Wochenbericht 9

Greensill: Blick in die Welt der Finanzen

Wieder erschüttert ein Firmenzusammenbruch die Finanzindustrie. Wieder spielt Softbank eine zentrale Rolle. Die Greensill-Story wirft ein Schlaglicht auf exessive Verschuldungen im globalen Null- und Negativzinsumfeld. Und es werden Erinnerungen an 2008 wach.

Stuttgart, 6. März 2021.

Die Geschichte hat zwei Wurzeln. Die eine beginnt im hanseatischen Bremen mitten in der Weimarer Republik. Im Jahr 1927, die Hyperinflation war gerade vorbei und die Depression nach dem Börsencrash 1929 noch nicht in Sicht, gründete sich die »Norddeutsche Finanzierungs-AG« zur Finanzierung von Kraftwagen und Transportmitteln. Daraus entstand nach dem 2. Weltkrieg die NordFinanz Bank, eine Tochtergesellschaft der Bremer Landesbank.

Ab 1962 steigt die Bank in das Factoring Geschäft ein – und es beginnt ein munteres Bäumchen-Wechsle-Dich-Spiel. Die Bank wird im Jahresrhytmus zu immer zwielichteren Eigentümern weitergereicht. Trotzdem wächst in dieser Periode der Umsatz. Ab 2014 firmiert das inzwischen mit einer Vollbanklizenz ausgestattete Geldhaus als Greensill Bank. Der Sitz ist weiterhin Bremen. Die Fäden werden nun in Zürich, London, New York, Toronto, Tokio und dem australischen Bundaberg gezogen. Scheinbar geht die Erfolgsgeschichte weiter: Die Bilanzsumme der Bank wächst kräftig.

Die zweite Wurzel befindet sich auf einer Gemüsefarm in Queensland, genauer bei Greensill Farming, dem größten Sußkartoffelproduzenten Australiens. Der potenzielle Firmenerbe macht eine Bilderbuchkarriere in der britischen Finanzindustrie und gründet eine auf Factoring spezialisierte Bank, nachdem die elterliche Unternehmung einmal so lange auf die Begleichung von Rechnungen von Gemüselieferungen warten musste, dass man kurz vor der Insolvenz stand – so lautet zumindest die Legende der Entstehung von Greensill Capital (Firmensitz: Bundaberg).

Lex Greensill nutzte seine Beziehungen zur City (of London), um aus der lokalen Finanzierungsidee ein global führendes Unternehmen für Supply Chain Financing zu entwickeln.

Factoring und Supply Chain Financing

Das Geschäftsfeld Factoring ist beinah so alt, wie der Kapitalismus. Ein Unternehmer stellt eine Rechnung für seine Leistungen und überlässt es einer Factoring-Firma, das Geld einzutreiben. Er reicht die Rechnung ein und bekommt sofort sein Geld. Das ist ein simples Outsourcing des Forderungsmanagements.

Supply Chain Financing (dt.: Lieferkettenfinanzierung) dreht den Spieß um und klemmt sich zwischen Auftraggeber und -nehmer. Bereits bei der Auftragsvergabe ist der Finanzierer an Board. Er sichert den Zahlungsstrom zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer ab, verschafft beiden Vertragspartnern Planungssicherheit. Mit seinen intimen Kenntnissen der Lieferkette wird der Finanzierer zu einem engen Partner der Geschäftsführungen in allen Finanzierungsfragen. Diese Stellung hat Greensill leidlich genutzt, um sein Geschäftsvolumen zu maximieren: Allein zwischen 2017 und 2019 verzehnfachte sich die Bilanzssumme der bremer Bank.

Die tatsächlich vergütete Leistung des Supply Chain Financing ist dessen intelligenten Streuung der Risiken. Supply Chain Financing ist Risikomanagement auf allerhöchstem Niveau. Bei Greensill ist es außerdem global verteilt.

Aus Lieferantenrechnungen werden Kreditpakete

Wie beim klassischen Factoring begleicht Greensill die Rechnung des Lieferanten. Die Forderungen der Lieferanten eines Unternehmens tauchen als gesammelte Forderung in der Bilanz der Bank auf.

Bei solchen Prozessen leuchten die Augen von Finanzexperten. Aus einer heterogenen Menge von Einzelforderungen von Zulieferern wird eine Gesamtforderung gegen ein Großunternehmen. Da der Zahlungsstrom absehbar ist, kann man die Rechte hieran am Kapitalmarkt veräußern. Das Ergebnis ist ein Kreditpaket, ähnlich verbriefter Hypotheken oder auch Automobilfinanzierungen.

