Wochenbericht 21

Disruption überall

Der Begriff Disruption wird gemeinhin für sprunghafte Innovationen im Rahmen der Digitalisierung verwendet. In den vergangenen zwei Wochen erlebte die politisch herovorragend vernetzte Energiebranche eine Disruption. Kapitalanleger und Gerichte verlangen bei den Schwergewichten Exxon Mobile und Shell unverzügliche Maßnahmen zur Reduktion der Emission von Treibhausgasen in ihrem Kerngeschäft. Konkret bedeutet dies: Die Konzerne sollen die Öl- und Gasförderung auslaufen lassen.


Stuttgart, 29. Mai 2021. Die Themen dieses Wochenberichts: Integration Chinas in den globalen Finanzmarkt und Disuption im Energiesektor.

Kalter Krieg

Ist es ein Rückfall in die Nachkriesgjahre mit den Methoden des 21. Jahrhunderts? In die Periode eines Macht-Duopols? In der vergangenen Woche wurde gehörig an den Mauern zwischen Ost und West gewerkelt, auf beiden Seiten. Das Kräfteverhältnis ähnelt aktuell eher dem Kampf David gegen Goliath. Auf der einen Seite ein auch wegen der erfolgreichen Pandemiebekämpfung vor Kraft strotzender Westen. Auf der anderen Seite ein marginalisierter Ostblock.

Ambivalent ist die Rolle Chinas. Gesellschaftlich driftet das Reich der Mitte massiv Richtung Totalitarismus. Auch die digitale Realität unterscheidet sich sehr von der in den Industriestaaten. Auf der anderen Seite öffnet man seinen Finanzmarkt für die großen US-Banken.

Wallstreet umarmt China

Es war die Top-Meldung der Woche: Goldman Sachs und die ICBC, die staatliche Industrial and Commercial Bank of China, größte Bank im Reich der Mitte, vereinbaren eine Partnerschaft im Wealth-Management. Das Besondere: Goldman Sachs erhält eine 51 %ige Mehrheit an der gemeinsamen Vermögensberatung. Erst vor zwei Wochen verkündete Blackrock, gemeinsam mit Temasek, dem Staatsfonds aus Singapore, und der China Construction Bank, einem Joint-Venture mit ähnlichen Zielen beigetreten zu sein. Bereits seit 2020 besteht ein Joint-Venture zwischen der französischen Almundi und der Bank of China, auch hier hält der ausländische Partner die Mehrheit der Gesellschafteranteile. JPMorgan ist in fortgeschrittenen Verhandlungen mit der China Merchants Bank und plant, 415 Mio $ in eine gemeinsame Vermögensverwaltung zu investieren.(Quelle FT).

Die US-Banken haben bereits seit langem ein Auge auf chinesische Privatanleger geworfen, die geschätzt über 121,5 Billionen Yuan (19 Billionen USD) Anlagekapital verfügen. Knapp die Hälfte des Anlagekapitals ist in Immobilien geparkt, die andere Hälfte steht für die grenzüberschreitende Kapitalanlage zur Verfügung. Dieser »Schatz« wird trotz eskalierender geopolitischer Spannungen mit Unterstützung der kommunistischen Partei Chinas »gehoben«. Das ist keine unerhebliche Stütze für die Marktpreise an den Finanzmärkten der Industriestaaten!

Aktionäre und Gerichte als Klimaretter

In der letzten Woche machte die IEA mit ihrer revolutionären Forderung Schlagzeilen, sofort die Exploration neuer Öl- und Gasfelder zu stoppen. Kurz danach kam es zu einer Palastrevolution im Hause Exxon. Fast zeitgleich zwang ein Gericht Shell seine CO2-Emissionen unverzüglich an die niederländischen Klimaziele anzupassen. Die Energiewirtschaft erlebt gerade ihren Disruptionsmoment.

Die Causa Exxon

Noch vor einem Jahr hatte Darran Woods, der CEO von Exxon Mobile, seinen Shareholdern versprochen, mittels einer antizyklischen Strategie langfristige Erträge zu erwirtschaften. Daraus wurde bekanntlich nichts: Exxon blickt auf ein Jahr mit vier schmerzhaften Quartalsergebnissen zurück. Viermal musste der Konzern einen Verlust ausweisen – ein Novum für den erfolgsverwöhnten Energiekonzern. Schlimmer noch: Der einst weltgrößte Konzern flog aus dem Dow Jones Industrial Index.

Unter antizyklische Strategie versteht das Management ein Festhalten an der Ausbeutung fossiler Öl- und Gasvorkommen. Man will den Spuk des Klimawandels einfach aussitzen, Business as usual ist die Devise.. Vor der Küste Guyanas soll noch dieses Jahr ein großes Ölreservoir für die Ausbeutung erschlossen werden.
Exxon ist die größte Bastion von Big-Oil im trumpschen Amerika.

