Entwicklung der Staatsverschuldung (Quelle: IMF)

Wochenbericht 30

Moral Hazard bei Staatsanleihen

In Zeiten von Staatsfinanzierung zu Negativzinsen sind Investionen in Staatsanleihen nicht Rentabel sondern Lobbypolitik. Ein Ausweg wäre, Einnahmen aus negativ verzinsten Anleihen grundsätzlich an die Einhaltung der UN-Nachhaltikeitsziele zu koppeln.

Stuttgart, 25. Juli.
Die Themen dieser Ferienausgabe:

  • Australische Staatsanleihen finanzieren klimaschädliche Energiepolitik.
  • Konsequenzen für negativ verzinste Staatsanleihen
  • Splinternet – Der Kalte Krieg im digitalen Zeitalter
  • Wie weiter mit der Corona-Pandemie in den USA

Klimarisiken bei australischen Staatsanleihen

Im Jahr 2019 wüteten die heftigsten Buschfeuer in der neueren Geschichte Australiens. 2019 war auch das bislang wärmste Jahr auf dem Kontinent. Die Feuer begannen bereits im Juni, also mitten im australischen Winter. Sie dauerten bis März 2020.

Die australische Klimapolitik war zu Beginn des 21. Jahrhunderts vorbildlich. Man subventionierte eine Reihe von Windparks, die an den Küsten Meerwasserentsalzungsanlagen betreiben und unterstützte die Wirtschaft im Bemühen, Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Einige Relikte dieser Politik wirken bis heute. So betreibt die französische Neoen im Süden des Landes, in der Nähe von Jamestown, mit der Hornsdale Power Reserve den größten Lithiumbatteriespeicher der Welt. Die Kapazität wurde im April 2020 auf 150 MW/ 193,5 MWh aufgestockt. Der Speicher dient zur Stabilisierung des Stromnetzes, das wegen umfangreicher dezentraler Einspeisungen mit Solar- und Windstrom im Jahr 2016 instabil wurde. Das führte damals zu wiederholten landesweiten BlackOuts.

Dieses Leuchttumprojekt hatte einen durchschlagenden Erfolg und ist ökonomisch außerordentlich profitabel. Auf lokaler Ebene ist man deshalb auch sehr stolz.

Die Bundesregierung in Canberra torpedierte das Projekt von Beginn an. Zuerst verdammte man die Lithiumbatterietechnologie als viel zu teuer. Schließlich muss man die Batterien importieren, während im Land überall Kohle zum Verbrennen herumliegt. Dann stieß das große weltweite Interesse an der Technologie auf Mißtrauen. Es passte einfach nicht ins Konzept, die Carmichel-Mine in Queensland, das größte verbliebene Kohlerevier des Landes, zur Ausbeutung an die indische Adami-Familie zu verkaufen, damit Indien weiterhin Kohlekraftwerke bauen und betreiben kann, und selbst die Strominfrastruktur aus regenerativen Quellen auszubauen.

Von 2011 bis 2012 hatte die damalige Labour-Regierung eine Carbon-Tax eingeführt. Damals galt Australien als Vorreiter in der Umsetzung ehrgeiziger Klimaziele. Seit 2012 regieren die Konservativen das Land. Die erste Maßnahme der neuen Administration war die Streichung der Kohlendioxidabgabe. Die Ausbeutung fossiler Energieträger hat sich seitdem verstärkt.

Das Ergebnis: Das Land mit einem Anteil von 0,3 % an der Weltbevölkerung produziert für den Eigenbedarf 1,8 % der globalen Kohlendioxidemissionen. Das Land ist inklusive der exportierten Kohlenwasserstoffe für 7 % der globalen Klimagasemissionen verantwortlich. Zugespitzt formuliert: Um den Lebensstil von 0,3 Prozent der Weltbevölkerung zu befriedigen benötigt man 7 % der global erzeugten Energie, also verbraucht ein Australier etwa 23 mal so viel Energie, wie jeder der restlichen 99,7 %.

Die Energieverbrauchspolitik des Landes ist mindestens mittelbar für die globale Klimaerwärmung verantwortlich. Die Unterschrift unter das Pariser Klimaabkommen ist schlichte Makulatur.

Die australische Regierung emittiert Staatsanleihen, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Darunter fallen auch Maßnahmen der Energiepolitik. Staatsanleihen finanzieren im Zweifel auch die Beseitigung der Schäden durch den Klimawandel, z.B. die Brandbekämpfung und Kompensation der Betroffenen. Da die Regierung den Klimawandel mit ihrer Politik befeuert, ist sie streng genommen Verursacherin der Schäden. Im Umkehrschluß ermöglichen die Käufer australischer Staatsanleihen erst die klimaschädliche Energiepolitik der australischen Regierung.

