Keine Option für Europa? Tendenziöses Nachrichtenfernsehen nach dem Muster der USA

Wochenbericht 41

(Noch) Kein Pan-Europäisches Fox-News

Weitgehend unbemerkt basteln zwei Familien aus Italien und Frankreich an einem pan-europäischen Medienunternehmen. Ein Blick in das Italien des ausgehenden 20. Jahrhunderts und die USA der Gegenwart zeigt die gesellschaftliche Relevanz dieser Entwicklung.

(Stuttgart, 12.10.) Silvio Berlusconi und Donald Trump verdanken dem Fernsehen ihre Macht. Was Fox News für D.T. heute immer noch ist, war Mediaset für Berlusconi im Italien um die Jahrtausendwende. Der Aufstieg seiner »Forza Italia« ist ohne das omnipräsente Mediaset-Privatfernsehen kaum vorstellbar. Seit der Europawahl sitzt Berlusconi in persona im Europaparlament. Die Bestrebungen, ein pan-europäisches Medienimperium zu schmieden, gehen in die 1980er Jahre zurück.

Mediaset España darf nicht fusionieren

Bereits seit dem Startschuß für das spanische Privatfernsehen im Jahre 1989 ist Mediaset Großaktionär der Gestevisión Telecinco, dem Vorläufer der im spanischen Privatfernsehen dominanten Mediaset España Comunicación. Heute kontrolliert Berlusconi die Gesellschaft.. 2019 plante Mediaset (Italia) eine Fusion mit Mediaset España. Diese wurde in der vergangenen Woche (vorläufig) von einem spanischen Gericht untersagt.

MediaForEurope

Dabei sind die Vorbereitungen schon weit gediehen. Im Juni gründete Mediaset in Amsterdam die Holding MediaForEurope. Hier wollte man Lizenzen bündeln und die Aktivitäten des Konzerns unter dem Deckmantel eines liberalen und hipp’en Amsterdam koordinieren. In einer ersten Phase sollten die Fernsehkanäle aus Italien, Spanien und Deutschland zusammenfließen. Hierzulande ist Mediaset zweitgrößter Anteilseigner bei Pro7Sat1.

Family-Business

Dem großen Wurf stehen derzeit – neben Gerichten und Wettbewerbshütern – zwei Alphatiere entgegen: Silivio Berlusconi und Vincent Bolloré. Bolloré kontrolliert die französische Vivendi, der wiederum 26 Prozent der Mediaset gehören. Vivendi hat in Frankreich eine ähnliche Stellung, wie Mediaset in Italien und Spanien. In der gegenwärtigen Konstallation halten sich die beiden mittels herzlicher Familienfeindschaft gegenseitig in Schach. Bolloré ist Jahrgang 1952, Berlusconi 1936. Es ist absehbar, dass beide den Weg frei machen für eine andere Generation mit neuen Vorstellungen für eine wirklich paneuropäische Kooperation.

Dinosaurier unter sich

Der Aktienpreis von Pro7Sat1 hat sich von 50 € im Jahr 2016 auf aktuell 12 Euro geviertelt. Die Börsennotierung der Mediaset ist seit 2000 unverändert, dort hat sich die Bewertung auf ein bemerkenswertes KGV von 171 aufgeschaukelt. Das Geschäftsmodell, den Zuschauern Werbetafeln zu zeigen und sich dafür von den Werbetreibenden bezahlen zu lassen, wird systematisch von einer Armada Digitaler Zerstörer zertrümmert. Auf der anderen Seite – das zeigt das Beispiel Fox News – sind die Plattformen zur Machtergreifung und -ausübung »alternativlos«. Zumindest wenn man den konservativen Teil der Gesellschaft erreichen will.

Deshalb werden die Plattformen trotz schwindener Erträge und kaum vorhandener Perspektiven nicht abgewickelt, sondern fusioniert. Das Paradoxe: Obwohl die Unternehmen die Verbreitung von Informationen zum Geschäftszweck haben, findet die Neustrukturierung des Geschäftsfeldes abseits des öffentlichen Diskurses statt. So wie es D.T. in den USA gelang, via Fox-News gezielt eine Wählerbasis aufzubauen, könnten die Nachfolger der Leitfiguren an der Spitze von Mediaset und Vivendi die Gelegenheit ergreifen, im Rahmen einer ideologischen Kooperation die Profitabilität ihrer Unternehmen zu verbessern und gleichzeitig genehme Regierungen an die Macht zu hieven. Das nennt man dann wohl win win!

Die Woche an den Finanzmärkten

  • Griechenland. Wie lange ist es her, dass das Land unmittelbar vor einen Staatsbankrott stand? Für die Finanzmarktteilnehmer ist scheinbar eine Ewigkeit vergangen. Anders ist kaum erklärbar, wieso sich das Land in einer Auktion am Dienstag zu negativen Zinssätzen verschulden konnte. Man setzte 487,5 Mio. € einer Anleihe mit 13 Wochen Laufzeit zu -0,02 % Zinsen ab.

  • Japan. Das Finanzministerium bereitet ein Gesetz vor, die Genehmigungsschwelle für Auslandsbeteiligungen auf ein Prozent zu senken (Aktuell: 10 %). Das erzeugte zunächst einen Aufschrei unter Marktteilnehmern. Im Grunde folgt Japan damit aber dem Vorbild der USA. Ausländische Investoren sind für 65 Prozent des Handelsvolumens an den Börsen in Tokio und Osaka verantwortlich. 30 % aller japanischer Aktien sind in ausländischen Händen.

  • Libra is dead. Nach PayPal haben sich nun auch Mastercard, Vias eBay und Stripe aus dem Libra-Consortium verabschiedet. Die beiden Zahlungsanbieter taten dies offenbar nach Interventionen mehrerer Abgeordneter. Demokraten und Republikaner ziehen in dieser Frage an einem Strang. Auch der regulatorische Gegenwind wird immer stärker. In der vergangen Woche hat sich die Bank of England in den Chor der Kritiker eingereiht. Am kommenden Montag will sich der Verwaltungsrat der Gesellschaft in Genf konstituieren. Ob es hierzu noch kommt?

  • Q3 Berichtssaison. Die Berichtssaison fängt eigentlich erst nächste Woche an. Trotzdem bewegten einzelne Nachrichten die Notierungen, hier eine Auswahl

    • Philips: Aktienpreis -10 % nachdem man die Jahresprognose kassieren musste. Grund: schwaches China-Geschäft
    • Publicis: Aktienpreis -15 %. Der französische Werbedienstleister berichtete über rückläufige Umsätze, insbesondere im US-Geschäft.
    • Hugo Boss: Aktienpreis -14 % auf 10 Jahrestief. Zweite Profitwarnung wegen rückläufigem Chinageschäft und Verlusten in Hongkong.
    • Daimler: Aktienpreis +10 %. Rekordabsätze von SUV’s. Rückenwind aus China.
    • LVMH: Aktienpreis +8 %. Rekordabsätze in Europa und USA, schwieriges Terrain in China und Hongkong

Die Erwartungen an die Berichtsaison sind verhalten. Deshalb genügt in vielen Fällen bereits das Einhalten der kommunizierten Ertragsziele. Trotzdem werden rückläufige Entwicklungen empfindlich bestraft.