Rote indische Ameisen (Prince Patel / Unsplash.com

Wochenbericht 41

Ant Group: Revolution Made in China

Der größte Börsengang aller Zeiten kommt. Ant wird von der Leine gelassen. Allein der Zeitpunkt des Börsenganges ist pure Machtdemonstration: Die USA mittem im Wahlkampf, Europa im Zenit der Pandemie. China startet durch.

Stuttgart, 10. Oktober 2020.

Wiederholt sich die Geschichte? Notgedrungen experimentierte Europa ab 1661 mit Banknoten. Die Stockholms Banco, eine Vorform einer Zentralbank, gibt mit Kupferplatten besicherte Papierscheine, die sogenannten Credityf-Zedel heraus. Was hier eine Revolution darstellte war im fernen Osten »Schnee von vorgestern«. .

Abbildung 1: Die Erfindung der Banknote in Europa (unveröffentlichtes Maunskript, Halfgarten Capital)

Bereits 350 Jahre vorher berichtete Marco Polo über die Zirkulation von Papiergeld in China (und seinen Nachbarn). Die schiere Größe des Chinesischen Reichs machte ein effizientes Kredit- und Wechselwesen unabdinglich. Das System funktionierte tadellos, bis zur Unterwerfung Asiens durch die Kolonialmächte. Ganz Asien hat unvergleichlich intensivere Erfahrungen mit dem Umgang mit Geld, als der Rest der Welt und knüpft im 21. Jahrhundert hier an.

Die Causa Wirecard

Der Aufstieg und Fall des bundesdeutschen Möchtegernemporkömmlings Wirecard ist im Grunde eine Wiederholung der Geschichte. Ähnlich wie der Stockholms Banco, gelang es Wircard die Welt etwa ein Jahrzehnt über seine betrügerischen Machenschaften zu täuschen. Nach dem Zusammenbruch der Stockholms Banco verging ein ganzes Jahrhundert, bis das britische Oberhaus 1794 die Bank of England von der Verpflichtung befreite, jeden vergebenen Kredit mit Goldbeständen abzusichern. Das gilt heute als die Geburtsstunde der modernen, kreditbasierten Geldschöpfung, ohne die Geldscheine (Banknoten) nicht denkbar sind.

Ant Financial

Wenn im Windschatten der US-Präsidentchaftswahl der Alibaba-Spin-Off Ant Group offiziell an den Börsen in Hong Kong und Shanghai gelistet wird, dürfte es aus dem Stand heraus eine ähnliche Marktkapitalisierung erreichen, wie die alt ehrwürdige JPMorgan Chase, die derzeit größte US-Bank (gegründet 1799).

Die Angst ist groß, dass die dann hochkapitalisierten Ameisen die westliche Welt im Strum überrennen. .

Am Anfang stand die Beobachtung, dass die Kunden des E-Commerce-Marktplatzes Alibaba kaum auf sichere Zahlungssysteme zugreifen konnten. Ant Financial begann 2004 als Pay-Pal-Clone. Man versicherte den Zahlungsprozess und machte den Online-Handel ein Stück zuverlässiger und einfacher.

Anders als in den USA und Europa sind in China weder Credit- noch Debit-Card verbreitet. Statt dessen haben die Chinesen AliPay und WeChat Pay, zwei Zahlungssysteme, die Zahlungsprozesse in China revolutioniert haben. Beiden Systemen ist gemein, dass sie deponiertes Geld verzinsen und deshalb von den Chinesen sowohl als Sparbuch als auch als digitale Geldbörse benutzt werden. Die Dominanz beider Systeme ist der Ineffizienz der staatlichen chinesischen Banken und der mangelhaften Seriösität des chinesischen Schattenbankensystems geschuldet. AliPay und WeChat Pay sind von Beginn an alternativlos.
2008 drohte So Hack Ma, der Gründer von Alibaba, den Banken, dass sie sich gefälligst anstrengen sollten und jungen Unternehmen preiswerte Kredite bereitstellen. »Sonst würde er dafür sorgen«.
Sprachs und stieg selbst ins Geschäft der Unternehmensfinanzierung ein.

