Wochenbericht 25

Licht und Schatten

Disruption bewegt Kapitalmärkte wie die reale Lebenswelt. Es sind auch hier die einfachen Dinge, die große Wirkung zeigen. Zum Beispiel die Vorstellung, eines kohlendioxidneutralen Lebens im Hinterland der USA. Der Schlüssel hierfür liegt ausgerechnet in der Konzernpolitik eines US-Autobauers.
Auf den ersten Blick langweilige passive Anlageprodukte sind auf der anderen Seite zentrale Bausteine für selbsternannte Entrepreneure, Risiken bei konservativen Kapitalanlegern abzuladen.

Stuttgart, 26. Juni 2021.

Am letzten Freitag vor dem Monatswechsel Juni/Juli rebalancieren viele ETF’s ihre Depots. Unternehmen, deren Marktbewertung zuletzt überproportional gestiegen ist, werden veräußert, so daß ihre Gewichtung nicht überhand nimmt. Titel, die inzwischen die Aufnahmekriterien erfüllen, werden erworben, andere fliegen aus dem ETF-Depot.

Es ist normal, dass Hedge-Funds diese Marktaktionen antizipieren und hieraus einen Vorteil ziehen. Indexbetreiber schreiben den ETF-Emittenten vor, wie die Assetallocation am Stichtag auszusehen hat. Wie das Rebalancing ausgeführt wird, entscheiden die ETF-Emittenten aber selbst. Je nach Expertise gelingt es, die Depotveränderungen zu mehr oder weniger attraktiven Konditionen zu orchestrieren.

Das ist Business as usual. Ungewöhnlich sind aktuell zwei Entwicklungen.

Der Russell 3000 ist ein sehr breit gestreuter Index mit 3000 US-Unternehmen im Portfolio, insgesamt sind ETF-Anteile im Wert von 9,1 Billionen USD gezeichnet. Das Regelwerk sieht eine Rebalancierung pro Jahr vor. Der Index ist streng marktkapitalisierungsorientiert. Die Marktkapitalisierung am Stichtag entscheidet über die Gewichtung im Index. 2021 ziehen diverse SPAC’s in den Index ein. Darunter auch die Skandalfirmen Canoo, Lordstown Motors und Nikola. Einige Indexneulinge haben kein tragfähiges operatives Geschäftsmodell, sind pure Spekulationsvikikel.1 Im Bericht Nebenwirkungen von ETF-Investments beleuchtete Hieronymus Marktmechanismen, die zu einer allmählichen Konzentration von Risiken bei passiven Anlageformen führen. Die derzeitige Preistreiberei um frisch emittierte SPAC’s in Massen-ETF’s zu schleusen, ist eine weitere Spielart dieses Wirkmechanismus.

Auch die zweite Entwicklung hängt mit dem Auftreten der Reddit-Enthusiasten zusammen, genauer mit der Auswahl ihrer »Targets«. Wieder ist ein breit gestreuter ETF im Spiel. Diesmal der Russell 2000 Value ETF mit einer Auswahl von 1495 US-Unternehmen, die als Value-Titel bezeichnet werden; Unternehmen mit gewachsenen Geschäftsmodellen, zumeist verlässliche Dividendenzahler. Wer diesen ETF erwirbt, möchte Dividenden einnehmen und freut sich, wenn der ETF-Preis stabil ist. Der iShares -ETF weist ein Volumen von 17,5 Mrd. US-Dollar aus.

Zum Monatsende wies BlackRock, Eigentümer der Marke iShares, auf der TOP-10-Liste der investierten Titel ganz oben bekannte Größen der Reddit-Foren aus: GameStop und AMC. Die Preistreiberei im Forum nötigte die automatischen Handelssysteme, die Gewichtung dieser Titel immer weiter zu erhöhen. Die beiden massiv überbewerteten Unternehmen2 machen mehr als 2 % des ETF’s aus. Üblicherweise tragen Einzelunternehmen etwa 0.3 Prozent zum ETF-Depot bei (z.B. Macys, unser Depotwert Brookfied Renewable Corporation oder Goodyear).

Dies wirft Fragen auf, hinsichtlich der Eignung selbst sehr breit gestreuter Aktien-ETF’s für die institutionelle Geldanlage. Auch wegen derartiger Marktverzerrungen werden Forderungen lauter, die kapitalmarktbasierte, private Altersvorsorge über Pensionsfonds mittelfristig auslaufen zu lassen.

Schweinerennen bei E-Autos

Geht es nach den Ankündigungen der großen Automobilhersteller, dann ist die Welt bereits sehr bald mit Gigafactories für die Batterieproduktion zugepflastert. In den USA lautet die Devise: Alle gegen Tesla. Der (ehemalige?) Vorreiter für E-Mobilität hat gerade seine Kooperation mit Panasonic beendet und setzt auf Batterien aus Eigenfertigung. Damit wechselt Tesla endgültig das Lager.

Tatsächlich bilden sich zwei Arten von Automobilherstellern heraus. Die einen, die Karossen zusammensetzen und ihr Logo platzieren und andere, die Batterietechnolgie als Alleinstellungsmerkmal auserkoren haben und in die eigene Wertschöpfung integrieren.

