Digitale Zukunft

Ethereum

Nach BitCoin ist Ethereum die zweitgrößte Kryptowährung. Der wichtigste Unterschied: Die Blockchain kann CO2-neutral betrieben werden. Tatsächlich ist dieses Kryptoprojekt der Dreh und Angelpunkt für das dezentrale Web 3.0, dessen Ausbruch aus dem Nischendasein wir gerade beiwohnen.


In dieser Artikelserie stellt Hieronymus die Basics des Krypto-Marktsegments vor.

Im Herbst 2021 schickt sich die Ethereum Stiftung an, die zweitgrößte Krypto­währung umfeltfreundlich und zukunftsfähig zu machen.1 Bis dato unterscheidet sich Ethereum von BitCoin hauptsächlich in der Fähigkeit, Programme (Smart Contracts) auf der Blockchain auszuführen.2 Ethererum 1.0 verwendet die energieintensive Proof of Work Validierung und kann 30 Transaktionen pro Sekunde (2,7 Mio Transaktionen pro Tag) ausführen. Ethereum 2.0 verspricht Umweltfreundlichkeit und bis zu 100.000 Transaktionen pro Sekunde.

Non Fungible Tokens (NFT) und
Decentralized Autonomous Organisations (DAO)
werden in eigenen Beiträgen behandelt.

Genese und ICO-Boom

Wir schreiben das Jahr 2015. Die Schweiz mischt ganz vorn mit im libertären Krypto­trend. Man ist stolz auf sein »Krypto-Valley«. Dort, im beschaulichen Zug, hat die gemeinnützige Ethereum Stiftung ihre Zelte aufgeschlagen. Am 30. Juli wird das »Ethereum Main Net« in Betrieb genommen.

Heute wird die Blockchain in den USA weiterentwickelt. Die Roadmap für die Transition zu Ethereum 2 wurde im Frühjahr 2019 in Denver im Beisein der Gouverneure Colorados und Wyomings vorgestellt3. Dort ist man sich der strategischen Bedeutung dieser Technologie sehr wohl bewußt.

»Initial Coin Offerings«(ICO) sind die eigentliche Errungenschaft dieser Blockchain: Projekte, die vollständig im Krypto-Universum existieren. Wenig überraschend finanzierte sich Ethereum selbst durch ein ICO. Hierfür wurde 2013 das Projekt MasterCoin aufgelegt.4 Master­Coin war eine Adresse auf der BitCoin-Blockchain, auf die man BitCoins einzahlen konnte. Im Gegenzug erhielt man »MasterCoins«. Exakt 5.120 BitCoin wurden eingezahlt (ca. 500.000 $). Zwei Jahre später nutzte die Ethereum Stiftung dieses Projekt für das eigentliche ICO.

Interessenten überwiesen BitCoin auf eine MasterCoin-Adresse. Diesmal erhielten sie Ether zurück, so werden die Coins der Ethereum-Blockchain bezeichnet. Damit konnten sie fortan Transaktionen auf der Blockchain bezahlen. Im ICO-Prozess wurden 50 Millionen Ether geschaffen ( Wert: 17,3 Mio $) .5

Warum beschreiben wir diesen Prozess so ausführlich? Nun die Gemeinsamkeiten zwischen einem IPO und einem ICO sind verblüffend, insbesondere wenn man die Praxis aktueller SPAC-Emissionen betrachtet (siehe Wochenbericht 14/21 Peak SPAC).

Ein IPO emittiert öffentlich handelbare Aktien,
ein ICO öffentlich handelbare Kryptomünzen.

Im Sommer 2015 existierte die Ethereum-Blockchain. 50 Mio. Ether-Coins warteten darauf, für Transaktionen auf der Blockchain ausgegeben zu werden.

Rückblickend ist es wenig überraschend, dass die damaligem Nutzer zunächst versuchten, die Technologie zu monetisieren. Entrepreneure entdeckten das Potenzial von ICO’s: Ein Smart-Contract auf der Ethereum-Blockchain kann vage Angaben über eine geplante Softwareanwendung enthalten und ein Versprechen, diese in der Zukunft umzusetzen. Auf die Adresse dieses Contracts können Investoren Ether einzahlen. Im Gegenzug enthalten sie Projekt-Coins. Diese sind die Währung des Projekts und entsprechen Aktien, die nach einem IPO ins Depot gebucht werden.

Aus der Sicht der Entrepreneure sind ICO’s eine praktische Angelegenheit. Abseits jeglicher Regulierung kann auf globaler Ebene Geld von Investoren eingeworben werden. Die Quelle des eingenommen Geldes ist unbekannt und es gibt abseits der Angaben im Smart-Contract keine Verpflichtungen.

