Wochenbericht 23

Große Versprechungen

Die Ankündigungspolitik erlebt in Gestalt des G7-Gipfels einen vorläufigen Höhepunkt. Alle wissen, dass drastische Maßnahmen in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaftsweise erforderlich sind. Niemand traut sich, diese Wahrheiten auszusprechen. In diesen Kanon reihen sich zeitgleich auch die in grauer Vorzeit als Umweltpartei angetretenen bundesdeutschen Grünen ein. Die Kapitalmärkte zelebrieren dies als »Goldilocks Szenario«.

Stuttgart, 12. Juni 2021.
Es wieder mal Gipfel-Zeit. Die Repräsentanten der G7 Staaten lassen nichts unversucht, der Welt ein klares Zeichen zu senden: Die Pandemie ist überwunden und der Westen knüpft nun an die Erfolge der Nachkriegsordnung an. Und siehe da, es gibt sie wieder: Feindbilder mit denen man sich ideologische Grabenkämpfe und technologische Wettrennen liefern kann.

Genauso wie in den 1950er Jahren ist der Westen hoffnungslos überschuldet, während die Gegenseite sich befreit in den Technologiewettkampf begeben kann. Die Ausgangslage ist zumindest für China ungleich besser als vor 70 Jahren. Die 1950er Jahre waren für Aktieninvestoren rückblickend eine profitable Periode. Auch die frühen Nachkriegsjahre waren (in den USA) von finanzieller Repression geprägt.

Abbildung 1: Preisentwicklung des S%P 500 ab 1940

GMO ist für die nächsten 7 Jahre skeptisch

Nicht alle sehen das so. Der Vermögensverwalter GMO beispielsweise hat seine Kunden auf finanziell magere Jahre eingeschworen. Insbesondere für die USA sind die Fondsmanager pessimistisch. Besonders schmerzlich: GMO sagt allen Mischfonds für die nächsten Jahre negative Erträge voraus, das sowohl Aktien als auch Anleihen negative Ergebnisbeiträge liefern. Insbesondere passive Anlageformen sind betroffen, sagt GMO (um im Folgesatz sodann sofort seine eigenen Stockpicking-Kompetenzen herauszustellen).

Abbildung 2: 7-Jahres Prognose der Vermögensverwaltung GMO
Abbildung 3: GMO: Begründung des baerischen Szenarios

Die Fondsmanager vergleichen die Preisentwicklung für Aktien von 1993 bis 2000 mit der seit 2014. Die Entwicklung der Ertragserwartungen (EPS-Forecasts) verläuft ähnlich. Mit der scheinbaren Überwindung der Pandemie erleben wir eine ähnliche Übertreibung, wie 1999.

Nun – so argumentiert GMO – sind die Marktpreise den Ertragserwartungen um ein vielfaches voraus gelaufen. Im Ergebnis haben Aktien auf absehbare Zeit keinerlei Preispotenzial. Fiskalpolitische Maßnahmen können allenfalls eine Wiederholung der Ereignisse der Jahre 2000-3 verhindern. Im Ergebnis legt sich GMO auf stagnierende oder leicht sinkende Notierungen an Aktien- und Rentenmärkten fest.

Flugtaxi SPAC

Vertical Aerospace. Der Name ist Programm. Autonom agierende, elektrisch angetriebene Fluggeräte, die ihre Fahrgäste an jedem Stau vorbei planmäßig an ihr Ziel bringen, sind die Vision.

Im Herbst geht das Unternehmen mit Hilfe eines SPAC’s in New York an die Börse. Der Börsengang soll mehr als 2 Milliarden Dollar in die Unternehmenskassen spülen.

Als Bedingung für den Börsengang hatte das Management 1.000 Vorbestellungen genannt. Diese Meßlatte wurde jetzt erreicht. American Airlines und Virgin Atlantic wollen zusätzliche Premiumdienstleistungen anbieten. Auch die Leasing-Gesellschaft Avolon gehört zu den Erstkunden.

Vertical Aerospace verspricht ein nahezu geräuschloses Flugerlebnis. Der Markt wird – nach TESLA-Manier – ausgehend vom Luxussegment aufgerollt. Die Flugtaxis der der ersten Generation unterscheiden sich kaum von konventionellen Privat-Jets. Es ist eine Kabine für vier Fahrgäste und einem Pilot vorgesehen. Die Zulassung für den konventionellen Betrieb wird für 2024 anvisiert.

Dieses Projekt wird als Vorzeigekandidat für einen CO2-freien Luftverkehr gehandelt.

