Wochenbericht 48

Die erste Kerze brennt

Die Advendszeit 2020 wird als Start der globalen Corona-Impfkampagne in die Geschichte eingehen. Zeitgleich stellt Schweden die Weichen zur Abkehr von der Stahlproduktion mit Kohle.

Stuttgart, 28. November 2020.

Die letzten Zuckungen der Pandemie?

Ab dem 7. Dezember unterzieht die populistische Regierung Großbritanniens seinem Staatsvolk ein – nein dem – Impfexperiment. Der Gesundheitsminister wird höchstpersönlich die Impfungen absegnen. Gearbeitet wird mit Zuckerbrot und Peitsche: Wer sich impfen lässt, darf reisen, sich mit Freunden treffen und muss keine Maske tragen.
Etwa eine Woche später wird auch in den USA mit der Freigabe durch die CDC gerechnet. Auch die EU wird ihre Impfkampagne noch im Dezember starten.

Den politisch Verantwortlichen ist klar: Wir benutzen unseren Volkskörper als Betatester.
Auf welch dünnem Eis die Pharmaindustrie unterwegs ist, zeigte sich in der vergangenen Woche. Aufgrund eines fehlerhaften experimentellen Ablaufs gelangte Astra Zenica zur Erkenntnis, dass sein Impfstoff wesentlich wirksamer ist, als erwartet. Plötzlich weisen drei Impfstoffe eine Wirksamkeit von über 90 Prozent auf – ein Wert, der sonst nie erreicht wird.

Kann es sein, dass die internationale Zusammenarbeit während der Imfstoffentwicklung zu einer deutlichen Verbesserung der Ergebnisse geführt hat? Oder hat der enorme Erwartungsdruck zu einem Weichzeichnen der Ergebnisse geführt?
Hieronymus glaubt an Letzteres und sieht sich in guter Gesellschaft. Die wöchentliche Ausgabe von Wissenschaft im Brennpunkt führt seine Zuhörer allmählich zu den zentralen Fragen der Impfkampagne:

  • Am Wettlauf um ein Impfserum beteiligen sich etwa 200 Firmen.
  • Geld spielt für die Meisten keine Rolle.
  • Erstmals ist allein die fachliche Expertise für das Management zeitkritischer Prozesse entscheidend.

Aber halt: Im Rennen liegen Ansätze vorn, die auf der bislang nie berücksichtigten Messager-RNA-Methode basieren. Ist es Zufall oder Methode, dass dieser Ansatz Impfseren hervorbringt, die besonders Nebenwirkungsarm und zugleich hocheffektiv sind?

Wir werden es niemals erfahren. Nachdem jetzt gleich drei Impfseren an der Schwelle zur allgemeinen Zulassung stehen, können alle anderen einpacken. Zukünftig ist erstens Geld doch wieder ein Engpass. Zweitens: Wer nimmt zukünftig an den notwendigen Doppel-Blind-Studien teil, die die Effektivität eines Serums belegen? Sobald ein zugelassener Impfstoff existiert, muss man der Kontrollgruppe diesen Impfstoff verabreichen und nachweisen, dass das eigene Mittel erhebliche Vorteile hat. Die Hürde ist ungleich höher.

Im Ergebnis wird die Menschheit nun mit einem der jetzt verfügbaren Impfseren immunisiert. »Fingers crossed«, dass die Forschungsabteilungen nicht nur schnell, sondern auch ein wenig sorgfältig gearbeitet haben.

Weil nun die Adventzeit anfängt, zum Abschluß die gute Nachricht. Die Immunantwort des Körpers auf die Impfseren ist offenbar stärker, als die nach einer durchlebten Infektion, und bewirkt eine acht-monatige Immunität. Wenn es gelingt, die Mehrheit der Bevölkerung innerhalb dieses Zeitfensters zu impfen, könnten sich Folgeimpfkampagnen erübrigen – es sei denn, das Virus mutiert in der Zwischenzeit.

