Wochenbericht 16

Schöne Neue Welt

Money for Nothing, Chicks for free, sangen die Dire Straits 1985. Im Jahr 2020 wurde das für viele zur Realität. Nie zuvor war mehr Geld in den Händen der Privathaushalte. Mit dem Geld soll nach dem Willen der Biden-Administration klimagerecht konsumiert werden. Das hat inbesondere für Australien Konsequenzen.

Stuttgart, 24. April 2021.

Sino-Australische Eiszeit

Im Nachrichtenstrom dieser Woche fand sich eine kleine Notiz, wonach die australische Außenministerin bilateral zwischen der Provinz Victoria und der VR-China abgeschlossene Infrastruktur-Investitionsabkommens aus dem Jahren 2018 und 2019 kassierte. Zeitgleich wurden bilaterale Handelsverträge zwischen Victoria und Syrien bzw. dem Iran für unwirksam erklärt. Die an der Regierung in Canberra vorbei abgeschlossenen Verträge wären nicht vereinbar mit außenpolitischen Zielen Australiens, hieß es weiter.

Damit legt die australische Regierung die Provokationslatte eine Stufe höher. Das kann dreierlei bedeuten:

  • es ist schlicht ein Zeichen der Stärke der australischen Regierung,
  • Australien entwickelt sich zum Ersatzkiegsschauplatz im sino-amerikanischen Konflikt,
  • die chinesische Belt and Road-Initiative (Umgangssprachlich: Neue Seidenstraße) ist gescheitert.

China ist der mit Abstand größte Handelspartner Australiens (Handelsvolumen 252 Mrd. A$ [2019]). Das Land ist ähnlich von Exporten abhängig, wie Deutschland. Der Unterschied: Australien exportiert Rohstoffe, verderbliche Lebensmittel (Fischereigut, Milchprodukte, Obst, Gemüse, Fleisch, Getreide) und Genußmittel, wie Wein; alles austauschbare Güter.

Seit drei Jahren vermischen sich Außen- und Handelspolitik im sino-australischen Verhältnis. Die australische Regierung verbietet 2018 den Einsatz von Huawei-Technologie in 5G-Netzen. China antwortet mit Einfuhrzöllen für australischen Wein und Milchprodukte sowie Babynahrung.

Canberra bezichtigt Peking, das Corona-Virus absichtlich in die Welt gesetzt zu haben, China bestraft die australischen Getreide-, Kupfer- und Kohleexporteure mit der Kündigung langfristiger Lieferverträge.

In der vergangenen Woche gab Shenhua Energie, der größte Kohleproduzent der Welt, die Konzession über den Kohleabbau in dem Hunter Valley nördlich von Sydney zurück. Dort wurde seit 2008 ein Untertageabbau entwickelt. Die Provinz New South Wales erstattet dem Kohlekonzern 100 Mio A$ für Entwicklungskosten. Die Entscheidung wurde von chinesischer Seite mit mangelhaften ökonomischen Perspektiven begründet. Das erscheint ob der gewährten Zahlung aus der australischen Staatskasse ein vorgeschobenes Argument zu sein. China zieht sich einfach aktiv aus Australien zurück.

Das chinesische Außenministerium reagierte dennoch heftig auf die Kündigung der Belt and Road Projekte in Victoria.

Hat Canberra etwa einen wunden Punkt getroffen? Tatsächlich gehen chinesische Investitionen in internationale Infrastrukturprojekte dramatisch zurück. 2016 genehmigte China Projekte für 75 Mrd. $. 2019 wurden gerade noch 4 Mrd. $ investiert. Die Nebenwirkungen chinesischer Auslandsinvestitionen stoßen nach spektakulären Bail-Outs überschuldeter Projektgesellschaften durch den chinesischen Staat auch in den Schwellenländern immer mehr auf Skepsis. Selbst enge Handelspartner und angrenzende Nachbarstaaten, wie Malaysia, stellen vereinbarte Infrastrukturprojekte in Frage. Es ist einfach zu offensichtlich, wie China in den Verträgen imperiale Ziele durchsetzt.