Inflation und Hausse am Rentenmarkt

Am Donnerstag wurden in den USA aktuelle Inflationsraten veröffentlicht. Auf Jahressicht wurde eine Inflation von fünf Prozent attestiert. Das ist der größte Anstieg seit 13 Jahren.

Abbildung 4: Inflationsrate in den USA (YOY)

Die Betrachtung auf monatlicher Basis zeigt mit aktuell 0,6 % weiterhin einen hochen Inlfationsdruck.

Abbildung 5: Inflationsrate in den USA (mOm)

Man beachte den Anstieg der Inflation in 2000 und 2007 unmittelbar vor den massiven Abverkäufen am Aktienmarkt.

Christine Lagarde, die Vorsitzende der EZB, äußerte sich am Donnerstag zu der Inflation in Europa: Auch in der Eurozone steigen die Preise weiter. Im Mai war die Inflation erstmals auf zwei Prozent geklettert. Die EZB denkt jedoch nach Lagarde’s Worten gar nicht daran, die Geldpolitik zu straffen. Im Gegenteil: Bis März 2022 hat die EZB geplant, für 1,85 Billionen Euro Anleihen aufzukaufen. Bislang wurden erst 700 Milliarden Euro hierfür aufgewandt. Deshalb versprach Lagarde, das Volumen der Anleihekäufe bis zum Jahresende sogar noch auszuweiten.

Abbildung 6: Preisverlauf des Bund-Futures

Damit hat Lagarde den Ausverkauf bei europäischen Staatsanleihen wirkungsvoll beendet. Nachdem der Bund-Future seit Januar um 7 Punkte nachgegeben hatte, stieg er innerhalb der vergangenen beiden Wochen bereits wieder um drei Punkte. Der Trendwechsel fällt zusammen mit dem Juni-Verfall von Renten-Optionen und -Futures.

Die EZB orchestriert eine weitere Runde Finanzieller Repression. Inflationsraten über zwei Prozent werden toleriert. Positive Renditen für sichere Staatsanleihen aber nicht.

Die Kehrseite der Medaille: Mangels Alternativen steigen die Preise für Aktien weiter. Immer mehr Menschen werden in risikobehaftete Assets gelockt. Allein dies macht den Markt anfällig für Korrekturen.

Abbildung 7: Preisverlauf des Dax in den vergangenen 6 Monaten

Im impulsarmen Sommerhandel kletterten die Notierungen in Europa und den USA. In Deutschland wurde die Trading-Range seit März (15.000 bis 15500) überschritten.

Am 18. Juni verfallen Optionen und Futures (Hexensabbat). Der Verfallstag prolongiert manchmal bestehende Trends. Mangels Alternativen kann aktuell aber eine weitere Verlängerung des Aufwärtstrends über den Sommer nicht mehr ausgeschlossen werden.

Goldener Geier für RWE

Die Deutsche Umwelthilfe verleiht jährlich eine besondere Trophere an das Unternehmen, das der dreistesten Umweltlüge überführt wurde. Dieses Jahr geht der Goldene Geier an RWE. In der Begründung heißt es:

Mit grünen Slogans wirbt RWE fürs eigene Unternehmen. Der Realitätscheck zeigt aber: RWE ist einer der größten CO2-Verursacher Europas. Der Konzern wehrt sich zudem massiv gegen den Kohleausstieg vor 2038. Schlimmer noch: Weiterhin werden ganze Dörfer für den Tagebau umgesiedelt. Gleichzeitig verklagt RWE die Niederlande, die richtigerweise einen Kohleausstieg für das Jahr 2030 beschlossen haben. RWE passt das überhaupt nicht, denn fast 80 % erwirtschaftet RWE über Erdgas und Kohle. Der Anteil der Erneuerbaren Energien macht hingegen nur etwa 20 % der Stromerzeugung aus. Damit heizt RWE das Klima weiter an.

Anstatt die Sparte der Erneuerbaren Energien in der angemessenen Geschwindigkeit auszuweiten, stürzt sich RWE ins Erdgasgeschäft und ermöglicht den Bau des LNG-Terminals in Brunsbüttel, indem es einen erheblichen Teil des dort importierten Flüssigerdgases abnehmen möchte. Damit stützt RWE den Markt für massiv hochgradig klimaschädliches Frackinggas in den USA.

Auch die Kapitalseite scheint die Botschaft verstanden zu haben. Der Aktienpreis stagniert seit einem Jahr. zuletzt hat sich sogar ein leichter Abwärtstrend eingestellt. Immer weniger Investoren lassen sich durch plumpes Marketing überzeugen.

Abbildung 8: Preisverlauf der RWE