Wenn die Nachfrage größer ist, als das Angebot … (Aufgenommen bei einer Food-Bank in New Jersey) Reuters.

Wochenbericht 49

Dezember Blues

2020 erleben wir eine beschauliche, ereignisarme Vorweihnachtszeit. Dies setzt sich an den Finanzmärkten fort. Ohne Impulse treten die Börsen auf der Stelle. Dies gilt - bezogen auf Europa - auch mit Blick auf einen größeren Zeithorizont. Ob sich hieran 2021 etwas ändert?

Stuttgart, 5. Dezember 2020.

Zum Jahresausklang 2020 versuchen Regierungen der nördlichen Hemisphäre die Menschen in einen »Winterschlaf« zu schicken. Italien ist mit einem Reiseverbot vorgeprescht. Anderswo verbreiten Staatsführer eindringliche Appelle, ja keine Urlaubsreisen zu unternehmen, keine Verwandten zu besuchen und die Geschenke von Oma+Opa virtuell zu übergeben. So geschehen in Kanada und Mexiko. In Europa hoffen die Regierenden auf die Wirksamkeit der Maßnahmen aus dem November. Die trotzdem steigende Auslastung der Krankenhäuser, die wieder steigende Sterblichkeit und auch die Auswertungen des Infektionsscreenings in Südtirol, zeigen die Grenzen freiwilliger Maßnahmen.

In den USA probiert man gerade aus, wann sich die Menschen unter »Marktbedingungen» freiwillig einschränken. Im Fernsehen werden Menschen gezeigt, die auf der Intensivstation liegen, in Bauchlage künstlich beatmet werden und vom bereits überlasteten Personal mühsam wieder auf den Rücken gedreht werden müssen. Und natürlich Einzelschicksale, die wegen der Erkrankung mitten aus dem Leben gerissen werden und ihren, letztlich tödlich verlaufenden Krankheitsverlauf mit ihrem Smartphone dokumentiert haben. Auf der anderen Seite versprechen lokale Händler, Bar- und Restaurantbetreiber, Fluggesellschaften, ect., dass bei ihren Dienstleistungen keinerlei Ansteckungen passieren. Für Soziologen ist die führungslose Übergangsphase zwischen der Trump- und der Biden-Administration sicherlich hochspannend. Ob das auch für die Objekte dieses Feldversuchs gilt?
Ökonomen untersuchen eiskalt die Relation zwischen der Anzahl der Pandemieopfer und dem Ausmaß der Individualmobilität. Je weniger Individualmobilität, desto höher kalkulieren sie die Anzahl an Firmenschließungen. Je mehr Firmen Insolvenz anmelden, desto weniger dynamisch verläuft eine mögliche Erholung der Old Economy. Dann schließt sich der Kreis: Je stärker der Rückgang der Individualmobilität, desto weniger sind aktuelle Marktpreise gerechtfertigt, ganz zu schweigen von den Perspektiven für das nächste Jahr.

In ihrem wöchentlichen Marktausblick schauen die Analysten der Rating-Agentur Moody’s fasziniert auf Australien. Sie stellen nüchtern fest, dass sich die Binnenwirtschaft dort dank rigider Maßnahmen der Regierung in den vergangenen Monaten deutlich erholt hat. Diesen Erholungspfad übertragen sie mit zeitlicher Verzögerung auf Europa und die USA. Das mag für die 12 Millionen derzeit arbeitslosen US-Amerikaner:innen ein Hoffnungsschimmer sein. Für die Finanzmärkte ist dies hingegen Schnee der Vergangenheit.

Aus der Vergangenheit lernen

Im Frühjahr fragten sich Historiker, ob sich die Geschichte wiederholt oder nicht. Damals wurde vielerorts intensiv die Entfaltung der Spanischen Grippe ab 1918 studiert. Man wollte unbedingt die Entfaltung einer deutlich stärkeren zweiten Welle vermeiden. Die Realität zeigt, wie wenig man gegen Naturgesetze ausrichten kann.

Abbildung 1: Verlauf der spanischen Grippe (weltweite Todeszahlen)
Abbildung 2: Entwicklung der Infektionen in Deutschland, Italien und den USA (Quelle: FT)

Fakt ist: In Europa gleicht der Verlauf der aktuellen Pandemie dem der Spanischen Grippe. In den USA führt die besondere gesellschaftliche Situation aktuell zu einem signifikant stärkeren Infektionsgeschehen.

