Wochenbericht 29

Wir stecken den Claim ab

Es geht um die finanzielle Weltordnung bei mRNA-Medikamenten. In den USA zieht das Establishment gemeinsam die Fäden für eine Wiederholung der Erfolgsgeschichte der Digitalwirtschaft in diesem Zukunftssektor. Der jüngste Coup: Moderna, ein Unternehmen, dass genau ein marktreifes Produkt hat, wird in den Standardwerteindex S&P 500 aufgenommen.

Stuttgart, 24. Juli 2021.
In 100 Tagen findet die UN-Klimakonferenz in Glasgow statt. Bereits jetzt trafen sich die Energieminister der G20-Staaten. Das ernüchternde Ergebnis: Es wird weiter »gewurschtelt«. Auch wenn in vielen Staaten die negativen ökonomischen Folgen der Klimaveränderung Jahr um Jahr deutlicher werden, ist der Handlungsdruck für aktiven Klimaschutz längst nicht groß genug.
Die Entscheidungsträger setzen vielmehr darauf, im Wettlauf um die besten Anpassungsmaßnahmen die Nase vorn zu haben. Kurzfristiges Denken und Handeln prägt die G20 und immer noch bestimmen die größten Zauderer die Transformationsgeschwindigkeit aller.

China subventioniert weiterhin den Bau eigener Kohlekraftwerke und finanziert bei strategischen Verbündeten deren Bau im Rahmen seiner Belt & Road-Initiative. Russland setzt mit aller Macht die Vermarktung seiner Gasreserven fort. Selbst Norwegen besteht darauf, weiterhin neue Erdöl und Erdgasreserven zu erschließen. Einzig Grönland hat sich gerade dazu durchgerungen, die Kohlenwasserstoff-Vorräte im Untergrund nicht anzutasten.

Auf der Haben-Seite dominieren wortreiche Ankündigungen. In Deutschland will man zwar die Kohle- und Atomenergie auslaufen lassen, verhindert aber gleichzeitig systematisch den Ausbau der Windkraft. Die Dekarbonisierung des Verkehrssektors, der Stahl- und Zementproduktion sind weiterhin Zukunftsprojekte. Die Zukunft beginnt jenseits der Lebensspanne derzeitiger Entscheidungsträger.

Eine klimaneutrale Landwirtschaft ist nicht einmal in Ansätzen erkennbar. Statt dessen setzt man auf positive Beiträge der Digitalisierung. Dünge- und Ernteroboter sorgen in den Visionen der Entrepreneure für Effizienzgewinne bei der Feldbewirtschaftung. Fleischproduktion und -vermarktung sind eine Blockchainanwendung.

Den Zukunftstrends ist gemein: Sie dienen dem Menschen, benötigen ihn aber nicht als aktive Komponente, sie funktionieren nur mit einer vollständigen sensorgesteuerten Überwachung der Umwelt und sie benötigen viel Strom. Den nachhaltig zu erzeugen, ist die eigentliche Zukunftsaufgabe, an der die Enegieminister der G20-Staaten gerade wieder einmal gescheitert sind.

Zu diesem Thema hat der Publizist Thomas Eigner einen Rant veröffentlicht1, der innerhalb von zwei Tagen fast zehntausend Mal eine positive Response ausgelöst hat. Dies ist (neben der Qualität des Beitrags) ein Hinweis auf die Intensität der aktuellen Mobilisierung der Fridays-For-Future-Bewegung, in Österreich und auch in Deutschland. Das gescheiterte Treffen der G20-Energieminister kommt der Kampagne wie gerufen.

Ob und welche Konsequenzen dies für die Kapitalmärkte im Herbst hat, ist derzeit nicht absehbar. Schaut man sich den Rant genauer an, fällt es schwer sich einen Systemwechsel ohne aktive Untersützung der Kapitalmärkte vorzustellen. Die Kapitalisierung der Imfstoffproduzenten während der Pandemie könnte als Blaupause dienen.

