SPAC auf polnisch

Wochenbericht 34

Der Reiz unbekannter Geschäftsmodelle

Die Spekulation treibt immer sonderbarere Blüten. An der Technologiebörse Nasdaq werden im Wochenrhytmus Special Purpose Acquisition Company's (SPAC) emittiert. Hobby-Spekulanten stellen Blanko-Cheques für eine beliebige Geschäftstätigkeit aus.

Stuttgart, 22. August.
Im Jahr 2006 nutzte Hieronymus eine Zugreise durch die Republik für die Weiterbildung. Der US-Immobilienmarkt lief heiß und auch hierzulande prahlten die Ersten mit 100% + Küche-Immobilienfinanzierungen. Anleihezinsen waren vernachlässigbar. Konservative Spekulanten nutzen Derivate mit exotischen Bezeichnungen wie ABS, CMBS, CDO, CLO, usw. als Renditepferdchen. Das Prinzip war stets das Gleiche: Eine Zweckgesellschaft sammelt Geld ein. Die Gesellschaft erwirbt damit Assets (z.B. Immobilien) oder Kredite oder auch andere forderungsbesicherte Derivate. Durch Bündelung der erworbenen Forderungen lässt sich ein Hebeleffekt erzielen. Dazu erzählte man sich das Märchen, dass die gewählte Struktur höhere Erträge bei geringerem Risiko erschließt. Das Jahr 2007 zeigte deutlich, welchem Humbug die Damen und Herren Profi-Investoren aufsaßen.

Wie heute lastete auch damals ein enormer Renditedruck auf den Entscheidern bei Banken, Versicherungen, Rentenkassen etc. Man glaubte den Versprechungen der Finanzjongleure auf der Emittentenseite nur zu gern.

The Big Short

Auch im Jahr 2020 sind viele Immobilienmärkte massiv überbewertet. Auch heute sind ultraniedrige Kreditzinsen Triebkräfte der spekulativen Preisentwicklung. Es ist dennoch unwahrscheinlich, dass der Immobilienmarkt ein zweites Mal in Folge Kristallisationspunkt einer massiven Bewertungskorrektur wird.

Die US-Immobilienblase des Jahres 2007 platzte, als bundesdeutsche Landesbanken Derivateeinkäufer mit Dienstsitz in New York einstellten und die Emittenten speziell auf deren Bedürfnisse zugeschnittene Papiere schufen. Der Film The Big Short zeichnet die Entfaltung des Kollapses des Immobilien-Derivatemarktes unterhaltsam nach.

SPAC’s lassen Warnglocken klingen

Ein Déjà-vu der besonderen Art bot die Lektüre der Buttonwook Kolumne im Economisten von 30. Juli. Dort wird das Phänomen SPAC mit einer kleinen Parabel erklärt: Ein junger, aufgeweckter Rekrut wird von seinen Vorgesetzten in einem Pokerspiel ganz fies geschröpft. Dieser ersinnt sich einen Plan, das Geld zurückzubekommen. Dazu erfindet er die Geschichte eines Ladens in guter Lage, den er kaufen könne. Auf die Frage, was er dort zu tun gedenke, antwortet er (wahrheitsgemäß): nichts. Das ist nur ein leerer Laden, den er einfach haben möchte.

Die Vorgesetzten glauben dem Rekruten natürlich nicht und fragen sich, was das clevere Kerlchen nun wieder ausheckt. Bereits nach kurzer Zeit hatte er seinen Pokereinsatz von seinen Vorgesetzten zurück. Sie drängten dem ihm das Geld als Beteiligung an seinem Laden und stellten sich große Gewinne vor.

Tatsächlich ist es die Magie der unvollständigen Information, die Menschen in hochriskante Engagements treibt. Spekulanten lieben es, im Ungewissen gelassen zu werden, dann ist jede Menge Raum für die Spekulation.

Wechseln wir die Protagonisten. Anstatt des jungen Rekruten nehmen wir Bill Ackman, einen angesehenen HedgeFonds-Manager. Der leere Laden wird zu Pershing Square Tontine Holdings. Als Incentive kündigt unser Protagonist an, selbst 1 Mrd. $ zu investieren. Er bietet 150 Mio. Aktien zu je 20 $ zum Kauf an, die reißenden Absatz finden. Im Ergebnis gibt es nun ein bösengelistetes Unternehmen mit einem beliebigen Geschäftszweck, das 4 Mrd. $ Eigenkapital besitzt. Ackmann kann das Geld nun in der Karibik verbuddeln oder – wie versprochen – sich an Unicorns beteiligen, bevor sie an die Börse gehen.

Weitere bekannte SPAC’s sind die Wetten auf Weltraumtourismus (Virgin Galactic) oder auch Nikola, das E-Auto-SPAC. Der Wert von Nikola hat sich seit dem Börsengang vor 2 Monaten halbiert.

Tatsächlich erfüllen nur die wenigsten SPAC’s die Erwartungen der Investoren. Trotzdem vergeht kaum eine Woche, in der nicht wieder eine zweckfreie Gesellschaft ohne Historie für 10 oder 20 € pro Aktie an den Börsenstart geht.

