Wochenbericht 30

August Blues

Traditionell ist der August ein schwacher Börsenmonat. Vieles spricht auch in diesem Jahr dafür. Neben der Charttechnik beispielsweise auch die Häufung »gescheiterter« Börsengänge, zuletzt der von RobinHood. Unbekannt ist, ob eine Marktschwäche, wie üblich, den Beginn der Herbstrallye einleitet.

Stuttgart, 31. Juli 2021.
Im August 1971 begrub Richard Nixxon den Goldstandard. Das ist jetzt 50 Jahre her. Vorher garantierte die US-Treasury, dass jeder ausgegebene US-Dollar gegen 0,0286 Goldunzen eingetauscht werden kann (1 Uz = 35 $). Theoretisch gab es nur so viele Dollar, wie Gold im Fort Knox eingelagert war.

Vieles fühlt sich heute ähnlich an. Nur eben andersherum. Geld ist im Überfluß vorhanden, trotzdem sind die Zinsen negativ und Inflation ist ein Fremdwort.

1971 zog Nixxon den Stecker, weil Frankreich seine US-Dollarreserven gegen Gold eintauschen wollte. Die Gold-Garantie erwies sich als Makulatur. Als Grund dafür wird vielfach der kostspielige Vietnamkrieg genannt, der von den USA auf Pump finanziert wurde, es wurde also mehr Geld ausgegeben, als im Tresor (Fort Knox) verfügbar.

Das ist zwar richtig. Weit gewichtiger ist aber das Argument, der Schritt war unausweichlich, weil das Nachkriegswirtschaftswachstum viel dynamischer war, als alle Fortschritte der Goldproduktion.

Seit 1971 ist das Vertrauen der Menschen (genauer: der Finanzmarktteilnehmer) zur Kompetenz der Notenbanker, die Währung stabil zu halten, das maßgebliche Kriterium am Währungsmarkt. Bis zur Jahrtausendwende waren der Leitzins und die Rhetorik der Notenbanker einzige Stellgrößen.

Dann kam die Bank of Japan auf die Idee, Konjunkturprogramme mittels der Notenpresse zu finanzieren. Der Erfolg war mäßig. Aber es stellte sich keine Inflation ein. Allein das zählte. Seit 2008 kopieren immer mehr Notenbanken dieses Verfahren. Seitdem ist einzig die Rhetorik des Spitzenpersonals als Stellgröße wichtig; die Metamorphose von Geldpolitik als Handwerk zur Unterstützung der Finanzpolitik zur Geldpolitik als eigenständige politische Kraft ist mit der Pandemie vollzogen.

Nach der Finanzierung der Ausfälle während der Pandemie rücken nun epochale Aufgaben im Klimaschutz in den Fokus. Neu ist: Nun nutzen auch die Kämmerer das Instrument zur Beschaffung unbegrenzter Geldmengen zum Nulltarif. Klar kann man alles finanzieren, wenn Geld keine Rolle spielt.

Nur – wenn Geld wirklich keine Rolle spielt, kann auch der Arbeitslohn grundlos steigen. Dann steigen die Lohnstückkosten und wir sind im Stagflationszenario der 1970er. Dem ging das Ende des Goldstandards voraus.
Steht uns ein Umbruch wie vor 50 Jahren bevor?

Inflation in Deutschland

»Schlechte Nachrichten für deutsche Verbraucher: Die Inflationsrate ist im Juli auf den höchsten Stand seit fast 30 Jahren gesprungen. Die Verbraucherpreise lagen um 3,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag anhand einer vorläufigen Berechnung mitteilte. Das Leben in Deutschland verteuerte sich somit kräftig - und die Teuerung dürfte in den nächsten Monaten weiter anziehen,« so beginnt zum Beispiel ein Bericht im Merkur. Ohne Sondereffekte ist die Inflationsrate auf das Niveau von 2007 geklettert.

Noch deutlicher ist die Entwicklung bei Großhandelspreisen.

Abbildung 1: Großhandelspreise in Deutschland

Das wäre noch 2019 ein Grund für eine deutliche Zinserhöhung gewesen. Die Rendite für Staatsanleihen wäre gestiegen und Aktienpreise wären gesunken. Tatsächlich sind Aktienpreise aktuell konstant und die Rendite von Staatsanleihen sinkt immer weiter. Die Renditedifferenz zwischen Anleihen und Aktien weitet sich aus.

