Wochenbericht 43

Teslamania

Der Marktwert von Tesla stieg innerhalb weniger Stunden um über 100 Milliarden Dollar, mehr als der gesamte Börsenwert vom Daimler. Auslöser ist eine AdHoc-Mitteilung. Das weckt Erinnerungen an den »Neuen Markt«. Heute wird aber mit Blue-Chips gezockt. Passive Investoren werden für waghalsige Spielchen instrumentalisiert.

Stuttgart, 30. Oktober 2021.

Der Grad einer Spekulation kann an der Stärke einer Marktreaktion nach einer AdHoc-Veröffentlichung abgelesen werden.

  • Am Montag wurde die Tesla-Aktie um 10 Prozent teurer.

Zuvor hatte Hertz einen Deal bekanntgegeben. Der Autovermieter will im kommenden Jahr 100.000 Tesla-E-Mobile kaufen. Dann sollen 20 Prozent aller Mietwagen der Firma elektrisch betrieben sein.

Während der Pandemie musste Hertz Insolvenz anmelden und seine Schulden restrukturieren. Im Mai 2021 kam die Firma unter den Hammer. Private Equity Gesellschaften boten 6,2 Mrd. $, Altaktionäre wurden mit 2$ pro Aktie abgefunden. Die neuen Eigentümer: Knighthead Capital und Certares.

Für Tesla ist das ein Coup. Jeder kann ab 2022 einen Tesla für wenig Geld ausleihen und ausprobieren.

Dennoch ist die Marktreaktion ungesund. Der Preisanstieg der Tesla-Aktie am Montag allein setzt sich in eine zusätzliche Marktkapitalisierung von 118 Mrd. $ um. Das entspricht dem Marktwert von FORD und BMW zusammen.

Abbildung 2: Marktkapitalisierung der größten Automobilkonzerne

Im Wochenverlauf ist der Aktienpreis kontinuierlich weiter gestiegen. Das liegt weniger an einer Präferenz der Investoren für den Titel. Vielmehr treibt die hohe Gewichtung der Aktie im S&P 500 nun die Marktbewertung.
Tesla ist in dieser Woche in den erlauchten Klub der Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung oberhalb einer Billion Dollar aufgestiegen. Cathie Wood (Ark Financial) jubelt: Sie sieht den »fairen Wert« des E-Autobauers bei 3.000 $ pro Aktie (aktuell: 1.114 $) und sagt es jedem, egal ob er es hören will oder nicht.
Andere »Analysten« fügen sich der Realität. Einige vermuten, Tesla könnte der große Gewinner der laufenden Austauschaktion von Geschäftsfahrzeugen sein. Die Unternehmen müssten ihre Flotten jetzt zügig austauschen und würden Tesla wählen. Nun – das sieht die Konkurrenz bekanntlich ganz anders.

Short-Squeeze zum Jahresultimo

Der Grund für die hektische Suche nach Narrative, die einen Einstieg in die Aktie zu diesem Zeitpunkt rechtfertigen, heißt 2,8 %. Das ist der Anteil des Unternehmens am S&P 500. Viele aktiv gemanagte Mandate haben den US-Blue-Chip-Index als Benchmark. Das Gewicht eines Unternehmens mit einem KGV von 130 muss angesichts eines Durchschnitts-KGV von 21 hier gering sein. Die Krux ist: Aktiv gemanagte Depots, die sich am S&P 500 ausrichten und weniger als drei Prozent Tesla Aktien im Bestand haben, sind effektiv Tesla-Short. Die Tesla-Aktie notierte vor einem Jahr bei etwa 600 $. Seit Anfang Oktober erlebt der Wert eine Short-Squeeze, Vermögensverwalter und Fondsmanager müssen ihre Bestände angesichts des nahen Jahresultimos adjustieren. Dann fragen Kunden und Vorgesetzte: »Wie kommt es, dass wir dort nicht übergewichtet sind?« – Hinweise auf die gängige Praxis des Risikomanagements werden mit dem Hinweis, dass passive Investments preiswerter sind und zudem besser performen, zur Seite gewischt.

Abbildung 3: Preisentwickling von Tesla

Bubble?

  • Kann eine Verzehnfachung des Marktwerts eines Blue-Chips innerhalb von zwei Jahren nachhaltig sein?