Wenn das Entfaltungsmuster der Pandemie vergleichbar ist, ist dann auch die Preisentwicklung an den Aktienmärkten ähnlich?

Abbildung 3: Preisverlauf des Dow Jones Industrial 1917-25

Mit dem Abebben der Pandemie etwa um den Jahreswechsel 1918/19 startet eine neunmonatige Preisrallye. Diese wurde ab September 1919 um so rascher wieder abverkauft.

Die 30 prozentige Rallye ist dem Frieden von Versaille zuzuschreiben. Der folgende (brutale) Abverkauf der Erkenntnis, dass die Friedenswirtschaft die alten Probleme wieder an die Oberfläche spült.

Abbildung 4: Preisverlauf des DAX in den vergangenen fünf Jahren

Seit dem Abverkauf im Frühjahr haben sich die Notierungen in Europa wieder auf das Preisniveau des Jahres 2017 herangearbeitet. Optimisten schauen nun auf den Preisverlauf des Dow Jones aus dem Jahr 1919 und folgern, dass 2021 eine weitere Rallye von etwa 15 Prozent möglich ist. Pessimisten verweisen auf die Diskrepanz zwischen ökonomischer Realität und den Bewertungen der Finanzmärkte. Daraus leiten sie eine nur geringe Wahrscheinlichkeit für weitere Preissteigerungen ab.

Fakt ist: Seit 2017 konnte der heimische DAX das aktuelle Preisniveau niemals nachhaltig überwinden. Seit der US-Wahl tritt der deutsche Leitindex auf der Stelle. Gleiches trifft auf den EuroStoxx 50 zu, den Index mit den BlueChips mit Sitz in der Eurozone.

Abbildung 5: Preisverlauf des DAX (Kerzen) nebst Volatilität(Linie) und Handelsvolumen in den vergangenen zwei Monaten

Diese Preisentwicklung kommt uns nicht ungelegen. Im Gegenteil. Gegen eine Fortsetzung einer langweiligen Stagnation der Marktpreise ist überhaupt nichts einzuwenden.
Leider ist die übliche Halbwertzeit derartiger Seitwärtsregime bereits überschritten. Gerade weil es objektiv wenig Gründe für ein Verlassen des aktuellen Preispfades gibt, ist es an der Zeit, Vorkehrungen für einen erneuten Regimewechsel zu treffen. Angesichts der bereits sehr hohen Investitionsgrade (siehe The Full Bull) ist in den ersten Wochen nach dem Jahreswechsel ein erneuter Test der Preisunterseite und damit ein Preisverhalten wie vor 100 Jahren wahrscheinlicher als ein Ausbruch zur Preisoberseite.

Buy the Rumor, sell the Facts

Die Finanzmärkte haben die Hilfsprogramme der Regierungen bereits eingepreist, beschlossene und auch wahrscheinliche, ebenso kurzfristige Auswirkungen der Massenimpfungen, ein irgendwie gestaltetes Handelsabkommen mit Großbritannien ab dem ersten Januar und die Einigung der EU auf die Auszahlung der gemeinschaftlichen Corona-Hilfsgelder. All dies begründet keine Erwartungen mehr für weiter steigende Notierungen.

Andersherum ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Politik die hochgesteckten Erwartungen der Finanzmarktteilnehmer verfehlt.

Der IMF beziffert den ökonomischen Wert einer erfolgreichen globalen Impfkampagne bis 2025 auf 9 Billionen US-Dollar. Das ist zwar eine große Zahl. Allein die USA wird 2020 und 2021 aber diese Summe in Form von Hilfsgeldern und Subventionen auszahlen. Die Erwartung langfristiger positive Auswirkungen ist aber die Grundlage des aktuellen Optimismus an den Finanzmärkten. Es ist recht wahrscheinlich, dass die positiven Effekte der Überwindung der Pandemie durch fiskalische oder geldpolitische Maßnahmen kompensiert werden, die das Ziel haben, die Staatsverschuldung zu senken.

