Bridge over troubled water

Wochenbericht 37

Der Corona-Sommer

Mit dem Abstand einer Woche bewußter Abkehr vom steten Nachrichtenstrom ziehen wir eine Bilanz des Sommers an den Finanzmärkten.

Stuttgart, 12. September 2020.

Im Wochenbericht 18 (2.Mai) spekulierte Hieronymus , dass sich die Finanzmarktteilnehmer nach dem stürmischen Frühjahr eine Auszeit gönnen würden und die Marktpreise langweilig vor sich hin dümpeln würden.

Abbildung 1: Entwickung der Marktpreise des EuroStoxx50 Aktienindex(Kerzen) und der Volatiliät(Linie) seit Mai

Gemessen am europäischen Leitindex EuroStoxx 50 stiegen die Aktienpreise zwischen dem 25 Mai und dem 8 Juni nochmals um mehr als 10 Prozent. Seitdem hat der Index eine Handesspanne von 3200 Punkten auf der Unterseite und 3400 Punkten auf der Oberseite ausgebildet. Die Volatilität ist zunächst gesunken. Zuletzt erklomm diese Kenngröße jedoch wieder das Niveau aus dem Mai.

In Europa sind die Marktpreise über den Sommer konstant geblieben.

In den USA zeichnete sich bis zuletzt ein anderes Szenario ab. Die großen Aktienindizes erklommen das Niveau der Vor-Coronazeit und bildeten sogar neue Rekordstände aus — trotz grassierender Pandemie und Rekord-Arbeitslosigkeit. Verantwortlich für diese Rallye waren konzentrierte Wetten auf wenige Titel. Diese Marktentwicklung geht auf ein geschicktes Marketing der No-Fee-Broker in den USA (Robinhood-Effekt) und spekulativen Handelsstrategien von Hedge-Funds zurück (Wochenbericht 36).

Abbildung 2: Entwickung des Russell 2000 (Kerzen) und des Stoxx 600 (Linie) seit Mai

Der 2000 Werte umfassende Index Russell 2000 zeigt per Saldo eine ähnliche Preisentwicklung wie sein europäischer Pendant Stoxx 600.

Abgesehen von der spekulationsgetriebenen Abnormalität bei wenigen US-Blue-Chips ist die Preisentwicklung der Aktienmärkte in Europa und den USA vergleichbar.

Ein Teil der spekulativen Übertreibung wurde in den vergangenen beiden Wochen abgebaut. Da der Optionshandel as wesentlicher Treiber der Übertreibung ausgemacht wurde (siehe vorangegangener Wochenbericht) und die September-Kontrakte erst in der kommenden Woche auslaufen, könnte die Korrektur bei diesen Titeln noch anhalten.

Vermutlich werden die bekannten Player mit großen (Long)-Call-Positionen in der kommenden Woche aber alle Hebel in Bewegung setzen, dass ihre Wetten letztlich profitabel abgerechnet werden können.

Aber was erwartet uns in den verbleibenden Wochen bis zur US-Wahl?

Saisonales Muster

Die Periode vor den US-Wahlen eignet sich vorzüglich für statistische Analysen. Da die Rahmenbedingungen diesmal besonders sind, schauen sehr viele auf die Muster in der Vergangenheit und versuchen so, das Chaos zu ordnen. Allein dies erhöht bereits die Eintrittswahrscheinlichkeit für das von vielen gefundene Preismuster.

Vor US-Wahlen neigen Aktienmärkte bis Mitte Oktober zur Schwäche..

Was danach folgt, hängt von dem weiteren Verlauf des Wahlkampfes ab.

Der Economist pflegt den vermutlich besten US-Wahl-Monitor. Hier der aktuelle Prognosestand:

Abbildung 3: Gewinnwahrscheinlichkeiten der beiden Präsidentschaftskandidaten, Quelle: Economist
Abbildung 4: Verteilung der Wahlmänner gemäß Prognose, Quelle: Economist

Deutlicher kann man den Vertrauensverlust in die Trump-Administrtion durch das Missmanagement der Pandemie nicht darstellen. Da die Briefwahl in den ersten Bezirken jetzt beginnt, wächst die Güte der Prognosen mit jedem Tag. Die Aussagen der drei Wochenberichte zur US-Wahl (Die USA nach Trump,Teil 2, Teil 3) haben deshalb weiterhin Gültigkeit.

COVID vor dem Comeback?

Kaum jemand hat das weiterhin grassierende Corona-Virus auf der Agenda. Zulange haben die Finanzmärkte denjenigen eine lange Nase gezeigt, die der Pandemie nachhaltig negative ökonomische Wirkungen zuschrieben. Charakteristisch für die Stimmung ist der Marktkommentar der Deutschlandfunk vom Samstag.
Hieronymus hatte die Woche im italienisch-schweizer Grenzgebiet fernab moderner Kommunikationsmittel verbracht und fühlte sich als ideale Zielgruppe, lauschte entsprechend aufmerksam. Der Reporter fasste die Woche als Aneinanderreihung von Dramen zusammen, die Marktpreise in den Keller führten. Der obligatorische Experte bließ ins gleiche Horn. Er beschrieb die Realität in den Unternehmen als brutal und dämpfte alle Hoffnungen auf eine schnelle Erholung der Wirtschaft. Zum Abschluß dann die Preisentwicklung (des DAX) im Rückblick: +3 %. Aha.
Begründung: Die Marktteilnehmer hoffen auf weitere Hilfspakete und haben ja eh keine andere Möglichkeit, ihr Geld anzulegen, als Aktien zu kaufen.

