Wochenbericht 34

White Swan

Nachdem 2020 die Aktienquoten von US-Privatanlegern explodiert sind, ist es nun Aufgabe der FED, für ruhige Finanzmärkte zu sorgen, damit die noch unerfahrenen »weißen Schwäne« komfortabel das sichere Ufer erreichen.

Stuttgart, 28. August 2021.
Nun hat er gesprochen, Jaw Powell, Chef der FED. Die Jahrestagung der FED in Jackson Hole war erst wenige Tage vorher pandemiebedingt in den virtuellen Raum verlegt worden.

Rückblickend legte bereits die Absage des physischen Treffens die Agenda des Meetings fest. In Gestalt eines Übervaters breitete Powell seine virtuellen Arme aus und schloß die gespannt lauschenden Marktteilnehmer in seine breite Schulter.

Die Medizin der Notenbanken (Geldschöpfung USA: 120 Mrd. $ monatlich, Zinsen: Null Prozent) wirkt. Die Ökonomie hat wieder Tritt gefasst. Inflation ist – obwohl die Statistiker sie im Juli mit 5,7 Prozent bezifferten – kein Thema. Powells Botschaft: Die FED steuert die Geldpolitik weiterhin mit ruhigen und starken Händen.

Solange die Pandemie selbst konkrete Pläne der FED zu durchkreuzen vermag, ist es definitiv zu früh, die Stimulus-Maßnahmen in Frage zu stellen. Vielleicht beginnt die FED zum Jahreswechsel, die Anleihekäufe zu reduzieren, war die Kernbotschaft.

Und so feierten die Marktteilnehmer am Freitag ein rauschendes Fest: Kein Grund, die Party zu verlassen, egal wie schal das Bier inzwischen schmeckt. Anleihen haussierten. Der Renditeunterschied zwischen US- und griechischen Staatsanleihen beträgt -0,6 %, der zwischen US- und deutschen Staatsanleihen sogar -1,74 %. Ohne konkrete Perspektiven für Zinsanhebungen ist da viel Platz für Preissteigerungen auf der US-Seite.

Wenn Anleihenrenditen sinken, steigen Aktienpreise. Schließlich ändert sich nichts am Risikoaufschlag für Aktienengagements. US-Aktien schlossen die Woche auf breiter Front mit Preissteigerungen. Der US-Dollar sank hingegen gegenüber dem Euro. Auch dies ist eine direkte Konsequenz steigender US-Anleihepreise. Die Renditedifferenz zwischen der Eurozone und den USA ist eben auch eine Risikokennzahl für das Währungspaar EUR/USD. Der Risikoaufschlag für den US-Dollar sinkt als Konsequenz konvergierender Renditen für Staatsanleihen.

Die virtuelle Präsentation des FED-Vorsitzenden zeigt jedoch auch die andere Seite der FED.

There is no substitute for a careful focus on incoming data and evolving risks,

betonte Jaw Powell auf der virtuellen FED-Jahrestagung.

Dies wird von vielen Marktteilnehmern als Ausdruck der Orientierungslosigkeit der FED gedeutet. Die FED fährt auf Sicht, ob und wie nebelig es gerade ist, sagt sie leider nicht.

Notenbankastrologie

Die (nahe) Zukunft gehört den Zentralbankastrologen. Es bricht die Hohe Zeit der Kaffeesatzleserrei an. »Wie interpretiert die FED die Kombination aus Rohstoffpreisentwicklungen, Arbeitlslosigkeit und Aussenhandelsdefizit?«, oder »Steigen die Aktienpreise weil die Inflationsdaten eine Fortführung der Anleihaaufkäufe nahelegt oder weil Aktien zinssensitiv sind?«

Das spielt der FED in die Karten. Schließlich sind die FED-Vorsitzenden Meister der Marktkommunikation. Ein bewußt gesetztes Interview – und die Märkte tanzen nach der vorgegebenen Musik.

Nachdem der S&P 500 in den letzten 12 Monaten knapp 30 Prozent teurer geworden ist, spekuliert Hieronymus , dass stabile Marktpreise für die FED die höchste Priorität haben. Je geringer die Verwerfungen im Zuge der Normalisierung der Geldpolitk ausfallen, desto besser. Wer könnte die Märkte besser dressieren, als ein ausgefuchster, ehemaliger Investmentbanker?

Ausgangslage für den Herbsthandel

Üblicherweise bilden Aktienmärkte im Sommerhandel, spätestens aber im September, ein markantes Preistief aus. Dieser kleine Ausverkauf bildet das Fundament für eine anschließende Rallye, die bis zum Jahreswechsel anhält.

Bisher hielten sich die Marktkorrekturen in sehr engen Grenzen.

