Wochenbericht 45

Inflationsdilemma

Die Notenbanken behaupten, Inflation sei eine temporäre Erscheinung. Sie setzen ihre expansive Geldpolitik unbeirrt fort. Mangels Alternativen überhitzen sich die spekulativen Ecken der Finanzmärkte immer mehr. Haben die Notenbanken recht, verdüstern sich die Ertragsperspektiven von Unternehmen sehr bald – und den Aktienpreise droht eine scharfe Korrektur. Haben die Finanzmärkte recht und Inflation ist gekommen um zu bleiben, dann steuert die Welt geradewegs in eine riesige Spekulationsblase – auf der wiederum eine scharfe Zäsur folgt. Bieten Kryptoinvestments einen sicheren Hafen?

Stuttgart, 13. November 2021.

Vor ein paar Tagen zog die ING-Diba nach: Ab 2022 werden ab 50.000 € Cashbestand Strafzinsen fällig. Damit gibt es fast keine seriöse Möglichkeit mehr, Geld ohne Anlagerisiken und Wertverlust verwahren zu lassen.

Gut – so könnte man einwerfen – ob ein nomineller Wertverlust von 4,7 oder 4,2 Prozent pro Jahr für den Notgroschen anfällt, macht den Kohl auch nicht mehr fett. Es ist aber ein Unterschied, ob der ausgewiesene Kontostand jeden Monat sinkt oder ob Güter die man kaufen könnte – wenn man wollte – teurer werden.

Inflationsschutz mit Anleihen kaum darstellbar

Es ist schon einige Wochen her. Da bahnte sich ganz ordinär mit der Briefpost ein Emissionsprospekt einer ESG-konformen Anleihe mit einem Kupon von 6,25 Prozent den Weg zum Schreibtisch. Das ist natürlich kein Witwen- und Waisen-Produkt, es bestehen deutliche Risiken. Selbst ein Totalverlust ist nicht ausgeschlossen.

Dennoch bieten derartige Angebote derzeit die einzig halbwegs seriöse konservative Geldanlage mit einer positive Ertragserwartung. Der Nettoertrag der erwähnten Anleihe beträgt 4,57 Prozent pro Jahr, sie schützt das Anlagekapital gerade so vor einer Entwertung. Wehe, wenn die Inflationsrate auf US-amerikanische Verhältnisse ansteigt.

USA: Verbraucherpreise steigen um 6,2 Prozent

Abbildung 1: Verbraucherpreisentwicklung in den USA
Abbildung 2: Reale Kreditkonditionen in den USA
Abbildung 3: Reallohnentwicklung in den USA

Die drei Graphiken beschreiben das aktuelle Kapitalmarktgeschehen ganz gut.

  1. Entgegen den Annahmen der Notenbanken schraubt sich die Inflation immer höher.
  2. Da die Notenbank untätig ist, wird es (für Staaten und Unternehmen mit Investmentgrade-Rating) immer attraktiver, sich zu verschulden.
  3. Die Bürger sehen sich einem realen Einkommensverlust ausgesetzt, solange die Lohnentwicklung nicht den Inflationsdaten folgt.
  • Für Privatinvestoren ist es uninteressant. in Fremdkapital zu investieren. Statt dessen: Aktien
  • Für abhängig Beschäftigte ist es unsinnig, weiter zu den bestehenden Konditionen beschäftigt zu sein. Statt dessen: Job kündigen und dank vieler offener Stellen bei neuem Arbeitgeber bessere Konditionen aushandeln.
  • In Unternehmen müssen Investitionen nicht mehr rentabel sein. Wer nicht den maximalen Kreditrahmen nutzt, ist selbst Schuld.

Als Konsequenz steigen Aktien in absurde Höhen, der US-Dollar wertet trotz Rekordstaatsverschuldung auf. Einzig Renten verhalten sich »vernünftig«: Die Renditen von US-Staatsanleihen sind nach der Veröffentlichung der Inflationsdaten deutlich gestiegen.

Die Hoffnung: technischer Fortschritt wirkt deflationär

Nicht wenige machen die aktuelle US-Fiskalpolitik für die Zuspitzung an den Kapitalmärkten verantwortlich. Nachdem die Trump-Administration für die Dauer der Pandemie quasi ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt hatte, verteilte die Biden-Administration weitere Milliarden Dollar, als bereits ein Ende der akuten Pandemiephase absehbar war. Die Bürger verhielten sich anschließend wie geplant. Sie verwendeten die Ersparnisse für Anschaffungen und den allgemeinen Konsum. Das Ergebnis: Die Fiskalpolitik der Biden-Administration befeuerte den Konsum und wirkte inflationär.

Das aktuelle Infrastrukturpaket adressiert nun den investiven Bereich. Jetzt versucht man die Inflationsdebatte mit dem Narrativ einzufangen, investive Ausgaben würden technischen Fortschritt ankurbeln und deshalb deflationär wirken. Wieso Straßen- und Brückenbau deflationäre Wirkungen entfachen, erschließt sich Hieronymus allerdings nicht.

