Wochenbericht 27

Crypto-Sommer

Gelingt Kryptowährungen der Ausbruch aus der Schmuddelecke? BitCoins gelten als fossile Währung, die von Libertären, russischen Hackern und der global vernetzten organisierten Kriminalität genutzt wird. Ethereum bringt sich mit wachsendem Erfolg als grüne Alternative in Stellung. Trotzdem bleibt die Frage: Handelt es sich letztlich nicht doch um ein gigantisches Schneeballsystem?

Stuttgart, 10. Juli 2021.

Es gleicht dem berühmten »Marsch durch die Institutionen« der Alt68er, dem langen Atem der ehemaligen Protestler auf dem Weg hin zum Mainstream, was gerade am Marktsegment der Kryptowährungen passiert. Allein durch die ständige Wiederholung der immer gleichen Phrasen gelingt es, die Idee einer neuen Assetklasse in den Köpfen institutioneller Entscheidungsträger zu verankern.

Ein Narrativ geht etwa so:

  • Als Antwort auf die Pandemie wurden unglaubliche Mengen nicht gedecktem FIAT-Geldes erzeugt und in den Industriestaaten mit der Gießkanne verteilt.
  • Die normale Systemantwort hierauf wäre Geldentwertung. Einer konstanten Gütermenge(Angebot) steht eine explodierte Geldmenge gegenüber. Also ist mehr Geld pro Gütereinheit verfügbar, die Preise steigen.
  • Genau das wird von den Notenbanken durch die ultralockere Geldpolitik aber verhindert (siehe Wochenbericht 26).
  • Aber wohin mit dem überschüssigen Geld? Einige kaufen Gold, andere Häuser, wieder andere prosperierende Unternehmen (Private Equity). Für die Massen bleiben Aktien übrig.
  • Crypto-Currencies sind wie Rohstoffe Schmiermittel der Realwirtschaft. Eisen und Kohle treiben die alten Industrien, Crypto-Currencies die digitale Ökonomie, behaupten die Protagonisten.

Klingt überzeugend. Wo ist der Haken?

Remember Albania

Nach dem Zusammenbruch des totalitären Hoxha-Regimes im Jahr 1985 begab sich Albanien in die Hände des Kapitalismus. Viele Albanier verließen das Land, verdienten ihren Lebensunterhalt in den Nachbarstaaten und sandten den Familien Geld zum Überleben in die Heimat.

Der Aufbau des Landes gestaltete sich schwierig. Die immer noch staatlichen Banken waren weder auf die Versorgung der Privatwirtschaft mit Krediten ausgelegt noch boten sie den Bürgen einen Rahmen zu Verwahrung von Geldvermögen. Die Bürger des Landes deponierten überschüssige Scheine im sprichwörtlichen Sparstrumpf: geschätzte 64% der privaten Guthaben lagen in physischer Form vor1.

Wenig überraschend bildete sich ein Schattenbankensystem. Dies wurde von Beginn an von den Überweisungen der Auslandsalbaner gespeist, internationale Investoren hielten sich (mit gutem Grund) zurück.

Um an das Geld der Auslandsalbaner (bzw. deren Überweisungen in die Heimat) zu kommen, boten die Schattenbanken hohe Guthabenzinsen. Tatsächlich finanzierten sie zunächst einige dringend benötigte Projekte: Hotels, Supermärkte, usw. Dies erzeugte eine gewisse Reputation, Anfang der 1990er wurden sie sogar von staatlichen Institutionen für die Finanzierung von internationalen Projekten empfohlen.