Ma verknüpfte AliPay mit AliCredit. Ein StartUp kann sein eigenes Kreditrating rasch verbessern, wenn es seine Zahlungen über AliPay abwickelt, genauer: wenn es seine Kunden ermuntert, den gesamten Bestell- und Zahlungsprozess über AliPay durchzuführen. So lernt Alibaba viel über die Anbieter und über deren Kunden. Maschine Learning macht den Rest. Der Erfolg gibt AliPay recht: Das Prozessvolumen ist heute 25 mal größer, als das von PayPal. 2019 hatte AliPay 1 Milliarde aktive Nutzer für die Zahlungen im Wert von 16 Billionen US-Dollar (110 Billionen Yuan) abgewickelt wurden, 544.000 Transaktionen pro Sekunde. Damit wickelt Ant etwa die Hälfte aller Onlinezahlungen in China ab. In diesem Bereich zeichnet sich jedoch eine Marktsättigung an. Dies mag der Hauptgrund für den Börsengang sein: Die weitere Expansion ist ungleich Kapitalintensiver als die Vergangenheit.

Die Zukunft des Bankkontos.

Ant is the most integrated fintech platform in the world: think of it as a combination of

  • Apple Pay for offline pay,
  • PayPal for online pay,
  • Venmo for transfers,
  • Mastercard for credit cards,
  • JPMorgan Chase for consumer financing and
  • iShares for investing,
  • with an insurance brokerage thrown in for good measure,

all in one mobile app.

(Economist vom 10. 10.2020: What Ant Group’s IPO says about the future of finance)

Nochmal zurück zur Wirecard. Die war Ant schon auf den Versen. So bestand seit 2017 eine Kooperation mit Tencent, der Mutter des Konkurrenten WeChat, der eine ähnlich integrierte App anbietet. Wirecard war für die Prozesse im Hintergrund verantwortlich, also das Sammeln der Daten, das Bündeln der Zahlungen und schließlich das eigentliche Payment. Zusätzlich hatte man in Asien begonnen, als direkter Konkurrent aufzutreten, z.B. in Singapore. Nunja, Ikarus flog zu nah an die Sonne heran …

Das lag vermutlich auch an der scharfen Konkurrenz. Alibaba und Tencent sind zwar die Platzhirsche in China. Sie sind aber nicht allein im Anspruch, mittels einer SuperApp die Nutzer möglichst umfänglich an sich zu binden. Auch in Südostasien wächst das Mißtrauen gegenüber der Allmacht des chinesischen Staats, weshalb auf nationaler Ebene die Fahrdienstvermittler Grab und Gojek z.B. in Indonesien und Malaysia, die fast identische Funktionalitäten anbieten, ähnlich beliebt sind.

Diese knappe Darstellung der Realität des digitalen Finanzwesens in Asien zeigt den technologischen Abstand auf, der sich in den letzten Jahren immer weiter ausgeweitet hat.

Alibaba und Tencent kennen ihre Nutzer sehr genau und wirken sehr erfolgreich als Makler für Geldanlagen, Versicherungen und natürlich Konsumgüter. Eine derartige Machtkonzentration ist in Europa undenkbar. Die auf diese Art erzielten Synergien sind aber das Erfolgsrezept der chinesischen Internet-Oligopole. Kein Wunder, dass Facebook, Google_ und Apple mit Sorge auf die chinesische Konkurrenz schauen.

Die nächsten Jahre werden spannend. Gelingt es Alibaba und Tencent ihre Erfahrungen in China in die (westliche) Welt zu exportieren und die US-Internetgiganten auszubooten? Wie gehen die westlichen Demokratien mit der kaum mehr fassbaren Machtfülle der chinesischen Digital-Finanz-Oligopole um? Was ist uns der Luxus einer nicht optimierten, wenig integrierten Finanzwirtschaft wert?

Mit der Brille des Kapitalmarkts ist die Entwicklung zumindest kurzfristig ein Selbstläufer: Sell Europe, buy China.

