Wochenbericht 28

Bad Company

Bad Banks gelten als zentrale Bausteine der Bewältigung der Finanzkrise 2008/9. Bad Companies könnten zentrale Elemente für eine Beschleunigung der klimaneutralen Transformation der Industriegesellschaft werden.

Stuttgart, 17. Juli 2021.
In den USA wurden am Dienstag aktuelle Inflationsdaten veröffentlicht. Demnach stiegen die Verbraucherpreise im Juni auf Jahressicht um 5,8 Prozent (Mai: + 5%). Bereinigt um volatile Assets stiegen die Preise im Juni um 4,5 %, gegenüber 3,8 % im Mai. Die Preise steigen also, und sie steigen immer schneller.

Trotzdem sanken die Anleihenrenditen in der abgelaufenen Woche. In den USA, in Europa. Die Notenbankvertreter werden nicht müde zu betonen, dass die gemessenen Preisanstiege nicht nachhaltig sind. Im derzeitigen Sommerhandel wagt es offenbar niemand, dies in Frage zu stellen und in großem Stile Anleihen abzustoßen.

Angesichts der steigenden finanziellen Lasten nach verheerenden Unwettern sowohl in den USA als auch in weiten Teilen Europas, könnte dieses Preismuster ein Vorbote des Klimagipfels im Herbst sein. Dort könnten umfangreiche und vorallem teure Maßnahmen zur Umsetzung der Klimaziele notwendig werden. Diese können nur dann finanziert werden, wenn die Marktzinsen sehr niedrig sind.

Damit greift die Staatengemeinschaft massiv in das Geschäftsmodell der Rückversicherungen ein. Diese sind – neben Zeichnern sogenannter CAT-Bonds (Katastrophenanleihen) – derzeit die großen Verlierer, sie müssen schließlich für die sich zuspitzenden Klimarisiken geradestehen.

Bad Company

Nach der Finanzkrise war der Bedarf nach einem Neuanfang im Finanzsektor groß. Nur – wie kann dies gelingen, wenn sich die Banken primär um Schadensbegrenzung bei toxischen Assets kümmern müssen, die die Bilanzen belasten?

Bad Banks waren die Lösung. Man packt alles, was nach Vergangenheit aussieht, in eine eigene Firma. Die kümmert sich ausschließlich um die Abwicklung der Sünden der Vergangenheit. Die übrig gebliebenen Rumpf-Banken können befreit nach vorn schauen und neue Geschäftsfelder bedienen, so die Idee.

Tatsächlich gelang es den meisten Bad Banks, die vergifteten Assets ohne Verluste abzustoßen oder sie ohne weitere finanzielle Nachteile auslaufen zu lassen.

Dies hat offenbar viel besser funktioniert, als gemeinhin bekannt. Sonst würde Larry Fink, der CEO von Black Rock, nicht für ein Revival trommeln. Diesmal sollen toxische Firmen entsorgt werden. Sein Vorschlag: Die Verlierer der Transformation zur kohlenstofffreien Ökonomie, Firmen mit kaum abschätzbaren Klimarisiken, Firmen, die ansonsten mangels Kapital ungeordnet Pleite gehen werden, werden zu »Bad Companies«, die geordnet abgewickelt werden. Dann – so Fink – ist der gesellschaftliche Schaden begrenzt und alle können sich um die Gestaltung der Zukunft kümmern.

Fink belässt es nicht bei verbalen Eingaben. Zusammen mit Jane Fraser (Citbank) und Oliver Bäte (Allianz) gründete er eine Task-Force, die Konzept ausarbeitet, wie die globalen Industrieunternehmen ihre «dirty Assets» am Besten entsorgen können. Dies soll auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow vorgestellt werden.

Sozialisierung von Risiken?

Tatsächlich folgt diese Initiative dem bekannten Muster, Gewinne zu Privatisieren und Risiken auf die Gesellschaft abzuwälzen. Andereseits: was ist die Alternative?

Kein Staat kann es sich leisten, von von den betroffenen Unternehmen vorab eine Risikoabgabe einzufordern, die Abwicklungskosten deckt. Wenn Unternehmen oder auch Unternehmensteile keine Perspektive auf positive Renditen aufweisen, werden sie aufgegeben. Um die Altlasten kümmert sich – wenn überhaupt – die Gesellschaft. Davon zeugt eine Vielzahl verlassener Gewerbebauten in allen Teilen der Welt.

Wenig profitable Unternehmen sterben jedoch nicht so einfach. Vorher wird das Unternehmen ausgeweidet. Alles, was irgendwie verwertbar ist, wird monetisiert und an die Gesellschafter ausgeschüttet. In diesem Prozess wechseln Eigentumsverhältnisse und Management schnell. Die Devise ist »Nach uns die Sintflut«, Unternehmen sterben nie umweltfreundlich.