Noch vor den US-Präsidentschaftswahlen im Herbst 2020 gründete sich Engine No 1, ein aktivistischer Hedge-Fund. Das ambitionierte Ziel: Exxon zur Abkehr von fossilen Energien zu bewegen. Mit Mühe kratze man 54 Mio. $ zusammen und kaufte dafür Exxon-Aktien. Immerhin gelang es, 0,7 Prozent des Stammkapitals zusammen zu kaufen. (siehe auch Grüne Evolution im Wochenbericht 4/20)

Objektiv betrachtet ist Engine No 1 ein Zwerg im 190 Mrd. Dollar schweren Mineralölkonzern. Die Hedge-Fund-Manager präsentierten den Exxon-Managern jedoch von Beginn ihre Folterwerkzeuge: Eine gute Vernetzung zu institutionellen Exxon-Investoren

Das wirkte. Hastig lancierte Exxon eine kostspielige Werbekampagne gegen die destruktiven Ziele von Engine No 1. Wie so oft, erreicht man das Gegenteil, wenn man es besonders gut machen will. Engine No 1 wurde jedenfalls durch die Kampagne kräftig aufgewertet, eine bessere Werbung für seine Ziele hätte es gar nicht geben können.

Bereits im Februar forderte Engine No 1 selbstbewußt vier Sitze im Aufsichtsrat ein.

Abbildung 1: Preisentwicklung der Exxon-Mobil-Aktie

Die stimmberechtigten Aktionäre konnten auf der Hauptversammlung ein deutliches Bekenntnis zu fossilen Energieträgern ablegen oder für Engine No 1 und einen klimabewußten Kapitalismus stimmen.
Das Ergebnis: Zwei oder gar drei Aufsichtsratsitze gehen an Engine No 1.

Engine No 1 unterscheidet sich substanziell von hiesigen kritischen Aktionären. Vordergründig schwingt man die moralische Keule. Im Grunde ist der nachhaltige Konzernumbau aber nur Mittel zum Zweck. Man behauptet schlicht, die besseren Strategien für einen langfristigen Ertragspfad zu haben und steht ausdrücklich zum Kapitalismus.

Grob zusammengefasst: Solange sich Nachhaltigkeit rechnet, unterstützt man den Umbau des Konzerns in diese Richtung. Sollte sich dies nicht einstellen, ist der Hedge-Fond auch der Erste, der eine Rolle rückwärts umsetzt. Mit dieser Kommunikation gelang es, auch traditionell konservative Aktionäre zu gewinnen.

Der Umgang der USA mit dem Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit unterscheidet sich deutlich von dem in Europa. Hier zwingen Klimaaktivisten Regierungen und Konzerne inzwischen erfolgreich über gerichtliche Klagen zu nachhaltigem Handeln. Profitabilität steht dabei nicht im Vordergrund. In de USA ist Nachhaltigkeit mangels regulatorischer Vorgaben nur denkbar, wenn dadurch ein höherer Ertrag erzielt wird.

Shell muss aktiven Klimaschutz betreiben

Bereits 2019 musste die niederländische Regierung ihre Klimaziele nach einem damals bahnbrechendem Gerichtsurteil nachschärfen. Seitdem gilt auf den Autobahnen dort Tempo 100. Vor einigen Wochen dann das unerwartet deutliche Urteil des dt. Bundesverfassungsgerichts zur Unvereinbarkeit der Klimagesetzgebung und den beschlossenen Klimazielen. In der vergangenen Woche »verdonnerte« ein Gericht wiederum in den Niederlanden Royal Dutch Shell zu einer drastischen Verschärfung seiner Maßnahmen zur Reduktion von Klimagasen. Wiederum fordert ein Gericht ein, was die Politik versprochen, bisher aber nicht umgesetzt hat. Erstmals greifen Gerichte in die Gewerbefreiheit ein. Die Tatsache, dass man mit dem Verkauf klimaschädlicher Kohlenwasserstoffe eine bestehenden Nachfrage bedient, Arbeitsplätze schafft und seinen Aktionären eine Dividende ausschüttet, schützt auch die mächtige Royal Dutch Shell nicht vor gesellschaftlicher Kontrolle. Selbst wenn es einen wirtschaftlichen Nachteil bedeutet, muss der Konzern seine CO2-Emissionen drastisch senken.

Brisant: Der Konzern ist für deutlich höhere CO2-Emissionen verantwortlich, wie sie die Niederlande kollektiv emittieren. Mit der schärferen Regulierung dieses Konzerns händigt das Gericht dem Staat einen enormen Hebel für die Einhaltung der nationalen Emissionsziele aus. Es ist nun Aufgabe der Politik, diese Praxis in andere Sektoren zu übertragen.

Die vergangene Woche hat gezeigt: Keine Branche kann sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Auskömmliche Renditen genügen nicht mehr, um fossile Geschäftsmodelle weiter zu führen. Selbst die mächtigen Ölkonzerne müssen sich gesellschaftlichen Trends beugen. Selten war der Spruch: »Stillstand ist Rückschritt« Sektorübergreifend so treffend.