Wochenbericht 18

Divergenzen

Der ganz normale Wahnsinn ist zurück. Der US-Arbeitsmarkt enttäuscht. Die Preise am US-Aktienmarkt steigen. Die US-Politik ist zurück in den Schützengräben des ideologischen Stellungskriegs. Die Preise am US-Aktienmarkt steigen.
Ein ganz anderes Bild zeigt sich in Asien. Dort kann man sich keine massiven Staatshilfen leisten und dort sinken die Preise für Aktien, weil die Unternehmensperspektiven wage sind.

Stuttgart, 8. Mai 2021.
Hieronymus schaut sich gerade sehr interessiert die Entwicklung vor dem Wiener Börsenkrach 1873 an. Einige Monate vor dem Kursrutsch boten die Banken Menschen mit geringem Einkommen in großen Zeitungsanzeigen den Kauf von Aktienanteilen an. Bereits damals verkaufte man dies als Demokratisierung des Kapitalmarkts. In Wahrheit zog die Spekulationsmanie nur weitere gesellschaftliche Klassen in ihren Bann.

Binance ist eine der größten Plattformen für den Handel mit Cryptocurrencies. Diese Transaktionen gelten nicht als Finanzgeschäfte, Cryptobanken können also machen, was sie wollen. Genauso wie die Banken in Wien und Frankfurt des Jahres 1872.

Jetzt hat sich Binance auf das Feld des Aktienhandels begeben. Kunden können Tokens erwerben, die Bruchteile von existierenden Aktien repräsentiern. So kann für 10 € z.B. in Tesla-Aktien investiert werden, in diesem Fall also 0,01510574 Stück.1

Das ist an sich nicht verwerflich. Die Zertifikate-Industrie bietet längst derartige Produkte an. Binance hat aber keine Banklizenz, hat den Handel in dieser neuen Assetklasse natürlich auch nicht genehmigen lassen.

In Deutschland muss man jedoch einen Emissionsprospekt einreichen, bevor man Retail-Kunden Kapitalmarktprodukte anbietet. Die Markteintrittsbarrieren für neue Produkte (Fonds, Aktien, Anleihen) sind hoch. Dies begründet man – auch nach den Erfahrungen mit diversen Spekulationsexzessen – mit dem Verbraucherschutz.

Nun ist Binance aber keine Bank, die einer Regulierung unterliegt. Die Bafin versucht dem Crypto-Händler trotzdem das Token-Geschäft zu verbieten. Binance ficht dies nicht an. Stur bietet man den Service weiter an. Die Bafin droht mit einer Strafe von 3 Mio. € – eine recht stumpfe Waffe. Der Tagesumsatz bei Binance beträgt 50 Mrd. $. Kunden können Cryptocurrencies, Tokens auf Aktien, Crypto-Futures und auch Crypto-Optionen handeln. Alles vollkommen unreguliert, wie 1872.

Pandemiefolgen in Asien

2020 war die Welt zweigeteilt. In Asien gelang es, die Pandemie mit den Rezepten vorheriger SARS-Infektionen in Schach zu halten. Die unerfahrenen Staaten des Nordens kämpften mit Lockdowns und trotzdem hohen Infektionszahlen.

Die umfangreichen Staatshilfen in den Industrieländern verhalfen den Ökonomien der Schwellenländer zu einem Export-Boom. Irgendwo mussten die Dinge schließlich hergestellt werden, die hiesige Paketdienstfahrer Tag für Tag in den Industriestaaen in die Häuser brachten.

2021 hat sich das Blatt (vorerst) gewendet. Die Industriestaaten impfen mit Hochdruck und öffnen ihre Ökonomien zügig. In Asien breiten sich aggressive Virusmutationen aus. Überall beeinträchtigt die Pandemie inzwischen das öffentliche Leben: Japan, Korea, Indien, Thailand, Indonesien, Philippinen. So musste Thailand die längst geplante Öffnung des Tourismus kurzfristig wieder absagen. Die indische Tragödie ist in aller Munde. Japan kann das Virus nur mit massiven Einschränkungen im Zaum halten.

Nach einem Jahr mehr oder weniger permanentem LockDown und HomeOffice in vielen westlichen Staaten fragen sich viele, wofür die Konsumenten nach der Öffnung und Impfung ihr Geld ausgeben. Protektionismus is back, fürchten einige. Anstatt einen weiteren Fernseher, Spielekonsole oder Heimtrainer anzuschaffen, könnten sich die Konsumenten entscheiden, wieder lokale Dinge zu konsumieren und Dienstleistungen nachfragen.

