Wochenbericht 46

Das Ende von Visa & Co

Kredit- und Debitkarten erleichtern das Bezahlen, behaupten Visa und Mastercard. Hauptsächlich spült dies enorme Geldmengen in die Schatullen der Paymentspezialisten. Amazon zog Visa gerade in UK medienwirksam den Stecker und stellt seine Zusammenarbeit auch in den USA zur Disposition. Ein nächster Dominostein des zentralisierten Finanzwesens fällt. Im Hintergrund zertrümmern diverse Initiativen der Dezentralized Finance das Spielfeld konventioneller Bezahlsysteme.

Stuttgart, 20. November 2021.

Amazon listet Visa aus

Im März 2021 erhöhte Visa seine Vermittlungsgebühren in Großbritannien von 0,3 auf 1,5 Prozent. Nach dem Brexit gelten die EU-Vorschriften für die Gebührenstrukturen für Zahlungsvermittler nicht mehr. Amazon führte daraufhin einen Rechnungsaufschlag von 0,5 Prozent bei Zahlungen mit Visa ein. In der vergangenen Woche feuerte Amazon die nächste Salve: Britischen Kunden wird keine Zahlungsoption mit Visa mehr angeboten.

Amazon deutete in einer Presseerklärung an, dass seine Zusammenarbeit mit Visa auch in den USA auf dem Prüfstand stände. Mehr noch: strategisch setzt der Online-Monopolist für alle Payments auf eine Kooperation mit PayPal.

Die Entscheidung von Amazon richtet den Blick auf die Geschäftspraktiken der Kreditkartenunternehmen. Visa und Mastercard dominieren den Markt. Sie hofieren Kapitalanleger mit monopolartigen Gewinnmargen von 70 bis 80 Prozent. Kunden erhalten ihre Karten zumeist kostenlos und erwarten, dass Geschäfte diese akzeptieren. Die Kreditkartenunternehmen errichteten seit der Jahrtausendwende erfolgreich sehr hohe Markteintrittsbarrieren für alternative Paymentdienstleister. Selbst Amazon musste deren Konditionen akzeptieren.

Trotzdem war es nur eine Frage der Zeit, bis konkurrierende FinTech’s die Gewinnmargen abgreifen würden. Amazon zeigt den Weg. Fällt die Bastion nun wie ein Kartenhaus?

Die Kreditkartengiganten spüren den Gegenwind seit längerem. Visa musste seine Marketingaufwendungen im vierten Quartal 2021 um 58 Prozent erhöhen. Kunden werden mit immer teureren Incentives gelockt. N26 beispielsweise belohnt seine Kunden bei der Nutzung einer Debitkarte mit Cashbacks.

Diese Praxis macht Investoren nervös. Die Visa-Aktie korrigierte seit Juli um 20 Prozent. Der Aktienpreis von Mastercard stagniert.

Die Maßnahme von Amazon ist ein überfälliger Schritt in der Transformation des Bezahlwesens. Visa und Mastercard sind im Grunde Dinoaurier es traditionellen Finanzwesens. Die Transaktionen erfolgen zentral, die Kreditkartenunternehmen bündeln Dienstleistungen klassischer Banken.

Spätestens mit der Marktreife von Smartphones mit Bezahlfunktion ist das Kreditkartenverfahren obsolet. Spezialisierte Paymentdienstleister erschließen unter Umgehung der Intermediäre Kostenvorteile.

Die Entwicklung ist aber längst nicht abgeschlossen. Aktuell ist ein Bankkonto für die Teilnahme am Zahlungsverkehr unverzichtbar. Mit der Einführung von digitalen Abbildern der Zentralbankwährungen endet dieser Zwang. Dann genügt eine Wallet und ein Smartphone. El Salvador zeigt den Weg. Mit der Zulassung von Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel entfällt dort die Notwendigkeit eines Bankkontos. Überweisungen erfolgen ohne Intermediäre. Der Bezahlcoin Nano bietet in weiten teilen Afrikas einen ähnlichen Service. Amazon geht mit seiner Kooperation mit PayPal einen Schritt in diese Richtung. Wohl wissend, dass man in einer dezentralen Welt selbst auch keine Daseinsberechtigung mehr hat. Vermutlich hat man genau deshalb so lange mit dem Schritt gezögert, Visa und Mastercard die Stirn zu bieten.