Was fällt auf: Keine Bemerkung über immer dramatischere Covid-19-Fallzahlen in Spanien, Frankreich, Tschechien und anderswo in Europa oder den bevorstehenden zweiten Lockdown in Israel. Immer noch reagiert der Aktienmarkt positiv auf besorgte Kommentare über die Fragilität der aktuellen wirtschaftlichen Erholung. Immerhin werden gerade spekulative Übertreibungen abgebaut.

Wenn dann – wie gerade geschehen – die Parlamentarier in den USA kein weiteres Hilfsprogramm durchwinken – ist dies kein Grund zur Panik. Im Gegenteil. Bald sind in den Wahlen, danach wird alles gut. Vorher greifen statistische Muster.

Was aber, wenn die Covid-Fallzahlen erneute soziale Restriktionen erfordern?
Das ist im Herbst wesentlich schwerer durchzusetzten und hat zudem das Potenzial, die übliche Herbstdepression zu verstärken. Wenn dann auch noch die Perspektive auf ein erquickliches Weihnachstfest wegfällt …
Dieses Worse Case Szenario wird derzeit von den Finanzmärkten vollständig ignoriert. Dabei gibt es erste Warnungen.

Einzelhändler warnen vor Herbst

Niemand geht von einer schnellen Rückkehr zur Normalität bei Flugreisen oder beim Massentourismus aus. Beim Einzelhandel ist das anders. Während des LockDown unterstützten schließlich viele lokale Einzelhändler. Um so interessanter ist eine Meldung aus Großbritannien, wonach New Look, eine Bekleidunskette mit 500 Läden und 12.000 Beschäftigten, für den Herbst neue Abschläge bei Ladenmieten fordert. Man kann selbst die im Frühjahr mit den Vermietern verabredete, bereits reduzierte Miete wegen nachhaltig niedriger Umsätze nicht zahlen. Die Vermieter haben die Wahl, die Mieten nochmals zu senken oder einen Leerstand zu riskieren. Im März hatte New Look 12 Prozent seiner Filialen geschossen. Aktuell verhandelt man mit seinen Gläubigern über eine Restrukturierung seiner Schulden. Dies erhöht den Druck auf die Vermieter.

Passend hierzu droht der Aktienkurs des deutschen Shopping-Center-Betreibers Deutsche Euroshop unter das Preisniveau des März 2020 zu rutschen. Das Problem ist also nicht auf Großbritannien beschränkt.

Starke Staaten als Marktstütze

Die Kommentare zum Stabwechsel in Tokio sind sich einig: Unter der Ägide Abe ist in Japan ein starker Staate erwachsen. Menschen (= Staatsvolk) und Unternehmen (= Staatsvermögen) werden von starken staatlichen Institutionen »gemanagt«. Um es zynisch auszudrücken: Widerstand ist zwecklos. Alle Wetten auf einen Kontrollverlust des Staates sind bisher gescheitert. Und die Zeichen dort stehen auf Kontinuität.

Auch in Europa wird der Ruf nach starken Staaten immer lauter. Die Pandemie zeigt, dass Staaten mit schwachen oder geschwächten Institutionen in turbulenten Zeiten schlecht funktionieren. Großbritannien, Frankreich und Spanien sind Negativbeispiele, Griechenland, Italien und Deutschland führen die Positivliste an.

Es ist nur logisch, dass die EU als supranationale Institution an Profil gewinnt. Das geplante Konjunkturprogramm kann als Ausfluß des jüngsten Erfolgs der starken Staaten gewertet werden. Interessant ist, wie sich die Nationalstaaten wehren, Souveränität an die EU abzugeben. Jüngstes Beispiel: Die deutsche Ratspräsidentschaft.

Die Finanzierung des 500 Mrd. Euro Konjunkturprogramms steht und fällt mit der Einführung einer Digitalsteuer. Dies wurde maßgeblich vom hiesigen Wirtschaftsministerium durchgesetzt. Ausgerechnet die deutsche Ratspräsidentschaft in Person des Wirtschaftsministers Scholz verschiebt das Thema jetzt auf den SanktNimmerleinsTag. Die offizielle Motivation: Angst vor US-Sanktionen. Die hidden Aganda: Europa ist nur so stark, wie wir es erlauben, ist nur dann stark, wenn wir es gestatten und erst dann stark, wenn wir es wünschen.

Konkret verortet Scholz die Entscheidung über eine europäische Digitalsteuer in der OECD. Dort sitzt die USA mit am Tisch und blockiert aus guten Gründen alle Initiativen. Bisher ignorieren die Kapitalmärkte die Möglichkeit eines Scheiterns der Refinanzierung des EU-Konjunkturprogramms. Der Glaube an magische Fähigkeiten der starken Staaten bzw. starken Institutionen überwiegt.