  • Oder ist die Preisexplosion einfach nur eine spekulative Übertreibung?

Fakt ist: Die Tesla-Aktie profitiert extrem von den Kräften passiver Investments. Hieronymus verweist nochmals auf die Betrachtungen zur Verzerrung von Marktpreisen durch passive Fonds (Wochenbericht: Nebenwirkungen von ETF-Investments).

Abbildung 4: Preisentwickling des S&P 500 und des Russell 2000[blau] seit 2017

Der Effekt ist in Abb. 4 visualisiert. Der Russell 2000 gibt die Wertentwicklung des breiten US-Markts wieder. Die Preise sind nicht durch Schwergewichte verzerrt.

Abbildung 5: Entwicklung der Wachstumsprognose in den USA

Die Preisentwicklung des Russell 2000 »passt« angesichts der weiterhin expansiven Geldpolitik zur Entwicklung des Wirtschaftswachstums, die des S&P 500 nicht.

Wenn die Preise stark divergieren, kündigt sich ein Preisschock an. Aktuell öffnet sich die Schere bereits den 10. Monat in Folge.

Abbildung 5: Durchschnittliche Marktbewertung (Shiller-KGV) und Marktzinsen seit 1860

Allein die Verzerrungen aufgrund des Booms passiver Investments liefern keinen hinreichenden Anlass für eine Entladung der Blase. Dazu müssen andere Belastungsfaktoren beitragen.

Unglücklicherweise gibt hieran keinen Mangel. In Abb. 5 ist die jüngste Entwicklung des Shiller-KGV zusammen mit der Entwicklung der Marktzinsen aufgetragen. Eine vergleichbare Situation lag 1901 vor: die Marktsinsen waren niedrig, die Bewertung hoch. Bis 1921 stiegen die Marktzinsen, die Aktienbewertungen gingen auf 5 zurück. Auf die Gegenwart übersetzt entspräche dies Aktienpreisen weit unterhalb der Tiefpunkte des Jahres 2020. Der Zeithorizont ist mit 20 Jahren allerdings recht lang.

Inflation als Ausweg

Das europäische Statistikamt veröffentlichte am Donnerstag frische Inflations- und Wachstumsdaten: Inflation: 4,1 %, Wachstum: 2,2 %.
Hieronymus berechnet daraus messerscharf eine effektive Kontraktion der Volkswirtschaft der Eurozone um 1,9 Prozent. Kein Wunder, dass die EZB an ihrer Nullzinspolitik festhält.

Diese zugegeben sehr verkürzte und zugespitze Interpretation zeigt das grundsätzliche Dilemma. Fiskal- und Geldpolitik konnten zwar die akuten Folgen der Corona-Pandemie abfedern. Das grundsätzliche volkswirtschaftliche Problem zu geringem Wachstums bliebt bestehen. Im Grunde stehen wir aktuell wieder genauso da, wie im Sommer 2019 (siehe z.b. Wochenbericht 37/19).

Was damals galt, ist auch heute noch Realität: eine expansive Geldpolitik ist Alternativlos. Bereits vor dem Corona-Schock zogen die Preise an, trotz sinkender Industrieproduktion. Großangelegte Spekulation auf steigende Aktienpreise für jedermann galt damals wie heute als Ausweg vor der schleichenden Entwertung von Barvermögen.

Hektische Suche nach Wertspeichern

Es gibt einen Unterschied. Im Zuge der Digitalisierung hat sich im Bereich »Krypto« ein Marktseqment etabliert, dass von einer stark wachsenden Gruppe von Investoren als »Safe Haven« für Barvermögen in Erwägung gezogen wird (siehe Wochenbericht Crypto-Summer). Je nach Orientierung investieren diese Anleger in BitCoins oder Ethereum. So entdecken selbst Pensionskassen die Assetklasse. Diese Woche hat der Pensionsfond der koreanischen Lehrer (Anlagesumme: 40 Mrd. $) entschieden, in den koreanischen BitCoin-ETF zu investieren, der vermutlich Anfang 2022 zugelassen wird. Börsennotierte BitCoin-Miner empfehlen sich als sichere FIAT-Währungsaufbewahrungsinstitutionen.