Headlines der Woche

  • Alibaba.
    Der chinesische Online-Gigant zieht sich sukzessive von den westlichen Kapitalmärkten zurück. Der Haupthandelsplatz für Alibaba-Aktien ist inzwischen Hong Kong. Der Aktienpreis ist von 320 $ im November 2020 auf zuletzt 145 $ gesunken. Trotzdem sprechen 19 von 21 Analysten ein klare Kaufempfehlung für die Aktie aus.
    Vom 1. bis zum 11. November feierte Alibaba den Singles Day. Es ist bereits geübte Routine, zum Abschluß der Aktion einen neuen Umsatzrekord zu melden. Dieses Ritual wurde auch dieses Jahr vollzogen. Die Wachstumsdynamik sinkt nun jedoch merklich. Gleiches gilt für die Umsatzdynamik des Konzerns.
    Obwohl – die Umsätze sollen 2022 nochmals um 20 bis 23 Prozent steigen. Ursprünglich prognostizierte Alibaba aber ein Umsatzwachstum um 30 Prozent.
    Der chinesische Einzelhandelsumsatz ist 2021 nur um 2.5 Prozent gestiegen. Selbst wenn es den Parteikadern gelänge, das Wachstum auf das Plansoll von sieben Prozent zu stimulieren, würde die Dominanz von Alibaba zunehmen. Die Parteiführung hat jedoch unmißverständlich klargemacht, dass sie keine weitere Machtkonzentration bei den Online-Giganten zulassen wird. Alibaba steckt also in einer Zwickmühle. Wenn es gelingt, das geplante Wachstum zu generieren, straft der Staat. Gelingt dies nicht, bestraften die Kapitalmärkte. Der Aktienmarkt reflektiert die Risiken des Geschäftsmodells.
    Die jüngsten Quartalszahlen stützen die Skepsis: Obwohl der Quartalsumsatz im Jahresvergleich um 29 % gestiegen ist, sank der Ertrag um 87 Prozent.
Abbildung 4: Preisentwicklung der Alibaba-Aktie (in USD)
  • Kopie der US-Verfassung versteigert.
    Über Wochen hatte sich in den sozialen Medien ein enormer Druck aufgebaut. Es gibt 11 Orginalkopien der US-Verfassung, nur eine ist im Privatbesitz. Diese wurde am Donnerstag versteigert.
    Speziell hierfür hatte sich eine ConstitutionDAO gegründet. Die Dezenrale Organisation emittierte einen Token, mit der Aufforderung an die Kryptogemeinde, den Preis so hoch zu treiben, dass man die Auktion für sich entscheiden könne. Nur dann, so die Initiatoren, könne man das Dokument für die Öffentlichkeit retten. Krypto-Crowd-Funding. Zwischenzeitlich kamen so 47 Mio. $ zusammen. Das Dokument ging trotzdem für 43,2 Mio. $ an Ken Griffin, dem Gründer von Citadel. Unmittelbar vor der Auktion sank der Ethereum-MArktpreis um etwa 10 Prozent. Deshalb konnte Griffin zu dem »Schnäppchen-Preis« zuschlagen.
    Die Kopie soll nun trotzdem zu einem öffentlichen Gut werden und als Dauerleihgabe in einem Museum gezeigt werden. Die Aktion hat gezeigt, wie schnell man derzeit große Summen auf globaler Ebene einsammeln kann. ConstitutionDAO löst sich nun auf und zahlt das eingezahlte Geld zurück. Krypto-Crowdfunding steht gerade am Anfang seiner Entwicklung.