Die in Abbildung 3 dargestellte Reallohnentwicklung liefert zusammen mit der Statistik der freiwilligen Jobkündigungen die bislang belastbarsten Argumente für einen Übergang in eine endemische Inflation. Abhängig beschäftigte suchen sich neu, besser bezahlte Arbeitsstellen. Im Zweifel steigen nun Lohnstückkosten, der maßgeblichste Precursor für eine Lohn-Preisspirale überhaupt.

Ausgerechnet das Kryptosegment als Inflationshedge

Zufälle bestimmen das Leben. Wirklich zufällig fiel Hieronymus eine Abhandlung des Bond-Trading-Veterans Greg Foss in die Hände. Der bezeichnende Titel: »Why Every Fixed Income Investor Needs to Consider Bitcoin as Portfolio Insurance«. Foss hat in seiner Karriere als Anleihehändler die Finanzmarktkrisen seit den 1990ern hautnah erlebt. Seine Quintessenz: Die Assetklasse Anleihen kann gerade dann ihren Anspruch, eine Portfoliodiversifizierung zu sein, nicht erfüllen. Anstatt ein Depot zu stabilisieren, erhöhen Anleihen in Krisenzeiten die Volatilität bzw. den Drawdown. Das gilt insbesondere, wenn reale Anleiherenditen außerhalb einer Krisensituation bereits negativ sind.

Man muss neue Wege gehen, um Kapital erfolgreich durch turbulente Zeiten zu navigieren. In der Vergangenheit war eine Shortposition in Aktien eine erfolgreiche Absicherung. In der Gegenwart macht es keinen Sinn, überhaupt Anleihen zu halten. Wogegen soll man Assets mit einer negativen Ertragserwartung absichern?

Angesichts der sich zuspitzenden finanziellen Repression macht es immer mehr Sinn, Geld an einem sicheren Ort zu deponieren.

Als sicheren Ort macht Foss ausgerechnet Bitcoins aus.

Es ist natürlich abwegig, konservatives Kapital komplett in die spekulativste Assetklasse überhaupt zu transferieren. Deshalb sein Vorschlag, zumindest eine ordentliche Diversifizierungsposition aufzubauen.

Das eigentliche Problem: In einer akuten Finanzmarktkrise ist Bitcoin nicht liquide. Im Frühjahr 2020 ging der Bitcoinpreis genau aus diesem Grund um die Hälfte zurück. Der Bitcoinpreis erholte sich danach synchron zu anderen Assetklassen. Eine Portfolioabsicherung sieht anders aus!

Abbildung 4: Preisentwicklung von Bitcoin Dez 2019 bis Dez. 2020

Auch derzeit korreliert der gesamte Kryptomarkt stark mit dem Aktienmarkt. Die hohe Volatilität gepaart mit mangelhafter Liquidität setzt einer erfolgreichen Realisierung höchstwahrscheinlich nur temporärer Hed­ging­erträge enge Grenzen. Hieronymus steht diesem Vorschlag sehr skeptisch entgegen.

  • Eine Absicherungsposition, die den Buchwertverfall im Krisenfall verstärkt ist wenig sinnvoll.
  • Assets ohne intrinsischen Wert droht im Krisenfall ein Totalverlust (siehe Subprime-ABS während der Finanzkrise).
  • Bitcoin ist mangels Ertragsfunktion selbst für eine langfristige Preisstabilität auf einen steten Strom neuer Käufer angewiesen.
  • Anders als bei Rohstoffen gibt es außerhalb des Finanzmarkts keinerlei Verwendung für Bitcoins.

Staken als Ausweg

Foss gebührt jedoch die Ehre, das eigentlich Undenkbare in die Öffentlichkeit getragen zu haben: den Einsatz von Kryptowährungen als Ersatz der Assetklasse Anleihen.

Abseits von Bitcoins bieten sich Kryptowährungen mit Ertragsfunktion als Investments an. Im Beitrag Mining und Staking sind die Grundlagen für die systematische Erzielung von Staking-Erträgen beschrieben. Diese übernehmen die Funktion ausgezahlter Anleihekupons. Der eigentliche Charme eines konservativen Krypto-Staking-Investments ist die deflationäre Komponente der in Frage kommenden Kryptowährungen. Wenn technischer Fortschritt deflationär wirkt, bilden Kryptowährungen der dritten Generation das Epizentrum für Deflation. Nirgends sonst ist die Innovationskraft des aktuellen Digitalen Kontratjeff ausgepägter.
Hieronymus prognostiziert eine rasche Mutation der Kryptowährungen zu konservativen, inflationsgeschützen Basisinvestments. Dort angelegtes Geld ermöglicht einen effektiven Betrieb der Blockchains. Dies bildet die Grundlage für einen breiten Einsatz dezentraler Anwendungen. Diese erweisen sich immer mehr als eigentliche Innovationstreiber und könnten langfristig Aktienanlagen ergänzen.