Als Beispiel kann MicroStrategy (MSTR) dienen, die aktiv Eigen- und Fremdkapital einwirbt und damit BitCoins aufkauft. Aktuell umfasst das derart passivierte Kapital 7.1 Mrd. $ (Marktkapitalisierung MSTR: 7,41 Mrd. $).
MicroStrategy zeigt andererseits auch die Fallstricke dieses Unterfangens. Trotz netto stark gestiegener Marktpreise für BitCoin musste der Miner im 3. Quartal einen operativen Verlust ausweisen. Die Zukäufe waren schlicht schlecht getimed. Konsequenz: Der Aktienpreis korreliert nicht mit der Preisentwicklung von BitCoin. Trotz kaum vergleichbarer Geschäftsmodelle verhält sich dieser BitCoin-Miner an den Finanzmärkten wie ein konventionelles Rohstoffunternehmen.

In der Wahrnehmung einer wachsenden Zahl von Investoren übernehmen die großen Krypto-Assets BitCoin und Ethereum die traditionelle Rolle von Anleihen. Im Umkehrschluss heisst dies: Aktien sind nicht mehr Alternativlos. Damit entfällt ein zentrales Argument für passive Investments. Die Outperformance der hochkapitalisierten Titel im S&P 500 und im Nasdaq 100 hat ihren Zenit möglicherweise bereits überschritten.

Eine Wette auf eine Entspannung der Blase in Zeitlupe

In einem Reseachbericht untersuchen Analysten von Richard Bernstein Advisors Anlagestile, die von März 2000 bis März 2002 möglichst risikoarm Verluste verhinderten. Der S&P 500 sank in diesem Zeitraum von 1450 auf 1000 Punkte.

Klarer Sieger war ein Spread: Russell 2000 Value gegen Nasdaq 100.

Das Beste: selbst wenn man den Spread bereits 1997 aufgesetzt hätte, wäre der Trade nach dem Platzen der Blase ab 2004 wieder deutlich positiv. Der Indexstand des S&P 500 lag damals immer noch bei 1050 Punkten.

Deren Fazit: Wenn man eine Blasenentwicklung anhand objektiver Kriterien identifiziert hat, macht es immer Sinn, auf die langweiligsten Sektoren zu schauen. Das waren im ausgehenden 20. Jahrhundert genauso wie heute mittelgroße Value-Unternehmen.

Anders als 2000, bilden heute hochkapitalisierte Blue-Chips das Epizentrum der Bewertungsblase. Die Geschäftsmodelle sind erprobt und profitabel. Eine Korrektur der Marktbewertung dürfte deshalb in Zeitlupe ablaufen. Dann hätte eine inverse Stillhalterstrategie auf den S&P 500 ein gutes Chance-Risiko-Profil.

Strategisch erscheint eine Kombination kontinuierlicher Call-Verkäufe auf den S&P 500 Index und gleichzeitiger Put-Verkäufe auf den Russell 2000 Index erfolgsversprechend.

Erfolgreicher Ethererum Hard Fork

Unter der Bezeichnung Ethereum 2.0 Altair wurde am Donnerstag das vorletzte Update der Migration von Ethereum auf die umweltfreundliche Proof of Stake Validierung aktiviert. Damit wird die inzwischen parallel zur Ethereum 1 arbeitende Ethererum 2.0. Beacon Chain auf den finalen Update »The Merge« vorbereitet. Danach wird die Proof of Work-Blockchain Ethereum 1 abgeschaltet.

Auf diesen Meilenstein fiebert die Community seit längerem hin. Schlagartig reduzieren sich dann die Transaktionsentgelte. Aktuell kostet eine Transaktion bis zu 200 $, zukünftig erwartet man Fees im Bereich 0,01 $.

Der Preis für Ethererum steigt in diesem Umfeld kontinuierlich.

Ressourcen

  • Car rental group Hertz files for bankruptcy , FT 23.5.2020
  • Fevered bidding for bankrupt Hertz reaches courtroom auction, FT 9.5.2021
  • The $1tn Tesla dilemma for investors, FT, 29.10.2021
  • Kraken Intelligence October 2021 Crypto On-Chain Digest, Link
  • Eth2’s Altair upgrade goes off smoothly, Blog-Beitrag
  • Investors suffer 60/40 blues as investment mainstay takes a hit, FT 4.10.2021