  • Japan: nächstes Konjunkturprogramm.
    Fumio Kishada heißt der neue japanische Premierminister. Seine erste größere Amtshandlung: Ein Konjunkturprogram im Volumen von 323 Milliarden US-Dollar (8 % des GDP). Damit setzt Japan einen Kontrapunkt zu den weltweiten Bemühungen, die massiven Coronahilfen wieder einzusammeln.
    Das Ziel: Ein Wachstumsimpuls von 5,6% für 2022. Familien mit mindestens einem Kind, Studenten und Sozialhilfeempfängerhaushalte bekommen einmalig 100.000 ¥ (777 €). Von der Pandemie beeinträchtigte Kleinunternehmen erhalten Beihilfen über 20.000 €. Der Rest ist das übliche Tableau von Subventionen für Industrieansiedlung, preiswerte Kredite für Unternehmen, Infrastrukturmaßnahmen und so weiter. Innovation geht anders. Immerhin hat Kishada die Auffwertung des Yen beendet. Seit Jahresbeginn wertete der Yen um 15 Prozent gegenüber dem US-Dollar ab. Der Import von Inflation und die Stützung einheimischer Exporteure sind erwünschte Wirkungen der Maßnahmen. Japan kontrolliert – anders als die Tükei – die Rahmenbedingungen der Finanzmärktei und lässt diese in seinem Sinne wirken..

  • Türkei: Leitzinssenkung.
    Am Donnerstag verkündete die türkische Notenbank eine Leitzinsenkung auf 15 Prozent. Die offizielle Inflationsrate im Oktober: 20 %. Wenig überraschend wertet die türkische Lira prompt auf ein neues Allzeitlow ab.
    Der Chart seit 2005 zeigt die dramatische Dynamik des Wertverfalls der Lira.

Abbildung 5: Abwertung der türkischen Lira seit 2005

Allein in den letzten drei Monaten wertete die Lira um etwa ein Drittel gegenüber dem US-Dollar ab.
Selbst die FT berichtet inzwischen über eine Massenflucht von Inlandskapital in Krypto-Derivaten als Inflations-Hedge. Droht der Türkei ein finanzieller Kollaps?

  • NewFood-Produzenten korrigieren scharf.
    Oatly fällt nach enttäuschenden Quartalszahlen um 20 Prozent auf nur noch 10 $. Am 11. Juni kostete eine Aktie noch 28 $. Beyond Meat: Seit dem 1. Juli halbierte sich der Marktpreis der Aktie.
    Wie kann das sein? Beyond Meat ist der führende Hersteller veganer Burger und anderer Fleischersatzprodukte, Oatly produziert sehr erfolgreich (unter anderem) Getränke auf Getreidebasis. Beide gelten als Protagonisten einer ausgewogenen, klimagerechten Ernährung der Menschheit.
    Fakt ist: beide setzen aggressiv auf Expansion. Marktpenetration ist wichtiger als Profit. Bei einem Umsatz von 460 Mio. $ erwirtschaftete Beyond Meat einen operativen Verlust über 125 Mio. $. Bei Oatly ist das Verhältnis mit 585 / 170 Mio. $ kaum anders. Beide weisen negative Cash-Flows auf, sind also keine Profiteure der Lockdown-Kultur.
    Dabei wurden beide zu Beginn der Pandemie als Hoffnungsträger für eine neue Esskultur gepriesen. Nun – dieser Trend scheint – vorerst – vorbei zu sein. Die Menschen kehrten nach dem Ende der Ausgangsbeschränkungen flugs wieder zu ihren gewohnten Essgewohnheiten zurück. Dies kann nirgends besser abgelesen werden, als am Aktienkurs der US-Fastfood-Ketten.
    Dabei ist allen klar, dass die globalen Klimaziele mit der konventionellen Esskultur unmöglich zu erreichen sind. ESG-affine Investoren müssen einen langen Atem haben und viel Vertrauen in das Management aufbringen. Die Finanzmärkte belohnen kurzfristigen Opportunimus. Insbesondere Oatly erscheint auf dem aktuellen Preisniveau attraktiv. Hier könnte sich eine Gelegenheit für einen strategischen Positionsaufbau bieten. Die Aktie ist auf der Watchlist.

Ressourcen

  • Alibaba warns of slowdown in Chinese consumer spending, FT 18.11.2021
  • Ken Griffin buys copy of US constitution after bidding war with crypto traders, FT, 20.11.2021
  • Japan unveils $383bn stimulus package to boost lagging recovery, FT, 19.11.2021
  • Turkish lira sinks to new low as investors warn of ‘vicious cycle’, FT 19.11.2021
  • Amazon/Visa: duopolists finally face a bigger, uglier challenger, FT 18.11.2021