Aus Sicht der Investoren bietet Greensill für Festgeldanlagen eine üppige, positive Rendite. Entsprechend zog das Geschäftsmodell renditehungrige Anleger an, wie Licht die Motten.

  • Die Greensill-Bank in Bremen bot Privatanlegern, Kommunen und Unter­nehmen ganz normale, positiv verzinste Tages- und Festgeldkonten an.
    Das ausgewiesene Anlagevolumen: 4 Mrd. €.
  • Der Softbank Vision Fund investierte 1,5 Mrd. $ direkt in Greensill Capital und kann Einfluß nehmen auf das operative Geschäft. Softbank ist gleichzeitig Eigentümer und Kunde.
  • Credit Suisse legte spezielle Supply Chain Financing Funds auf, die als Anleihen gelten. Die Bank warb Einlagem von mehr als 10 Mrd. € ein. Darunter 500 Mio. $ von Softbank. (Siehe auch: Zirkulare Investitionen im Wochenbericht 25/20)
  • Die schweizerische Fondsgesellschaft GAM legte den GAM Greensill Supply Chain Finance Fund auf. Zielgruppe: Unternehmen und vermögende Kunden. . Aufgelegtes Fondsvolumen: 7,4 Mrd. $. Bereits 2019 kollabierte der GAM-Fonds. Es waren Berichte aufgetaucht, dass Unternehmen überzeugt wurden, über diese Fonds in ihre eigenen Verbindlichkeiten investieren. Wie die FT jetzt herausfand, gelang es Greensill die Anleger in den GAM-Fonds auszuzahlen, indem er die Forderungen an die Greensill Bank in Bremen übertrug.

Zu den Premium-Kunden von Greensill gehörten Vodafone und Astra Zeneca. Greensill nahm eine Schlüsselrolle bei der Finanzierung der Massenproduktion der Covid-Impfstoffe ein. Der Hauptkunde von Greensill scheint aber der indische Stahltycoon Sanjeev Gupta zu sein. Er entwickelte die elterliche GFG Alliance von einem einfachen Rohstoffhändler zu einem Stahlkonzern mit 20 Mrd. $ Umsatz im Jahr und mehr als 20.000 Beschäftigten, hauptsächlich in Großbritannien und Australien. 2019 kaufte er Acelor Mittal sieben Stahlwerke in Europa ab. Die Finanzierung (2,2 Mrd. €) erfolgte über die von Greensill gemanagten Fonds. Als Sicherheiten genügte Greensill eine Vereinbarung über Supply Chain Financing mit dem exklusiven Recht, die Zahlungsstöme des Konzerns zu managen. GFC Alliance ist auf die Finanzierungskünste von Greensill angewiesen.

Die Schmuddelecke der Unternehmensfinanzierung

Supply Chain Financing wird genutzt, um Verbindlichkeiten eines Unternehmens vor Buchprüfern und Investoren zu verstecken. Dafür bieten sich Zweckgesellschaften an, in denen profitable Unternehmensteile und der Schuldenberg außerhalb der Unternehmensbilanz geführt werden. So geschehen bei dem spanischen Energieerzeuger Abengoa, der 2015 kollabierte. Die Zweckgesellschaft diente dem melken des Kerngeschäfts, sie sammelte operative Erträge, die an die Investoren der Credit Suisse Fonds ausgeschüttet wurden. Wenig attraktive Geschäftsbereiche wurden hingegen in der börsennotierten AG belassen. Abengoa beantragte im November 2015 Insolvenz.
Greensill engagierte sich in ähnlicher Weise bei Unternehmen, in die der Vision Fund investiert war und ist. Das Ziel ist stets identisch: Über komplexe Strukturen werden Verbindlichkeiten aus der Bilanz entfernt, was eine positive Bewertung des Unternehmens ermöglicht und den Wert der Beteiligungen in dem Vision-Fund aufwertet.

Aus diesem Grund sind Informationen über Supply Chain Financing bei Shortsellern, wie Muddy Waters, begehrt. Sowohl der Zusammenbruch von Carillion, einem Generalübernehmer bei Großbauvorhaben, der 2018 in Großbrittanien hohe Wellen geschlagen hatte, als auch der Kollaps des Krankenhausbetreibers NMS Health im Dezember 2019 wurden von Berichten über opake Finanzierungsmethoden von Shortsellern eingeleitet. NMS Health nutzte in der finalen Unternehmensphase intensiv die Finanzierung über die Supply Chain Funds von Credit Suisse.

