Digitale Zukunft

Zinssparbücher

Im September 2021 erreicht die Inflationsrate in den USA und in Europa den dritten Monat in Folge Werte weit oberhalb von 4 Prozent. Die Marktzinsen sind weiterhin nahe Null Prozent. In Europa sind Verwahrentgelte für Tagesgeld üblich. Gleichzeitig bieten Krypto-Broker und Dezentrale Fintech-Applikationen attraktive Guthabenzinsen selbst für kurzfristig bereitgestellte Liquidität.


In dieser Artikelserie stellt Hieronymus die Basics des Krypto-Marktsegments vor.

Kontroverse Krypto-Zinssparbücher

Im Juni 2021 konnten Kunden von Coinbase, dem größten US-Kryptobroker, sich in eine Warteliste eintragen. Coinbase versprach mit seinem »Lend« getauften Angebot einen risikolosen Zins von 4 % pro Jahr. Das rief die US-Börsen­auf­sicht (SEC) auf den Plan. “Für dieses Retailprodukt ist eine Zulassung als Anlageprodukt notwendig,” schrieb die SEC dem Kryptobroker im September und drohte saftige Strafen an.

Fast Zeitgleich nahm sich die SEC das Celsius-Netzwerk vor. Die Firma residiert seit Juni in der US-Steueroase Delaware und warb mit hochverzinsten Fixed-Income-Produkten. Tatsächlich weist die Werbung für Lending-Produkte von Celsius Gemeinsamkeiten mit dem Geschäftsmodell albanischer Schattenbanken kurz vor der Jahrtausendwende auf. Jene köderten ihre Kunden mit hohe Zinsen und zahlten die eingeworbenen Mittel als Zinsen an Bestandskunden aus; betrieben also ein klassisches Ponzi-Schema.

Die SEC ist der Auffassung, dass eine Zulassung der Produkte nach amerikanischem Recht den besten Schutz vor solchen Geschäftsgebaren bietet. Solange es keine Banklizenz hat und die Produkte nicht offiziell als Anlageprodukte genehmigen lässt, darf Celsius die Produkte nicht mehr an US-Amerikaner verkaufen.
Im Oktober 2021 kündigte Celsius US-Kunden auch bestehende Zinsanlagen.
Bereits im Juli hatte die SEC mit der gleichen Begründung BlockFi, einem direkten Konkurrenten, in einigen US-Bundesstaaten den Vertrieb ähnlicher Produkte untersagt.

Über die Hintergründe der Interventionen der SEC wird kontrovers debattiert. Hieronymus vermutete, dass die Aufsichtsbehörden verhindern wollen, dass konservatives Anlagekapital bei Neuallokationen massiv auf das Kryptosegment setzt. Das würde die Nachfrage nach Anleihen verringern und die Renditen am Anleihemarkt erhöhen. Im Ergebnis sabotiert dies die Wirksamkeit der Geldpolitik der FED.

Möglich ist auch, dass die Finanzaufsicht so auf das stark gestiegenen Anlagevolumnen reagiert. “Es kann nicht sein, dass finanzielle Assets im Wert von 4 Milliarden Dollar unreguliert verwaltet werden”, meint Garry Gensler, der Vorsitzende der SEC, im US-Fernsehsender CNBC im August 2021. Gemäß Coingecko beträgt die Marktkapitalisierung des Kryptomarkts 2,4 Billionen Dollar. Demnach entfällt 1,6 Promille des Gesamtmarkts auf Zinsprodukte. Andererseits wurden seit Sommer 2020 mehr als 130 Mrd. $ StableCoins gehandelt, es ist kaum vorstellbar, dass nur drei Prozent in hochverzinste Anlageprodukte geflossen sind.

Lending ist profitabel

Ist es der Mangel an Regulierung, dass der Krypto-Markt auf anleihenähnliche Investments hohe Zinsen ausschütten kann, während zeitgleich selbst Investments in spekulative Junk-Bonds nicht einmal einen Inflationsausgleich1 bieten?

Die Standardantwort von Insidern des Krypto-Marktes ist: “Wir demokratisieren das Bank-Business und schütten die internen Margen der Banken an unsere Investoren aus.”