Bisher sind Klimaschützer gegen Unternehmen vorgegangen, die zum Klimawandel beitragen. So werden Vorstände nicht entlastet, auf Hauptversammlungen werden kritische Anträge gestellt. Desinvestment-Kampagnen zielen auf die Erosion der Eigenkapitaldecke ab.
Nun gerät ein ganzer Staat ins Visier der Aktivisten.

Kathleen O’Donnell, eine Studentin aus Victoria, ist selbst von den Buschfeuern des vergangenen Sommers betroffen. Sie hat sich an der Börse gehandelte Staatsanleihen gekauft und betont, dass sie von einer Werbung der Regierung zu diesem patriotischem Investment überzeugt wurde. Die Regierung versäume es jedoch, bestehende Klimarisiken des Investments in ihrer, auf Privatpersonen zugeschnittenen Kampagne anzusprechen. Auch die Anleihebedingungen weisen nirgends hierauf hin.

Solange Klimarisiken nicht explizit in den Anleihekonditionen aufgeführt sind, soll ein Gericht es der Regierung untersagen, börsennotierte Anleihen zu emittieren.

Dies könnte der Aufschlag zu weiteren Initiativen von Klimaaktivisten sein.

Staatsanleihen in Zeiten negativer Anleiherenditen

Als Ben Bernanke im Jahre 2008 sein erstes QE-Programm auflegte, war die Aufregung groß. Viele malten das Gespenst der Hyperinflation an die Wand. Nichts dergleichen passierte. Statt dessen gingen die Renditen an den Finanzmärkten global stetig zurück.

2020 beginnt eine neue Runde massiver Ankäufe von Wertpapieren (inklusive Anleihen) durch die Notenbanken. Immer mehr Staaten realisieren, dass sie sich unendlich zu negativen Zinsen mit Geld versorgen können — und tun dies auch. Diese ungehemmte Schuldenpolitik wirft ganz neue Fragen auf. Schließlich bezahlen Anleger mit dem Kauf von Staatsanleihen über Pari Staaten dafür, dass sie Schulden machen.

Anleger bezahlen Staaten dafür, dass sie Schulden machen.

Mit Blick auf die Energiepolitik in Australien werden die Konsequenzen deutlich. Letztlich kaufen Investoren mit der Abnahme von Staatstiteln die Energiepolitik der Regierung.

Wenn also Kohlekonzerne oder die Adami-Familie Staatsanleihen erwerben, ist das ein impliziter Auftrag an den Wirtschaftsminister, die dem Pariser Klimaabkommen entgegen laufende Energiepolitik fortzusetzen. Problematisch wird dies, wenn beispielsweise Banken aus regulatorischen Gründen gezwungen werden, Staatsanleihen in gewissem Umfang zu halten. Sie stützen durch ihre Investments die klimaschädliche Politik, weisen dies in ihrem Umweltbericht in keinster Weise aus. Entsprechend erhalten die Banken weiterhin gute Nachhaltigkeitsratings. Und so kann dies zur absurden Situation führen, dass ausgewiesene Klimafonds extremklimaschädlich handelnde Banken in ihren Depots halten und so mittelbar doch wieder den Klimawandel torpedieren.

Ein Ausweg aus dieser Problematik wäre die Verpflichtung, negativ verzinste Staatsanleihen grundsätzlich an die Einhaltung der UN-Nachhaltigkeitsziele zu binden. Dann würden alle Anleger, die aus regulatorischen Gründen gezwungen sind, negativ verzinste Papiere zu halten, eine nachhaltige Entwicklung der Welt finanzieren.

Aus Internet wird Splinternet

Der Begriff Splinternet geistert bereits seit 2001 durch die Weiten der digitalen Welt. Er beschreibt ein zwar auf dem klassischen IP-Protokoll basierendes, globales digitales Netzwerk. Ein freier Datenverkehr findet jedoch nicht mehr statt. Dank immer ausgefeilterer Filtertechnologien setzen autoritäre Staaten ihre Vorstellungen einer angemessenen Information ihrer Bürger durch.

Dank proprietärer Protokolle insbesondere für Social Media Angebote können die Länder einzelne Dienste sogar gezielt steuern.

