Nicht der Wilde Westen. Herbst auf der schwäbischen Alb.

Wochenbericht 44

Toxisches Gemisch

Europa stemmt sich mit aller verbliebenen Kraft gegen die Pandemie. Doch die Zweifel überwiegen. Gleiches gilt für den Ausgang der US-Wahlen. Abwarten ist die Devise.

Ausblick bis zum Jahresende

In normalen Jahren beginnt mit dem Monatswechsel das Jahresendgeschäft. Unternehmen, die bisher gut abgeschnitten haben, werden weiter hofiert, die übrigen fristen weiterhin ein tristes Schattendasein. Die Indexnotierungen sind mindestens stabil, meist steigen die Marktpreise aber Indexebene.

Dieses Jahr ist vieles anders.

Größere Abweichungen zwischen den Preisen an den Aktienmärkten und den Geschäftszahlen gab es wohl nie. Mit dem erneuten Lockdown in ganz Europa und einem nicht mehr kontrollierbaren Infektionsgeschehen in weiten Teilen der USA dürfte sich das Weihnachtsgeschäft untypisch entwickeln. Hieronymus fragt sich, wer die Dinge konsumieren soll, die jetzt ungebremst produziert werden, wenn alle Lebensfreuden verboten sind.

Andererseits: Trotz aller Unkenrufe ist ein friedlichen Machtwechsel in den USA absehbar. Die Abwendung des großen Chaos dürfte die Marktpreise für einige Zeit stabilisieren. Für die USA stellt sich dann jedoch die Frage, wer bis zum Stabswechsel im Januar das Krisenmanagement durchführt und wieviel Schaden die scheidende Trump-Administration noch anrichtet. In normalen Zeiten würden die Finanzmärkte dem neuen Präsidenten einen Vertrauensvorschuß gewähren. Viele würden in der Hoffnung auf positive Veränderungen Aktien kaufen.

Wenn die aktuelle Entwicklung in Holland und Belgien den Maßstab für die Entwicklung der Pandemie bei Nichtstun darstellt, könnten die Krankenhäuser in den USA sehr bald unter der Last kritischer COVID-19-Fälle zusammenbrechen. Ob die Aktienpreise auch in diesem Umfeld ansteigen?

Erhebliches Potential für Kursverluste ist jedoch ebenfalls nicht auszumachen. Technologieunternehmen profitieren weiterhin von der Notwendigkeit, alles Online zu machen. Die »Corona-Verlierer« sind bereits so billig geworden, dass allein die Hoffnung auf positive Entwicklungen ab Februar die Notierungen stützt. Nicht zu vergessen: Die EZB hat am Donnerstag unmissverständlich klar gemacht, dass sie den Markt mit weiteren großen Geldspritzen stützen wird.

Was bleibt: Es ist schlicht nicht klar, wohin die Reise geht. Abwarten ist angesagt.
Unsicherheit setzen die Finanzmärkte in hohen Volatilitäten um. Damit empfehlen sich insbesondere in Europa weiter Stillhalterstrategien für stark abverkaufte Werte.

Die Südhalbkugel präsentiert ein völlig anderes Bild. Neuseeland, Australien und Singapore sind quasi Virenfrei. Das gilt auch für Taiwan und China. Dort könnte sich das normale Saisonmuster entwickeln.

Game-Changing im Technologiesektor

Das Pandemiemuster ist aufgebrochen. Seit März segelten die großen US-Technologiefirmen auf der Überholspur. Diese Woche dagegen:

StockPreis am MontagPreis FreitagVeränderungTop im September
Apple115109-5 %124
Facebook283262- 8 %285
Netflix490472- 4 %560
Twitter5041-21 %52
Microsoft214202- 6 %225
Amazon3.2303.035- 6 %3470

Seit September haben viele Titel bereits deutlich korrigiert. Das schürte die Hoffnung, dass die Technologietitel mit dem Wiederaufleben des Infektionsgeschehens ihre Outperformance fortsetzen können. Doch nichts dergleichen passiert. Das wirft die Frage auf:
Läutet die Neuwahl des US-Präsidenten an den Aktienmärkten das Ende der Manie für Technologiewerte ein?

In der vergangenen Woche mussten einige CEO’s vor dem Justizausschuß vortanzen. Das Hearing wurde nicht unerwartet zu einer Wahlkampfveranstaltung umfunktioniert. Dies ändert nichts an der Erkenntnis, dass die Kritik an den monopolartigen Strukturen eines der ganz wenigen Themen mit überparteilichem Konsens ist (siehe Wochenbericht 43 – die Zukunft der Digital-Oligopole).

In der vergangenen Woche präsentierten viele Technologieunternehmen zudem ihre Quartalszahlen. Die Marktkreaktion: Sell the facts. Eigentlich nichts ungewöhnliches. Doch diesmal schütten einige Unternehmen selbst Wasser in den Wein.

Beispiel Apple

Dort nimmt man die gesellschaftlichen Veränderungen sehr wohl wahr und warnt die Investoren ausdrücklich vor wachsenden Risiken. Der Konzern hat sich vom reinen Hardware-Anbieter zu einem integrierten Digitalserviceunternehmen entwickelt. Im Service-Sektor realisiert man die größten Wachstumsraten. Doch gerade hier macht Apple im Geschäftsausblick die größten Risiken aus.

