Wochenbericht 35

Baby-Boomer im Ruhestand sind auch Konsumenten

Kann es gelingen, die wachsende Schicht, vermögender, aus dem Erwerbsleben ausgeschiedener Menschen als Finanzierungsquelle für eine nachhaltige, prosperierende Ökonomie der jungen Generation zu aktivieren? Für die Pop-Gruppe ABBA funktioniert dies. Aber sonst?

Stuttgart, 4. September 2021.
Was bisher exklusiven Locations z.B. für Modeschauen vorbehalten war, wird nun Mainstream: Advatare erobern die Welt. Die Protagonist:innen der Popgruppe ABBA sind inzwischen im siebten Lebensjahrzehnt angekommen. Anstatt sich, wie andere ergraute Pop- und Rockgrößen, so gut es geht auf Revival-Touren zu blamieren, geht ABBA neue Wege. Die Menschen spielen ein neues Album ein und überlassen es ihren jugendlichen Advataren, ein authentisches 70er-Jahre Feeling in die Welt zu tragen.

Die ebenfalls ergrauten Fans können bereits jetzt im ABBA-Museum im Stockholm die lebensechten Advatare bewundern, später gehen diese auf Welttournee und performen in größeren Hallen. Science-Fiction ist Realität, mittels holographischer Projektionen werden Menschen unsterblich.

Da die Hallen für die Bühnenshow mit holographischer Projektionstechnik ausgestattet sein müssen, können die Besucher theoretisch auch ihre jugendlichen Advatare schicken. Gemeinsam feiern die Projektionen dann in unendlichen Wiederholungsschleifen.

Regierungswechsel in Japan

Japan hat die Corona-Pandemie schlecht gemanagt. Wie in den Nachbarstaaten trifft die vierte Welle auf eine unzureichend geimpfte Bevölkerung (Impfquote: 47,2 %). Das wird dem Ministerpräsidenten angelastet. Dessen Umfragewerte sanken immer weiter. Nach nur einem Jahr im Amt scheidet Yoshihide Suga nun vorzeitig aus dem Amt.

Nur zwei Tage vor seinem Rücktritt startete er eine Initiative, die Kommunikation zwischen japanischen Ministerien von FAX auf Email umzustellen. Das stilisieren die sozialen Medien zur Metapher der Antiquiertheit des japanischen Staatsapparats.

Die Finanzmärkte feieren den bevorstehenden personellen Wechsel. Alle erwarten, dass der neue Ministerpräsident ein weiteres Konjunkturprogramm auflegt. Es gibt also neues Geld, das in gewohnter Manier bereits vorab verteilt wird. Aktien wurden in der vergangenen Woche teurer. Interessant: Auch Cryptocurrencies wurden stark nachgefragt. Damit bestätigt sich das im Wochenbericht Japan geht voran ausgebreitete Szenario. Könnte es sein, dass Crypto-Currencies erworben werden, weil viele Japaner ihrer eigenen Währung nicht trauen und das im Beitrag »Digitales Wertsystem« im Wochenbericht: Digitales Gold angerissene Szenario bereits Realität wird?

Abbildung 1: Titelseite der FT, 2.9.21

SEC: Regulierung des Marktsegments Crypto-Assets ist immanent

Die US-Börsenaufsicht erhöht den Druck auf die Crypto-Branche. Medienwirksam forderte der Leiter der SEC die Unternehmen auf, ihre Geschäfte sofort zu legalisieren. Die SEC duldet es nicht mehr, dass finanzielle Assets im Wert von 4 Billionen US-Dollar unreguliert verwaltet werden.1

Das kommt einer Adelung der Crypto-Industrie gleich. Erstens räumt die SEC ein, dass es sich bei Cryptoanlagen um Finanzprodukte handelt. Zweitens stellt sie lapidar fest, dass allein der Umfang der bislang aufgebauten Vermögenswerte die Klassifizierung als Assetklasse begründet. Drittens ist die SEC nun überzeugt, dass Crypto-Anlagen kein vorübergehendes Phänomen darstellen.

Dieses Signal wurde von institutionellen Adressen aufmerksam registriert. Crypto-Spekulationen entwickeln sich stetig zu seriösen Geldanlagen. Es wollen Anlageprodukte für neue Zielgruppen entwickelt und vermarktet werden.