Industriepolitik in den USA: The Moderna Case2

Am 15. Juli gab der Indexbetreiber Standard & Poor’s bekannt, Moderna in den S & P 500 aufzunehmen. Die magere Begründung: Das Unternehmen erfülle das Kriterium einer genügend großen Marktkapitalisierung. Außerdem sei das Unternehmen der mit Abstand erfolgreichste Titel am US-Aktienmarkt. Sie gleicht der Begründung im Zuge der Aufnahme von Tesla in den Index (Nov. 2020).

Anders als bei Tesla ist die Aufnahme von Moderna eine Machtdemonstration hegemonialer Industriepolitik im 21. Jahrhundert. So gespalten die USA hinsichtlich der Innenpolitik auch sind, in Wirtschaftsfragen sind sich die Parteien einig. Standard & Poor’s handelte – je nach Standpunkt – patriotisch oder aus Staatsräson. Das Ergebnis: Die USA festigen ihre Führungsposition im Zukunftsmarkt mRNA-Medikamente. Die vorher ausgezeichnet positionierten deutschen Biotechnologie-StartUp’s haben das Nachsehen.

Hintergrund. Was führte zum kometanhaften Aufstieg gerade von Moderna während der Corona-Epidemie? Was ist der Unterschied zu den anderen mRNA-Pionieren (BioNTech, CureVac)?

Zum Jahreswechsel 2019/20 war Moderna eine wenig erfolgreiche, börsennotierte Klitsche, die am Tropf von Flagship Pioneering, einem Venture-Capital-Fonds, hängt und mangels zulassungsfähiger Produkte immer wieder frisches Kapital einwerben muss. Die Konkurrenten CureVac und BioNTech waren kaum anders aufgestellt. CureVac hatte
mit der Gates Foundation, der Dievini-Holdung von Dietmar Hopp sowie einer Beteiligung von Eli Lilli zwar eine gesunde Mischung strategischer Investoren an Board, sie hangelte sich aber genauso von einer Finanzierungsrunde zur nächsten. BioNTech hatte zwar eine strategische Beteiligung mit Pfizer zur Entwicklung von Grippeimpfstoffen geschlossen. Auch hier wurde zunächst jedoch nur Geld verbrannt.

Randbemerkung: 2014 schlossen Moderna und Alexion Pharmaceuticals ein Joint-Venture. Alexion_ zahlte Moderna 100 Millionen US-Dollar für 10 Produktoptionen zur Entwicklung von Arzneimitteln gegen seltene Krankheiten (Wikipedia). Im Juli 2021 verdrängt Moderna eben jene Alexion Pharmaceuticals aus dem S&P 500.

Im Frühjahr 2020 trennten sich jedoch die Wege. Donald Trump hatte entschieden, das Projekt Warp Speed großzügig zu finanzieren. Endlich gehörten die Finanzierungsengpässe bei Moderna der Vergangenheit an. Die US-Regierung finanzierte die Impfstoffentwicklung und stellte auch Mittel für den Aufbau von Produktionsstraßen für die Massenproduktion bisher unerforschter mRNA-Impfseren bereit. Moderna schwamm plötzlich sprichwörtlich in Geld. Man investierte (rückblickend) schlau in das Patent zur Modifikation des Botenstoffs Uridine (das BioNTech hielt) und lies ansonsten sein Standardverfahren ablaufen: Man testete den Impfstoff in unterschiedlichen Konzentrationen an den Phase-I-Probanten. Bei BioNTech/Pfizer lief eine ähnliche Prozesskette an. Allerdings ohne Zugang zu Warp-Speed-Geldtöpfen.

CureVac gelang es nicht, die Beteiligung von Ellie Lilly für die Beschleunigung der Entwicklung des Impfserums zu nutzen. Zudem verzichtete man auf die Modifikation des Uridines. Ergebnis: Man holte erst im Herbst 2020 Bayer für das Upscaling an Board. Die Studien mit dem rückblickend zu potenten Impfstoff erwiesen sich als zeitaufwendig. Die Erfolge der Unternehmen lassen sich am Börsenkurs ablesen.

Abbildung 1: Preisverlauf der mRNA-Pioniere (Quelle: FT)

Zukunftstechnologie. In Tübingen arbeitet man mit dem im Börsengang eingeworbenen Kapital an der Entwicklung einer ganzen Palette neuer Medikamente. Man sucht strategische Kooperationen mit großen Pharmaunternehmen und betreibt im besten Sinne Auftragsforschung.