Abbildung 1: Entwicklung des Philippine Stock Exchange Index(PSEi)

Die Preisschwäche vieler asiatischen Aktienindizes ist auffällig. Hieronymus vermutet, dass die derzeit in Asien aufgerufenen Aktiennotierungen die Realität gut wiedergeben. Die Aktienmärkte sind nicht durch scheinbar unendliche staatliche Finanzspritzen hoffnungslos überbewertet.

Beim Blick auf den PSEi drängt sich ein zweiter Verdacht auf: Der Abverkauf seit dem Jahreswechsel steht im Widerspruch zu den Preissteigerungen in Europa und den USA. Das deutet auf Kapitalabzüge hin. Diese sind sicherlich nicht abgezogen worden, weil die Bewertungen in Europa und den USA lukrativer sind. Im Gegenteil. Der Kapitaltransfer könnte aber eine Leitzinserhöhung und den Beginn des Taperns, also die Zurückführung von Ausleihungen der Zentralbank in den USA vorwegnehmen. Die steigenden Marktrenditen in den Industrieländern zieht in diesem Fall das Geld an, wie das Licht die Motten.

Wenn der Post-Corona-Aufschwung nun aber weniger dynamisch ausfällt (s.u.) könnte dies eine Rückführung von Hot Money nach Asien bewirken. Schließlich finden sich dort noch nachvollziehbar bewertete Titel. (Wer hat nochmal die Idee in die Welt gesetzt, dass Aktienpreise Erwartungen an die zukünftige Geschäftsentwicklung einer AG darstellen?)

USA: Fragiler Arbeitsplatzaufbau

Die Überraschung der vergangenen Woche: Trotz weitgehender Öffnungen der US-Ökonomie stagniert der Arbeitsplatzaufbau. Anstatt 770.000, wie im März, stellten US-Betriebe im April nur 226.000 Menschen ein. Das sind 550.000 weniger Steuerzahler. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, kann das geplante Infrastrukturprogramm nicht gegenfinanziert werden.

Jetzt zeigt sich das Janus-Gesicht der umfangreichen Corona-Hilfen. US-Bürger absorbierten die 9 Billionen ausgezahlter Coronahilfen bereitwillig: sie zahlten Kredite ab, kauften Konsumgüter aus Asien und spekulierten an den Aktienmärkten. Die Hoffnung der Politik: Mit viel Geld sichern wir den ordnungsgemäßen Betrieb unserer Ökonomie. Ist die Pandemie vorüber, kann der Schalter einfach wieder auf »Go« umgelegt werden.

Der jüngste Arbeitsmarktbericht zeigt etwas anderes. Arbeitgeber nutzten die Krise für umfangreiche Restrukturierungen. Ein Neustart findet zwar statt. Es werden aber weniger Menschen benötigt und weniger Steuern gezahlt. .

Nun möchte der Staat die Infrastruktur sanieren. Da die Staatsverschuldung bereits extrem ist, sind weitere Schulden nur in Gegenwart einer fundierten Refinanzierung mehrheitsfähig. Diese bricht aber mit ausbleibenden Lohnsteuern in sich zusammen.

Das sind natürlich gute Nachrichten für den Finanzmarkt.

  • Die FED wird an ihrer derzeitigen Geldpolitik festhalten.
  • Die Aussichten für weitere umfangreiche Kreditaufnahmen des Staats haben sich eingetrübt.

Damit ist die Liquiditätsversorgung durch die FED (Anleihenaufkaufprogramm) auf absehbare Zeit sichergestellt. Die Marktzinsen dürften niedrig bleiben und angesichts einer umfangreichen Reservearme an Arbeitskräften ist der Lohnpreisdruck vernachlässigbar.

Die US-Märkte haben auf den enttäuschenden Arbeitsmarktbericht deshalb mit breiten Preissteigerungen reagiert.

Australien trägt die schwarze Laterne

Es kommt auf die Perspektive an. Steht man direkt am Bahnübergang, dann fährt ein Zug schnell vorüber. Sitzt man jedoch im Abteil, dann zieht die Landschaft sehr gemächlich vorbei.

Das kohleverliebte australische Establishment steht gerade an der Bahnsteigkante und wartet auf einen einfahrenden Bummelzug. Statt dessen rauscht ein Intercity heran.
Nun wagt ein lausiger Schulbengel zu fragen, ob man nicht zumindest versuchen sollte, auf den Zug aufzuspringen. Das Establishment winkt ab: »Es wird schon ein anderer Zug kommen, der uns abholt.« Dann befiehlt man den Eltern, gefälligst auf die Göre aufzupassen.