Mangels Regulierung gab es gewisse Gestaltungsspielräume. So konnte nicht nachvollzogen werden, ob das eingezahlte Geld tatsächlich für die Kreditvergabe verwendet oder ob damit nicht schlicht die Zinsen für bestehende Einlagen gezahlt wurden. Die von den Schattenbanken gebotenen Zinsen waren zuerst drei mal höher, als die Zinssätze der staatlichen Banken. Im Zenit der albanischen Spekulationsblase boten die Schattenbanken 10 % pro Monat. Sude, eine der Schattenbanken, warb 1996 mit einer Verdopplung des eingezahlten Geldes innerhalb von drei Monaten.1

Die Schattenbanken waren keine Unternehmen im eigentlichen Sinne. Sie zahlten beispielsweise keine Steuern, veröffentlichten auch keine Bilanzen. 1997, also mehr als ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch des totalitären Regimes, ging die Regierung dieses Problem an. Sie zwang die Schattenbanken, eine Banklizenz zu erwerben. Die Entgegennahme von Geld zum Zwecke der Weiterreichung an Kreditnehmer sei sonst illegal, verfügte man. Das brachte das Kartenhaus zum Einsturz. Der Mittelzufluß stoppte, die Investoren konnten nicht mehr mit Zinszahlungen bei der Stange gehalten werden. Innerhalb von vier Monaten kollabierten sämtliche Schattenbanken.

Selbstredend wurden die Politiker für das Debakel verantwortlich gemacht. Die Regierung brach fast gleichzeitit auseinander. Soziale Unruhen folgten.

Gemeinsamkeiten mit aktueller Crypto-Currency-Blase

Auch Crypto-Currencies entstanden, weil das traditionelle Bankensystem nicht für die Anforderungen des digitalen Zeitalters gerüstet ist, behaupten die Protagonisten. Allein die Tatsache, dass die Notenbanken seit 2008 erfolglos versuchen, selbst mit Negativzinsen den Finanzierungsbedarf von Unternehmen zu decken, zeigt wie dringend Alternativen hierzu sind. In den Augen der Crypto-Community belegen die steigenden Preise für BitCoin & Co. diese Hypothese.

Skeptiker werfen ein, dass die Mechanismen im Krypto-Universum kaum unterscheidbar sind, von denen vergangener Schneeballsysteme. Solange es gelinge, konstante Mittelzuflüsse zu orchestrieren, würden die Marktpreise dort steigen. In Wahrheit würden aber keinerlei Werte generiert. Wenn alle ihre Coins verkaufen wollten, würde genau der Wert Null übrig bleiben. In Gegensatz zu den oben beschriebenen albanischen Schattenbanken versprechen die Protagonisten der Kryptowährungen nicht einmal Zinsen.

BitCoins teilen wesentliche Eigenschaften der Pyramidenmodelle historischer Spekulationsblasen.

Tatsächlich ist BitCoin mit dem Versprechen angetreten, Geldüberweisungen global zu revolutionieren. Statt dessen wird jede Menge Energie für die fragwürdige Errechnung neuer Coins verschwendet. Überweisungen selbst sind langsamer und kostenintensiver, als im traditionellen Bankenwesen.

Es gibt also gute Gründe, BitCoins mit den Pyramidenmodellen historischer Spekulationsblasen gleichzusetzen. Wie bei dem albanischen Schneeballsystem dient die Fassade ganz wesentlich der organisierten Kriminalität, die die Infrastruktur intensiv für ihre eigenen Zwecke nutzt.

Die langsame Adaption der Institutionen

Wenn ein Marktsegment jährlich zweistellige Renditen offeriert, müssen Vermögensverwalter handeln, egal wie groß die Zweifel sind. Ob es sich um ein gigantisches Schneeballsystem handelt, wird die Zukunft entscheiden. Deshalb stehen die Regulationsorgane weltweit unter enormen Druck, Crypto-Assets für den Kapitalmarkt zu genehmigen.

Bereits seit langem sind Zertifikate auf Crypto-Assets verfügbar. In den USA wurden 2017 BitCoin-Futures aufgelegt. Deren tägliches Handelsvolumen beträgt inzwischen 5 Mrd. $. Wegen des stark gestiegen Preises des Underlyings wurde zuletzt ein Micro-BitCoin-Future aufgelegt, “designed for both institutions and sophisticated, active traders

Eine Konsequenz des erfolgreichen, geregelten Futurehandels: Normale Investmentprodukte sind möglich. Ein liquider Futurehandel ist Voraussetzung für ein effektives Risikomanagement bei Fonds. In Kanada wurden im Februar 2021 ETF’s zugelassen, weil die Fondsgesellschaften die Aufsichtsbehörden überzeugen konnten, dass die Investorengelder unter Beteiligung des Futurehandels sicher seien. Inzwischen konkurrieren in Kanada drei Fondsgesellschaften mit BitCoin-ETF’s um Kundengelder, die physisch BitCoins hinterlegen, sowie weitere, die über den Futuresmarkt synthetische BitCoin-Investments realisieren. Ein weiterer ETF ermöglicht eine Spekulation auf fallende BitCoin-Priese.