Cryptowährungen verteuerten sich in der vergangenen Woche kontinuierlich, die Outperformance von Ethereum gegenüber Bitcoin hält an.

Abbildung 2: Entwicklung des »Kurses« Ethereum/Euro

Der Mythos von gewinnbringenden Aktien

In Zeiten negativer realer Renditen sind Atienanlagen alternativlos, wird die Finanzindustrie nicht müde zu wiederholen. Sollten FDP oder CDU an der nächsten Regierung beteiligt sein, wird die kapitalmarktgestützte Rente wieder auf die Tagesordnung rücken, inklusive der »DAX-Rente« eines Friedrich Merz.
Hieronymus sieht das bekanntermaßen sehr kritisch. Erstaunlich ist, dass dieses Thema immer dann in die Öffentlichkeit getragen wird, wenn die Preise an den Aktienmärkten Stratosphärenniveau erreicht haben.

Bernard Arnault, (LVMH, geschätztes Vermögen: 150 Mrd. $) stieg 2007 bei Carrefour ein (Anteil: 5,7 %). Der dokumentierte Einstandspreis: 47 € pro Aktie. Nach 14 Jahren beendete Arnault sein Engagement mit einem ebenfalls dokumentierten Verkaufspreis von 16 € pro Aktie.

Aktuell schüttet Carrefour 48 Cent Dividende pro Jahr aus. Die Dividendenrendite kompensiert also keinesfalls den Verfall des Marktwerts.

Abbildung 3: Preisentwicklung der Carrefour

Und die Moral von der Geschichte? Die Zeit heilt nicht alle Wunden, egal wie kompetent das Management ist. Wer bei Aktien daneben greift, muss sich um den Spott keine Sorgen machen.

Die Baby-Boomer gehen in Rente, die Deflation bleibt

Kehren wir zurück ins Land der aufgehenden Sonne. Japan erlebte seinen Baby-Boom früher als der Rest der Welt; Japan lernt vor allen anderen Ländern die ökonomischen Eigenschaften einer stark alternden Gesellschaft kennen.

Als damals noch zweitgrößte Industrienation entschied sich das Land um die Jahrtausendwende, die finanziell bestens ausgestattete Rentnergeneration als Ressource für Wirtschaftswachstum zu behandeln. Fortan galten die Alten als exklusive Konsumenten, wachsende Nachfrageschicht für personale Dienstleistungen und Motor für die Entwicklung altengerechter Produkte.

Mit diesem neuen Wirtschaftsmodell wollte Japan ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erzielen. Der aktiven Generation versprach man gutbezahlte, sichere Arbeitsplätze, der Industrie neue Absatzmärkte und den Finanzmärkten einen Ausweg aus der Deflationsspirale.

Eine neue Studie der Universitäten Stanford und Minnesota2 kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Selbst wenn die schiere Masse der Alten einen Arbeitskräftemangel z.B. in Pflegeeinrichtungen zur Folge hätte, würden die Arbeitslöhne dort nicht (nachhaltig und signifikant) steigen. Die Autoren argumentieren, dass bereits die Tatsache, dass die Renter altengerechte Dienstleistungen nur zahlen können, weil sie ihre Ersparnisse aufbrauchen, gesamtgesellschaftlich deflationäre Konsequenzen hat.

Oberflächlich betrachtet, verteilt die ältere Generation ihr angespartes Kapital nur um. Lag es vorher auf Sparbüchern oder in Anlagedepots, landet es unmittelbar im realen Wertkreislauf. Diese Aktivierung, so die landläufige Lehrmeinung und Grundlage der Entwicklungsstrategie Japans, hat allein bereits eine inflationäre Wirkung.

Die Autoren der Studie kommen jedoch zum Schluß, dass der prognostizierbare Kapitalabfluß eine stärkere Wirkung entfaltet, als der tropfenweise Zufluß in die Realwirtschaft. In letzter Konsequenz muss das Tandem aus Notenbank und Finanzministerium die Mittelabflüsse aus den Kapitalmärkten solange mittels expansiver Geldpolitik und Konjunkturprogrammen ausgleichen, wie die Bevölkerumgspyramide schief ist.

Zweitens behaupten die Autoren, dass die bestehende gesellschaftlich Ungleichheit diesen Effekt potenziert. Tatsächlich können (oder wollen) selbst in Japan nur etwa 10 Prozent aller Rentner ihren Lebensstandard im Alter halten oder erhöhen. Der Rest schränkt sich ein — und konsumiert weniger.

