Wochenbericht 20

Der Sommer der Preis-Tops

Fast hat es den Anschein, die Marktteilnehmer seien der Spekulation überdrüssig, Seit Wochen treten die Aktienindizes auf der Stelle, lassen bei hoher Volatilität hin und wieder heiße Luft ab. Excitement findet in Nischenmärkten statt, wie Cryptocurrencies oder Rohstoffen. Und selbst hier deutet vieles auf schwache Fundemente anstatt dynamischer Preisentwicklung.

Stuttgart, 22. Mai 2021.

Die Vorbereitungskonferenz für den Klimagipfel in Glasgow hat begonnen. Dem einst so zahnlosen Tiger sind nun offenbar erste Zähnchen gewachsen: Zuerst verkündet die Internationale Energie Agentur (IEA), eine machtvolle Lobbyorganisation der Energiebranche, dass eigentlich ab sofort keine Exploration neuer fossiler Energieressourcen stattfinden darf. Statt dessen müssen jährlich 5 Billionen US-Dollar in nachhaltige Projekte investiert werden. Das hat in etwa die gleiche Sprengkraft, wie eine Forderung des deutschen Bauernverbands zur Einstellung der Massentierhaltung und einem Aufruf, anstatt auf Fleischwirtschaft zukünftig massiv auf nachhaltige Landwirtschaft zu setzen.

Am Freitag folgten die Außenminister der G7-Staaten. Sie bekennen sich wortreich zu einen Stop der Subventionen für die Erschließung neuer Kohleabbaugebiete. Wenig überraschend verwässern sie die IEA-Vorschläge. Die »Entwicklung« bereits geöffneter Abbaugebiete wird (selbstverständlich) weiter gefördert, genauso die Exploration von Gas- und Ölfeldern. Auch die kanadischen Ölsande werden weiter abgebaut. Ein Micro-Ausstieg ab 2022.

Dies zeigt, wie mühsam der Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter tatsächlich ist, wie man auf globaler Ebene selbst infinitesimale Schritte feiern muss.

In der vergangenen Woche haben Investoren genau dies getan. Börsennotierte Unternehmen mit Bezug zu erneuerbaren Energien wurden wieder wertvoller. Brookfield Renewable Corp. hat beispielsweise unter hohem Volumen einen Preisboden ausgebildet. Dieses Investment mausert sich still und heimlich zu einem Dividendenwert, dies nur am Rande.

Prägnanter war allerdings die Preisentwicklung fossiler Rohstoffe. Seit Anfang Mai ist der Preis für Kohle an den Futures-Börsen beispielsweise um 15 Prozent gestiegen (von 89 auf 102.5 $/Tonne), in der Berichtswoche allein im 7 Prozent.

Abbildung 1: Preisverlauf des US-Kohle-Future (endlos-Kontrakt)

Man könnte diese Entwicklung leichtfertig als Spinnerei eingefleischter Rohstoffspekulanten abtun. Wenn dahinter keine Logik stecken würde.

Diese erschließt sich bei einem Blick auf den Ölsektor. Der Ölpreis steigt gerade synchron mit dem des Kohle-Futures. Die Marktbewertung von Öl-Förderern divergiert dagegen markant.
Finanzmarktteilnehmer antizipieren durchaus politischen Gegenwind für Unternehmen der (fossilen) Energiebranche. Deren Profitabilität dürfte sinken. Das bedeutet aber nicht, dass die Nachfrage auch sinken muss. Das gleiche gilt für CO2-Emissionen.

Die Preisbildung an den Finanzmärkten präferiert folgendes Verlaufszenario:

  • Die Finanzierung von Erschließungen fossiler Energieträger wird erschwert. Steigende Marktzinsen stehen einer wirtschaftlichen Projektentwicklung im Bereich der Exploration entgegen.
  • Bestehende Projekte werden weitergeführt. Deren Wirtschaftlichkeit wird mangels Konkurrenz durch neue Vorhaben sogar noch verbessert.
  • Der Preis für Energierohstoffe/CO2 steigt, ohne dass es zu einem Nachfrageeinbruch kommt. Das ist kohärent mit einer bevorstehenden Inflationsphase.
  • Parallel hierzu werden klimafreundliche Anwendungen ausgeweitet. Der Finanzmarkt ist interessiert, weil dort staatlich garantierte Erträge winken.

In der vergangenen Woche ging die Debatte um die Nachhaltigkeit der Inflationserwartungen munter weiter. Die wöchentliche Befragung von Marktteilnehmern durch die Bank of America zeigte das aktuelle Ausmaß der Erwartungskomponente für Inflation.