Asymmetrische Maßnahmen gegen Internetgiganten

Der »Digital Services Act« der EU nimmt konkrete Formen an. Zum Schutz kleinerer (europäischer) Rivalen müssen die US-Internetmonopolisten härtere Auflagen akzeptieren, als ihre Konkurrenten. So will die EU-Kommission den Wettbewerb wieder »geradebiegen«. Die EU-Kommission geht hart mit der Regulierungspraxis der Vergangenheit ins Gericht. Es oblag den Einzelstaaten, die Digitalunternehmen zu überwachen. Für Amazon war Luxemburg zuständig, Irland regulierte Google und Facebook.

Dies hat die EU nun an sich gezogen. Die erste Lesung des Maßnahmenpakets ist für den 15. Dezember angesetzt. Damit zeichnet sich bereits zu Beginn der Präsidentschaft Biden ein erster fundamentaler transatlantischer Konflikt ab.

Softbank schließt Optionspositionen

Der Wochenbericht 36: Der Wal im Haifischbecken geht ausführlich auf das Engagement der Softbank am US-Optionsmarkt ein. Unter dem Pseudonym Nasdaq whale fütterten Softbank Führungskräfte die Chaträume der Umsonstbroker in den USA (insbesondere RobinHood) mit »Informationen«. Das Ziel: Garantierte Profitabilität eigener Trades.

Nachdem das Schema öffentlich bekannt war, gelang dies natürlich nicht mehr. Nun hat Softbank den Stecker gezogen und sich offiziell aus seinen Wetten zurückgezogen. Das Handelsergebnis im Q3: -2,7 Mrd. $. (Quelle: FT).

Staatshilfen für Tui

Wiederholt sich im Touristiksektor das Drama der Commerzbank? Wir erinnern uns: Im Jahr 2009 beteiligte sich der deutsche Staat mit 5,05 Mrd. € an der Großbank. Die Beteiligung ist aktuell ca. 2 Mrd. € Wert. Die Finanzierungskosten der Beteiligung betragen nach 11 Jahren 400 Mio. €. Der Staat hat also 5,45 Mrd. € in die Hand genommen um eine Beteiligung über 2 Mrd. € aufzubauen.

Die Staatsbeteiligung war und ist für alle Beteiligten ein Desaster. Das gilt selbst für die Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze zwar »gerettet« wurden, jedoch unter wenig attraktiven Rahmenbedingungen und mit wenig Wertschätzung dort »ihren Dienst« tun.

In der vergangenen Woche hat der Staat seine (stille) Beteiligung an der Tui um 1,8 Mrd. € auf jetzt 4,8 Mrd. € ausgeweitet. Zwei Vertreter des Staats nehmen im Aufsichtsrat Platz. Wie bei der Commerzbank stehen die Arbeitnehmerrechte im Zentrum, der Einfluß der Gewerkschaften wird gestärkt.

Dahinter steht die Annahme, dass das Geschäftsmodell des Konzerns durch die Pandemie nicht in Frage gestellt wird und man anschließend einfach weitermachen kann, wenn die Strukturen bis dahin noch bestehen.

Damit konnten viele im März 2020 mitgehen. Damals gingen alle von einer nur kurzen Unterbrechung des Reisebetriebs aus und hofften auf ein »Weiter So« bereits ab Sommer. Wenn der Tourismus ab Sommer 2021 langsam wieder anlaufen wird, hat sich die Realität auch in diesem Sektor dramatisch verändert. Ob der statische Tui-Konzern mit der neuen Realität klarkommt?

Immer unklarer wird die Zukunft des Großbritannien-Geschäfts. Nach der Übernahme von Thomas Cook ist Tui dort der größte Reiseanbieter. Zusätzlich zu den Unwägbarkeiten des Reisegeschäfts lasten ungewisse Auswirkungen des inzwischen wieder wahrscheinlicheren harten Brexit auf multinationale Konzerne auf dem Marktpreis des Unternehmens.

Der Aktienpreis ist im Wochenverlauf von 5,8 auf 5,2 € gesunken. Charttechnisch wurde damit die obere Begrenzung einer Tradingrange definiert. Wie im Juni, ist auch aktuell kaum jemand bereit, mehr als 6 € für eine Aktie zu bezahlen. Wir versuchen nun, die Bestandsposition über einen Verlauf von Call-Optionen zu 5,5 € zu veräußern. Wegen der hohen Volatilität können wir bis Februar einen Zusatzertrag von 0.55 € pro Aktie erzielen.

Abbildung 5: Preisverlauf der Tui seit April