Headlines der Woche

  • General Electric zerfällt in drei separate Firemen.
    Das bekannteste US-Konglomerat gibt dem Druck der Straße nach. Den Anfang macht GE Healthcare im Jahr 2023 (19,9 % Gewicht), GE Renewable Energy, GE Power und GE Digital folgen im Jahr 2024. General Electric wird dann zu einem reinen Flugzeugzulieferer.
    Der Aktienkurs ist auf Wochenschlußkursbasis unverändert.

  • Toshiba kündigt ebenfalls eine Aufteilung in drei separate Firmen an.
    Was GE für die USA ist Toshiba in Japan: das bekannteste Konglomerat. Wie bei GE setzen auch hier aktivistische HedgeFonds ihre Interessen durch. Toshiba ist allerdings kaum vorbereitet. Die Geschäftseinheiten sind nicht klar getrennt. Unklar ist auch, wie zukünftig sichergestellt wird, das die Nuklear- und Rüstingsabteilungen im japanischen Interesse tätig sind. Als Alternative zur Aufspaltung steht eine Übernahme durch die britische Private Equity-Gesellschaft CVC zur Diskussion. CVC würde Toshiba dann sukzessive zerschlagen.

  • Tesla Aktienkurs sinkt nachdem Elon Musk öffentlich ankündigte, Aktien zu verkaufen.
    Jetzt ist selbst Musk die Preistreiberei in der Tesla Aktie suspekt geworden. Er veräußerte ein großes Aktienpaket und muss jetzt 5 Mrd. $ an Einnahmen versteuern. Der Aktienkurs ist um fast 20 Prozent eingebrochen.

  • EQT, GIC und ADIA wollen Galderma an die Börse bringen.
    2019 übernahm EQT, die schwedische Private-Equity-Gesellschaft, zusammen mit den Staatsfonds GIC (Singapore) und ADAI (Abu Dhabi) für 10 Mrd. $ die Hautpflegesparte von Nestle. Galderma profitierte von der Covid-Pandemie. Bereits nach drei Jahren wollen die neuen Eigentümer Kasse machen und die Gesellschaft an die Börse bringen. Geplanter Börsenwert: 22 Mrd. $.

  • Softbank muss eigene Aktien zurückkaufen.
    Das eigentliche Kerngeschäft von Softbank sind Firmenbeteiligungen. Dem Management sind offenbar einige faule Eier untergeschoben worden. Der Aktienkurs hat sich seit April halbiert. Die Q2-Ergebnisse waren katastrophal (ausgewiesener Verlust: 3 Mrd. €). Der Aktienkurs bewertet die Beteiligungen mit der Hälfte der ausgewiesenen Unternehmenswerte. Besser kann Mißtrauen kaum artikuliert werden.
    In der abgelaufenen Woche ist der Aktienpreis um 10 Prozent gestiegen, immerhin. Der Grund: Softbank kaufte für 8,8 Mrd. $ eigene Aktien zurück. 2020 hatte Softbank (erfolglos) 23 Mrd. $ für Aktienrückkäufe verwendet. Solange die Beteiligungen keine oder zu geringe Ergebnisse beitragen, dürften Großaktionäre zu weiteren Aktienrückkäufen drängen. Immerhin bewahrt dies das Softbank-Managmeent vor neuen Fehlern mit neuen Beteiligungen.

  • Investitionen in China boomen trotz sinkender Aktienkurse.
    Der CSI 300 hat im Jahresverlauf sieben Prozent Wert eingebüßt. China baut seine Rivalität gegenüber dem Westen planmäßig aus. Die Partei legte die Technologieriesen an die Kette. Es gibt einen veritablen Immobilienmarktcrash.
    Und trotzdem steigen die Auslandsinvestitionen in chinesischen Aktien und Anleihen im Jahresvergleich um zehn Prozent. Ausländische Investoren halten chinesische Assets über 1,1 Billionen Dollar. 2021 wurde etwa eine Milliarde Dollar in China selbst investiert.

  • Hype um Elektroautomobilhersteller geht weiter: Rivian ist aus dem Stand wertvoller als Ford.
    Es ist der größte US-Börsengang seit 2012. Rivian verspricht Elektroautos zu bauen. Aktuell macht es aber Verluste: 2020 400 Mio. $ und 2021 bereits 600 Mio $. Gebaut werden Lieferwagen und PickUp’s. Ausgeliefert wurden bisher 156 – an Mitarbeiter. Amazon (Großaktionär mit 22 %) hat 100.000 Fahrzeuge bestellt. Kurios: weiterer Großaktionär ist Ford. Dort baut man das Elektro F-150 Pickup, eine separate Eigenentwicklung, in direkter Konkurrenz zum Rivian-Pickup. Ford hat 160.000 Vorbestellungen, die ab April 2022 ausgeliefert werden, Rivian 50.000 mit ungewissem Fertigungsdatum. Der Börsenwert nach dem IPO: 93 Mrd. $. (Ford: 64 Mrd. $)

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