Das ist eine stilvolle Metapher der aktuellen Ereignisse im Hunter Valley, etwa 300 km mördlich von Sydney. Dort befindet sich Newcastle und damit der global größte Kohlehafen, der die »Erzeugnisse« der Minen und Tagebauten des Hunter Valley umschlägt (ca 160 Mio. T/a).

Nach der Absage von Shenhua, das Watermark Projekt im Liverpool Plains Kohlerevier weiter zu entwickeln, ziehen sich offenbar auch andere Projektentwickler und insbesondere Geldgeber zurück.

Es ist politischer Druck, der zur absurden Situation führt, dass die australischen Banken lukrative Engagements in Solar- und Windparks meiden und statt dessen höchst fragwürdige Kohleprojekte unterstützen. Tatsächlich ist das Land fest in den Händen der Energie-Lobby.

2014 erwarb ein Joint Venture aus China Merchants und The Infrastructure Fund2 die Hafenlizenz für Newcastle. Damals zahlte man 1,57 Mrd. A$ – das 27-fache des Jahresertrags – nicht für den Kauf, sondern für die Lizenz des Betriebs for 98 Jahre. Für diesen Zeitraum verpflichtet sich die Hafengesellschaft zudem, nicht mehr als 30.000 Container pro Jahr mit anderen Transportgütern als Kohle umzuschlagen. Sonst werden Vertragsstrafen fällig. Newcastle ist also auf absehbare Zeit vollständig vom Kohleumschlag abhängig.

Die Transaktion »roch« bereits damals verdächtig nach einer weiteren Subvention der Kohleindustrie. Die australischen Subventionen für fossile Energieträger stehen denen in Deutschland um nichts nach. Der Thinktank The Australia Institute rechnete kürzlich nach: 10,3 A$ flossen 2020 als direkte Subventionen an die Kohle-, Gas- und Öl-Industrie. The Australia Institute legte offen, dass die 60.000 Arbeitsplätze in der Kohle- und Gas-Industrie von australischen Steuerzahlern gestützt werden und abzüglich der Subventionen nur eine marginale Wertschöpfung aufweisen. Kurzum: Projekte der fossilen Energieträge tragen doppelte Risiken: Neben den Klimarisiken sind sie vollständig vom politischen Goodwill abhängig.

In der vergangenen Woche schlüpfte Macquarie in die Rolle des Lausbuben und zog öffentlichkeitswirksam symbolisch den Stecker: Man wird seine Engagements in Kohleprojekte in drei Jahren auslaufen lassen. Irgendjemand hat das Management auf die kommunizierten Klimaziele hingewiesen, wonach die Bank im Kerngeschäft bis 2050 klimaneutral sein will. Das bedeutet: Alle Ausleihungen sind Klimaneutral. Alle Beteiligungen sind klimaneutral, alle vertriebenen Geldanlageprodukte sind klimaneutral.

An ihrem Commitment zur Finanzierung von Gas- und Ölprojekten hält die Bank fest.

Selbst das zog unmittelbar politische Reaktionen nach sich. Flugs richtete man einen Untersuchungsausschuß ein, der den Finanzsektor nachweisen will, die heimische Exportindustrie nicht ausreichend mit Krediten zu versorgen. Der Energieminister (Keith Pitt) begründet den Ausschuß wie folgt:

“It is of great concern to me that a legitimate industry like coal mining, which makes a significant contribution to the national economy and employs thousands of Australians, is being held back.“

Die Finanzmärkte zeigten sich hiervon mäßig beeindruckt. Macquarie outperfort kurz- mittel- und langfristig selbst spekulative Minenwerte. Ein Ende ist nicht in Sicht. Es rechnet sich, Lausbube zu sein.

Abbildung 3: Aktienpreisverlauf der Macquarie seit 1996
  1. Die »Investitionen« sind natürlich nicht mit richtigen Aktien hinterlegt. Man erwirbt mit den Tokens schlicht einen Anspruch auf eine Partizipation an Preisveränderungen der Aktie selbst. Wie bei CFD’s wettet der Kunde gegen den Emittenten des Finanzderivats. 

  2. The Infrastructure Fund ist ein halbstaatlicher Investmentfund, in dem ein Sammelsurium australischer und britischer Infrastrukturprojekte versammelt sind: Flug- und Containerhäfen, Bahnhöfe, Kläranlagen. Keine Projekte des digitalen Zeitalters.