General Motors und Tesla gehören in die zweite Kategorie, neben VW und auch BMW. Ford und Volvo sehen in strategischen Partnerschaften mit Marktführern in der Batteriefertigung ihre Zukunft.
Wieder andere, wie Daimler, Ferrari und Porsche kaufen zu, was sie bekommen können und setzen auf Marketing als Kernkompetenz.

Derzeit haben unter den traditionellen Automarken diejenigen die Nase vorn, die Batterietechnogie im Rahmen strategischer Partnerschaften zukaufen.

Spannend ist die Konzernstrategie des halbstaatlichen chinesischen Geely-Konzerns. Auf der Systemebene liefert er sich einen Wettkampf mit dem ebenfalls halbstaatlichen Volkswagen-Konzern.

Geely ist Großaktionär bei Daimler und sorgt in dieser Rolle für eine Dominanz chinesischer Batterietechnologie in dessen E-Fahrzeugen. Volvo, eine Geely-Eigenmarke, hat andere Möglichkeiten. Ebenso wie Porsche innerhalb des VW-Konzerns seine eigene Batteriestrategie fahren darf (Kooperation mit Varta), kooperiert Volvo exklusiv mit Northvolt.

Das innerschwedische Joint-Venture sieht den Aufbau einer europäischen Fertigungskapazität für 50 GWh/a bis 2026 vor, das entspricht Batterien für 500.000 Fahrzeuge. Bis 2030 soll diese verdreifacht werden. Fertigungsstraßen in den USA und in Asien sollen folgen. Der Zeithorizont entspricht dem von Daimler. Auch hier ist erst ab 2030 eine Massenproduktion geplant. Begründung dort: Wir schlachten nicht ohne Not unsere Cash-Cows.

Ein Grund für die weiterhin nur zaghafte Umstellung auf E-Mobilität ist wohl der erwartete Geldregen aus Brüssel (2,9 Mrd. €). Im Rahmen des Green-Deals soll damit eine heimische Batteriefertigung aufgebaut werden. Nationale Joint-Ventures sind Instrumente, die Fördertöpfe maximal auszuschöpfen. Das passiert gerade in Deutschland, Frankreich, Italien und auch Schweden.

Das mag langfristig erfolgreich sein. Unter »Quick Sell« Gesichtspunkten, die für die aktuelle Preisentwicklung von öffentlich gehandelten Wertpapieren maßgebend sind, hat Ford derzeit die Nase vorn.

Dort setzt man auf eine Kooperation mit LG Chem und SKI und kann jetzt sehr schnell ansprechende Produkte auf den Markt bringen. Die Ankündigung, den F-150, das erfolgreichste Pick-up in den USA unter der Bezeichnung F-150 Lightning als reines E-Mobil aufzulegen, hat die E-Mobilität in tief in die traditionelle USA geführt. Auf einmal wollen nicht nur kalifornische Nerds E-Mobile haben, sondern auch konservative Farmer im mittleren Westen. Die Vorstellung, die Fahrzeuge mit solarer Strom-Eigenproduktion zu betreiben, ist ökologisch und ökonomisch überzeugend. Ford ist damit der erste konventionelle Automobilkonzern, der eine überzeugende Strategie für die elektrische Zukunft vorgelegt hat und seine Bestandskunden an die Marke zu binden versteht.

Abbildung 1: Preisverlauf von Volvo, Ford und Volkswagen im Vergleich (nicht währungsbereinigt)

Die Aktienmärkte honorieren die Konzernpolitik von Ford. Die Aktie bietet sich wegen der hohen Volatilität als Basiswert für Stillhaltergeschäfte an.

Üblicherweise ist die Implizite Volatilität eine Risikokennzahl, schließlich drückt sie aus, wieviel Aufpreis Marktteinmehmer für Absicherungen zu zahlen bereit sind. In diesem Fall könnte sie aber auch das Interesse an spekulativen Positionen in der Aktie ausdrücken, die Hoffnung auf eine kurzfristige Fortsetzung des Aufwärtstrends. Ein Aspekt, der eine Stillhalterposition gerade im implusarmen Sommerhandel noch attraktiver macht.

  1. Die Aufnahme der SPAC’s in die breiten Publikums-ETF’s ist das Grande Finale des Emissionsprozesses. Zu Beginn steht die Idee eines Nerds, viel Geld zu »machen«. Also verspricht unser Protagonist seinen Initialinvestoren, mit dem investierten Geld ein aufstrebendes Unternehmen an die Börse zu führen. Dann orchestriert er zusammen mit Social-Media-Profis eine Kampangne, die das Interesse von Spekulanten weckt. Der Preis der Aktien steigt. Das Ziel: Soviel Marktkapitalisierung, dass das SPAC in divese Indizes aufgenommen wird. Dann geht alles ganz schnell: Die passiven Instrumente rebalancieren planmäßig, das SPAC ist nun im Index und alle passiven Investoren erhalten ihre Zuteilung. In diesem Schritt wandern SPAC-Aktienpakete aus den Depots der Erstinvestoren in die Depots von Retailinvestoren. Die einen haben nun das Geld, die anderen die Risiken. 

  2. Gamestop kostet besipielsweise 32,5 mal soviel, wie der ausgewiesene Buchwert, die Marktkapitalisierung beträgt das 381-fache des Jahresertrags. Immerhin: Gamestop weist Erträge aus. Der Kinobetreiber AMC macht seit Jahren Verluste und wird trotzdem als TOP-2-Position in dem marktbreitesten Value-ETF geführt.