Wochenbericht 15

Crypto-Manie

Coinbase hat einen erfolgreichen Börsengang hinbekommen. Die größte Handelsplattform für Cryptowährungen ist 76 Mrd. $ wert, reale US-Dollar. Analog zu den SPAC's könnte dies PEAK-Crypto markieren.
China versucht zeitgleich, über den Crypto-Renminbi die Dominanz des US-Dollar im internationalen Handel zu brechen.

Stuttgart, 17. April 2021.
Man kann fast die Uhr danach stellen. Kaum hat ein neu gewählter US-Präsident seine Macht im Inneren gefestigt, kriselt es im Ausland. Obwohl – oder möglicherweise weil – Biden kein Unbekannter ist, flammen gerade an verschiedenen Fronten neue und alte Konflikte auf.

Besonders markant ist die Gleichzeitigkeit der Zuspitzungen in der Ukraine und Taiwan. Es scheint ein Test der Ernsthaftigkeit der US-Außenpolitik ins Haus zu stehen. Zusammen mit dem »Sell in May«-Effekt definiert dies die Konditionen für den Sommerhandel an den Finanzmärkten.

General Electric

Am 4. Mai ruft General Electric zur alljährlichen Hauptversammlung. Der Aktienkurs hat inzwischen wieder das Niveau des Jahres 2018 (und des Jahres 2012 und des Jahres 2009) erreicht. Die Restrukturierung des Kerngeschäfts verläuft planmäßig. Die dunklen Jahre der Trump-Präsidentschaft sind für den traditionell der Demokratischen Partei zugeneigten Konzern (vorerst) Vergangenheit.

Abbildung 1:Langfristiger Preisverlauf der General Electric

Trotzdem droht Ungemach. Hintergrund sind Bonuszahlungen an den CEO.

Der Anlass ist eine pandemiebedingte Veränderung der Bemessung der Bonusanreize für die TOP-Manager. Im August 2020 – die USA waren im Wahlkampf und die Pandemie droht ausser Kontrolle zu geraten – versuchte der Aufsichtsrat das Management mit angepassten Incentives zu Spitzenleistungen zu ermuntern.

Der Vertrag des CEO wurde vorzeitig verlängert. Angesichts einer historisch niedrigen Marktkapitalisierung halbierte der Aufsichtsrat kurzerhand den Referenz-Aktienpreis, der zu einer Zuteilung von Bonusaktien berechtigt. Verharrt der Aktienpreis bis zur Haupftversammlung auf dem aktuellen Niveau, stehen dem CEO Aktien im Wert von 47 Mio. $ zu. Vermutlich konnte sich niemand vorstellen, dass sich der Aktienpreis grundlos so rasch verbessern würde.

Zudem wurde eine Performance-Fee vereinbart: Notiert die Aktie mehr als 30 aufeinanderfolgende Tage über 13.34 $, bekommt der CEO zusätzlich 124 Mio. $ (in Aktien).

Die Aktie notierte in der letzten Woche kurzzeitig bei 14 $.

Institutionelle Investoren rufen nun aber zum Widerstand auf. Es zirkuliert ein Aufruf, das Bonusprogramm auf der Hauptversammlung abzulehnen und rückwirkend abzuwickeln.

Gegen den Markttrend notiert die GE-Aktien seit einigen Tagen schwächer. Ein Schelm, wer hier keinen Zusammenhang sieht. Der weitere Preisverlauf der Aktie reflektiert das Kräftemessen zwischen dem Aufsichtsrat und den kritischen, institutionellen Anteilseignern.

Disclaimer: GE ist Bestandteil der Stillhalter Strategie. Gegenwärtig wird ein Covered Call gehalten, der von dieser Entwicklung profitiert.

Alibaba

Der weltgrößte Online-Händler hat sich recht weit von seinem Preistop im Oktober 2020 entfernt. Damals gingen alle von einem erfolgreichen Börsengang von Ant aus, der Finanztochter.

Daraus wurde bekanntlich nichts. Der chinesische Staat, genauer die mächtigen staatseigenen Banken, intervenierte unmittelbar vor dem geplanten Börsengang. Soviel Kapitalismus war dann doch nicht gewollt.

