Wochenbericht 31

Digitales Gold

Trotz umgreifender Inflation halten die Notenbanken an ihrer ultraexpansiven Geldpolitik fest. Das Mißtrauen dagegen steigt. Genauso der Wunsch nach einer Ablösung des FIAT-Geldsystems. Ist Ethereum digitales Gold?

Stuttgart, 7. August 2021.
Neulich beim Friseur. Am Nachbartisch ein Mann mittleren Alters; erzählt der Friseuse seine Lebensgeschichte jüngerem Datums. Das Thema: Die Spülmaschine.
Die hatte vor ein paar Wochen ihren Dienst quittiert und nun stand unser Protagonist nebst Weib vor großen Herausforderungen. Fakt ist: Die Lieferzeit für eine Ersatzmaschine beträgt 5 Monate. »Weihnachten können wir mit der Lieferung rechnen,« klagte der Nachbartisch. »Solange kann ich meiner Frau unmöglich zumuten, Geschirr mit ihren Händen zu spülen.« Die Friseuse pflichtete zustimmend bei, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Dann klagte der Nachbar sein ganzes Leid. Er hätte in den letzten drei Wochen alle Elektrofachhändler zwischen Stuttgart und Ulm abgeklappert. Überall die gleiche Antwort: Chipmangel führt zu langen Lieferzeiten. In Heroldstadt, mitten auf der Alb, wurde er letztlich fündig. Dort stand noch ein Vorführmodell aus der letzten Saison herum. Also hat er sich einen Anhänger besorgt und das Teil höchstpersönlich abgeholt. Der Preis spielte keine Rolle.

Wir sprechen von der Industrienation Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2021. Nicht über Venezuela oder Belarus. Und auch nicht über die Zustände in den 1950ern.

Industrieproduktion sinkt dritten Monat in Folge

Vor diesem Hintergrund wundert die Entwicklung der Industrieproduktion nicht wirklich. Trotz kompletter Wiedereröffnung des Landes ist die Industrieproduktion im Juni 6,8 Prozent niedriger als 2019, 1,3 Prozent weniger als im Mai.

Adidas beziffert Kosten für Lieferengpässe

Die Disruption globaler Handelsketten betrifft nicht nur Haushaltsgüter und Autos. Auch Verbrauchsgegenstände, wie Adidas-Schuhe, sind betroffen. Das Unternehmen hat nun das Ausmaß der Lieferengpässe beziffert. Bis zum Jahresende könnte man 500 Millionen Euro mehr umsetzen, schätzt das Management, hätte man genügend Material für die Auslagen in den Geschäften. Das sind 2 % des Jahresumsatzes.

Klar, wenn alle Welt weiß, dass Schuhe knapp sind, kann das Unternehmen höhere Verkaufspreise durchsetzen. Konsequenterweise rechnet Adidas trotzdem mit einem Ergebnisplus um 20 Prozent gegenüber 2020.

Für Aktionäre ist die Kernfrage nun: Können die Hersteller von Haushaltsgeräten und Bekleidung das jetzt erreichte Preisniveau dauerhaft durchsetzen? Nur dann haben die aktuellen Aktienpreise Bestand. Dann bliebe uns allerdings auch die aktuell hohe Inflation erhalten.

Abbildung 1: Entwicklung von Immobilienpreisen in den OEDC-Staaten (Quelle: FT)

Immobilienpreise als globale Inflationsindikation

Im Libanon beträgt die Inflationsrate pro Jahr derzeit mehr als 50 %. Die Inflation wird nicht mehr daran gemessen, wie sich die Preise z.B. für Brot verändern, sondern daran, wie das Libanesische Pfund zum US-Dollar gehandelt wird. Der US-Dollar ist das wertstabile Vergleichsasset, das als Wertspeicher genutzt wird.

Doch wie hoch ist die Inflationsrate der internationalen Referenzwährungen, wie dem US-Dollar? Diese werden landläufig über die Kosten von Warenkörben ermittelt. Noch – möchte man mit Blick auf die Entwicklung der Immobilienpreise nachwerfen.

Immobilien sind global im 12-Monatsvergleich um fast 10 Prozent teurer geworden. Diese Preisentwicklung kann natürlich mit dem Ausmaß der gegenwärtigen finanziellen Repression begründet werden. Auch würde niemand auf die Idee kommen, die Preise für Alltagsgegenstände in Relation zu Immobilienpreisen zu setzen.

Wenn aber die durch Warenkörbe ermittelte Inflation (derzeit 3,8%) nur die Hälfte der Preissteigerungen am Immobilienmarkt beträgt, darf die Validität der Messpraxis für Inflation in Frage gestellt werden.

Digitales Wertsystem als Ausweg

Im letzten Wochenbericht fragte Hieronymus , ob das FIAT-Geldsystem nach einer Lebensspanne von 50 Jahren vor einem neuen Umbruch steht. Die Preisentwicklung für nicht fungible, illiquide Vermögenswerte zeigt das nachhaltige Mißtrauen gegenüber dem FIAT-Geldsystem. Die Abb. 1 zeigt am Beispiel der Immobilienmärkte die neue Qualität am aktuellen Rand.