Abbildung 1: Erwartungskomponente Inflation

Die absolute Höhe ist bereits ein Kontraindikator. Andererseits bilden die Inflationserwartungen ein derart markantes TOP, dass der Trend von niemanden bezweifelt werden kann.

Die vorerst letzte Hiobsbotschaft kommt von der Philly FED, die monatlich die Einkaufspreise in Corporate USA abfragt. Das Ergebnis der jüngsten Befragung ist alarmierend. Die Einkaufspreise steigen so schnell, wie zuletzt in Zeiten hoher Inflationsraten.

Abbildung 2: Einkaufspreise USA

Coinbase IPO als Wendepunkt der Crypto-Manie?

Seit etwa einem Monat ist die Crypto-Handelsplattform Coinbase börsennotiert. Am ersten Handelstag kostete eine Aktie bis zu 380 $. Zum Wochenschluß notierte der Wert bei 225 $, ein Preisabschlag von 40 Prozent. BitCoin kosteten vor einem Monat über 60.000 $. Aktuell (22.5.) kostet ein BitCoin zwischen 36.000 und 38.500 $, entsprechend einem Abschlag von ca. 30 Prozent. Im Wochenverlauf schwankte BitCoin zwischen 49.200 und 33.900 $. Eine solch extreme Volatilität ist typisch für einen nachhaltigen Abverkauf nach einer Top-Bildung. Genauso wie die zahllosen Versuche einer rationalen Erklärung.

Abbildung 3: Entwicklung des Paares Etherium/USD

Deutlicher als bei BitCoin ist die Top-Bildung bei Etherium, eine BlockChain-Währung mit einer interessanten öffentlichen API, auf der Blockchain-Anwendungen mit realem Mehrwert basieren. Rational betrachtet, ist Etherium eine werthaltige BlockChain-Entwicklung, die sich weniger volatiler verhalten sollte, als das Spekulationsobjekt BitCoin. Das Gegenteil ist aber der Fall. Bei Etherium ist der charttechnische Aufwärtstrend seit dem Jahresbeginn bereits klar gebrochen.

Was hat das mit Coinbase zu tun?

Nun – ob Zufall oder nicht – es gibt ein Muster für IPO’s: Immer wenn diese gehäuft auftreten, ist eine Top-Bildung im entsprechenden Marktsegment zu diskutieren. Regelmäßig gibt es einen großen Börsengang, der rückblickend den Wendepunkt in der Preisentwicklung markiert.

2007 ging beispielsweise Blackrock an die Börse – immerhin der global größte Vermögensverwalter. Das hat nichts genützt: Kurz nach dem (erfolgreichen) IPO erodierte das Vertrauen zu Banken: Die Finanzkrise begann. Es dauerte 6 Jahre, bis sich die Notierungen wieder erholt hatten. Die von Blackrock eingeschlossen.

2011 ging Glencore an die Börse. Glencore ist der weltgrößte Metallhändler. Unmittelbar nach dem Börsengang begannen die Metallpreise zu fallen, genauso wie der Aktienpreis von Glencore. Der Trend setzte sich bis 2016 fort.

Der Börsengang der Deutschen Post (dritte Tranche) markierte rückblickend das TOP der DOT.Com-Blase.

Erfolgreiche Emissionen von Aktien bis dato ungelisteter Marktführer sind folglich gefährlich. Dies sind Momente, wo der Kapitaltransfer von Retail-Investoren zu Entrepreneuren ein Maximum ausbildet. Ein Markttop ist sehr häufig der Zeitpunkt, wo sich ein Maximum unerfahrener Anleger in einem für sie nicht geeignetem Segment tummelt.

Dies ist aktuell definitiv bei BitCoins der Fall. Kaum ein Börsenbrief, der angesichts traumhafter (oder traumatischer?) Gewinne seine Leser nicht in Cryptowährungen hineinzieht und ihnen genau zum ungünstigsten Zeitpunkt überhaupt ein Investment nahelegt. Auch dies gehört zur Topbildung: Zu Beginn des Trendwechsels ist die Stimmung unter den Anlegern exzellent. Jeder Abverkauf wird – befeuert von der Sell-Side – als grandiose Einstiegsgelegenhet begriffen. Zahllos sind aktuell entsprechende Twitter-Kommentare. Erstaunlich ist, dass sich diese Muster trotz zahlreicher historischer Vorbilder immer wieder einstellen.