Cumbre Vieja auf La Palma

Wochenbericht 28

Die USA nach Trump (Teil 2)

Ist die Welt nun bereit für den »Change«, den Barak Obama versprochen hat? Manches spricht dafür. Vorher könnte es an den Kapitalmärkten aber nochmals turbolent werden.

Stuttgart, 11. Juli.

Mehr als eine Pandemie?

Markiert die jüngste Pandemie einen Paradigmenwechsel? Diese Frage beschäftigt gerade viele. Man muss natürlich aufpassen, die Ereignisse nicht künstlich zu überhöhen. Martin Wolf, Chefkolumnist der FT, entwirft in einem aktuellen Beitrag über die neue Rolle der Bürgerschaft ein interessantes Setting.

Er teilt die Nachkriegszeit in zwei Abschnitte.

  • 1945 bis 1970: Das sozialdemokratische Regime.
    Die Wiederaufbauphase, Bretton Woods Währungsverbund, progressive und hohe Steuern; trotzdem prosperierende Kapitalmärkte, Keynesianismus in den angelsächsischen Volkswirtschaften. Bei den Weltkriegs-Alliierten: Abbau der Staatsschulden.

  • 1980 bis 2010: Das Freihandelsregime.
    Thatcherismus, Reagonomics, Schwächung der Gewerkschaften, massive Steuersenkungen, explosives Wachstum der Kapitalmärkte. Schuldenaufbau um das Wohlstandsversprechen zu erfüllen.

Die beiden Abschnitte trennt ein Jahrzehnt mit hohen Inflationsraten, aufeinanderfolgenden Rezessionsphasen und stagnierenden Preisen für Vermögenswerte.

Die Periode 2010 bis 2020 identifiziert Wolf ebenfalls als Interim. Die Pandemie markiert danach den Übergang in ein neues, wiederum stabiles Regime.

Seine These stützt er mit einigen Hinweisen

  • Die Entzauberung der Populisten
  • Der radikale Wechsel in der Geldpolitik
  • Der Akzeptanz eines schuldenfinanzierten EU-Green-Deals
  • Die Wiederentdeckung der Fiskalpolitik zur Wirtschaftssteuerung
  • Eine stärkere Einmischung des Staats ins Wirtschaftsgeschehen

Die Welt in Trümmern

Auch wenn die Welt physisch größtenteils intakt ist, sind die Lebensperspektiven für Neugeborene aktuell mindestens ebenso düster, wie 1944. Die Generation der Baby-Boomer hat die Ressourcen systematisch ausgebeutet und im übertragenen Sinne verbrannte Erde hinterlassen.

  • Die Schuldenlast der Staaten ist global sprunghaft auf neue Höchststände gestiegen (siehe Wochenbericht 27)
  • Die Biodiversität nimmt in atemraubender Geschwindigkeit ab.
  • Der Klimawandel verändert den Lebensraum weitläufig irreversibel.

Trotz der Übernutzung der Ressourcen werden die Menschen ärmer und anfälliger für Krisen.

Abbildung 1: Einkommensverlauf aktiver Generationen in den USA bis 2018

Die obige Graphik zeigt dies exemplarisch für die USA. Dank der Maßnahmen der Trump-Administration konnten die Baby-Boomer seit 2016 die Einkommensverluste seit der Finanzkrise ausgleichten – sofern sie Arbeit fanden. Die Kohorte der Generation X (1965 - 1981) konnte die Folgen der Finanzkrise nie kompensieren, sind aktuell aber am wenigsten von Arbeitslosigkeit betroffen. Die Millenials (1981 – 1996) waren überproportional von der Finanzkrise betroffen und sind auch aktuell diejenigen mit den größten Einbußen. Das ist für die Individuen frustrierend und auf gesellschaftlicher Ebene fatal.

Abbildung 2: Haushaltsvermögen in drei Generationen

Die USA sind heute eine vollständig auf »altem Geld« basierende Gesellschaft, das komplette Gegenteil des »Vom Tellerwäscher zum Millionär«-Narrativs.

Die Baby-Boomer (in den USA) haben sich ihren persönlichen Wohlstand auf Kosten von Umwelt, Klima und der folgenden Generationen gesichert.

Die COVID-19 Krise zeigt die strukturelle Schwäche der US-Gesellschaft wie unter einem Brennglas. Sie hat die Spannungen nochmals deutlich erhöht. Die Chance für eine sprunghafte, irreversible, ja revolutionäre Veränderung der US-Gesellschaft ist hoch. Umso mehr könnte Jo Biden der »Mensch der Stunde« sein, dem es gelingen könnte, die disruptiven Tendenzen einzufangen.