Statt dessen »verschwand« Jack Ma, der Gründer von Alibaba und Ant, für ein paar Monate spurlos. Die Spekulationen schossen ins Kraut, der Aktienpreis verfiel mangels Perspektive.

Tatsächlich versucht die chinesische Regierung auch im digitalen Sektor eine Wetttbewerbssituation zu erhalten. Das bedeutet: kleineren Konkurrenten von Alibaba wird gestattet, Marktanteile zu erobern und Alibaba gezwungen, tatenlos zuzuschauen.

Vor einer Woche lüftete sich das Geheimnis: Alibaba darf im wesentlichen weiter machen, wie bisher. Es muss 2,8 Mrd. $ an Kartellstrafe zahlen.

Abbildung 2: Preisverlauf der Alibaba

Tatsächlich erholt sich die Aktie seitdem wieder moderat.

Diese Entwicklung wird mit einer Flut von Kaufempfehlungen für die Alibaba-Aktie begleitet. Hieronymus vermutet hier reflexartige Aktionen der Analysten. Schließlich ist die Aktie wohl die einzige eines Digitalunternehmens, die in den letzten 12 Monaten keine Preisverdopplung erfahren hat.

Nachdem Klarheit darüber besteht, welches Marktumfeld der Konzern zukünftig vorfindet, dürfte der Boden der Preiskorrektur erreicht sein. Das nächste Aktienpreisrisiko zeigt sich jedoch bereits am Horizont: Je mehr der sino-amerikanische Konflikt eskaliert, desto wahrscheinlicher wird ein Delisting der Aktie an der Nasdaq. Alibaba ist zwar auch in Hongkong gelistet. Vermutlich unterbindet die amerikanische Börsenaufsicht institutionellen US-Anlegern aber ein Engagement dort. Deshalb droht dem Unternehmen in diesem Fall ein nicht unerheblicher finanzieller Aderlass.

Andererseits ist der aktuelle Bewertungsunterschied zur Konkurrenz bereits sehr hoch.

KennzahlAmazonAlibabaShoptify
KGV8127427
KBV18423
Marktkapitalisierung1.700 Mrd.645 Mrd.158 Mrd.$

Selbst im Worst Case ist das Preisrisiko überschaubar.

Der Digitale Renminbi

Zwei Entwicklungen am Markt für Cryptowährungen lassen aufhorchen.

  1. Ein BitCoin hat einen Wert von 64.000 $ erreicht. Gleichzeitig geht Coinbase, der größte Crypto-Broker mit einer Marktkapitalisierung von 76 Mrd. $ per Direct Listing an die Nasdaq.
  2. China treibt die Nutzung des staatlichen Crypro-Renminbi offensiv voran.

Worin der Wert der mittlerweile 4.000 unterschiedlichen Cryptowährungen besteht, kann wohl kaum jemand erschöpfend erklären. Das Universum der verschiedenen Währungen wird von der Annahme getrieben, dass die Währungen schlicht aufgrund ihrer Existenz in Verbindung mit der Endlichkeit an prägbaren Münzen werthaltig sind. Hieronymus hat bekanntlich einen Felbel für historische Analogien. Wie in der letzten Woche ausgeführt, gibt es aktuell viele Gemeinsamkeiten mit der Gründerzeit. Deshalb hier ein Auszug aus einer Studienarbeit:

Durchaus interessant war die Art und Weise, wie Gründungen vorgenommen wurden.
Für die Gründung einer Aktiengesellschaft war ein Kapital einzuzahlen. Dieses Kapital stellte die Grundlage der Aktien dar und wurde dann geteilt um Unternehmensanteile verkaufen zu können.
Die Verwaltungsräte hatten eine besondere Methode, dieses Kapital einzuzahlen. Meistens wurde ein Bankbeamter gesucht, der eine Bestätigung für die Einzahlung ausstellen konnte, ohne dass das Kapital jemals wirklich eingezahlt wurde. Der Bankbeamte hatte die Wahl: Entweder stellte er den Bescheid aus, oder die einflussreichen Verwaltungsräte sorgten dafür, dass er früher oder später gekündigt wurde.
Mit der erschlichenen Einzahlungsbestätigung ging man zum Notar, um sie beglaubigen zu lassen.
Dann wurde das nicht vorhandene Kapital in Aktien aufgeteilt, die zum Verkauf angeboten wurden, natürlich nicht ohne einen guten Aufschlag auf den Preis.
Wenn alle Aktien verkauft werden konnten, war der Verwaltungsrat aus dem Schneider. Das Aktienkapital konnte nachträglich eingezahlt und der erzielte Gewinn behalten werden.
Probleme traten erst dann auf, wenn nicht alle Aktien an den Mann gebracht werden konnten. Für diesen Fall hatte der Verwaltungsrat aber auch noch Trümpfe im Talon. Entweder wurden die Aktien als »eigene Aktien« bei der betreffenden Gesellschaft angeführt, wodurch die Bilanz ein ganz normales Aussehen bekam. Dies konnte jedoch nur dann durchgeführt werden, wenn der Aktienkurs über dem Emissionskurs lag.
Wenn der Kurs aber niedriger war, »erbarmte« sich einer der Verwaltungsräte und kaufte der Gesellschaft die restlichen Aktien zu einem hohen Kurs ab. Auch in diesem Fall konnte die Gesellschaft Gewinne bilanzieren.
Der kleine Haken an dieser Methode war, dass besagter Verwaltungsrat einen Vertrag in der Tasche hatte, der ihm zusagte, dass die Gesellschaft die Aktien nach der Veröffentlichung der Bilanz zu einem noch höheren Kurs wieder zurückkaufte.1

Der Kreativität waren und sind am Kapitalmarkt keine Grenzen gesetzt. Mangels Regulierung sind bei Cryptowährungen kreative Lösungen möglich, die anderswo schlicht als kriminell gelten.

Um so interessanter ist die Entwicklung in China. Dort nutzt man die Erfahrungen aus dem Cryptomarkt, um die Landeswährung zum Defaktostandard in Asien zu machen.

Der digitale Renminbi erblickte inmitten der Corona-Krise im April 2020 das Licht der Welt. In vier Pilot-Städten konnten die Bürger die digitale Währung alternativ zu Scheinen und Münzen benutzen.

In Gegensatz zu den westlichen Schöpfungen wird der digitale Renminbi von der Notenbank selbst emittiert und kontrolliert. Sämtliche Transaktionen werden auf der BlockChain verbucht. Die Notenbank und der Staatsapparat haben Zugriff. Bezahlvorgänge werden plötzlich transparent.

Die Bürger werden mit niedrigen Gebühren und weltweiter, unmittelbarer und garantierter Bezahlfunktion gelockt. Verwendet man den digitalen Renminbi, ist man quasi Besitzer eines Girokontos bei der Notenbank direkt.

Im August wird der Modellversuch auf 28 Städte, inklusive Shanghai und Peking, ausgeweitet. Der Staat wirbt mit Incentives für die Benutzung der Digitalwährung. Sowohl für das Off- wie das Online-Shopping und bei Unternehmen auch für grenzüberschreitende Zahlungen. Das Ziel ist, den Renminbi auf diese Weise zur Leitwährung in Asien zu machen.

Der Gegensatz könnte nicht größer sein: Auf der einen Seite ein unreguliertes Konglomerat aus 4.000 extrem volatilen Cryptowährungen, die von keiner Notenbank als Währung anerkannt werden. Je dominanter eine Währung wird, desto größer ist die Gefahr, dass eine der großen Notenbanken deren Benutzung untersagt. Die FED hat dies bereits angedeutet. Auf der anderen Seite eine von der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt gestützte Digitalwährung, die effektiv, preiswert und wertstabil ist. Sie ist ausdrücklich als Handelswährung und nicht als Wertspeicher konzipiert und hat möglicherweise genau deshalb einen tatsächlichen inneren Wert. Weil China wegen seiner vorausschauenden Pandemiepolitik keine weitere Staatsverschuldung aufbauen musste könnte der ein global verfügbarer Crypto-Renminbi zum universellen Collateral avancieren. Damn wäre die Vorherrschaft des US-Dollar gebrochen.

  1. Johannes Szoncso; Der Wiener Börsenkrach 1873 im Spiegel der österreichischen und internationalen Presse. Masterarbeit Uni Graz 2009