Wir sind die Roboter

Wochenbericht 40

Können Maschinen Krisen verhindern?

Machine Learning erleichtert das Leben im digitalen Zeitalter. Es sorgt ohne menschliches Zutun bei einigen für sprudelnde Gewinne. Aber können Roboter auch die Entwicklung destruktiver Finanzkrisen verhindern?

Stuttgart, 3.Oktober 2020.

Schon Francis Bacon wußte: Wissen ist Macht. Zu Wissen, wann und warum eine Finanzkrise eine nationale Ökonomie heimsucht, beschäftigt Ökonomen wie Spekulanten seit Jahrhunderten.
Fakt ist: In unregelmäßigen Abständen kollabiert eine kapitalistisch ausgerichtete Volkswirtschaft. Es ist bisher nicht gelungen, ein wirksames Frühwarnsystem einzurichten.

Zahllos sind Untersuchungen über die Ursachen der immer wieder überraschend und plötzlich einsetzenden ökonomischen Kontraktionen. Einig ist man sich in einem Punkt: die Komplexität der globalen Ökonomien macht es unmöglich, eine Finanzkrise zu prognostizieren, zumindest wenn man analytisch vorgeht.

Machine Learning to the rescue

Das galt bislang auch für alle Versuche, mittels ausgefeilter Computerprogramme einen Informationsvorsprung zu errechnen. Das Grundproblem ist stets das Gleiche: Zur Modellierung der Prozesse einer Volkswirtschaft benötigt man einen umfangreichen Parametersatz. Je mehr Parameter berücksichtigt werden, desto besser können historische Krisenentwicklungen erklärt werden. Je komplexer der Parametersatz, desto beliebiger sind auf der anderen Seite die Ergebnisse. Im Ergebnis erklärt man die untersuchten Krisenentwicklungen, eine Verallgemeinerung ist nicht mehr möglich.

Mitarbeiter der Bank of England haben jetzt frei verfügbare Machine Learning Algorithmen auf eine ebenfalls frei verfügbare Datenbank mit makroökonomischen Kennzahlen aus 17 Ländern aus 140 Jahren angesetzt. In diesem Zeitraum gab es 50 Wirtschaftskrisen.

Die Mitarbeiter fragten sich, ob die derzeit verfügbare Roboterintelligenz ausreicht, um die vergangenen Krisen zuverlässig mit zwei Jahren Vorlauf zu erkennen. Dann, so die Hoffnung, können die Entscheidungsträger in Regierungen und den Zentralbanken rechtzeitig Gegensteuern.

Dabei stießen die Forscher sofort auf das nächste Problem. Selbst wenn die Roboter eine Krise korrekt und rechtzeitig prognostizieren, welche Maßnahmen sind dann für eine Korrektur der Fehlentwicklung notwendig?
Ein Problem der Prognose durch Roboter ist die Intransparenz der Lösungsfindung. Roboter mögen fähig sein, die Entwicklung zu prognostizieren, sie sind aber unfähig uns zu kommunizieren, wie sie zu ihrer Einschätzung gekommen sind, welches die kritischen Parameter sind.

Das ist bei denn üblichen Einsatzgebieten wie Gesichtserkennung, Hautkrebsfrüherkennung, Bildverbesserung, der Komposition von Musik, der Vorhersage des zukünftigen Konsumverhaltens, usw. unkritisch. Maschine Learning macht in allen Fällen Vorschläge denen Menschen oder Unternehmen folgen können (oder auch nicht). Es wird niemals die Frage gestellt, was man machen kann, um Kunden von Kaufentscheidungen abzuhalten. Statt dessen bietet man den Menschen zielgerichtet entsprechende Produkte an.

Will man Finanzkrisen effektiv verhindern, muss man die Roboter dazu bringen, uns ihre Entscheidungskriterien mitzuteilen. Hierbei wurden in den letzten Jahren glücklicherweise deutliche Fortschritte erzielt. Die Bank of England hat ein statistisches Modell entwickelt und die Programmierung ebenfalls veröffentlicht. Damit gelingt es, die Optimierungspfade der Roboter nachzuvollziehen und kritische Variablen zu identifizieren.

In einem Arbeitspapier hat die Notenbank die Ergebnisse der Ursachenforschung bei vergangenen Finanzkrisen veröffentlicht.
Es gelang, 80 Prozent aller Finanzkrisen mit einem Vorlauf von zwei Jahren vorherzusagen und die kritischen Parameter zu identifizieren.

