschritt. Das wäre fatal für die Beherrschung des Klimawandels und freut Autokraten.

Mit dem Beginn der Impfkampagnen in Großbritannien, Kanada, Mexiko und auch in den USA wird es immer schwieriger, unkonventionelle Hilfsprogramme zu begründen, die die erste Phase der Pandemie prägten. Das ist gerade in den USA zu beobachten. Obwohl der psychologische Gewinn enorm wäre, wenn noch vor Weihnachten ein zweites Hilfsprogramm auf den Weg gebracht würde, dominieren wieder politische Egoismen.

Auch die Tatsache, dass es mehrerer Anläufe bedurfte, bis die umfangreichen Investitionsvorhaben der EU verabschiedet wurden, zeigt die Mühen der Ebene. In der Bundesrepublik scharren Haushaltspolitiker bereits mit den Hufen und verlangen konkrete Ankündigungen, wie und wann die Hilfsgelder wieder eingesammelt werden.

Die Hohe Zeit der Übertreibung

Jedes Jahr ziehen sich viele Kapitalmarktbeobachter im November in ihr stilles Kämmerchen zurück um der staunenden Fachwelt ihre Erkenntnisse für den weiteren Verlauf der Preisbildungsprozesse mitzuteilen.

Dieses Jahr ist die Diskrepanz zwischen Main Street und Smart Money ungewöhnlich groß.

Main Street zeigte in der vergangenen Woche, wohin die Reise gehen sollte: Die Marktkapitalisierung von Airbnb (siehe auch: The Full Bull) betrug nach den ersten Handelstag 86 Mrd. $. Wer vor der ersten Börsennotierung eine Aktie ergattert hatte, freute sich über eine Preisverdopplung nach nur einem Tag. Dabei weist das Unternehmen für 2020 bei einem Umsatz von 2,4 Mrd. $ einen Verlust von fast 700 Mio. $ aus. Noch im Mai wurde das Unternehmen mit 18 Mrd. $ bewertet, die Vor-Coronabewertung betrug 35 Mrd. $. Was hat sich seit dem Jahresbeginn verändert?

  1. Immer mehr Unternehmen verzichten auf die Gewinnerzielungsabsicht. Statt dessen weisen sie auf ihre Umsätze hin und fordern Investoren auf, die Kennzahl KUV, also Kurs zu Umsatz-Verhältnis, zu benutzen, also einfach die Marktkapitalisierung und Jahresumsatz zu dividieren. Was zuerst für Kopfschüttels sorgte, wird angesichts der wachsenden Zahl absurd bewerteter Unternehmen als neue Realität akzeptiert.

  2. Geld ist im Überfluß vorhanden. Mit der Nominierung von Janet Jellen zur US-Finanzministerin ist die Fortsetzung von Anleihenaufkaufprogrammen in Kombination mit einer Nullzinspolitik in den USA zur Gewissheit geworden. Die EZB blies in dieser Woche ins gleiche Horn: Unternehmen und Regierungen können weiterhin mit negativ verzinsten EZB-Geldern rechnen. Im Ergebnis sind Verschuldungsgrenzen eher theoretischer Natur.

  3. Die Pandemie hat eine neue Generation von Spekulanten hervorgebracht, die in jedem neuen LockDown als risikobereite Käufer auftreten.

  4. Mangels Gelegenheiten zum Konsum wachsen die Barmittel in den Mittelschichten. Auch hier setzt ein Gewöhnungseffekt ein: Risikoaverse Geldverwahrung wird als sichere Form der Vermögensdezimierung empfunden. Auf der anderen Seite wird es belohnt, Risiken einzugehen.

Das SmartMoney, soweit es öffentlich in Erscheinung tritt, schaut sich das Treiben von Sparern und Spekulanten interessiert an, kommt aber zu anderen Ergebnissen. John Authers hat jetzt für Bloomberg die öffentlichen Statements institutioneller Investoren gescreent.

  • Die geopolitischen Zäsuren werden 2021 preisdämpfend wirken.
  • Gesunde Value-Unternehmen werden präferiert.
  • Nur in Einzelfällen wird Wachstumsstories Glauben geschenkt.SmartMoney nutze die Marktpreise um Kasse zu machen.
  • Die Ära passiver Geldanlage wird abgelöst durch ein Regime ausgewählter nachhaltiger Investitionen.
  • Die Post-Pandemie-Erholung ist weder dynamisch noch einheitlich.
  • Es wird der Politik nicht gelingen, die Technologie-Monopole zu brechen.
  • Immobilien- und Energie-Aktien sind die großen Underperformer des Jahres 2021.

Die Vergangenheit hat mehrfach gezeigt, dass Kapitalmarkt-Entwicklungen nur kurzlebig sind, wenn sie nicht oder nicht mehr vom SmartMoney gestützt waren.