Die aktuellste Entwicklung: Noch vor der Sommerpause des Parlaments will die Türkei ein Gesetz beschließen, dass die Dienste von Twitter, Youtube und Facebook dauerhaft zensiert. Falls die Dienste nicht staatsgenehme Inhalte verbreiten, droht eine Kürzung der Bandbreite um 90 Prozent.

In den USA geht derweil die Separation des Netzes gegenüber China weiter. TikTok, eine Plattform auf der Kurzvideos (8 sec) in einer Endlosschleife gezeigt werden, ist Teil der chinesischen ByteDance. Nutzer müssen sich registrieren und die Rechte an den Kurzfilmen an ByteDance abgeben. Das schließt möglicherweise eine Übertragung der Nutzerinhalte nach China ein. Dort könnten diese von staatlichen Diensten weiterverarbeitet werden.

Das liefert der US-Regierung den Anlass, ByteDance mit einem Betriebsverbot für die TikTok in den USA zu drohen. Nachdem die Drohkulisse über Wochen aufgebaut wurde, melden sich mit General Atlantic and Sequoia Capital nun zwei Venture-Capital-Unternehmen, die ByteDance den Dienst abkaufen wollen. Im Ergebnis zieht sich ByteDance nach China zurück und überlässt eine zukunftsweisende Plattform guten Freunden des amtierenden Präsidenten. (Auch so geht Wirtschaftspolitik im 21. Jahrhundert.)

Kehrt COVID zurück an die Kapitalmärkte?

In Deutschland haben sich 206.000 Menschen mit dem Corona-Virus infiziert. Davon sind gemäß des Worldometers derzeit 6.359 ( 3 % ) erkrankt. In den USA sind 4,28 Mio. Menschen infiziert, fast die Hälfte (2.071.763) sind nachweislich aktuell erkrankt, also akute Virusüberträger. Wobei der Begriff aktuell mit Vorsicht zu genießen ist. Weil niemand mit einem Ausbruch in dieser Dimension gerechnet hat, ist ein kritischer Engpass bei der Testkapazität entstanden. Man weiss mangels Laborkapazität schlicht nicht, wie sich die Epidemie entwickelt. Was man hingegen sieht, ist eine Zunahme der Todeszahlen.

Gemäß der des Worldometers sind in den USA 148.490 Menschen an COVID-19 gestorben. Zum Vergleich: Während des gesamten Vietnam-Krieges starben 58.200 US-Soldaten. Der 2. Weltkrieg kostete 291.000 Amerikanern das Leben. Jeden Tag sterben mehr als 1.100 Menschen nachweislich an COVID-19. Das ist viel, viel mehr, als selbst in den kritischen Tagen des 2. Weltkrieges.

Würden die Verantwortlichen rational handeln, würden sofort Maßnahmen nach dem Vorbild von Wuhan ergriffen. Die Trump-Administration hat statt dessen das »Warp-Projekt« aufgesetzt, benannt nach dem Überlichtantrieb der Fernsehserie »Raumschiff Enterprise«. Die Aufgabe: Mit »Warp 9« einen Impfstoff bereitzustellen. Geld spielt keine Rolle.
Die jüngste Maßnahme: Man sichert sich 100 Mio. Dosen des Corona-Impfserums des Joint-Ventures zwischen Pfizer und BioNTech. Die Genehmigung des Serums will man mit »Warp-Geschwindigkeit« durchpeitschen, so dass spätestens ab dem 30. Oktober 2020 zumindest alle potenziellen Trump-Wähler rechtzeitig geimpft werden können. Das ist Sinngemäß die Interpretation von Steven Colbert, des Moderators der Late Show, einer täglichen Talkshow auf CBS.

Die USA sind im Wahlkampfmodus, die Hohe Zeit für Zuspitzungen ist angebrochen. Dennoch: Mancher klammert sich angesichts des Pandemieverlaufs möglicherweise an solche Durchhalteparolen.