Schön beobachten kann man diesen Prozess in der Lausitz. Dort betrieb der schwedische Versorger Vattenfall bis 2016 Baunkohletagebaue und -Kraftwerke. Als absehbar wurde, dass die Risiken des Barunkohleabbaus in Deutschland mittelfristig stark zunehmen würden, verkaufte man die Assets schnell an die tschechische EPH, die sich ab 2010 mit diversen fossilen Energieproduktionsstätten vollgesogen hatte1. Dessen erste »Amtshandlung«: Ausschüttung der Rückstellungen für Renaturierungsmaßnahmen nach dem Abschluß der Ausbeutung von Abbaugebieten. Danach fiel das Unternehmen als massiver Lobbyist für die Fortführung der Kohleverstromung in Deutschland, Polen und Tschechien auf.

Der Prozess der Aussonderung der »Schmuddelkinder« ist branchenübergreifend zu beobachten. Die Energiekonzerne ExxonMobile, Chevron, BP, Royal Duch Shell. Total und Eni haben seit 2018 Dirty Assets im Wert von 30 Milliarden Euro abgestoßen (Wood Mackenzie). Unternehmen im Wert von 140 Mrd. € stehen zum Verkauf.

Der Vorstoß von Larry Fink soll diesen wenig nachhaltigen Prozess unterbinden. Anstatt die Unternehmensteile in kapitalistischer Manier gründlich auszumisten und alles zu verscherbeln, sollen die Unternehmen einfach geschlossen werden. Die Kosten hierfür muss die Gesellschaft tragen. Das ist der Preis für eine saubere Transition, so die »Bad Company-Protagonisten«.

Für den Kapitalmarkt sind das ambivalente Nachrichten. Schließlich können die Unternehmenswerte der fraglichen Unternehmen nicht mehr vereinnahmt werden. Andererseits können erhebliche Risiken ausgepreist werden.

Tourismus: RisikoÜbertreibung?

Anstatt unbeschwerten Sommerferien droht eine Wiederauflage des Tourismus-Sommers 2020. Fernreisen sind angsichts überall explodierender Covid19-Inzidenzen in den Zielländern trotz eigener Immunisierung unmöglich. Auch innereuropäische Reisen sind schwierig und kaum zu planen. Kurzum: Die Erwartungen aus dem Frühjahr, Tourismusanbietern, Hotelbetreibern und Fluggesellschaften würde ein sehr profitables zweites Halbjahr bevorstehen, sind komplett verpufft.

Das spiegelt sich in allen relevanten Finanzprodukten dieser Branche, hier exemplarisch für den größten europäischen Tourismuskonzern, der Tui, dargetstellt.

  • Moody’s kündigt eine Herabstufung des Kredit-Ratings auf “C” an (Anleihenzahlungen fraglich).
  • Credit-Default-Swaps, Instrumente mit denen man sich gegen den Ausfall von Kuponzahlungen versichern kann, sind auf 747 Punkte gestiegen. Zum Vergleich: Thyssen Krupp CDS handeln zu 270 Punkten.
  • Der Aktienpreis ist innerhalb der letzen vier Wochen von 5,2 auf 3,7 € gesunken.
  • An den deutschen Börsenplätzen Frankfurt und Stuttgart schaffen es Tui-Anleihen trotz hoher Stückelungen (100.000 €) bei sinkenden Notierungen immer wieder in die Umsatzhitlisten. So ist der Preis einer Wandelanleihe nach der letzten Aufstockung um weitere 200 Mio. € (28.06.) mit 96,8 % unter den Emissionspreis gefallen. Der Aktienkurs ist wegen dieser Wandelanleihe bei 5,75 € gedeckelt. Zu diesem Preis erhalten die Anleihegläubiger im Juni 2028 neue Tui-Aktien. *
Abbildung 1: Preisverlauf der Tui

Nun werden absehbar wieder touristische Flugreisen in die USA möglich sein. In allen Industriestaaten lernt man, mit den Corona-Viren umzugehen. Das Tourismusgeschäft stabilisiert sich allmählich und unaufgeregt, stellt sich möglicherweise sogar nachhaltiger auf. Das gilt auch für das Geschäftsmodell der Tui.

Deshalb stellt sich aktuell die Frage, ob der Kursrutsch eine Übertreibung in der Bewertung von Risikekn darstellt, ob die aktuellen Marktpreise (Jahrestief) eine Kaufgelegenheit sind. Hieronymus neigt dazu, diese Frage mit einem verhaltenen Ja zu beantworten.

  1. Der Wikipedia Eintrag zur EPH zeichnet die Rahmenumstände Aktivitäten