Zach Galifianakis als Autist im Hollywood-Film »The Hangover« im Jahr 2009

Wochenbericht 1

The Hangover

Mit dem ShowDown der Trumpisten am Dreikönigstag beginnt eine neue Ära, könnte man glauben. Viel Wahrscheinlicher ist aber, dass sich nach einer kurzen Versöhnungsphase ein quälender Katerzustand einstellt. Ein Abgesang auf den Trumpismus.

Stuttgart, 9. Januar 2021.
»Project Warp-Speed« ist zum geflügelten Begriff für die Pandemieantwort der USA unter Trump geworden. Es ist bekanntermaßen der Star-Wars-Terminologie entnommen. Die Ereignisse am Dreikönigstag in Washington folgen ebenfalls einer bekannten Hollywood Vorlage.

In »The Hangover« fahren die Protagonisten für einem Jungesellenabschied nach Las Vegas. Dort verbringen sie eine wilde Nacht. Am nächsten Morgen finden sie sich in einer völlig verwüsteten Hotelsuite wieder.
An diesem Punkt befinden sich die USA derzeit. Der Film handelt von der Rekonstruktion der Ereignisse der vergangenen Nacht und zeichnet deren bizarren Verlauf nach.

Die Gegenwart

Der Sturm der Trumpisten auf das Parlamentsgebäude entsprach in weiten Teilen der Drehbuchvorlage. Dort wie in der Realität werden die Protagonisten auf beiden Seiten mit Drogen und Demagogie aufgestachelt; sie feiern eine wilde Orgie.

Kaum anders is erklärbar, wie es den Horden gelingen konnte, das ansonsten sehr gut gesicherte Gebäude zu erstürmen und anschließend zu verwüsten. Völlig ratlos bemüht sich ein Land, die Puzzelsteine zusammenzusetzen1.

Nicht nur die Trumpisten vor Ort waren ausser Rand und Band, auch viele Brüder im Geiste an den heimischen Computern. Am Tag der Erstürmung des Capitols steigt der Russel 2000, ein Index mit 2000 kleinen und mittelgroßen Unternehmen, der gemeinhin als Proxy für Corporate America angesehen wird, um 4,5 Prozent.

Aufräumarbeiten

Wall-Street-Kommentatoren sind hervorragende Geschichtenerzähler. Schließlich will erklärt werden, warum die US-Aktienindizes auf Allzeithöchständen notieren, während gleichzeitig auf der gesellschaftlichen Ebene das dunkelste Kapitel der Geschichte des Landes geschrieben wird. Mit einem ausgeprägten Tunnelblick (um in der Bildsprache zu bleiben) schielt man kollektiv auf die Verheißungen der Biden-Präsidentschaft und erntet proaktiv die in Aussicht gestellten Ergebnisse. Niemand weiss, wie lange die Partygäste noch bleiben, welche Aufputschmittel als nächstes gereicht werden, um die bereits erschöpften Tänzer auf der Tanzfläche zu halten; ob die Gäste bei der anschließenden Heimreise noch ihre Fahrzeuge steuern können.

Abbildung 1: Saisonale Preisentwicklung des US-Markts in den letzten 20 Jahren

Seit der Jahrtausendwende stagnieren die Marktpreise von Januar bis März im Mittel.. Ein gewisser Hangover nach dem Jahreswechsel ist ganz normal. In US-Nachwahljahren ist dieses saisonale Muster sogar noch ausgeprägter2.

Ein Blick auf die Überschriften der vergangenen Wochenberichte zeigt die Zuspitzung der Erwartungen der Marktteilnehmer. Und nun bricht auch die Saisonalität den Stab über ewig weiter steigende Marktpreise.
Ob es schlau ist, in diesem Umfeld »All In« zu gehen?

Rückblick: Die USA nach Trump

Nachdem die Nachwahlen in Georgia das in den Wochenberichten 27 -29/2020 vorgestellte Szenario zur Realität geführt haben, ist ein Update der dort postulierten Erwartungen angebracht.

  • Die Geopolitik wartet nicht auf die Rückkehr der USA.
    Nichts kann dies besser belegen, als das gerade verabschiedete Investitionsabkommen zwischen China und der EU. Die Prognose einer Abnahme der Korrelation der Assetpreisentwicklung wird aufrecht erhalten. Das impliziert eine Underperformance der US-Märkte.
  • Präferenz für Europa und China.
    Die Überbewertung der US-Aktienmärkte hat sich sogar noch ausgeweitet. Der US-Dollar neigt zur Schwäche. Es ist nicht zielführend, ungehedgte USD-Investments einzugehen.
  • Aufräumarbeiten der Pandemiedefizite.
    Vor einem halben Jahr ging niemand davon aus, dass die USA nochmals mindestens 4 Billionen USD für die akute Krisenbekämpfung aufwenden würden. Die Frage, wie die Schuldenberge ohne Inflation abgetragen werden, ist völlig ungeklärt. Für die Finanzmärkte lauert hier im Jahresverlauf das größte Disruptionspotenzial.

Top Risks 2021

Jedes Jahr veröffentlicht die Eurasia Group eine Übersicht der bedeutendsten Risiken. Dieser Bericht ist nicht auf Finanzmärkte beschränkt und weniger ein Marketinginstrument, als die diversen, aufwändig gestalteten Jahresausblicke von Banken und Vermögensverwaltern.

Als Top-Risiko identifizieren die Analysten die gesellschaftliche Spaltung der USA. Die Meßlatte für die Biden-Administration wird sehr niedrig angelegt. Das ist bedauerlich für die Bürger der USA, hat aber wahrscheinlich kaum Auswirkungen auf die Kapitalmärkte.

Das gilt nicht für das an zweiter Stelle gesetzte Risiko: Climate-Change.
Unstrittig ist, dass 2021 DAS Jahr der industriellen Transformation wird. Eurasia weist auf eine fundamentale Änderung der Marktbedingungen hin, die bereits Fahrt aufnimmt:

Aus Kooperation wird Konkurrenz

Bisher waren sich die Staaten der Welt einig, ihr Heil in Untätigkeit zu suchen und maximale Erträge aus dem fossilen Produktionsmethoden abzuschöpfen. Inzwischen sind die destruktiven Folgen nicht mehr zu leugnen. Jetzt stürzen sich alle auf die Mehrwertgeneration im Prozess des Wechsels auf nachhaltige Produktionsformen.

Der zu verteilende Kuchen ist hier jedoch ungleich kleiner. Die bislang in erträglichen Nischen oft kooperativ tätigen Unternehmen sehen sich einem beinharten geopolitisch verzerrten Wettbewerbsumfeld ausgesetzt. Das bedeutet für Aktienunternehmen: Geringere Gewinnmargen, Abbau von sozialen Errungenschaften der Beschäftigen und vermutlich auch Forderungen nach mehr Protektionismus.

Für die derzeit so beliebten ethisch-nachhaltigen Investments brechen wohl magere Renditezeiten an.

Allein: Investments in fossile Geschäftsmodelle haben negative Renditeerwartungen. Angesichts eines anhaltenden Nullzinsumfelds sind Aktieninvestments in nachhaltige Unternehmen 2021 tatsächlich Alternativlos. Hier ist selektives Stockpicking angesagt.

  1. Der Freitag ordnet die Ereignisse in seiner aktuellen Ausgabe in den politischen Kontext ein (Die Bürgerbräuputsch-Experience). In den Kommentaren zum Text wird zudem auf Analogien zum Hilter Putsch des Jahres 1923 verwiesen. 

  2. Siehe z.B. die Marktbeobachtungen Dez. 2020 der HSBC, Seite 31