Aus der Perspektive des Kapitalmarktes hat das Wettrennen um das Coronaimpfserum gezeigt, welches Potenzial in biomolekularen Methoden bei der Entwicklung von Medikamenten liegt. Selbst diejenigen, die nun nicht zum Zuge kommen, können zukünftig von ihrem Reputationsgewinn zehren. Die letztlich unerfolgreiche Serenentwicklung könnte für einige trotzdem den Startpunkt einer dynamischen Geschäftsentwicklung darstellen.

45 Mrd. € für grünen Stahl

LKAB, als Abkürzung für Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag, ist ein schwedisches Bergbauunternehmen mit Sitz in Luleå, das in Kiruna hauptsächlich Eisenerz fördert und sich zu 100 % im Besitz des schwedischen Staats befindet, sagt Wikipedia. Das Unternehmen ist der größter Eisenerzförderer in Europa. Es werden mehr als 4.000 Mitarbeiter beschäftigt. Global ist das Unternehmen mit einem Umsatz von 160 Mio € pro Jahr ein Winzling. Dennoch – in Schweden ist das Unternehmen sehr präsent. Das liegt an seiner Lage im ansonsten dünnbesiedelten Norden, an den dort gezahlten Löhnen und auch an den spektakulären Maßnahmen zur Entwicklung des Eisenerzabbaus. Vor einigen Jahren gingen Bilder der Umsiedlung eines Dorfes um die Welt: Man baute nicht einfach neue Häuser für die Bewohner, vielmehr zogen auch die Häuser selbst an den neuen Standort um.

Die Stahlindustrie selbst ist für etwa 9 Prozent der weltweiten Kohlendioxidemissionen verantwortlich. Schweden kann seine Klimaziele nicht erreichen, wenn LKAB weiter arbeitet, wie bisher.

LKAB sieht sich (wie auch Thyssen Krupp) als Vorreiter einer neuen Epoche der Stahlerzeugung. Grüner Stahl soll zukünftig mit grünem Wasserstoff produziert werden. Bisher reduziert man Eisenoxid mit Koks (thermal caol) und produziert so Stahl und Kohlendioxid. Zukünftig übernimmt Wasserstoff diese Funktion; der Sauerstoff aus dem Eisenerz wird als Wasser(-dampf) abgeschieden. Bis 2045 wird LKAB 47 Mrd. € in die Entwicklung der Wasserstofftechnologie stecken.

Die klimarelevanten Wirkungen sind erheblich. Der Wegfall der Emissionen der Stahlindustrie in Schweden würde den klimaschädlichen Fußabdruck des Landes um ein Drittel reduzieren. Derzeit emittiert die Stahlproduktion dreimal mehr Kohlendioxid, als der gesamte PKW-Fuhrpark. Der Primärenergieeinsatz wird sich nicht verringern. Im Gegenteil: Das Management der LKAB bereitet die Öffentlichkeit bereits darauf vor, dass das Unternehmen bei konstanter Stahlproduktion 160 TWh elektrischer Leistung abnehmen wird. Das ist ein Drittel des aktuellen Stromverbrauchs des Landes. Diese Menge will erst einmal regenerativ erzeugt werden.

Die schwedische Regierung unterstützt den industriellen Umbau einer Schlüsselindustrie. Sie sieht darin die Chance, das Land langfristig als Technologieführer aufzustellen. Sie kann dies offenbar auch im Rahmen der EU-Anti-dumping-Verordnung bewerkstelligen.

Dieser Ansatz unterscheidet sich wohltuend von den halbherzigen Klimaschutzbemühungen bundesdeutscher Großkoalitionäre. Zwar sieht auch Thyssen Krupp Chancen in der Entwicklung einer wasserstoffbasierten Stahlproduktion und hat die Planung einer »Direktreduktionsanlage mit Einschmelzer« für ein Stahlwerk in Duisburg in der Schublade. Damit konnte man sogar das Wirtschaftsministerium überzeugen. Es sollen auch Subventionen fließen, sagt Herr Altmeier. Um es sogleich zu relativieren: möglicherweise ab dem Sommer 2021, wenn das Ganze auf EU-Ebene abgesegnet ist. Schweden hat selbst bei einem reibungslosen Verlauft mindestens ein Jahr Vorlauf.