Zunächst eine leere Hülle

Was macht Mensch mit dem Werkzeug Blockchain, das Unmengen Energie und Speicherplatz benötigt und keinen Nutzen hat, außer Geld für mannigfaltige Projekte einzusammeln, die sich zu einem Gutteil als reine Luftnummern herausstellen werden? Warum soll jemand FIAT-Geld, mit dem man reale Dinge erwerben kann, in Kryptowährungen umtauschen, die extrem volatil sind und wo die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass am Ende des Tages sich ein anderer Spekulant die Taschen vollstopft?

Diese und andere Vorbehalte prägten und prägen das Marktsegment »Krypto« seit dem Beginn.

Tatsächlich dreht sich ein Großteil des Handels mit Ethereum um Spekulation. Dennoch muss Hieronymus anerkennen, dass die anfangs leere Hülle inzwischen von mannigfachen Projekten bevölkert wird, die in der Summe einen gesellschaftlichen Mehrwert erzeugen. Der Preisverlauf von Ether/US-Dollar kann nicht mehr als sinnfreie Spekulation ignoriert werden. Der längerfristige Trend ist inzwischen ein Gradmesser für die Dynamik der globalen Digitalisierung. Ethereum ist vor diesem Hintergrund auf Eignung für seriöse Investments zu prüfen.

Abbildung 1: Preisverlauf Ether/USD während des ICO-Booms 2017/18

Der Weg zur nachhaltigen Kryptowährung

Als der ICO-Boom im Frühjahr 2018 abebbte, hatte sich der Wert eines Ether-Coins von 250 auf 1.300 $ verfünffach. Im Grunde verstand niemand ( Hieronymus eingeschlossen), was hinter den spekakulären Preisveränderungen stand. Die meisten tippten (zu Recht) auf eine Spekulationsblase.

Tatsächlich setzte eine Konsolidierung ein, die bis zum Herbst 2020 andauerte. Mit dem erfolgreichen ersten Hard-Forks1 zur Migration zu Ethereum 2.0 begann ein neuer Trend.

Abbildung 2: Preisverlauf Ether/USD im Prozess der Migration zu Ethereum 2.0

Im Jahr 2021 konnte Ethereum sich endgültig aus dem Schatten von BitCoin befreien. Zwar korrelieren beide Kryptowährungen weiterhin, auch sind die Schwankungen unverändert hoch, dennoch zeigt der Chart ab Dezember 2020 einen ausgeprägten relativen Wertverfall für BitCoin. Benötigte man zum Jahreswechsel 2020/21 noch 40 Ether-Coins für den Tausch in einen BitCoin, genügen hierfür im Sommer 2021 bereits 15 Ether-Coins.

Abbildung 3: Wechselkurs des Paares BitCoin / Ether

Die Relation der beiden Kryptowährungen ist seit Juni 2021 wieder stabil. Die positiven Implikationen der Migration von Ethereum zur Proof of Stake Validierung scheinen eingepreist zu sein.

Zukunft der AltCoins

Zum Jahreswechsel wird der finale Übergang zu Ethereum 2.0 erwartet. Dann implementiert die Blockchain viele Features, die derzeit Alleinstellungsmerkmal moderner Währungen (AltCoins) wie Solana, Avalanche oder TRON sind. Die dort gelaunchten Projekte sind größtenteils mit nur geringen Modifikationen auch auf Ethereum lauffähig. Man darf gespannt sein, welche Anwendungen sich gegenseitig kannibalisieren und welche AltCoins weiterhin prosperieren.

Ethereum erhebt gemäß dem Whitepapers nur den Anspruch, eine Infrastruktur für weitere Blockchainprotokolle bereitzustellen, die ihrerseits Lösungen für relevante Aufgaben sind. In diesem Kontext ist die Solana-Blockchain eine Lösung für zeitkritische Anwendungen, TRON ein dezentrales Filesystem und Avalanche über seine erweiterten Sicherheitsfeatures prädestiniert für dezentrale Finanzdienstleistungen. Vielen Anwendungen dürften jedoch zukünftig die Leistungsmerkmale der Ethereum-Block­chain völlig genügen. Eine Konsolidierung unter ethereumkompatiblen Blockchainprojekten ist wahrscheinlich.