Die Entwicklung hat etwas Pepito-Mobile-artiges. Der Staat druckt Geld und sorgt dafür das die Zinsen negativ bleiben. Anstatt zu sparen werden Menschen zur Spekulation in Aktien gezwungen, woraufhin deren Preise steigen. Solange die Unternehmensgewinne synchron mit der Inflationsrate steigen, funktioniert alles wunderbar. Das ist angewandte Modern Money Theory (MMT). Alle wissen, dass dies nicht ewig so weiter gehen kann. Aber was kommt danach?

Damit schließt sich der Kreis zu 1971. Auch damals konnte sich niemand vorstellen, wie eine Wirtschaftsordnung ohne Goldstandard funktionieren könnte. Dann zog Richard Nixxon den Stecker.

Gelbe Karte für RobinHood

Innerhalb weniger Jahre hat das FinTech 22,5 Millionen Kunden gewonnen. Die Mehrheit wurde nicht der Konkurrenz abgeworben sondern sind erstmals an den Finanzmärkten aktiv.

In der Pause mal eben eine Aktie ordern, einen Dogecoin1 kaufen oder eine Option, das ist der Lifestyle des 21. Jahhunderts – wenn es nach RobinHood geht. Daddeln kostet ja nichts und ist über die Smartphone-App ohne weitere Hürden jederzeit möglich. RobinHood ist auch ein Ausdruck der »Gameifizierung« des Aktienhandels. Wenn alle Gäste einer Party schnell die gleichen Werte ordern, steigt der Marktpreis und so finanziert das Trading das muntere Gettogether, so geht ein wohlgefälliges Gegenwartsnarrativ.

Den Unterschied zwischen Preiswert und Billig erlebten die zumeist unerfahrenen Nutzer in den turbulenten WallstreetsBets Tagen. Mehrfach brach die Handelsplattform unter dem Ansturm der Nutzer zusammen. Wegen des viel zu schnellen Wachstums war quasi kein HelpDesk verfügbar. Alex Kearns, ein Selfmade-Trader und Kunde von RobinHood, wusste sich keinen anderen Rat, als Selbstmord zu begehen, nachdem er (fälschlicherweise) annahm, am nächsten Tag einen MarginCall in Höhe von über 700.000 $ zu bekommen. Die Spekulationen, dass RobinHood seine Nutzerbasis instrumentalisiert, um der zahlenden Kundschaft zu hohen Tradingerlösen zu verhelfen, reißen nicht ab. Die ausgewiesenen Erträge stammen aus dem Verkauf des Orderflows an Hedge-Funds. Wenn die Hedge-Funds es verlangen, verlangsamt RobinHood schonmal den Handel mit bestimmten Wertpapieren, werfen Kritiker der Bank vor. Dann können die Hedge-Fonts sog. Front-Running betreiben, sich am Markt mit Stücken eindecken, bevor die RobinHood-Kunden zum Zuge kommen.

Nun machen Gründer und Seed-Investoren Kasse. Robin Hood ist seit Donnerstag eine öffentlich gehandelte Aktie.

  • Der Emissionspreis wurde am unteren Ende der Preisspanne im Emissionsprospekt festgesetzt (38 $).
  • Ursprünglich war geplant, 35 Prozent des Aktienkapitals zu platzieren. Am Ende gelang es, 25 % abzusetzen.
  • Gleich nach der Eröffnung des regulären Börsenhandels sackte der Kurs unter den Emissionspreis. Bereits nach wenigen Minuten war die Marktkapitalisierung um 3 Mrd. $ gesunken, der Aktienpreis stand 8 % niedriger.

Auch wenn viele Börsenneulinge der Bank ihr Geld anvertrauen, zeigen die Profis Robin Hood die kalte Schulter. Zu groß ist das Mißtrauen vor dem Geschäftsmodell, genauer vor dessen Konjunkturabhängigkeit. Was machen die RobinHood-Kunden, wenn der Trendmarkt endet? Viele Profis haben die Perioden der Abkühlung ab 2000 und 2007 noch in Erinnerung, Hieronymus fügt die Perspektive eines Stagflationsszenarios hinzu, das die Zahl aktiver Marktteilnehmer drastisch zu reduzieren vermag und insbesondere das Geschäftsmodell vieler FinTech’s beeinträchtigt.

Nach dem zweiten Handelstag notiert die Aktie zum Wochenschluß mit 34,82 $ fast 10 % niedriger, als zur Emission.

Charttechnik und Ausblick auf 2. Halbjahr.

Der bevorstehende Sommerblues wird charttechnisch lehrbuchartig vorbereitet.

Abbildung 2: Preisentwicklung des EuroStoxx50 mit TSI-Inikator

Der TSI-Indikator, der vielfach als verbesserter RSI-Indikator bezeichnet wird, weil er zuverlässiger Trendwechsel anzeigt, ist mit steigenden Marktpreisen bis Ende April immer weiter gestiegen. Seitdem geht der Wert zurück.