Die Idee, Geld an den Wert von Immobilien zu knüpfen, ist nicht neu. Nach der französischen Revolution führte Frankreich ein Assignaten-Geldsystem ein. (Enteignete) Kirchengüter bildeten die Sicherheit für die ausgegebenen Münzen. Das Ergebnis ist bekannt. Assignaten waren ein kurzlebiges, einmaliges Experiment.

Im Jahr 2021 stellt sich ob des Digitalisierungsschubs die Frage: Ist es nun an der Zeit, Währungen an digitale Assets zu binden?

Könnten lizenzierte Rechner im Auftrag der Weltgemeinschaft genau so viele digitale Assets »erschaffen«, wie es Wirtschaftswachstum gibt? Könnte man die Währungen der Welt gegen diese Token bewerten?

Diese ursprünglich libertäre Idee zieht im Sommer 2021 immer weiter in den Mainstream ein. Das hat auch mit den jüngsten Fortschritten bei Ethereum zu tun.

Ethereum erfüllt neben der Fungabilität ein zweites Kriterium für den Einsatz als digitale Referenzwährung: Die Tokens selbst begründen eine (reale) Wertschöpfung. Sei es, sie werden als Basis für Verträge, als Eigentumsnachweis oder gar als Basis für digitale Unternehmen (DAO, Dezentrade Autonome Organisation) eingesetzt. Die Monetary Authority of Singapore, die dortige Notenbank, hat ein Projekt initiiert, mit dem der SingaporeDollar an Ethereum gekoppelt werden soll. Singapore-Dollar sind in der Vision nichts weiter, als physische Entitäten von Ethereum-Blockchain-Token. Die FED arbeitet mit dem gleichen Ziel am Projekt Hamilton, umgeht aber Ethereum. Statt dessen wird eine neue (open source) Digitalwährung programmiert, die einem einzigen Ziel dient: Auch im digitalen Zeitalter der USA exklusiv die Vorteile einer Weltleitwährung zu bewahren. Daneben geht es natürlich um Macht, die sich die FED mühsam erarbeitet hat und die man nun nutzt, um der notwendigen Transformation seinen Stempel aufzudrücken. Ende Offen.

Wie gefährlich Ethereum den Zielen der USA zu werden droht, ist an einer kleinen Randnotiz ablesbar. Am Freitag präsentierten US-Parlamentarier eine Vorabverson der geplanten Steuergesetzgebung für Crypto-Assets. Da die Handelsvolumina nachhaltig hoch sind, eröffnet sich dem Staat ein beträchtliches Einnahmepotenzial. Die US-Treasury erwartet Steuereinnahmen von 28 Mrd. $ pro Jahr. Im Zentrum der geplanten Besteuerung stehen Transaktionen über die US-Crypto-Broker. Daneben will man aber auch Umsätze im digitalen Raum besteuern, etwa die Erträge für die Erzeugung von Token oder den Akt der Besiegelung von Verträgen mittels eines NFT. Betroffen sind Cryptowährungen mit einem »Proof of Stake« Mechanismus (im Wochenbericht 27 sind diese als »grüne Crypto’s« bezeichnet), mit Ethereum als prominentestem Vertreter. Die energiehungrigen »Proof of work« Cryptocurrencies (BitCoin et. al.) werden nach den Plänen nicht besteuert.

Volatilität steht Akzeptanz im Wege

Cryptocurrencies leben bislang mit dem Makel, höchstspekulative Assets zu sein. Mehr Risiko, als beim Handel mit CryptoCurrencies geht – bisher – nicht. Sollte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass zumindest einige Kryptowährungen »zu Höherem« berufen sind, sollte die Volatilität deutlich zurückgehen.

Ethereum gehört in diese Kategorie. Je geringer dessen Volatilität (relativ zu anderen Cryptocurrencies aber auch absolut), desto größer ist der Bedeutungsgewinn, desto wahrscheinlicher wird die Akzeptanz als Crypto-Gold. Im digitalen Zeitalter gehorchen auch Umbrüche eigenen Gesetzen. Es wird definitiv keine einsame Entscheidung eines US-Präsidenten geben, nach der das aktuelle FIAT-Währungssystem in die Mottenkiste wandert. Möglicherweise ist der Prozess zur Digitalisierung des Geldsystems aber bereits so weit fortgeschritten, dass die heute dominant wirkenden Notenbanken in Wirklichkeit bereits um Ihre Existenz kämpfen.
Hieronymus ist diesbezüglich gespannt auf die Ergebnisse des alljährlichen Sommertreffens der internationalen Notenbänker in Jackson Hole.


In eigener Sache.
Es geht in die Berge! In der kommenden Woche entfällt der Wochenbericht.