Anknüpfend an die Ausführungen der Vorwoche besteht die Chance, dass 2021 tatsächlich das Jahr des »Change« wird, das Barak Obama im Zenit Finanzkrise propagierte – falls alle weiter oben benutzen Konjunktive positiv aufgelöst werden …

Die Woche an den Finanzmärkten

  • Dienstmädchenhausse.USA, Europa
    Die Sparrate ist in den USA im April auf 32 Prozent gestiegen (Mai: 23,2%; Daten: Bureau of Economic Analysys), normal ist 3 Prozent. Ähnliche Entwicklungen sieht man in Europa (17%), weniger in UK( 8,6% ). Bankguthaben sind entsprechend gewachsen; in Europa wurden im 2. Quartal jeden Monat 71 Mrd. € auf Bankkonten deponiert, mehr als doppelt so viel, wie 2019.
    Die Veröffentlichungen der Online-Broker belegen unisono eine Explosion des Retailhandelsvolumens. Erstens substituieren viele ihre Spielsucht durch Online-Trading. Dies wird durch ungewöhnliche Ordervolumnina in exotischen Aktien und Derivaten sichtbar. Zweitens kaufen die Neuaktionäre die bekannten Namen. Nur wenige Aktien bestimmen Preistrends, in den USA sind es genau fünf: Apple, Amazon, Alphabit, Microsoft, Facebook. Die Preisentwicklung der restlichen 495 Unternehmen im S&P500 ist derzeit quasi bedeutungslos. Wer erinnert sich noch an die TMT-Blase?

  • Dienstmädchenhausse China.
    Im Juni hat die chinesische Finanzaufsicht Privatpersonen eine Eröffnung von Marginkonten erlaubt. Damit können von jedermann gehebelte Wetten auf Preisveränderungen von Aktien und Derivaten getätigt werden. Seitdem explodieren Kontoeröffnungszahlen und Ordervolumina. Fast 15 % aller Orders an den chinesischen Börsen erfolgt auf Margin-Basis, also unter Verwendung eines Wertpapierkredits. Das wird allgemein als Donimanz der Retailkunden an den Börsenplätzen gedeutet. Die staatlich gelenkten Medien veröffentlichen zeitgleich optimistische Meldungen über die Perspektiven der chinesischen Wirtschaft, fordern die Spekulanten förmlich auf, jetzt risikobehaftete Wetten einzugehen.
    Im Juli 2015 explodierten die chinesischen Aktienkurse in einem ähnlichen Umfeld. Im August folgte die bislang schärfste Korrektur.

  • SAP: Quartalszahlen.
    Nach dem spektakulären Fall von Wirecard ist SAP der einzige bundesdeutsche DAX-Konzern der Digitalwirtschaft. Um so erfreulicher ist die Tatsache, dass der Konzern trotz COVID-19-Pandemie höhere Erträge ausweist. Interessant ist die Begründung. Es wurde nicht wesentlich mehr verkauft. Nein – striktes Kostenmanagement ist das Erfolgskonzept. Insbesondere wurde die Axt an Dienstreisen angelegt. Vermutlich größtenteils permanent und irreversibel wurden diese einfach gestrichen.

  • BBVA: High-Yield Green Bond.
    Am Dienstag emittierte die spanische Bank eine nachrangige grüne Anleihe. Der Kupon: 6 %. Volumen: 1 Mrd. €.
    Damit ist die erste nachhaltige Nachranganleihe erfolgreich platziert. Verwunderung löst eine Passage der Mittelverwendung aus: Das eingenommene Geld kann verwendet werden, um andere, höher verzinste Anleihen vorzeitig zu kündigen. Kann man offensichtlicher GreenWashing betreiben?1

  • Wasserstoffstrategie der EU.
    Grüner Wasserstoff ist in aller Munde. Amazon und Walmart propagieren mit Wasserstoff beheizte Verteilzentren und Warenhäuser. Wasserstoff sei die postfossile Zukunft, propagieren die Marketing-Nerds.
    Tatsächlich wird Wasserstoff auf absehbare Zeit hauptsächlich aus fossilen Quellen durch Abscheidung von Kohlendioxid hergestellt. Die aktuelle Wasserstoffproduktion der EU setzt etwa 100 Mio. t CO2 pro Jahr frei.
    Die EU investiert in den kommenden 30 Jahren bis zu 500 Mrd. € in die Entwicklung einer Wasserstoff-Infrastruktur, darin enthalten sind auch 20 Mrd. € für die Herstellung von »Low Carbon Hydrogen«. Darunter versteht man die Kombination: Freisetzung des Wasserstoffs aus fossilen Kohlenwasserstoffen und die gleichzeitige Entsorgung des entstehenden Kohlendioxids in speziellen Lagern, z.B. Salzkavernen. Das Programm sieht die Aufrüstung des bestehenden Gasnetzes vor. Größte Profiteure sind Alstom, Air Liquide, Orsted, EDP, Enel und Iberdrola. Nicht oder weniger: Linde.2
    Der in den Medien derzeit gehypte »Grüne Wasserstoff« ist kaum mehr als die öffentlichkeitswirksame Fassade der eigentlichen Industriepolitik, die auf die Sicherung der Geschäftsmodelle nationaler Technologieflagschiffe ausgerichtet ist.

  1. Im August emittiert ReConcept eine besicherte grüne Anleihe mit einem Kupon von 5,75 % an der Börse in Frankfurt. Warum man eine nachrangige Bankanleihe mit so geringem Zinsvorteil zeichnet, erschließt sich auch nach längerem Nachdenken nicht, 

  2. Die transatlantisch aufgestellte Linde ist gerade Gegenstand einer Investmentanalyse. Hieronymus klopft hierfür das strategische Umfeld ab. Die Unstimmigkeiten der Wasserstoffstrategie sind ein Abfallprodukt dieses Unterfangens.