Die Woche an den Finanzmärkten

  • Explorierende COVID-Fallzahlen und stabile Aktienmärkte.
    Wie im Februar/März entkoppeln die Spekulanten die Aktienmärkte von dem globalen Infektionsgeschehen. Stellt sich die Frage: Wiederholt sich die Geschichte? Kommt es jetzt wieder zu einem plötzlichen Abverkauf, weil man kollektiv seinen Fehler erkennt?
    Dies ist nicht auszuschließen. ABER: Die Kapitalmärkte werden effektiv von den großen Zentralbanken moderiert. Selbst kleine Verwerfungen werden sofort mit Geld zugeschüttet. Das wissen auch die Spekulanten. Solange die Konsumbereitschaft in den USA und Europa nicht durch die Pandemie geschwächt wird und es sogar eine Hoffnung auf ein Weihnachtsgeschäft gibt, dürften die Marktpreise einigermaßen stabil bleiben. Falls die Pandemie außer Kontrolle gerät, sieht auch die Welt an den Finanzmärkten anders aus.
    — Interessanterweise kann heute niemand ein genaues Kriterium nennen, das diesen Zustand beschreibt. —
    Hieronymus vernimmt andererseits immer wieder das Bedürfnis, in fallende Marktpreise hinein langfristige Positionen aufzubauen. Es ist den Regierungen/Notenbanken offenbar gelungen, die Blicke der Investoren auf die Zeit nach der Pandemie zu lenken. Trotz der akut dramatischen Verschärfung sind die Meisten strategisch äußerst positiv eingestellt. Das ist die beste Versicherung gegen starke Preisverwerfungen.

  • China Motor Show.
    In China ist das Leben bekanntlich wieder normal. Das gilt auch für Großveranstaltungen. Jetzt ist die China Motor Show zu Ende gegangen. Das ist relevant, weil China den größten Markt für PKW weltweit stellt und die Markttrends dort entstehen.
    Positiv: Fast eine Millionen Besucher kamen in die Messehallen. Das wurde von den Marketingabteilungen aller Automobilkonzerne reichlich ausgeschlachtet, genauso wie die jüngsten Verkaufszahlen.
    Negativ: Die Neuzulassungen sind weiterhin 15 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Damit setzt sich der Trend der vergangenen beiden Jahre fort. Der Systemwechsel zur Elektromobilität ist nirgends weiter, als in China. die Pandemie hat am bestehenden Trend zu anderer Individualmobilität nichts geändert. Die Zukunft gehört wenigen privaten Luxuskarossen und vielen gemeinschaftlich genutzten Alltagsmobilen, zuerst in China, später auch im Rest der Welt.

  • Grüne Transformation: Kurskorrektur oder Systemwechsel.
    In dieser Woche veranstaltete die grüne Europaparlamentsfraktion ein Online-Seminar zum o.g. Thema. Mit dabei: Michael Hüther(DIW), Sebastian Dullien(IMK) und Ulrike Herrmann(TAZ), also eine Lobbyorganisation der Industrie und ihr gewerkschaftsnahes Pendant sowie eine kritische Journalistin. Die Zusammenfassung: In Deutschland sind sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber weitgehend einig über erstens die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Transformation der Industriegesellschaft und zweitens darüber, dass die bestehende soziale Marktwirtschaft für diese Aufgabe nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden muss. Eigentlich muss die Politik den Ball nur aufnehmen und die gebotenen Chancen nutzen. Hier der Link: Youtube: Kurskorrektur oder Systemwechsel.
    ( Anmerkung Hieronymus ): Die kommende Bundestagswahl wird eine Abstimmung darüber, wie schnell und wie konsequent der Systemwechsel vollzogen wird. Über den Pfad wird nicht mehr gestritten. Konsens ist auch, dass die Grünen die eigentlichen Triebkräfte für diesen Prozess sein werden. Vieles in der Gegenwart erinnert an die Periode vor dem Stabswechsel von Kohl an Schröder, als damalige Protagonisten wie Trittin, Fischer und Schily systematisch auf die Regierungsverantwortung vorbereitet wurden. Damals bekamen das nur Wenige mit, heute kann die interessierte Öffentlichkeit diesen Prozess begleiten.