Gemäß einer Thyssen Krupp Presseerklärung soll einer der vier Hochöfen umgerüstet werde und ab 2030 jährlich drei Millionen Tonnen grüner Stahl produzieren. Wie sollen so die Klimaschutzziele erreicht werden?

Anders als LKAB ist Thyssen Krupp ein gewinnorientiertes Unternehmen, dass jedoch bereits seit Jahren keine Gewinne mehr ausweist und zuletzt sogar zur Veräußerung des Tafelsilbers (die Aufzugssparte) gezwungen war. Die Finanzierung der industriellen Transformation kann sich Thyssen Krupp gar nicht leisten. Ein Unternehmen, dass um sein Überleben kämpft, hat keine Ressourcen für derart langfristige Transformationsprozesse. Die Bundesregierung ist an kurzfristigen Leuchtturmprojekten mit Öffentlichkeitswirkung interessiert. 2021 sind schließlich Wahlen. Und so beißt sich die Katze in den Schwanz: Klimaschutz findet woanders statt.

Abbildung 1: Preisentwicklung der Thyssen-Krupp Aktie

Kurios ist, dass sich die Thyssen Krupp-Aktie gerade wegen der indifferenten Wirtschaftspolitik als Basiswert für Handelsstrategien anbietet. Die hohe Unsicherheit der zukünftigen Geschäftsentwicklung setzt sich in einer hohen impliziten Volatilität um (aktuell: 65 %). Wer die Aktie besitzt und sich gegen weitere Abgabewellen absichern möchte, muss tief in die Tasche greifen. Das ist ein Fest für den Stillhalterhandel. Die Aktie ist auf dem aktuellen Niveau mit einem Preis/Buchwert-Verhältnis von 0,4 gut unterstützt. Es gibt wenig Hoffnung auf eine rasche Verbesserung, eine Preisrallye ist unwahrscheinlich. Mit der verkündeten Erweiterung des DAX auf 40 Werte ist auch ein Abstieg in die zweite Börsenliga vom Tisch.

Die Woche an den Finanzmärkten

  • Chinesische Staatsunternehmen: Anleihenblase?.
    Selbst offensichlich mangelhaft geführte Unternehmen mit einer staatlichen Beteiligung genießen über eine implizite Staatsgarantie Vorzugskonditionen bei der Emission von Anleihen. Schon lange fürchten internationale Investoren, dass der chinesische Staat im Falle des Falles seine schützende Hand entzieht.
    Diese Befürchtung bewahrheitete sich jetzt: Yongcheng Coal und Electricity Holding Group versäumten die Rückzahlung von zwei fälligen Anleihen. Der Staat sprang nicht ein. Statt dessen verwies man den Fall an die Finanzaufsicht, die Unregelmäßigkeiten untersuchen soll.
    Im Ergebnis verzichteten andere Unternehmen mit signifikanten Staatsbeteiligungen auf die Emission weiterer Anleihen. Die hochverschuldeten Unternehmen existieren häufig nur dank ihrer Fähigkeiten, alte Kredite permanent durch neue zu ersetzen.
    Ausgerechnet zum Jahreswechsel kommt es vielerorts zum ShowDown. Allein Yongcheng Coal beschäftigt 180.000 Mitarbeiter, die teilweise seit einigen Monaten keinen Lohn mehr bekommen.

  • Handelsstreit Australien – China: Importzölle für Wein.
    Auch in Australien erwirtschaftet der staatlich gestattete Drogenanbau einen Umsatz von etwa 6 Mrd. A$. Etwa die Hälfte der Produktion wird nach China exportiert. In den vergangenen Jahren hat die australische Weinindustrie sehr viel Energie in das Direktmarketing über soziale Medien investiert, um auch hochwertige Qualitäten absetzen zu können.
    Am Freitag dann der Paukenschlag: China erhebt einen Importzoll von bis zu 212 Prozent, gültig ab dem 28. November 2020. Der australische Aktienmarkt reagierte sofort: die Aktienpreise sanken unmittelbar nach der Ankündigung des chinesischen Handelsministeriums um 0.5 Prozent.