Als Konsequenz prognostizieren die Autoren der Studie für die nächsten 30 Jahre einen Fortbestand des Kapitalmarktregimes mit hohen bis extremen Bewertungen und vernachlässigbaren Renditen. (Un-) Regelmäßige Phasen kollabierender Marktpreise eingeschlossen.

Im Vorfeld des Mammut-Wahlherbstes

Im September und Oktober stellen sich diverse Regierungen zur Wiederwahl: Kanada, Norwegen, Russland, Deutschland und bereits am 8. September Marokko. In Japan bestimmen die LDPD-Delegierten einen neuen MP.

Spannend sind Kanada und Norwegen. Justin Trudeau glaubte mit dem Faustpfand seiner hervorragenden Pandemiepolitik die Mehrheitsverhältnisse mit vorgezogenen Neuwahlen zu seinen Gunsten verändern zu können. Dann wäre der Weg frei für eine konsequente Klimapolitik. Inzwischen deutet alles auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Liberalen und Konservativen hin. Kanada könnte sich also durchaus noch einreihen in die lange Liste der Staaten, die zunächst ihre fossilen Rohstoffe ausbeuten wollen und erst danach Maßnahmen zum Schutz des Klimas ergreifen.

Entgegengesetzte Vorzeichen in Norwegen. Dort ist ein Machtwechsel von Rechtskonservativ zu Sozialistisch wahrscheinlich. Gahr Store von der Arbeiterpartei, Ministerpräsident in Spe, fiel durch kontroverse Aussagen zur Stellung des norwegischen Staatsfonds auf.

Bisher wird der Fonds klassisch geführt. Das Fondsmanagement hat den klaren Auftrag, positive Renditen zu erwirtschaften. Das Management informiert einmal jährlich das Parlament über die Anlagepolitik und folgt den Leitlinien, die die Parlamentarier vorgeben.

Im Ergebnis hat sich der Fonds aus Kohle-, Öl- Tabak- und Alkoholaktien zurückgezogen und sein Engagement im Bereich ESG deutlich vor anderen intensiviert. Gahr Store vertritt nun aber öffentlich die Auffassung, dass der Fonds ein legitimes Instrument der Politik ist und von dieser auch instrumentalisiert werden soll, um Landesinteressen durchzusetzen. Zukünftig soll das Parlament bestimmen, wie der Fonds auf Hauptversammlungen abstimmt, welche Akzente er im Rahmen von Aufsichtsratmandaten setzt.

Die Wahl in Norwegen könnte frischen Wind in viele Unternehmen bringen, insbesondere wenn das Parlament auch über die Höhe strategischer Beteiligungen bestimmt.

Der norwegische Staatsfonds hält Unternehmensbeteiligungen im vierfachen Volumen des norwegischen Bruttoindlandsprodukts. Seine Ausschüttungen stellen etwa ein Viertel des Etats des Landes. Der Fonds ist mit Abstand das wichtigste Assets des Landes! Über strategische Unternehmensbeteiligungen hat der norwegische Staat im Falle eines direkten Durchgriffs der Politik auf die Anlagepraxis einen sehr großen außenpolitischen Hebel!

Labor-Day läutet den Herbst ein

Am 5. September feiern die USA den Labor-Day. Dann beginnt die Schule und an den US-Handelsplätzen erholen sich die Handelsvolumina von der Sommerflaute. Üblicherweise sinken die Notierungen bis zum Quartalsverfall für Optionen und Futures am dritten Freitag.

  1. Es ist natürlich nur die halbe Wahrheit, dass alle Crypto-Assets im halblegalen Raum verwaltet werden. Tatsächlich emittiert die klassische Finanzindustrie gerade Crypto-Fonds und Crypto-ETF’s am laufenden Band. Auch die an der CME gehandelten BitCoin- und Ethereum-Futures sind reguliert. Die vielen Produkte der Crypto-Plattformen, wie Binance, sind es aber nicht. Darum geht es der SEC. 

  2. Demographics, Wealth, and Global Imbalances in the Twenty-First Century; Adrien Auclert, Hannes Malmberg, Frédéric Martenet, Matthew Rognlie; August 2021; htps://mattrognlie.com/demowealth21.pdf