Wochenbericht 22

Neue Automobile Dienstleistungen

In den sozialen Medien dient die Tankstelle inzwischen als Sinnbild der Dienstleistungskultur des 20. Jahrhunderts. Während der Pandemie flossen trotzdem mehr Subventionen in fossile Energien, als in nachhaltige Projekte. Gelder, die unwiderruflich vernichtet sind. Die Kapitalmärkte wetten statt dessen auf Zukunft. Gefragt sind Konzepte für Dienstleistungen während der unabwendbaren Ladepausen der Automobilisten des 21. Jahrhunderts.

Stuttgart, 5. Juni 2021.

Wer erinnert sich noch an die drängenden Appelle der bundesdeutschen Automobilindustrie, im Zenit der Pandemie die Abwrackprämie neu aufzulegen? Selbst ein grüner Ministerpräsident konnte dem Reflex angesichts üppiger Ausgabebereitschaft des Staats nicht widerstehen.

Nun – diese Fehlentwicklung konnte erfreulicherweise gestoppt werden. Sonst wurden unter dem Deckmantel der Pandemiebekämpfung jedoch die umfangreichsten Subventionen der Moderne mit der sprichwörtlichen Gießkanne verteilt. Der australische ThinkTank Tearfund Consortium hat eine Untersuchung vorgelegt nach der mehr Geld in fossile Energieformen geflossen ist, als in nachhaltige Projekte.

Between January 2020 and March 2021, G7 nations committed more than US$189 billion to support coal, oil and gas, while clean forms of energy received only $147 billion. In other words, fossil fuels received more than half of the total support to energy-intensive sectors. These investments – including the many direct support measures and environmental deregulations adopted in favour of the fossil fuel industry – are inconsistent with the steep decline in emissions needed to limit global warming to 1.5°C and with G7 countries’ own net-zero targets.

Damit wurde leichtfertig die einmalige Chance verspielt, mit einem »Bumps« (Vokabular des derzeitigen Vizekanzlers) die Welt nachhaltig aufzustellen. Nur Japan hat diese Chance genutzt. Dort sind über 90 Prozent der bereitgestellten Mittel in zukunftsfähige Projekte geflossen. Schlußlichter sind die USA und UK.

Abbildung 1: Verwendung öffentlicher Mittel zur Pandemiebekämpfung

Die Gelder wurden überwiegend eingesetzt, den Status Quo zu bewahren. Mit der ökonomischen Brille betrachtet, hat man viel Geld in gegenwärtig wenig profitable Projekt gesteckt, die zudem keine Zukunftsperspektive haben. Zukünftig möglicherweise hochprofitable Investitionen hat man dem Kapitalmarkt überlassen. Die Konsequenz: Nachhaltige Projekte müssen immer noch Zinsaufschläge bezahlen während fossile Geschäftsmodelle der Vergangenheit sich weiterhin zu Vorzugskonditionen finanzieren können.

Das Engagement von Engine No. 1 bei Exxon Mobile (Wochenbericht: Disruption überall) ist eine Konsequenz dieser Entwicklung: Ein aktivistischer Hedge-Fund zieht sich ein grünes Mäntelchen über und nutzt die nicht zeitgemäßen Finanzierungskonditionen der Energiebranche als Renditequelle.

US-Autofahrer wetten auf Benzin

In Europa und weiten Teilen Asiens setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Zeit für Benzinkutschen abgelaufen ist. Die Automobilhersteller planen keine Neuentwicklungen mehr. Hype sind E-Mobile. Nicht Tesla’s sind die Hingucker, vielmehr ernten BMW, VW, Porsche und ganz selten sogar Mercedes Mobile die Aufmerksamkeit. Zugepitzt formuliert: Wer sich ein konventionell angetriebenes Auto zulegt, outet sich in Deutschland als AFD-Sympathisant, in Frankreich als Unterstützer von LePen und in den USA als Trumpist.

Auch ökonomisch spricht alles gegen den Kauf eines Benzin- oder Diesel-Automobils. In spätestens neun Jahren laufen die letzten Benziner vom Band, die Infrastruktur für den Betrieb dieser Gattung ist mangels Neuinvestitionen bereits im Niedergang (siehe Titelbild). Und nun dies:

In den USA erzielen benzingetriebene Jahreswagen Rekordpreise

Abbildung 2: Preisentwicklung für Gebrauchtwagen in den USA

Dabei ist die Preissensitivität gegenüber disruptiven Veränderungen gerade bei Jahreswagen besonders hoch. Wenn ein US-Amerikaner heute ein maximal bepreistes Gebrauchtfahrzweug kauft, wettet er auch gegen eine Elektrifizierung des US-Automobilmarktes.