Digitales Gold oder digitale Ausgabe des Finanzwesens

Im Wochenbericht 31/21 (7. August 2021) stellte Hieronymus die These auf, dass Ethereum zur digitalen Reservewährung werden könnte, falls der US-Dollar diese Rolle nicht mehr einnehmen kann. Voraussetzung wäre eine unkontrollierte Inflation oder eine überbordende Finanzielle Repression. In diesem Fall würden die Marktteilnehmer eine staatlich nicht kontrollierbare Währung als Wertspeicher benutzen, wie in der Vergangenheit das Gold. Im September 2021 publizierte Cathie Wood (Ark Investments) ein Video, in dem sie dieses Argument aufgriff und als wesentliches Entscheidungskriterium für den Positionsaufbau im Ark Innovation ETF bezeichnete.

Diese Auffassung trifft in traditionellen Zirkeln auf Widerspruch. Gold korrodiert nicht, ist schwer zu finden und – falls vorhanden – nur mit hohem Aufwand aus der Erde zu bergen. Der Vorrat ist endlich und die Exploration wird stetig aufwendiger. Vorallem: Es ist statisch, wird in Form von Schmuck und Geldmünzen bzw Barren zum Wertspeicher. Ethereum hingegen lebt und prosperiert, weil sehr viele Transaktionen durchgeführt werden, viele ICO’s stattfinden und die Projekte anschließend gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Ethereum sei besser als digitale Ausgabe des Bankenwesens zu betrachten, meinen denn auch die Analysten von Standard Chartered in ihrem Ethereum Investor Guide6. Danach ist Ethereum die Summe aller digitalen Finanzdienstleistungen, also ein Krypto-Banken-Index.

Abschließende Worte zu BitCoin

Für Standard Chartered ist BitCoin digitales Gold. Die Kryptowährung zelebriert das Konzept der Digitalen Knappheit. Das wird durch eine stetige Erhöhung des Schwierigkeitsgrads der Aufgaben erreicht, die für die Erzeugung neuer Blöcke zu lösen sind. Für Krypto-Evangelisten ist dies der heilige Gral, das Alleinstellungsmerkmal der Währung. Für den Betrieb allein der BitCoin-Blockchain werden ca. 100 Terrawattstunden pro Jahr (0,36 % des globalen Energieverbrauchs) verschwendet. Das ist mit einer CO2-freien Wirtschaft nicht vereinbar. Deshalb bezeichnet Hieronymus BitCoin als fossile Krypto-Währung. Mit anderen Worten: ein Auslaufmodell.

Auch wenn alle Versuche, zukünftige Preise von Kryptowährungen zu prognostizieren im höchsten Grad unseriös sind, gelten doch die üblichen Gesetze der Finanzmärkte. Mit diesem Background positionierte sich Standard Chartered mit seinen beiden Reports zu Ethereum und BitCoin. Für Ethereum zeichnen die Analysten ein optimistisches Bild. Sehr überraschend zieht das im Sommer 2021 neu aufgestellte Krypto-Team für BitCoin eine langfristige Preisobergrenze bei 50.000 $.6 Dieses Preisniveau wurde im Frühjahr 2021 kurzzeitig erreicht.

(Letztes Update: 6. Oktober 2021)

  1. Die Migration der Blockchain von der energieintensiven Proof-of-Work zur nachhaltigen Proof-of-Stake Validierung erfolgt über Hard-Forks. Dabei werden die Regeln zur Erzeugung und Validierung von Blöcken verändert, es werden Sicherheitsupdates und Anpassungen für Smart-Contracts eingespielt. Im April 2021 wurde der Berlin-Hard-Fork aktiviert, Im August führte der London-Hard-Fork eine Anpassung der Berechnung der Transaktions-Fees auf der Blockchain ein. Gleichzeitig wurde der Übergang zur Proof-of-Stake-Validierung auf Dezember 2021 vorgezogen. Eine gute Zusammenfassung liefert XORD  2

  2. Die BitCoin-Blockchain ist als Peer-to-Peer Zahlungssystem konzipiert und kopiert die Idee von Geldmünzen in den digitalen Raum. Es ist nicht vorgesehen, komplexe Aktionen auf der Blockchain auszuführen. 

  3. Ethereum, Bitcoin’s closest rival, faces its moment of truth; Fortune. 19. 02. 2020 

  4. Mastercoin – rebranded as Omni in 2015 – is a protocol layer built on top of bitcoin that enables the creation of new cryptocurrencies and assets. Another use case promoted by the project was the use of the protocol to create layers with stable value. In other words, assets that could be pegged to other currencies or commodities. Quelle 

  5. Cryptopedia fasst das Mastercoin-Projekt und das Ethereum ICO anschaulich zusammen. 

  6. Geof Kendric, Christopher Graham, Messina Chan; Ethereum Investor Guide; Standard Chartered Bank Global Research, 7. Sept. 2021  2