Abbildung 1: COVID-19 Infektionsentwicklung (Neuerkrankungen) in den USA
Abbildung 2: COVID-19 Infektionsentwicklung (Neuerkrankungen) in Deutschland

Zu Beginn der Pandemie waren die Volkswirtschaften völlig neuen Herausforderungen ausgesetzt, die Maßnahmen nach einer kurzen Findungsphase global rigoros, die wirtschaftlichen Folgen dramatisch. Der eine Teil der Welt bewertete nach den ersten Erfolgen das menschliche Leben höher, als kurzfristige Gewinnaussichten von Unternehmen und kehrte (erfolgreich) zu einer Containment-Strategie zurück1. Seitdem werden in Europa und Asien einzelne Ausbrüche konsequent verfolgt, das Leben hat sich größtenteils Normalisiert. In den USA priorisierte man das Wohlergehen der Unternehmen und setzte weiter auf die Strategie Mitigation. Solange der Ausbau der Infrastruktur mit dem Virusgeschehen Hand in Hand geht und die Mortalität im Bereich von 1 % bleibt, ist die Pandemie auch bei weiterhin hohem Infektionsgeschehen kontrollierbar, dachte man.

Nun stellt sich heraus, dass der akute Kapazitätsengpass bei Testlaboren nicht kurzfristig behoben werden kann. Zusätzlich kommt die Krankenhausinfrastruktur erneut an seine Grenzen. Die Seuchenbekämpfungsstrategie der USA (Trump-Administration und Bundesstaaten) ist gescheitert.

What’s next?

Falls keine neuen Maßnahmen ergriffen werden, sterben bis zum 1. November mehr als 100.000 Menschen. Das ist selbst in den USA politisch kaum vertretbar. Ein erneuter LockDown ist auf der anderen Seite genausowenig durchsetzbar. Für die Finanzmärkte interessant: Welche ökonomischen Konsequenzen hätten mögliche Maßnahmen?
Hieronymus Fazit: Selbst im Falle eines 100%igen Erfolgs des Warp-Projekts müssen Maßnahmen zur verstärkten Mitigation ergriffen werden. Im aktuellen Umfeld ist eine Kombination aus Maßnahmen zur Distanzwahrung und gleichzeitigem finanziellen Ausgleich von Einkommensverlusten durch direkte Staatshilfen am Wahrscheinlichsten.

Bis zu den Wahlen könnten die aktuellen Notierungen vor diesem Hintergrund stabil bleiben. Das Risiko wieder nachgebender Marktpreise steigt mit der zunehmenden Wiederentdeckung der Pandemie.

Die Woche an den Finanzmärkten

  • Intel.
    Der Chiphersteller hat am Donnerstag Quartalszahlen veröffentlicht und die Analystenschätzungen übertroffen. Trotzdem ist der Aktienkurs fast 20 Prozent gesunken.
    Intel beansprucht eine Führerrolle beim Chipdesign als auch bei der Chipfertigung. Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) hat sich auf die Chipfertigung konzentriert und fertigt im Auftrag z.B. von AMD.
    TSMC beherrscht die 7 nm Technologie. Die Bombe platzte, als Intel einräumte, TSMC mit der Fertigung von Chips zu beauftragen. Jetzt wurde auch dem Letzten bewußt, wie weit Intel technologisch im Hintertreffen ist und aktuell nichts anderes tut, als seine Cash Cow’s zu melken. Vor zwei Wochen kündigte Apple an, künftig keine Intel-Chips in seine Desktop-Rechner einzubauen und statt dessen auf RISC-Prozessoren von ARM zu setzen.

  • Tesla: Robinhood bläst zum Verkauf.
    Im Wochenverlauf veröffentlichte auch Tesla Quartalszahlen. Welch Überraschung: der Aktienpreis stieg. Lex, die Kommentarseite der Financial Times bringt es mit einem Satz auf den Punkt: Tesla’s stock price defies logic. Maßgeblich für den Hype in Tesla ist Robinhood, die bei Börsenneulingen populäre NoFee-Trading-Bank. Hieronymus leistet sich den Bezug eines Robinhood-Newsletters. Darin macht der Broker die folgende Rechnung auf:

    • Auslieferungen von PKW in Q2: –5 % gegenüber dem Vorjahr
    • Umsatz: 4 Mrd. $, –4 % gegenüber dem Vorjahr
    • Verkauf von Klimazertifikaten an konventionelle Autobauer: 428 Mio $
    • Ausgewiesener Gewinn: 104 Mio $.
    • Das macht bei einer Marktkapitalisierung von 260 Mrd. $ einen Gewinn von 0,16 ct. pro Dollar Marktkapitalisierung.

    Tesla baut zwar auch Autos. Das ist aber – wie bei den anderen Elektroautoherstellern auch – nicht profitabel. Die marginale Profitabilität ist der Umweltgesetzgebung geschuldet. Der Rest ist heiße Luft.

  1. Die Corona-Strategie in Europa fasst der Mai Lab-Channeli per Stand 2. April ansprechend und seriös zusammen.