Auf der anderen Seite sind genau diese Zeichen unverkennbar. Zwei Ikonen des rückwärtsgerichteten Trumpismus haben fundamentale Veränderungen angekündigt

  • Harley Davidson wird die Produktion von lauten Motorräder auslaufen lassen, will zum zweirädigen Tesla werden.
  • Ford hat eine E-Version des F-150 PickUp vorgestellt, dem meist verkauften Auto in den USA. Unmittelbar nach der Ankündigung lagen bereits 70.000 Vorbestellungen vor.
  • Für 2030 plant Ford ferner auf globaler Ebene einen Umsatzanteil von 40 Prozent für E-Autos. In Europa endet dann der Verkauf von Benzin-PKW der Marke Ford.

In den USA überlappen sich zwei Entwicklungen: Auf der einen Seite lösen kauffreudige Konsumenten ihre Corona-Cheques bei den Gebrauchtwagenhändlern gegen einen beliebigen fahrbaren Untersatz ein. Die Automobilkonzerne haben auf der anderen Seite ihre Strategie auf die post-fossile Zeit angepasst. Sie melken ihre Cash-Cows so lange es geht. Ihnen kommt das unverhoffte Grundeinkommen der US-Amerikaner während der Pandemie wie gerufen. Hohe Preise am Gebrauchtwagenmarkt sind Balsam für die Deckungsbeiträge der Auslaufmodelle. Zumindest in den USA gab es also über Umwege doch eine Abwrackprämie.

Automobile Zukunft

Wer in Deutschland mit dem PKW durch die Republik reist und hin und wieder an Raststätten halt macht, sieht überall auch Schnellladestationen für Tesla und andere E-Autos. Tank und Rast, der ehemals staatliche Betreiber der meisten Raststätten hierzulande, hat bereits früh einen Vertrag mit Tesla geschlossen. Seitdem können Tesla-Fahrer entspannt durch die Republik brausen.

Für Deutschland sieht eine Gesetzesvorlage die Errichtung von Schnellladesäulen an Autobahnen etwa alle 30 Kilometer eine Schnelllademöglichkeit vor. Eine ähnliche Infrastruktur ist in ganz Europa im Aufbau.

Das große Rennen um lukrative Dienstleistungen rund um die Ladesäulen ist bereits im vollem Gange. Einige Einkaufszentren sind schon vorgeprescht und haben spezielle E-Ladebereiche eingerichtet. Mangels schlüssigem Dienstleistungskonzept, fristen diese Bereich jedoch ein Schattendasein. Gleiches gilt (noch) für die Ladebereiche der Energieversorger.

Fastned, der holländische Betreiber von Autobahnraststätten, möchte alle Autobahnparkplätze mit Ladesäulen und Kiosken ausrüsten. Man plant einen Ladeservice für die Massen. Mc Donalds hat ähnliche Ambitionen.

Auch im Premium-Segment tut sich was. Tesla verkündete letzte Woche, eine mondäne Fast-Food-Kette speziell für Tesla-Fahrer gründen zu wollen. Dort können die Nutzer ihre Edel-Limousinen stilgerecht laden und sich die Zeit in einer Lounge-Umgebung vertreiben. Getränke sind inklusive, dafür ist der Strom etwas teurer.

Der aktuelle Tankstellenmarkt wird bereits unter den neuen Playern aufgeteilt. Auto – so wie wir es kennen – is over!

Bundesfinanzhof klagt gegen Verlustverrechnungspraxis der Finanzämter

Der Bundesfinanzhof hält einen Teilaspekt der Aktienbesteuerung in Deutschland für verfassungswidrig. Deswegen hat das höchste deutsche Finanzgericht nun einen Streitfall dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe vorgelegt.

Wer Aktien, Optionen oder Futures mit Verlust verkauft, kann diesen Verlust nur sehr eingeschränkt verrechnen, und zwar mit Gewinnen aus der gleichen Gattung. Nicht möglich ist die Verrechnung mit sonstigen Kapitaleinkünften.

Der Bundesfinanzhof hält diese Beschränkung der Verrechnungsmöglichkeiten für einen verfassungswidrigen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz. Nach Auffassung des Bundesfinanzhofs gibt es keinen Grund, Steuerzahler bei der Verrechnung von Verlusten aus Geldgeschäften unterschiedlich zu behandeln – je nachdem, ob die Verluste bei Aktiengeschäften oder anderen Kapitalanlagen anfallen.

Diese Klage hat direkte Auswirkungen auf die gerade eingeführte unterjährige Begrenzung der Verrechnung von Verlusten aus Werpapierveräußerungen, gegen die bereits eine Klage vor dem Verfassungsgericht anhängig ist.

Die Klagen könnten zum Sargnagel der Abgeltungssteuer werden. Die Begrenzung der Verlustverrechnung war der Formelkompromiss, der die Abschaffung der Besteuerung nach dem persönlichen Steuersatz erst ermöglichte. SPD, Linken und Grünen ging das immer zu weit. Eine grundlegende Reform der Besteuerung von Kapitalerträgen wird immer wahrscheinlicher.

Anders als bei der Unternehmensbesteuerung gibt es keine internationalen Bestrebungen nach einer Vereinheitlichung der Kapitalbesteuerung.