Bei Moderna und BioNTech gehen die Uhren inzwischen anders. BioNTech wird gemeinhin als mRNA-Ausgründung Pfizers begriffen und steht als Garant dessen zukünftiger Produktpipeline. Moderna ist die Wette des US-Establishments auf eine US-Dominanz im Zukunftsmarkt der mRNA-Technologie. Die Marktkapitalisierung beträgt aktuell 137 Mrd. $. Selbst 2020 weist Moderna noch einen operativen Verlust von 763 Mio. $ aus. Refinitiv gibt das KursGewinnVerhältnis aktuell mit 272 an. Moderna kann dank dem Covid-Impfserum 2021 erstmals überhaupt einen operativen Gewinn ausweisen. (Und was kommt nach dem Covid-Hype??)

Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass S&P ein Unternehmen in den US-BlueChip-Index aufnimmt, dass genau ein marktfähiges Produkt herstellt und dies nur Dank massiver staatlicher Subventionen. S&P zwingt passive und konservative Investoren zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres in eine Hochrisikoposition. In einem Standardwerteindex hat ein Wert mit einem PE von fast 300 einfach nichts zu suchen. Die Entscheidung ist quasi eine weitere Finanzierungsrunde für das Biotechnoligieunternehmen.

Was steckt also hinter dieser (mutigen) Entscheidung? Bereits im Wochenbericht 24 verwies Hieronymus auf die Potenziale der mRNA-Technologie. In der Berichtswoche bekräftigte Franz Werner Haas dies gegenüber der FT

Just remember how the first mobile phones looked. Now you have a computer in your pocket. This is exactly what will happen with the mRNA technology.

Möglicherweise werden wir uns bereits bald kopfschüttelnd fragen, was uns geritten hat, überhaupt Impfungen mit 100 Microgramm-Impfdosen in Betracht zu ziehen, wo bereits ein Zehntel der Dosis – richtig zubereitet – völlig ausreichend ist und frei von Nebenwirkungen. Die mRNA-Technologie könnte unser Verständnis von Medikamenten revolutionieren und die Kluft zwischen Homöopathie und Schulmedizin schließen.

Die USA setzen auf die Macht eines hochkapitalisierten Biotechnologie-Superstars als Garant für die Technologieführerschaft in diesem Zukunftssektor. Europa setzt auf klassische Unternehmensfinanzierung, eine gute Hochschulinfrastruktur und gesunde Konkurrenz.

Mit dem Aufstieg der Digitalimperien im Silicon Valley hat die USA einen recht guten Track-Record mit der gewählten (kapitalistischen) Art der Technologieförderung. Ob sich die Geschichte wiederholt? Moderna wäre dann die Biotech-_Microsoft_ des 21. Jahrhunderts.

Remember Tesla. Der US-Autobauer wurde im November in den S&P 500 aufgenommen. Wie aktuell bei Moderne wurden auch damals alle replizierenden Anlageprodukte gezwungen, die Aktien ins Depot zu nehmen. Das Ergebnis war ein kurzfristiger Preianstieg von 400 auf 800 Dollar im Januar. Seitdem pendelt die Aktie zwischen 600 und 700 $.

Abbildung 2: Preisverlauf der Tesla Aktie (Quelle: FT)

Wer die Aktie nicht vor denn ersten Gerüchten um eine Indexaufnahme, besaß, hat aktuell allenfalls eine Nullposition im Depot. Die rückblickend zielführendeste Anlagestrategie für Tesla seit der Entscheidung, die Aktie in den S&P 500 aufzunehmen, waren konsequente Call-Options-Verkäufe. Dieser Stillhalterstrategie standen allerdings im Falle einer Andienung hohe Leihkosten im Wege.

Als »Play« für die mRNA-Technologie bietet sich eine Wette auf ein ComeBack von CureVac als flexibler Entrepreneur und gefragter Partner für europäische Pharmaunternehmen und gleichzeitigen Short-Call-Stillhalter-Engagements bei Moderna an.