Wenn alles gut geht, gelingt es dem Initiator des SPAC nach dem Börsengang eine gut positionierte Firma zu finden, die zum Verkauf steht. In diesem Fall ist die Emission des SPAC’s schlicht ein sehr preiswertes IPO eines reifen Unternehmens (Poor Man’s IPO). Dann stellt sich natürlich sofort die Frage, wie das SPAC danach weitere Preisphantasien erzeugen kann, schließlich ist die Spekulation erloschen.

Wie man es auch dreht dreht oder wendet, allein die Tatsache, dass SPAC’s bei seriösen Anlegern auf Interesse stoßen, zeigt den aktuellen Grad der Spekulation. Frequenz und Erfolg von SPAC-Emissionen sind ein Fiberthermometer der Blasenökonomie.

Die Woche an den Finanzmärkten

  • Genting setzt Schuldendienst aus.
    Genting Hong Kong ist der führende asiatische Kreuzfahrtanbieter. Wie alle Anbieter dieser Branche hat das Unternehmen immer mehr auf Masse gesetzt. Der Umsatz stieg bis 2019 kontinuierlich, der Aktienkurs sinkt jedoch seit 2013 ( 2013: 3,5 KHD, 2020: 0,315 HKD ). Seit 2016 schreibt Genting Verluste.
    Die Kreuzfahrtgesellschaft hat Anleihen im Wert von 3,4 Mrd. $ emittiert. Die Zinszahlungen wurden jetzt ausgesetzt, Genting ist default.
    Das Unternehmen wird von Genting Berhad kontrolliert, dem Firmenkonsortium der Lim-Familie, die als reichste Familiendynastie Malaysias gilt.
    Wie die anderen Kreuzfahrtgesellschaften auch, plant Genting Hong Kong für 2021 die Wiederaufnahme der Kreuzfahrten. Höchstwahrscheinlich nimmt man die aktuelle zweite Infektionswelle der Pandemie als Anlass, die Altschulden mit minimalem Reputationsverlust zu restrukturieren.
    Der Aktienkurs brach mit der Mitteilung der Aussetzung der Zinszahlungen an Anleihegläubiger um fast vierzig Prozent ein und notiert nun auf dem Niveau aus dem März.

  • Handelskrieg zwischen Canberra und Peking.
    China Mengniu Dairy. Diesen Namen müssen auch wir uns merken. China Mengui ist ein halbstaatlicher Konzern mit Börsennotierung in Hongkong. Wie Yili, dem größten heimischen Konkurrenten, stammt Mengenui aus der Mongolei. Beide sind permanent in Südostasien auf Akquisekurs. Fast Zeitgleich schluckten die Konzerne 2019 den australischen Babyproduktehersteller Bellamy (Mengui) und die neuseeländische Westland Milk (Yili).
    Nun greift Mengniu nach Lions Diary, dem zweitgrößten Milchproduzenten Australiens. Die Übernahme ist mit 600 Mio. A$ nur halb so groß, wie der Bellamy-Deal (1,4 Mrd. A$). Hinzu kommt: Lions Milk ist Teil der japanischen Kirin Holding. Trotzdem ist der Widerstand gegen die Übernahme groß.
    Das Zögern der australischen Politik hat Methode: Das Volumen chinesischer Investitionen in Australien ist 2019 um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Ausgerechnet die Übernahme der Bellamy stellt die Hälfte der gesamten chinesischen Investitionen des Jahres 2019 in Australien.
    China nimmt eine immer aktivere Rolle in diesem Handelskrieg ein. Jetzt wurde eine Untersuchung über die Verkaufspraktiken australischer Winzer gestartet, mit dem Ziel die Verkaufsvolumina zu managen. Australien verkauft jährlich Wein im Gegenwert von 1,1 Mrd. A$, 40 Prozent der gesamten Weinexporte des Landes. Peking bezichtigt Canberra der systematischen Benachteiligung chinesischer Winzer seit 2015. Die großen Weintitel an der ASX sind entsprechend preiswerter geworden: Treasury Wine Estates ist auf Jahressicht von 18 auf 10 A$ gefallen.

  • Johnson & Johnson: Strategischer Zukauf.
    Das größte Pharmaunternehmen der Welt hat wieder zugeschlagen. Für einen Kampfpreis von 6,5 Mrd. $ schnappte man sich Momenta, einen Autoimmumspezialisten. Bei der Mehrheit der Autoimmunerkrankungen handelt es sich aus unternehmerischer Perspektive um Nischenmärkte ohne Blockbuster-Potenzial. Man zahlte einen Aufpreis von 70 Prozent auf den Aktienpreis. Pikant: Momenta weist für 2019 einen Umsatz von 24 Mio $ (2017: 140 Mio. $) aus und ist nicht profitabel (Verlust: 2019: 290 Mio. $, 2017: 88 Mio. $ ). Der Aktienkurs ist dieses Jahr allein um 300 Prozent gestiegen.