Abbildung 1: Welche Faktoren führen zu Finanzkrisen? (Quelle: BankUnderground)

Jede Finanzkrise in der Vergangenheit hatte einen einzigartigen Strauß an Ursachen. Die Roboter identifizierten jedoch Parameter, die allen Krisen vorausgingen, die Staaten empfänglich machten. Die Roboter können die Ursachen identifizieren, nicht aber den Anlass des Ausbruchs einer Finanzkrise.

Die wichtigsten Ursachen sind

  • eine nachhaltig flache oder invertierte Zinsstrukturkurve
  • niedrige Zinssätze
  • hohe Verschuldungsgrade bei Unternehmen und/oder Haushalten

Ironischerweise hat die Pandemie bereits bestehende Trends in allen drei Punkten verstärkt. Die Roboter sagen also mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent in den nächsten 24 Monaten eine Finanzkrise voraus.
Wer wettet dagegen?

Die Woche an den Finanzmärkten

  • Trafigura: 2 Mrd. $ für regenerative Energien.
    Einst war Trafigura der weltgrößte Ölhändler. Dann mutierte das Unternehmen mit Sitz in Genf zu einem der größten Rohstoffhändler. Man befördert und veredelt Metalle, AgrarRohstoffe, Soft-Commodities. Pure Old-Economy. Nun die Kehrtwende. In den nächsten fünf Jahren will man regenerative Energieerzeugungsanlagen mit einer Kapazität von zwei Gigawatt betreiben. Dafür stehen 2 Mrd. $ zur Verfügung, also ein Dollar pro Watt installierter Leistung.
    Das ist nur der Anfang. Investitionen in Wasserstofftechnologie sollen folgen. Eine Beteiligung an Hy2gen, einem deutschen Startup, ist bereits getätigt. Das Beteiligungsportfolio in diesem Bereich soll rasch expandieren. Das Ziel ist, die bestehenden (dreckigen) Schmelzöfen, Stahlwerken und Minen mittels sauberer Energie zukunftsfest zu machen und den Ruf des Unternehmens grün zu waschen.

  • HSBC: Auf dem Weg zu einer chinesischen Auslandsbank.
    Noch Anfang der Woche notierte der Aktienpreis der HSBC (Hongkong and Shanghai Banking Corporation), einer ehemaligen Ikone des British Empires, so niedrig, wie zuletzt vor einem Vierteljahrhundert. Zuletzt hatte das Management die Dividende kassiert. Dann stockte Ping An, die größte (und teuerste) Versicherung und zugleich einer der größten Vermögensverwalter Asiens mit Sitz in HongKong und operativem Schwerpunkt in China, seine Beteiligung auf. Der Aktienpreis sprang um ein Zehntel in die Höhe, der größte Tagesgewinn seit mehr als einem Jahrzehnt, und verharrt seitdem auf diesem Niveau.
    Dabei ist der Aktienkurs der Ping An Securities in Hong Kong allein in den letzten 12 Monaten um 70 Prozent eingebrochen. Die Finanzkennzahlen lassen keine Bewertung zu. Ping An hat jedoch Staats-Protektion.
    Ping An hält nun 8 Prozent an der HSBC. Am Markt wird spekuliert, dass Ping An seine Macht nun nutzt, um die Dividendenzahlung doch noch einzufordern. Dann würde man 2021 einen Ertrag von 12 Prozent einnehmen. Eine andere Spekulation ist der Ausbau der HSBC zur chinesischen Auslandsbank mit Sitz in Hong Kong. Trotz Jahren des Missmanagements hat HSBC immer noch einen besseren Ruf, als die chinesischen Staats- und Provinzbanken und kann mit seinem globalen Filialnetz punkten.
    Der Niedergang der ehemaligen Kolonialbanken HSBC und Standard Chartered spätestens seit dem Jahrtausendwechsel steht synonym zum Bedeutungsverlust des (noch) vereinigten Königreich als Ganzes. Wikipedia führt ein lesenswertes Dossier.