Die offensive australische Außenpolitik könnte auch im Zusammenhang mit der Machtergreifung der Biden-Administration stehen. Nachdem man sich bis 2020 wie keines der westlichen Staaten der Trump-Administration angedient hat, verlangt die neue US-Regierung von Canberra möglicherweise Loyalitätsbeweise. Die Absage der Infrastrukturprojekte könnte als Hinweis für die Neuausrichtung der US-Außenpolitik gedeutet werden, die China und Russland wie in Zeiten des Kalten Kriegs zu isolieren trachtet. Das ist aber derzeit Spekulation.

EU-Bordertax: Australien mit dem Rücken zur Wand?

Der EU-Umweltausschuß hat sich mehrheitlich für die Einführung eines Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM, umgangssprachlich Bordertax) ausgesprochen1

Damit verteuern sich Importe aus Staaten, deren Umweltstandards nicht mit denen der EU übereinstimmen. Diese Steuer könnte noch im zweiten Halbjahr 2021 auf den Weg gebracht werden (Vorbehaltlich einer grünen Regierungsbeteiligung in Berlin). Das Entscheidungsfenster schließt sich wegen der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 allerdings recht schnell. Die EU-Kommission ist gut beraten, die ursprünglich für 2023 geplante Einführung um ein ganzes Jahr vorziehen.

Dies hat die australische Regierung aufgeschreckt. Der Handelsminister machte sich umgehend auf, um in Berlin, Paris und Brüssel zu intervenieren. Selbst in London konnte er jedoch nicht viel ausrichten.

EU-Green Deal kommt

Da das bundesdeutsche Verfassungsgericht nun den Weg für das EU-Corona-Wiederaufbauprogramm frei gemacht hat, ist auch der ebenfalls schuldenfinanzierte European Green Deal quasi in trockenen Tüchern. Die Investitionen laufen aber ins Leere, wenn preiswert kohlenstoffintensiv hergestellte Produkte aus dem Ausland die EU überfluten. Kein Wunder, dass das Klinkenputzen des australischen Handelsministers wenig Erfolg zeigt.
Auch der Umweg über London scheint australischen Exporteuren versperrt zu sein. Das liegt an der neuen US-Umweltpolitik.

Großbritannien hat sich selbstbewußt verpflichtet, bis 2035 78 % seiner Kohlendioxidemissionen zu reduzieren. Ursprünglich wollte England die eigenen Emissionen einfach outsourcen, beispielsweise nach Australien oder Brasilien verlagern und Produkte, die in Großbritannien selbst nicht hergestellt werden, preiswert einkaufen.

Nun bekennen sich aber die USA zu ähnlichen Klimazielen, wie die EU. Der klimagerechte Umbau der US-Volkswirtschaft ist ein zentraler Baustein der Neuausrichtung in den USA. Protektionismus gegenüber kohlenstoffintensiven Volkswirtschaften (hauptsächlich China) ist in den USA populär. Logisch wäre es, wenn sich die USA, Canada und Mexico dem CBAM-Mechanismus anschließen oder eine eigene Variante entwickeln. Das hätte wenig Auswirkungen auf den Handel mit der EU. Australien und Großbritannien müssen sich jedoch strategisch neu aufstellen.

Die australische Regierung hat (bisher) keine Absicht, den Kontinent klimaneutral aufzustellen und ist deshalb bei den Klimaverhandlungen nur Zaungast. Diese Position wird aber immer unhaltbarer, auch weil sich das vergleichbar aufgestellte Kanada in Klimaschutzfragen erfolgreich ganz vorn einreiht.

Das Ergebnis ist bereits sichtbar: Der Aktienmarkt in Toronto überflügelt sichtbar den in Sydney.