In den USA liegen der amerikanischen Finanzaufsicht SEC mehrere (die FT spekuliert: 11) Anträge für Krypto-ETF’s vor. Es wird erwartet, dass die Zulassungen im Sommer erteilt werden – allerdings mit umfangreichen Auflagen.

Die Wirkung auf das Marktsegment Cryptocurrencies ist ambivalent. Einerseits befeuert allein die Zulassung von Retailprodukten den Geldfluß in das CryptoUniversium. Andererseits transformieren die Anforderungen der Zulassungsbehörden die Assets zunehmend zu gewöhnlichen Finanzprodukten, die sich mit traditionellen Methoden bewerten lassen. Klassische CryptoCurrencies verlieren damit wesentliche Aspekte ihrer Daseinsberechtigung. Das gilt insbesondere für BitCoins.

Diese Adaption des Finanzmarktes ist nicht auf die USA beschränkt. In Deutschland können Vermögensverwalter ab August fünf Prozent der Anlagesumme von Kundengeldern in zugelassenen Crypto-Fonds investieren. Die Zulassungen geeigneter Produkte erfolgen zeitgleich.

BitCoin – das schwarze Crypto-Schaf

Im Mai widmete Hieronymus den Umweltaspekten des Betriebs insbesondere von BitCoins einen Schwerpunkt und forderte eine Kohlendioxidabgabe für die Nutzung des Cryptocurrency-Netzwerks.

China hat inzwischen ungeregelte Cryptocurrencies verboten. Coin-Miner mussten schließen.

In den USA passiert das genaue Gegenteil. In Dresden(New York) wurde zunächst ein stillgelegtes Kraftwerk revitalisiert. Staatliche Mittel flossen in die Umrüstung zur Verbrennung von Gas. Der einzige Zweck des neuen Kraftwerks: Bereitstellung von Strom für die Produktion von BitCoins. Der Name des Miners spricht Bände: Greenidge Generation. Man preist sich als umweltfreundliche digitale Zukunft für die ländliche Gegend. Im März 2020 nutze man die Leistung von 14 MH um pro Tag BitCoins im Wert von 50.000 $ zu schürfen (Bloomberg). Man ist konsequent auf einem Wachstumspfad: Bis 2022 wird die Leistung auf 85 MW erhöht. Einzige Begründung für die Expansion: Ausweitung der Kapazitäten zum schürfen von BitCoins. Das (reale) Geld zur Realisierung stammt von den Kapitalmärkten: Allein die Ankündigung einer Fusion mit der an der Nasdaq gelisteten Support.com spült genügend Kapital in die Kassen. Der Aktienkurs ist nach der Ankündigung von 2 auf 5 Dollar gestiegen und notiert aktuell bei 4.30 $.

Anderer Bundesstaat, gleiche Story: Pennsylvania. Der Schauplatz: Stronghold Mining. Der Slogan: “We are Stronghold Digital Mining – the ESG friendly and vertical integrated cryprtocurrency miner.”(Webseite!) Nichts könnte falscher sein. Tatsächlich verbrennt man die Abraumhalten der Kohleminen um damit BitCoins zu schürfen. Dabei wird (neben Staub, Schwermetallen und krebserzeugenden, schwerabbaubaren organischen Substanzen) jede Menge Kohlendioxid freigesetzt (1,2 T/MWh). Zum Vergleich: die Verbrennung von Gas setzt 0,8 Tonnen CO2 pro MWh frei. Die Finanzierung über 105 Mio. $ steht. Pro BitCoin werden 200 Tonnen Kohle verbrannt. Man preist sich selbst als Lösung eines Abfallproblems an. Das Beste zum Schluß: Der (republikanisch geführte) Bundesstaat stuft das Kraftwerk als genauso umweltfreundlich ein, wie ein Wasserkraftwerk. (Trump is alive)!