Der Apple-Store ist augenscheinlich eine Goldgrube. Apple verlangt eine Provision von 30 Prozent auf alle Umsätze. Die wahren Betriebskosten sind gering, die Gewinnmarge ist traumhaft. Allein 16,14 Mrd. $ Gewinn erzielt der Konzern aus seiner Dienstleistungssparte (inklusive Apple-Music). Weit wichtiger für Aktionäre: Die Einnahmen stiegen in der Vergangenheit zweistellig (16 % p.a.), was am Finanzmarkt auch mutig in die Zukunft projektiert wurde. So konnte man dann exponentiell steigende Erträge voraussagen und jeden noch so hohen Marktpreis als fair bezeichnen.

Nun formiert sich aus mehreren Richtungen Widerstand. Spotify(Musik-Streaming), Match(Dating) und Basecamp (Projektmanagement) haben sich zu einer »Koalition für APP-Fairness« zusammen getan und wettern fleißig gegen die Geschäftspraktiken der Damen und Herren aus Cupertino. Die EU-Kommission wirft Apple Ausnutzung seiner Marktmacht vor und das US-Justizministerium hat ein Anti-Trust-Verfahren eröffnet.

Das wirft Fragen nach der Validität der getroffenen Annahmen über die zukünftige Geschäftsentwicklung auf. Hinzu kommen die bekannten Zweifel über die zukünftige Ertragskraft der Hardware-Sparte. Wie lange investieren die Premiumkunden alle 24 Monate über 1.000 $ für ein neues iPhone, dass im wesentlichen dem Vorgängermodell entspricht, das in den allermeisten Fällen auch weiterhin klaglos seinen Dienst tut. Ob die Einführung von 5G einen einmaligen Effekt hat oder ein nachhaltiger Game-Changer ist?

Die Umsätze stagnieren dort seit einigen Jahren, trotz der Einführung immer neuer Produkte, wie Alexa-Lautsprecher, Uhren und anderen Weareables. Ein Blick auf die Fundamentaldaten rundet die skeptische Haltung ab: Das KGV beträgt sportliche 33, KBV gar 25. Diese Bewertung erzwingt ein jährlich zweistelliges Wachstum. Der Umsatz erreichte 2018 265 Mrd. $, sank 2019 auf 260 Mrd. und erreichte dieses Jahr 274 Mrd. $. Eine Steigerung um 10 Mrd. $ in drei Jahren deutet eher auf eine Marktsättigung denn auf die Fortsetzung exponentiellen Wachstums hin.

Fazit: US-Technologiefirmen, allen voran Apple, steht an den Aktienmärkten eine Konsolidierungsphase ins Haus. Die positiven Effekte der Pandemie sind längst eingepreist. Jetzt dominieren die Risiken.

Good Bye Argentina

Uruguay liefert ein schönes Beispiel, wie die globale Pandemie die globale Ordnung durcheinander würfelt.

In Argentinien ist die durchschnittliche Steuerquote 28,4 Prozent. Das ist deutlich weniger, als der OECD-Standard (34.4 %). Auffällig ist die Beschäftigungsstruktur: Das Land hat 45 Millionen Einwohner. 20 Millionen sind entweder Beamte oder Beschäftigte im öffentlichen Dienst, oder Rentner. Nur acht Millionen Menschen sind in kommerziellen, gewinnorientierten Unternehmen beschäftigt.

Dann eine Besonderheit: Das Land hat – nach Spanien – mit 2,25 % pro Jahr die höchste Vermögenssteuer der Welt.

Jetzt diskutiert die Regierung über die Erhebung einer einmaligen Solidaritätsabgabe für Vermögen über 3 Mio. $. Das soll 4 Mrd. $ in die Staatskassen spülen, was zeigt, dass es neben 20 Mio. Menschen, die in Armut leben, auch eine signifikante Schicht Vermögender gibt.

Auf diese Menschen hat Uruguay ein Auge geworfen. Das Land lädt vermögende Argentinier ein, die uruguayische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

  • Einwanderer genießen eine Steuerbefreiung für 10 Jahre
  • Als Vermögend gelten alle, die einen Kontoauszug mit einem Guthaben von 380.000 $ vorweisen können.
  • StartUps sind ebenfalls steuerbefreit, wenn mindestens 1,7 Mio. $ investiert werden.
  • Die minimale Aufenthaltsdauer beträgt 60 Tage pro Jahr.

Bis Oktober 2020 haben bereits mehr als 20.000 Argentinier dieses Angebot angenommen.

Fazit: Das kleine Land am Rio de la Plata wiederholt seine Erfolgsstory aus den 1930er Jahren. Nach der Weltwirtschaftskrise in den 1920gern war das Land das einzige auf der Welt, dass die Austragung einer Fußballweltmeisterschaft stemmen konnte. Bereits damals gelang es, die Krise der anderen geschickt für eigene Zwecke zu nutzen. Muss man betonen, dass das Land die geringsten Covid-Infektionszahlen Südamerikas hat?