Tatsächlich ist das Marketmaking, also die Stellung von An- und Verkaufskursen für alle möglichen handelbaren Assets, neben dem volatilen Investmentbanking eine Kernrenditequelle für Banken. Wie lukrativ das Geschäft ist, zeigt ein Blick auf bei Tradern beliebte Derivate-Broker. CMC-Marktes weist beispielsweise eine operative Marge vom mehr als 50 Prozent aus. Im Klartext bedeutet dies: Die Hälfte der verlangten Handelsgebühren fließen als Ertrag direkt an die Gesellschafter. Wichtigster Ertragstreiber: Das Marketmaking.

Die Krypto-Pioniere sind angetreten, diesen Schatz zu heben.

Unzertrennlich: Swap und Lending

Als »Swappen« wird im Kryptospace das Wechseln von Coins bezeichnet. Nutzer können unter diverse Applikationen wählen, die mit schneller Ausführung und engen Differenzen zwischen An- und Verkaufskursen (Spread) werben.
Je mehr Liquidität zur Verfügung steht, desto geringer kann der Spread ausfallen und desto attraktiver ist die Plattform. Nun kommen Lending-Plattformen als Liquiditätsprovider ins Spiel. Diese stellen die bei ihnen eingezahlten Coins gegen Zinsen zur Verfügung und geben der Plattform mit dem höchsten Zins den Vorzug.

Fazit: Der Handel von Kryptowährungen unterscheidet sich nicht vom traditionellen Handel an regulierten Märkten. Einzig die Prozesse traditioneller Banken werden aufgebrochen. Im Ergebnis erschließt sich Investoren eine neue Renditequelle.

Marktöffnung für Hedgefund-Strategien

In den Finanzmedien findet das traditionelle Marketmaking quasi nicht statt. Die Erträge werden im Hintergrund verdient, klassische Investments sind nicht möglich2. In den USA betreiben die großen HedgeFunds wie BlackRock, Renaissance und Citadel das lukrative Geschäft. An der Nasdaq sind über 260 Marketmaker regististriert.

Was an den regulierten Börsen im Verborgenen geschieht, machen die Kryptomärkte transparent.

Abbildung 1: Beispiel einer Lendingfarm (Quelle: YieldYak), Stand: 11.10.2021

Immer unterstellt, die ausgewiesenen Renditen entstammen keinem Ponzi-Schema, zeigt YieldYak, welche Renditen mit einer algorithmusgesteuerten Allokation der Mittel an verschiedene Swap-Plattformen erzielbar sind. Die Idee ist, dass Nutzer, die die Coins halten wollen, eine Zusatzrendite erhalten, quasi ein weiteres Incentive, dem Coin die Treue zu halten.

Auf den leistungsfähigen neuen Blockchains zeigen neue Applikationen, welche Renditen durch geschickte Algorithmen erzielbar sind. Welche Strategien die Anwendungen verfolgen, wird nicht verraten. Der Nutzer hat nur die Möglichkeit, aus der Performance der Vergangenheit Rückschlüsse zu ziehen. Damit unterscheiden sich die Plattformen nicht von intransparenten Fonds.

Risiken

Zinssparbücher sind nur auf den ersten Blick einfache Produkte. Alles ist neu: Die leistungsfähigen Blockchains sind erst kurz im Produktivbetrieb, gleiches gilt für die Applikationen. Es kann deshalb keine Historie geben. Backtesting ist ebenfalls nicht möglich, weil sich der Markt dynamisch entwickelt. Auch ist sehr wahrscheinlich, dass die Algorithmen kleine Fehler aufweisen. Zunehmend verwenden die Plattformen gehebelte Strategien. Dabei leihen sie sich zusätzliche Coins, um sie dann zu höheren Zinsen kurzfristig weiter zu verleihen. Das ist bei Retail-Anlageprodukten aus gutem Grund stark limitiert.

(Letztes Update: 16. Oktober 2021)

Ressourcen

  1. Real yields on European junk bonds go negative for first time, Financial Times vom 7.9.2021. Ein Investment in einen breiten Yunk-Bond Index erzielte eine Rendite unterhalb der offiziellen Inflationsrate. 

  2. Es gibt beispielsweise keinen Marketmaking-ETF. Die meistken Firmen sind selbst nicht börsennotiert.