Der EuroStoxx-Index (die kumulierten Marktpreise der 50 größten Unternehmen Europas) kletterte
bis Mitte Juni munter weiter. Seitdem pendeln die Marktpreise lustlos vor sich hin. Immer wieder starten Abverkaufsrunden, die jedesmal nach wenigen Tagen durch starke Nachfrage ausgebremst werden. Die Divergenz zwischen Marktpreisentwicklung und Indikator bleibt bestehen.

Die Frage ist nun: Wie löst sich die Divergenz auf? Kommt es im August und September zu einem reinigenden Marktgewitter, das ein Fundament für einen »normalen« Herbstverlauf liefert? Oder pendeln die Marktpreise weiter lustlos hin und her, bis der Indikator in die Kaufzone eintaucht? Dann ist von einem richtungslosen, volatilen zweiten Halbjahr auszugehen.

Die zweite im obigen Chart eingezeichnete Trendlinie, die seit Dezember die mittlere Preisentwicklung befriedigend wiedergibt, hat sich von einer unterstützenden Preisgeraden zu einer begrenzenden entwickelt. Die interpolierte Gerade zeigt seit Anfang Juli an, wo »oben» ist, vorher zeigte sie, wo »unten« war.

Anleihenpreise steigen trotz Inflationstrend

Abbildung 3: Preisentwicklung des Bund-Futures

Die Preisentwicklung am Rentenmarkt stützt die These eines volatilen Marktverlaufs mit stagnierenden Preisen für Aktien. Trotz steigender Inflation steigen die Marktpreise und sind inzwischen wieder auf dem Niveau des Jahreswechsels angekommen. Damals wurden mögliche Konsequenzen einer erfolgreichen Impfkampagne eingepreist. Dies ist zwar eingetreten (was die Inflationsdaten schließlich belegen). Dennoch rauschen Anleihenrenditen seit Juni in den Keller (steigende Anleihenpreise = sinkende Renditen).

Übersetzt heißt dies: Trotz negativer Zinsen und steigender Inflation sind Anleihen gesucht. Als Anlageobjekte sind Staatsanleihen wegen negativer Zinsen ungeeignet. Die Frage: “Gesucht durch wen?” ist schnell beantwortet: Banken können Anleihen kaufen, ohne Sicherheiten hinterlegen zu müssen. Diese können sie bei der EZB als Kollateral für auszugebende Kredite gegen Bargeld eintauschen.

Eine hohe Nachfrage nach sicheren Staatsanleihen ist ein Hinweis auf eine üppige Kreditvergabe durch die Banken. Steigende Preise für Anleihen und steigende Inflation sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Beides zeigt gemäß der klassischen Interpretation eine Überhitzung der Wirtschaft an.

Wenn die Inflationsrate fast drei Prozent beträgt und die Banken Geld zum Nulltarif verleihen können, bekommen Unternehmen von der EZB effektiv mit 3 Prozent subventionierte Kredite. Je höher die Inflation, desto attraktiver wird es, zu diesen Konditionen Kredite aufzunehmen. Das ist ein weiterer, sich selbst verstärkender Trend.

Sollte sich der Trend zu höheren Lohnkosten, der sich in den USA abzeichnet, auch in Europa Fuss fassen, sind selbst abrupte Veränderungen der Geldpolitik denkbar. Das wäre das Negativszenario für den Herbst. Die FED hat diesbezüglich in der abgelaufenen Woche ein vorsichtiges Statement veröffentlicht. Sie bereitet die Finanzmärkte auf eine Veränderung der Geldpolitik vor. Es ist wohl dem Sommerhandel geschuldet, dass keine Preisreaktion einsetzte.

  1. Dogecoin ist eine in der Programmiersprache C++ erstellte Kryptowährung. Sie wurde 2013 zum Spass von zwei Programmierern geschaffen und stellt eine Parodie auf BitCoin dar. So ist die Menge der möglichen Coins nicht begrenzt (BitCoin: 21 Mio.). Es gibt auch keinen wirklichen Usecase. Dogecoin zeigt, wie man mit sehr einfachen Mitteln eine (open source) Währung in die Welt setzt. Dogecoin gilt schlechthin als Mutter der Spekulation: Es gibt keinen intrinsischen Wert, keine sinnvolle Anwendung und es wird auch kein Versuch unternommen, die Existenz nachträglich zu legitimieren. Dogecoin ist, gemessen an der Marktkapitulation, die sechst wichtigste Cryptocurrency.