Fazit für die Anlagestrategie

Die Vorweihnachtszeit 2020 zeichnet sich bisher durch ausgesprochene Ruhe an der Nachrichten- und Marktpreisfront aus. Mit Ausnahme der spektakulären Börsendebüts von DoorDash (einem weiteren Lieferservice) und Airbnb treten die Aktienmärkte auf der Stelle. Die FT stellt die aktuelle IPO-Manie in den historischen Kontext. Wir alle haben bereits vergessen, dass auch Infineon und Palm im Jahr 2000 sagenhafte IPO-Ergebnisse erzielten. Palm ist längst Geschichte und Für Infineon begann bereits kurz nach dem IPO eine sehr lange Durststrecke.

Niemand kann voraussehen, wann sich die Bewertungen der Börsenneulinge wieder nachvollziehbaren Niveaus annähern und welche Marktprozesse diese Entwicklung begleiten. Es ist ungewiss, ob die Korrektur der Bewertungsblase der Dot-Com-Ära überhaupt eine Blaupause für die Gegenwart darstellt. Sehr Wahrscheinlich bastelt das SmartMoney aber bereits fleißig an Strategien, die eine Umverteilung der gerade von Kleinanlegern eingezahlten Anlegergelder in deren Schatullen zum Ziel haben.
Hieronymus setzt auf defensive Engagements in moderat bewertete Value-Unternehmen. Die bevorzugte Anlageform ist das Stillhaltergeschäft, dass einen zusätzlichen Sicherheitspuffer einzieht. Nur sehr selektiv werden Direktinvestments getätigt.

Sondersituationen

STMicroelectronics (früher Thomson Semiconducteurs), ist ein in den Niederlanden gelistetes Unternehmen, das in den Länderindizes MIB 30 (Italien) und CAC 40 (Frankreich) enthalten ist und seinen Firmensitz in Genf hat. Das Unternehmen stellt SpezialChips her, z.B. für Überwachungskameras und die Autos der Zukunft. Die Geschäftsentwicklung ist dynamisch. Allein seit März 2020 hat das Unternehmen vier Firmenzukäufe abgeschlossen.

Auf Jahressicht ist der Aktienpreis um 30 Prozent gestiegen.

In der vergangenen Woche sprach das Management eine verklausulierte Gewinnwarnung aus: Man könnte nicht ausschließen, negativ vom sino-amerikanischen .Handelskrieg betroffen zu sein/werden. Daraufhin sank der Aktienpreis um mehr als 10 Prozent.

Abbildung 2: Aktienpresiverlauf der STMicroelectronics

Der Wert weist eine implizite Volatilität von 40 Prozent aus. Dies ist rückblickend ein Durchschnittswert. Nur unmittelbar vor dem Preisrutsch war die Volatilität mit 31 % signifikant niedriger.

Der Marktpreis schwankt entsprechend. Ein Blick auf die Preisentwicklung zeigt, dass man jederzeit eine Handelsspanne von 3 Euro nach oben und unten antizipieren muss.

Bei einem Marktpreis von knapp unterhalb von 30 € wurde eine Stillhalterposition eröffnet. Falls die Aktie im Februar weniger als 27 Euro kostet, also weitere 10 Prozent weniger wert ist, sind wir bereit, den Titel für 27 Euro zu kaufen. Das Recht, uns die Aktie zu diesem Preis zu veräußern, konnten wir für 1,10 € veräußern. Der effektive Kaufpreis der Aktie wäre also 25,9 €.

Das erscheint aus aktueller Perspektive attraktiv.

The North Face

Die zur VF-Corporation gehörende Outdoor-Marke geriet jetzt unfreiwillig in die Schlagzeilen.

Hatte sich das Unternehmen doch tatsächlich erdreistet, einer heimischen Ölfirma den patriotischen Akt des Aufdrucks seines Logos als Weihnachtsgeschenk an seine 600 Mitarbeiter zu verweigern. »Derartiges würde die Marke verwässern,« war die knappe Begründung der Ablehnung eines entsprechenden Auftrags.

Die Öl-Manager .verstanden die Welt nicht mehr. Offenbar völlig konstatiert verfasste der CEO persönlich einen Offenen Brief, der einen guten Einblick in die Welt der Trumpisten gibt. Danach ist es völlig abwegig, den Vorzügen fossiler Energieträger zu entsagen. Auch Deutschland wird zitiert: “For example, Germany has endeavored to transition their energy grid to alternatives such as wind and solar with disastrous consequences.” Gut dass wir es nun endlich schwarz auf weiß haben: wir leben hier unter ganz schlimmen Rahmenbedingungen.

The North Face blieb aber mit Rückendeckung der bösennotierten VF Corp standhaft – und verbucht damit jetzt einen PR-Erfolg. Es gelang, das eigene Bekenntnis zum Pariser Klimaschutzvertrag glaubhaft zu kommunizieren, bevor es mit der Amtsübergabe an das Team Biden auch in den USA Allgemeingut werden wird.

Innovex fand (natürlich) einen Lieferanten für NoName-Outdoor-Jacken, die bereitwillig mit dem Firmenlogo versehen wurden.