  • Ist Evergrande eine zweite Neue Heimat?
    Während der Wiederaufbauphase war die gewerkschaftseigene Neue Heimat der Inbegriff des modernen Wohnungsbaus in der Bundesrepublik. Man baute gern Hochhäuser und warb mit preiswertem, modern gestalteten Wohnungen. Der Begriff »Demonstrationsbauvorhaben« steht ebenso synonym für die Neue Heimat, wie die Olympia-Bauten in München.
    Heute erinnert nur noch die Neue Heimat Affäre an den Konzern. Bis 1983 wurden 7.55 Mrd. DM an Verbindlichkeiten angehäufelt, der Jahresumsatz betrug 1,6 Mrd. DM (Quelle: Wikipedia). Der Konzern wurde letztlich bis zur Jahrtausendwende abgewickelt.
    Die Wohnungsnot in China ist durchaus mit der im Nachkriegsdeutschland vergleichbar. Dort steht der Erwerb von Wohneigentum jedoch hoch im Kurs. Evergrande ist die größte chinesische Wohnungsbaugesellschaft. Sie ist als Bauentwickler tätigt, konzipiert Bauvorhaben, sorgt für die Baugenehmigungen, trägt das Finanzierungsrisiko und vermarktet die Wohnungen. Das Geschäftsmodell ist kapitalintensiv.
    In den 25 Jahren seines Wirkens hat sich ein Schuldenberg von 123 Mrd. $ angehäufelt. Ob diesen Verbindlichkeiten adäquate Vermögenswerte gegenüberstehen, kann niemand sagen. Die Bilanz ist intransparent, das Firmenimperium weit verzweigt.
    Das Unternehmen ist mit 130.000 Mitarbeitern sicherlich »too big to fail«. Das war die Neue Heimat allerdings auch. Für Irritation sorgt die jüngste Preispolitik. Obwohl sich der chinesische Hausmarkt wieder stabilisiert hat und die durchschnittlichen Kaufpreise ein neues Allzeithoch markieren, räumte Evergrande Interessenten landesweit einen 30-prozentigen Rabatt auf den Listenpreis der Wohnungen ein. Evergrande hat im ersten Halbjahr 2020 trotz Pandemie 63 neue Großprojekte in ganz China begonnen. Deren Vermarktung ist offenbar kein Selbstläufer. Anleger sind ob der Intransparenz gepaart mit der extremen Verschuldung skeptisch. Der Aktienkurs fährt Achterbahn, Anleihen notieren zeitweise zu 84 %.

  • Arabtec wird liquidiert.
    Es war einmal … das größte Bauunternehmen der Emirate im Mittleren Osten. Gemäß Wikipedia waren noch zum Jahreswechsel 42.000 Mitarbeiter beschäftigt. Damals war es auch die umsatzstärkste Aktie an der Börse in Dubai.
    Kaum eines der Objekte der Skyline in den Emiraten, an dem Arabtec nicht involviert war, inklusive des höchsten Bauwerks der Welt (Buri Khalifa) oder der Kopie des Louvre in Abu Dhabi. Dann kam die Pandemie. Der Verfall des Ölpreises und ein Einbruch der Ökonomie auch in den Golfstaaten. Im ersten Halbjahr 2020 häufelte das Unternehmen 216 Mio.$ Verluste an. Eigentlich kein Thema, schließlich ist Mubadala, der Staatsfonds Abu Dhabi’s, mit 38 % größter Gesellschafter. Ausgerechnet dieser Großaktionär hat jetzt für die Liquidierung gestimmt. Man könnte das den Schneider Moment am Golf bezeichnen.

  • Massenentlassungen.
    Kaum ein Tag vergeht, ohne dass ein Konzern den Abbau vierstelliger Mitarbeiterzahlen ankündigt.
    Diese Woche fielen auf: Bayer, Continental, Shell.

  • Aasgeier versammeln sich.
    Im April 2020 haben Notenbanken in den Industriestaaten kollektiv die Versorgung der Wirtschaft mit Liquidität sichergestellt. Das Ergebnis: Trotz dramatischem Wirtschaftseinbruch rutschte Kaum ein Unternehmen in die Insolvenz. Zentralbanken können zwar Geld bereitstellen, die Erträge müssen die Unternehmen aber selbst erwirtschaften.
    Ein mindestens merkbarer Anstieg von Insolvenzen ist zwangsläufig. Das denken zumindest Fondsgesellschaften, die sich intensiv auf eine Welle von notleidenden Anleihen vorbereiten. Die auf Spezialfonds ausgerichtete Fondsgesellschaft Strategic Value Partners hat binnen kurzer Zeit 1,6 Mrd. $ für einen Fonds eingesammelt, der gezielt notleidende Anleihen aufkaufen soll. Ist erst einmal genügend Masse vorhanden, hat der Fonds die Möglichkeit, auf Restrukturierungen zu drängen, die dem eigenen Vorteil dienen.