Der Umgang mit Risiken

Wer kein Ziel hat, kommt nirgends an. Wer nicht bereit ist, Risiken einzugehen, auch nicht. Risikomanagement ist eine Kernkompetenz des Lebens, essentiell für Erfolge nicht nur in finanziellen Angelegenheiten.

(Stuttgart, 8.11.2019) Wer erinnert sich nicht an das Herzklopfen bei der Frage: »Willst du mit mir gehen?«. So viel kann schief gehen. Und dann ist da noch die Sache mit der Psychologie: Ein Mißerfolg wiegt im mentalen Konto doppelt.

Im unerforschten Terrain neigt der Mensch zu Risikovermeidungsstrategien.

Der spätere Umgang mit Risiken wird in dieser Situation geübt. Was kann ich tun, um das Risiko einer Abfuhr möglichst zu minimieren und/oder die eigenen Erfolgschancen zu verbessern? Die einen schicken einen Freund vor, andere suchen nach einem unverfänglichen Moment, manche warten ab, bis sie selbst gefragt werden oder lassen die Eltern entscheiden.

Die Vermögensfrage

Ebenso verschieden verhalten sich Menschen bei der Vermögensfrage. Alle haben Angst vor Verlusten. Jeder kennt jemanden, der mit riskanten Anlagen einen Reinfall erlebt hat. Manche vertrauen der Bank um die Ecke, andere kaufen Gold oder schalten einen Anlage- oder Vermögensberater ein. Ganz unerschrockene nehmen Ihr Schicksal selbst in die Hand und messen sich mit institutionellen Anlegern.

Ob die Strategie aufgeht, ist ebenso ungewiss, wie die Partnerwahl. Die durchschnittliche »Lebensdauer« einer Ehe beträgt aktuell 15 Jahre. Unterstellt, das Ziel der Eheschließung ist es, gemeinsame Kinder ins Leben zu begleiten, dann ist das Urteilsvermögen unserer Protagonisten füreinander bestenfalls lausig.

Risikomanagement muss an der richtigen Stelle ansetzten. Risikokennzahlen müssen her!

An den Kapitalmärkten besteht hieran kein Mangel. Allen gemeinsam ist die Tatsache, dass sie nur in bestimmten Konstellationen funktionieren. Verkaufsprospekte enthalten den Zusatz, dass die Performance der Vergangenheit kein Maßstab für die Zukunft ist. Tatsächlich sind einige der spektakulärsten Mißerfolge an den Kapitalmärkten dem Vertrauen auf die universale Gültigkeit von Risikokennzahlen geschuldet.
Hieronymus verweist exemplarisch auf die Pleite des Long Term Capital Management Fund (LTCM). 1997 erhielten die Gründungsmitglieder Myron Scholes und Robert C. Merton für das dort aufgesetzte Risikomanagement den Wirtschaftsnobelpreis. 1998 verursachte ausgerechnet eine Fehlbepreisung von Risiken den Kollaps des Fonds und stürzte in der Folge fast das gesamte Finanzsystem in eine Existenzkrise.

Wie gingen die LTCM-Protagonisten mit ihrem Scheitern um? Immerhin »verbrannte« der Fonds 4,6 Mrd. $. Der Nobelpreisträger Myron Scholes machte einfach weiter und gründete Platinum Grove Asset Management, einen weiteren Hedge-Fund. Bis 2007 erzielte Platinum eine Durchschnittsrendite von 9.4 % p.a. 2008 häufte er in sechs Monaten 29 % Verluste an. Selbst dieses erneute Scheitern hielt Scholes nicht ab, danach bei Janus Capital eine leitende Position zu bekleiden.

Die Biographie Scholes ist so außergewöhnlich nicht. Er teilt das Schicksal vieler Investmentlegenden. André Kostolany beispielsweise musste viermal ganz von vorn anfangen, bis er eine Methode gefunden hatte, die stabile Erträge abwarf.

Fonds-Manager sind Wiederholungstäter. Wer überdurchschnittliche Renditen anstrebt, muss mit immer wieder mit Nackenschlägen rechnen.

Heiliger Gral Diversifikation

Wie geht ein Anleger damit um? Die klassische Portfoliotheorie zitiert an dieser Stelle die Untersuchungen von Markowitz aus dem Jahr 1952. Demnach reduziert sich das Risiko einer Geldanlage, wenn möglichst wenig korrelierte Assets gemischt werden.

Ganze Vermögensverwalter- und Fondsmanagement-Schulen üben sich in der Konstruktion »optimaler Portfolien«, Kombinationen unterschiedlicher Assets, die für ein gegebenes Risiko die höchsten Erträge versprechen.
Hieronymus tritt einen Schritt zurück und fragt: Wie erginge es unserem Teenager im Bestreben Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen, würde er konsequent diversifizieren? Keine Frage: Die große Liebe findet man so definitiv nicht.