China zieht die Daumenschrauben an

Nirgends hängt der Erfolg des Schul- oder Universitätsbesuchs mehr von der Qualität und Intensität der schul- und studienbegleitenden Nachhilfe ab, als in China. Im Bildungsbereich hat sich ein Ökosystem mehr oder weniger seriöser Nachhilfeeinrichtungen gebildet, viele davon sind Börsennotiert.

Die Unternehmen gelten als Nachhaltig und sind vielfach in den Depots von ESG-Fonds enthalten. Allein die in den USA gelisteten TAL Education, Gaotu Techedu und New Oriental Education waren in der Vorwoche noch mit 26 Mrd. $ bewertet.

Am Freitag sickerte ein Bericht durch, wonach Peking plant, dem kompletten Sektor die kapitalistische Basis zu entziehen.

Zukünftig dürfen Nachhilfeeinrictungen in China nicht mehr gewinnorientiert arbeiten.

Die Aktienpreise in China und den USA sanken daraufhin um 60 Prozent.

Die Branche war darauf überhaupt nicht vorbereitet. Yuanfudao und Zuoyebang, etablierte und flächendeckend operierende Online-Nachhifeunternehmen, standen unmittelbar vor einem Börsengang in Hongkong.

Die Entscheidung ist – nüchtern betrachtet – für eine Nation mit sozialistischem Antlitz überfällig. Schließlich hängt ein guter Bildungsabschluß bis dato fast ausschließlich vom elterlichen Budget für die Nachhilfe der Sprößlinge ab. Peking plant weiterhin, Ausländern die Betätigung als Nachhilfelehrer komplett zu untersagen. Damit entpuppt sich die Maßnahme auch als Instrument im kalten sino-amerikanischen Krieg.

US-Finanzaufsicht schreitet gegen BlockFi ein

Welche Möglichkeiten gibt es, für seine Geldanlage Zinsen zu bekommen? Bankgutaben scheiden wegen der Niedrigzinspolitik der Notenbanken aus, gleiches gilt für (investmentgrade) Anleihen.

Im Schattenbankenbereich tun sich immer wieder Opportunitäten auf. BlockFi schaltete zuletzt in den USA Werbung für sein Angebot, sich seine BitCoin-Guthaben verzinsen zu lassen. Anstatt die Token einfach in einer der üblichen Crypto-Wallets »versauern« zu lassen, sollten die Kunden die Coins zu BlockFi transferieren und sofort 1,5% Zinsen (in BitCoin) beziehen.

BlockFi ist nicht das einzige FinTec, dass die hohe Volatilität der Cryptocurrencies zur Generierung eines Einkommenstroms nutzt. Die Kunden treten ihre Tokens an das Fintec ab und erhalten hierfür eine Kompensation. BlockFi behauptet, die Kunden könnten ihre Token jederzeit zurückfordern.

Das sind Bankgeschäfte, sagen die US-Behörden. Die darf man auch in den USA nur anbieten, wenn man eine entsprechende Lizenz hat. Diese Auffassung hat sich sowohl in demokratisch regierten Staaten wie New Jersey_ als auch in republikanischen Hochburgen (Texas, Alabama) durchgesetzt.

Das ist einerseits schön. Andererseits können lokal verankerte Regulationsinstitutionen nur auf ihrem Territorium tätig werden. Es bedarf einer Firmenadresse, um eine Unterlassungsverfügung zuzustellen, bedarf Mitarbeiter, die verantwortlich sind. Genau das haben die meisten FinTech’s aber nicht.

Dennoch kreisen die sprichwörtlichen Geier über der Branche. Die wilden Jahre scheinen vorbei zu sein. Wo die Regulierungsbehörden den FinTech’s habhaft werden können, setzen sie eine Adaption an die gängige Praxis in der Finanzwirtschaft durch und sortieren schwarze Schafe aus.

  1. “Klimaschutz darf nicht Verzicht bedeuten!” - Das ist ein furchtbares politisches Framing, dem gleich mehrere Fehler gleichzeitig zugrunde liegen. Wer so etwas sagt, kann in der Klimadiskussion nicht mehr ernst genommen werden. Ein Rant von Thomas Eigner.. 

  2. Diese Ausführungen ergänzen die Besprechung der CureVac im Wochenbericht 24