Grüne Crypto-Investments

Nun – der Spuk könnte schneller vorbei sein, als der BitCoin-Gemeinde lieb. Interessanterweise marginalisieren ausgerechnet neoliberale Marktgesetze das Crypto-Urgestein. Noch im Januar dominierte BitCoin mit 70 Prozent des Marktvolumens das CryptoUniversum. In nur sechs Monaten ist der Anteil auf 40 Prozent gesunken. Der Anteil von Ethereum beträgt gemäß der CME inzwischen 15 Prozent. Ethereum hat angekündigt, den Energieverbrauch für das Mining drastisch zu reduzieren. Zugleich wurde eine weiche Obergrenze für die erzeugten Tokens eingeführt: Ethereum-Tokens »entweichen« auf natürliche Weise aus dem CryptoUniversum. Miner liefern sich ein Wettrennen mit den immer größer werdenden virtuellen Löchern des ebenfalls virtuellen Ethereum-Gasbehälters. Dieser Prozess definiert auf der einen Seite die Betriebskosten des Ethereum-Netzwerks. Er zieht andererseits eine Obergrenze verfügbarer Tokens ein. Damit ist Ethereum eine vollwertige (grüne) Alternative zu BitCoins. Ethereum ist ganz nebenbei auch frei vom Stigma, eine Währung des organisierten Verbrechens zu sein. Es ist primär Treibmittel für BlockChain-Anwendungen und erhebt nicht den Anspruch, Geldtransaktionen revolutionieren zu wollen.
Dies begründet letztlich seine Eignung als Investment,

  • Kommerzielle, rechtssichere BlockChain-Anwendungen profitieren von einer weitverbreiteten, zuverlässigen, nicht-hackbaren Infrastruktur.
  • Für einen profitablen Betrieb ist Kostensicherheit essentiell. Dazu sollte der »Brennstoff«, die Ethereum-Tokens, keine großen Preisschwankungen aufweisen. Hierfür legte Ethereum mit dem Wechsel des Mechanismus der Erzeugung neuer Tokens bereits 2018 die Grundlagen. Erstens wird der Energieverbrauch deutlich reduziert. Zweitens wird eine stabile Versorgung mit Tokens sichergestellt. Auch Quantenrechner können das Netzwerk kaum aushebeln, anders als bei BitCoins.
  • Ethereum empfiehlt sich als Plattform für NFT’s2. Das Potenzial dieses Zukunftsmarkts lässt sich immer noch nicht abschätzen. Ethereum ist der Platzhirsch, der sich immer wieder innovativer Konkurrenz stellen muss und daran selbst zu wachsen vermag (die Existenz eines innovativen Managements unterstellt).

Im Ergebnis ist Ethereum eine Digitale Währung mit einem validen Geschäftsmodell, dass seinen Anwendern einen realen Mehrwert bietet. Der Preis für Ethereum-Tokens ist langfristig strukturell eher mit dem Strom- oder Wasserpreis vergleichbar. Kurzfristig korreliert Ethereum mit dem Hype um Cryptowährungen. Mittelfristig folgt der Preis dem Wachstum der Anwendungen und seiner Attraktivität am Kapitalmarkt.

  1. Der Internationale Währungsfund hat 1999 eine ausgezeichnete Zusammenfassung der Spekulationsblase in Albanien veröffentlicht: https://www.imf.org/external/pubs/ft/wp/1999/wp9998.pdf  2

  2. NFTs sind „Non fungible Tokens“, also so etwas wie nicht-austauschbare Zeichen. Sie könnten zur wesentlichen Form des Eigentums in der digitalen Welt werden: https://www.piqd.de/volkswirtschaft/nfts-neue-form-des-eigentums-in-der-digitalen-welt