Abbildung 1: Preisverlauf der Aktienmärkte in Kanada(blau) und Australien(grün) im Vergleich

Fazit

Australien sitzt zwischen allen Stühlen. Wortwörtlich. Die bilateralen Beziehungen zum bislang größten Handelspartner sind auf einem Tiefpunkt. Hat bisher die geographische Lage den Kontinent zu einem natürlichen Lieferanten für China gemacht, führte die ideologische Nähe der konservativen australischen Regierung zur Trump-Administration zu einer deutlichen Abkehr chinesischer Einkäufer. Nun kann die Regierung zwar das erfolgreiche Management der Pandemie auf der Haben-Seite verbuchen. Das Verhältnis zu den westlichen Verbündeten ist seit dem Machtwechsel in Washington allerdings mindestens ambivalent.

Das hat negative Konsequenzen für die Bewertung von Unternehmen.
Der Preisverlauf von Brambles, einem Spezialisten für globale Lieferketten spricht Bände.

Abbildung 2: Preisverlauf der Brambles (in A$)

Vermögensumverteilung

Die Pandemie hat weltweit eine vorher völlig undenkbare Ausschüttung staatlicher Gelder an die Bevölkerung bewirkt. Die Hilfsprogramme verfolgten zwei Ziele: Erstens sollten sie die Kaufkraft in den Volkswirtschaften erhalten und zweitens sollten Unternehmen vor dem Kollaps geschützt werden.

Im Ergebnis ist die Staatsverschuldung überall dramatisch gestiegen. An die Rückführung der aufgenommenen Schulden denkt derzeit niemand. Im Gegenteil: Die Verschuldungspraxis erfährt dank der Modern Money Theory sogar eine wissenschaftliche Absolution.

»Wenn Staaten ihren Bürgen Geld auszahlen, schaffen sie (mindestens vorübergehend) Werte.« Das ist die zentrale Aussage der MMT, die nun auch empirisch belegt werden kann.

Abbildung 3: Entwicklung der Sparquote während der Pandemie

In allen westlichen Volkswirtschaften ist die Sparquote deutlich gestiegen. Die Menschen haben während der Pandemie signifikant Vermögen aufgebaut. Das gilt selbst für Australien und Neuseeland, wo die Pandemie durch beherzte Maßnahmen rasch eingedämmt werden konnte. Nach einer OECD-Studie hat sich die Sparquote in Deutschland von 10 auf 16 Prozent erhöht, in Irland gar von 4 auf 23 Prozent. Selbst die notorisch verschuldeten US-Amerikaner haben ihre Sparquote fast verdreifacht.

Ein Großteil des in der Sparquote gebundenen Kapitals ist dank verbreiteter Negativzinsen an die Aktienmärkte geflossen und ist nun Gegenstand der Spekulation.

War das »Sparen« wegen der Pandemiemaßnahmen bislang alternativlos, beginnt mit der absehbaren Öffnung der Volkswirtschaften ein neues Umverteilungsregime. Sämtliche Volkswirtschaften sind üppig kapitalisiert, Liquidität ist kein Engpass. Viele prognostizieren deshalb einen bevorstehenden Konsum-Boom.

Das Problem: Die aktuelle Bewertung der Assets, in die das von den Staaten ausgegebene Geld geparkt wurde, ist höchstwahrscheinlich überzogen. Die Menschen fühlen sich reicher, als sie es eigentlich sind. Sie können die aktuellen Marktpreise mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht realisieren. Das gilt für Aktienanlagen, Immobilien, Kunst und insbesondere für Cryptowährungen.

Sobald die Gelder in den Konsum abfließen, sinkt die Liquidität an den Finanzmärkten und Spekulanten sorgen für eine Neubewertung der Assets.
Hieronymus erwartet, dass der Sommerhandel 2021 von diesem Thema bestimmt wird.

  1. Aus der Resolution des Umweltausschusses: “A carbon border adjustment mechanism should cover all imports, but as a starting point already by 2023 it should cover the power sector and energy-intensive industrial sectors like cement, steel, chemicals and fertilisers, which continue to receive substantial free allocations, and still represent 94% of Union industrial emissions,”