Warren Buffet, der moderne Kostolany, würde zustimmen. Sein Investmentvehikel Berkshire Hathaway vermied stets den Mainstream und erzielte mit gezielt platzierten Wetten über lange Perioden Überrenditen.

Volatilität als Chance

Folgt man Benjamin Graham, dem Mentor Warren Buffets und Begründer der Fundamentalanalyse für Aktien, dann steigen die Preise für Vermögenswerte langfristig. Hintergrund ist der feste Glaube an den Kapitalismus, grenzenloses Wachstum und stetige Produktivitätsfortschritte.

Dann ist jede Phase mit zurückgehenden Marktpreisen eine ideale Gelegenheit für den Aufbau langfristiger Geldanlagen. Der Umkehrschluß ist nicht zulässig: Hohe Preise sind kein Grund für einen Verkauf, schließlich weiss niemand, wie weit die Preise letztlich steigen.

Herausforderung Spätzyklik

Im November 2019 erklimmen die Aktienmärkte in Schlüsselländern Allzeithöchststände. Trotz grassierendem Protektionismus und zurückgehenden Wachstumsraten; wegen der Abwesenheit von Inflation und der Wiederaufnahme der akkumulierenden Geldpolitik in den meisten Industriestaaten.

Die Märkte feiern die Überwindung einer Phase mit einer inversen Zinsstrukturkurve. Dies war in der Vergangenheit ein zuverlässiger Rezessionsindikator. Abhängig Beschäftigte üben trotz Vollbeschäftigung Lohnverzicht, gleichzeitig geht der Trend zu geringeren Unternehmenssteuern munter weiter. In der Konsequenz weisen Unternehmen gute Geschäftszahlen aus, die von Anlegern mit Wertsteigerungen honoriert werden. Geld ist im Überfluß vorhanden, defizitäre Geschäftsmodelle auch. 2019 strebten erstmals seit 2000 hochverschuldete Unternehmen an die Publikumsbörsen, deren Geschäftsmodell augenscheinlich darin besteht, Investorgelder möglichst rasch und effizient zu verbrennen.

Im US-Wahljahr 2020 steigen und fallen die Erfolgsaussichten der Republikaner mit den Wasserständen an der Wallstreet. Der Mainstream wettet auf eine anlegerfreundliche Politik und hält den Aktienmärkten auch mangels Alternativen die Treue.

Auf der anderen Seite ebbt der Trend zu breit diversifizierten Anlageformen erstmals seit der Jahrtausendwende ab. Private Equity Fonds bieten insbesondere Institutionellen Anlegern fern der Publikumsbörsen echte Investmentalternativen. Private Equity ist die am schnellsten wachsende Assetklasse des Jahres 2019. Diese Entwicklung gleicht aber der im Bereich der Asset Backed Securities unmittelbar vor der Finanzkrise des Jahres 2007. Damals wie heute erscheinen angesichts irrational agierender Publikumsbörsen opake Investments »Creme de la Creme« der Vermögensanlage. Anstatt mit wachen Augen spekulative Engagements einzugehen schließen Anleger angesichts langfristiger Ertragserwartungen die Augen vor möglicherweise berechtigten Preiskapriolen bei den favorisierten Anlagen.

Risiken managen, nicht vermeiden!

Das Eingangsbeispiel fokussiert auf die Vermeidung einer Zurückweisung und hängt das Risikomanagement an Vermeidungsstrategien auf. Investmententscheidungen folgen dem gleichen Muster: Aus Angst vor einer Fehlentscheidung diversifiziert man sein Investment.

Privatanleger verweisen auf Publikumsfonds, die regulierungsbedingt keine Klumpenrisiken eingehen dürfen und die Anlegergelder meist sehr breit streuen. Der Trend zum passiven Investment und der Markteintritt von Roboadvisors verstärkt diese Anlagepraxis.

Ist es zielführend dieser Anlagestrategie zu folgen? Man könnte auch einfach Erfolgsrezepte vermögender Zeitgenossen kopieren. 2009 publizierte Thomas Stanley das Buch »Stop Acting Rich … and Start Living Like a Real Millionaire«. Das erstaunliche Ergebnis: Reale Millionäre sind sparsame Menschen. Zentrales Erfolgsrezept: Management der Risiken und nur so viel ausgeben, wie selbst im Worst Case eingenommen wird. 70 Prozent der Befragten besaßen niemals ein Boot, zwei Drittel verfügten über keine eigene Ferienimmobilie, sie besaßen übliche Mittelklasse-PKW’s. Ihr Lebensstil gab ihnen die Freiheit, mit ihren finanziellen Assets Risiken einzugehen, Durststrecken durchzuhalten und auch Fehlgriffe zu verkraften.