Tokio Marine zieht den Stecker

Nun hat es Greensill Capital selbst getroffen. In der Vergangenheit gelang es den Finanzierungsexperten, die Risiken ihrer riskanten Geschäfte global zu verteilen. Wie sich jetzt herausstellte, garantierte eine Versicherung, die über die australische Bond & Credit Company abgeschlossen war, den Investoren in die GAM und Credit Suisse Fonds einen quasi risikolosen Zugang zu hochverzinsten Kreditpaketen. Bond & Credit wurde 2019 von der japanischen Versicherung Tokio Marine übernommen. Der neue Eigentümer prüfte die Verträge, entdeckte Unstimmigkeiten und pochte auf neue Sicherheiten. Die konnte Greensill nicht liefern. Also kündigte man im Sommer 2020 die Versicherung. Seitdem versucht Greensill einen anderen Versicherer zu finden und man geht auch gerichtlich gegen die Kündigung vor.

Im Februar entschied ein australisches Gericht, dass die Vertragskündigung von Bond & Credit Rechtens sei. Damit fiel das Kartenhaus zusammen.

Credit Suisse schloss seine Fonds. Anleger können derzeit nicht auf ihre Einlagen zugreifen. Am Freitag gab die Bank bekannt, dass man die Fonds liquidiert. Von den angelegten 10 Mrd. $ können 3,7 Mrd. zurückgegeben werden, die auf die Einzelfonds aufgeteilt werden. Die Anleger erhalten zwischen 69,5 und 17,9 Prozent ihrer Einlagen zurück, je nach dem, in welche Risikoklasse sie investiert haben. Ob weitere Rückflüsse folgen, ist ungewiss. Greensill-Kunden, wie CFG-Alliance kündigte nämlich bereits an, keine weiteren Zahlungen zu leisten.

Die Bafin schob den Treiben der Greensill Bank in Bremen einen Riegel vor. Einlagen bis 100.000 € sind über den Einlagensicherungsfonds abgesichert. Den Rest können Kunden wohl abschreiben. Öffentlich bekannt wurde der Verlust der Stadt Monheim, die 36 Millionen Euro bei Greensill geparkt hatte. Der Gesamtschaden in Deutschland ist aber mit 500 Mio. € überschaubar, die nicht über die Sicherungsfonds abgedeckt sind. Die Kosten für die deutsche Einlagensicherung sind mit 3,5 Mrd. € jedoch nicht unerheblich.

Verflechtungen ähnlich wie bei AIG im Jahr 2008

Es geht die Angst um, dass aus dem scheinbar begrenztem Fall Greensill eine Kettenreaktion entstehen kann, wie die Insolvenz der AIG sie 2008 auslöste. Wieder sind hochkomplexe Kreditpakete im Spiel, zirkuläre Investitionen die im Grunde Schneeballsysteme darstellen. Anlegern wird eine hohe Rendite versprochen, die risikolos erzielt wird. Zuletzt: Das Ganze spielt sich fern regulierter Marktsegmente ab. Es gibt kaum Warnsignale an Aktien- oder Anleihemärkten.

2008 brachte der Ausfall weniger Kreditderivate die Subprime-Krise ins Rollen, aus der sich die Finanzkrise entwickelte. Wie 2008 ist das den Sektor dominierende Unternehmen betroffen, zudem ist das Volumen in diesen Finanzprodukten in den letzten Jahren explodiert.

Wie bei dem Zusammenbruch von Wirecard ist es auch diesmal die Financial Times, die den Stein mit einem Bericht im Februar in Rollen brachte.

Wem ob der exzessiven Verflechtungen im Supply Chain Financing nun die Ohren schlackern, sei beruhigt, Hieronymus hat nur an der Oberfläche der opaken Strukturen gekratzt. Die FT widmet dem Sektor inzwischen eine eigene Berichterstattung. In der vergangenen Woche war das Thema Greensill an jedem Tag ein zentraler Baustein der Berichterstattung in der Zeitung. Die Vorgänge spielen sich abseits der geregelten Kapitalmärkte ab. Deshalb sind direkte Auswirkungen bislang kaum sichtbar. Der Aktienkurs der Softbank hat sich seit dem Jahreswechsel beispielsweise verdoppelt und ist auch in der letzten Woche munter gestiegen. Die Finanzmärkte nehmen die Ereignisse als Folklore zur Kenntnis und gehen zur Tagesordnung über. Niemand weiss, ob sich daraus ein Skandal, wie 2008 entwickelt.