Abbildung 1: Preisentwicklung des DAX

Der im Wochenbericht: August Blues skizzierte Ausblick ist weiterhin gültig. Über den Sommer sind die Aktienmärkte in Europa in eine Seitwärtsphase eingeschwenkt. Das sog. Momentum ist komplett verschwunden. In den USA zeigt der Russell 2000 ein analoges Verhalten. Der S&P 500 bildet liquiditätsgetrieben weiter neue Allzeithochs aus. Dort dürfte die Dynamik mit der Perspektive nachlassendem geldpolitischem Rückenwinds ebenfalls verschwinden.

Große Preisrisiken auf der Unterseite sind auf der anderen Seite nicht auszumachen. Das ist wohl die wesentliche Erkenntnis der FED-Jahrestagung. Die FED versteht sich weiterhin als Garant stabiler, im Zweifel auch steigender Marktpreise.

Zynisch ausgedrückt: Die Biden-Administration kann sich nach dem Desaster beim Abzug aus Afghanistan keinen Ausverkauf an den Finanzmärkten leisten. Es ist der Job der FED, dem Präsidenten hier den Rücken freizuhalten.

DWS: Wirecard-Fallout

Die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank war ein prominenter Unterstützer von Wirecard. Selbst nachdem die FT detailreich die Geschäftspraktiken offenlegte, hielten die Fondsmanager an Positionen in Publikumsfonds fest.

Bislang tragen die Fondsanleger die Konsequenzen dieser Entscheidungen.

Nun drohen der Fondsgesellschaft jedoch Schadensersatzforderungen. Die Entlassung von Desiree Fixler, ehemalige Leiterin des Bereichs »Nachhaltigkeit« plauderte im Wall­street Journal aus dem Nähkästchen. Als vertriebsorientiertes Unternehmen steht die Außendarstellung im Vordergrund. Da der Markt nachhaltige Anlageprodukte nachfragt, wurden die Prospekte entsprechend »angepasst«. Plötzlich hatte die DWS einen Trackrecord von 20 Jahren erfolgreicher nachhaltiger Anlagetätigkeit. Klar dass die DWS im Prospekt die führende nachhaltige Fondsgesellschaft ist.

Tatsächlich, so behauptet Fixler, gibt es gar keine eigene Kompetenz in diesem Bereich. Die DWS kauft die Kompetenz, Unternehmen nach nachhaltigen Kriterien zu bewerten am Markt ein. Fondsmanager können aus mehreren externen Dienstleistern auswählen und sind schlußendlich nicht einmal an die Analysen gebunden. Es lag einzig in der Verantwortung der Fondsmanager, welche Aktien in den Fonds gehalten wurden.

Als Konsequenz investierten auch nachhaltige Fonds in Wirecard. Gemäß Fixler, weil hierfür Incentives an die Fondsmanager flossen.

Nun ermitteln die amerikanische und die deutsche Börsenaufsicht. Ende offen.


Einkaufsmanagerindex auf Rekordniveau

In der vergangenen Woche wurde der IHS Einkaufsmanagerindex Eurozone für August veröffentlicht. Im Juli markierte der Index mit 60,2 ein 15-Jahreshoch. Der Wert sank marginal auf 59.5.

Der Einkaufsmanagerindex ist ein Vorlaufindikator. Eine Stabilisierung auf diesem Niveau deutet auf eine robuste Konjunkturentwicklung im Herbst hin. Insbesondere der Tourismussektor trug zu dem guten Ergebnis bei. Für das dritte Quartal ist die Konsenserwartung nun eine Expansion von zwei Prozent gegenüber dem zweiten Quartal 2021. Die Expansion wird von Dienstleistungssektor angeführt.

Die Entwicklung in der Eurozone steht im Widerspruch zu Entwicklungen in England und den USA. Dort sorgt die erneute Explosion der Incidenzen im Rahmen der vierten Pandemiewelle für einen Dämpfer. Steigende Krankheitsstände auch in Europa dürften die ökonomische Aktivität auch in der Eurozone drücken. Die Frage ist: Sind die Effekte stärker als bei einer Grippewelle?

Abbildung 2: Preisentwicklung der TUI

Die Preisentwicklung der TUI ist ein Gradmesser der Markterwartungen für den Herbst. Danach setzt der Finanzmarkt auf eine deutliche Abkühlung der Konjunktur, zumindest im Tourismus.

IFO Geschäftsklimaindex fällt

In die gleiche Kerbe schlägt das IFO Institut aus München. Anstatt die Einkäufer fragt das IFO die Unternehmer selbst. Nach sechs Monaten kontinuierlicher Verbeserung der Stimmung in den Chefetagen kühlt sich die Stimmung über den Sommer meßbar ab, verharrt jedoch mit 99,4 auf hohem Niveau.

Hierfür werden gespannte Lieferketten, steigende Rohstoffpriese und ein immer wahrscheinlicheres politisches Patt nach den Bundestagswahlen verantwortlich gemacht.

Deutschland reiht sich ein in den Reigen der Moll-Töne aus weiten Teilen Asiens, den USA und UK.