Reisebericht

Eine Tauernquerung

Reisebericht aus dem August 2021.

Wenn jemand eine Reise tuth, so kann er was erzählen, wußte schon Matthias Claudius. Dieser Reisebericht versteht sich in der Tradition der Reiseliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts. Damals war Reisen beschwerlich. Man reiste nicht (nur) aus Vergnügen sondern verband dies mit der Erforschung anderer Kulturen und Länder.

Die Tauernquerung ist auf Komoot dokumentiert.

Die Anreise

Geplant war eine Querung der Hohen Tauern. Übernachtet werden sollte entweder im Zelt oder – soweit möglich – in Alpenvereinshütten. Die Anreise sollte klimaschonend mit der Bahn erfolgen.

Es war zwar kein Problem, ein Ticket zu bekommen. Aber einen Tag vor der gebuchten Reise verkündete eine Bahngewerkschaft, dass es an Zeit wäre, zu streiken. Daraufhin gab die Bahn (natürlich) alle Sitzplätze zur Buchung frei. Allein die Vorstellung, sechs Stunden auf engstem Raum mit möglicherweise infektiösen Mitmenschen durch die Republik zu rattern, flößte uns trotz Impfung mächtig Angst ein. Notgedrungen wichen wir auf das Auto aus. Soviel zum Anspruch, nachhaltig und klimaschonend zu reisen. Ausgangspunkt unserer Tauernquerung war der Bahnhof von Mittersill. Von dort geht ein Bahnbus nach Hollersbach.

Einstieg ins Hollersbachtal

Österreich ist autogerecht, das Hollersbachtal ein beliebtes Reiseziel. Also braucht es einen großen Wanderparkplatz direkt am Einstieg ins Tal. Menschen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, müssen erst einmal eine gute halbe Stunde auf der Straße laufen, auf der auch die Tagestouristen fahren.

Hinter dem Wanderparkplatz ist der Fahrweg zwar offiziell für PKW’s gesperrt. Auf dem Weg herrscht aber trotzdem reger Betrieb. »Fußkranke« Mitbürger können sich mit Sammeltaxis zu den Almen bringen lassen, um in der Bergfrische zu konsumieren.

Am Anfang des Hollerbachtals stand (natürlich) ein Schild: Gehzeit bis zur Neuen Fürther Hütte: sechs Stunden. »Unten» ist 800, »oben« ist 2250 Höhenmeter.

Hollersbach mit markantem Stein mit Flechtenbesatz und Zufluss eines Gebirgsbachs

Zuerst geht es ganz gemütlich am Bach lang. Es gibt einen Bachlehrpfad mit großen Tafeln zu allen möglichen Aspekten zum Hollersbach als Prototypen eines (relativ) unberührten alpinen Gebirgsbachs.

Die Unwetter des Frühsommers haben auch hier Spuren hinterlassen. Der Bachlehpfad ist an mehreren Stellen abgebrochen. Das Nationslparkmanagement hatte bereits provisorische Umleitungen angelegt. Trotzdem, irgendwann mussten wir auf die Straße zurück. Es begann »Die Entdeckung der Langsamkeit«.

Fahrweg im Hollersbachtal

Der Fahrweg ist ein beliebter Radweg. Uns begegneten einige, sehr zufrieden wirkende Radler, die sich dem leichten Gefälle folgend, zurück ins Inntal rollen ließen. Einige nutzen das Rad auch zur Anfahrt des Ausgangspunkts für Bergwanderungen oder für anspruchsvolle Klettertouren.

Weiter oben queren mehrere Bäche den Fahrweg. Mit abnehmendem Verkehr wird der Fahrweg immer mehr zu einem typischen zweispurigen Weg in den Bergen.

Bergbach kreuzt den Fahrweg

Während des gesamten Aufstiegs passierten wir einen Gebirgsbach mit mehr oder weniger ausgeprägten Wasserfällen nach dem anderen. Das Hollersbachtal ist unglaublich wasserreich.

Auf 1500 Meter dann ein komplett anderes Bild. Das typische Rauschen verstummt plötzlich. Statt dessen ein kleiner See, der Ofener Boden. Wie wir später erfuhren, ist das zwar ein natürlicher See. Heute wird das Wasser wird hier für ein Wasserkraftwerk aufgestaut und teilweise in Druckrohre abgeleitet. Mit unserem laienhaften Blick ist der Eingriff in die Natur hier vorbildlich gelöst.

Ofener Boden

Wir nutzen den ruhigen, ebenen Platz als Nachtlager.

Aufstieg zur Neuen Fürther Hütte

Am nächsten Tag nahmen wir in aller Frühe die letzten 700 Höhenmeter zur Hütte in Angriff. Etwa eine Stunde ging es den Fahrweg weiter hinauf bis zum Talschluß.
Die Kulisse wurde jetzt minütlich spektakulärer. Gleich drei mächtige Gebirgsbäche strömen am Ende des Tals zusammen. Jeder glänzt mit einem imposanten Wasserfall.

Talschluß im Hollersbachtal

Dem Wanderer bietet sich nach jeder Wegbiegung ein weiteres Detail des Talschlußanoramas. Dies entwickelt sich ganz langsam, genauso wie die Geräuschkulisse. Irgendwann biegt der Wanderweg Richtung Neue Fürther Hütte ab. Die letzten 600 Höhenmeter wird es steil. Der gut präparierte Weg hat meistens zwischen 25 und 30 Prozent Steigung. Das ist mit gut gefüllten Rucksäcken schweißtreibend.

Aufstieg zur Neuen Fürther Hütte

Der Weg quert einen der großen Zuflüsse des Talschlusses. Dieser entwässert ein mooriges Seitental, dass als Viehweide genutzt wird.

Oben in der Hütte angekommen, erwartet den ausgezehrten Wanderer eine Gemüsesuppe, die leider nicht frisch zubereitet und außerdem recht salzig ist. Die Hütte ist ein beliebtes Ausflugsziel. Die meisten Sommerfrischler, die auf den Bänken saßen, waren allerdings ohne Gepäck unterwegs und hatten sich mit dem Sammeltaxi zum Talschluß fahren lassen. Wir beschlossen, nach dem mühsamen Aufstieg eine Nacht in der Hütte zu verbringen. Den restlichen Nachmittag wollten wir die unmittelbare Gegend erkunden.

Tatsächlich steht die Hütte oberhalb des Kratzenbergsees. Dort gibt es sogar eine Badestelle. Die Temperatur des Wassers steht allerdings längeren Badefreuden entgegen. Das Alpenpanorama dort ist jedenfalls gigantisch. Wir spürten mit jeder Faser, dass wir auf 2200 Metern Höhe waren – im Hochsommer des Jahres 2021.

Die Störung

Während der Erkundung des Terrains passierte es dann: Plötzlich löste sich die Sohle eines Wanderschuhs. Völlig konsterniert schauten wir uns abwechselnd selbst und dann den fraglichen Schuh an. Etwas Undenkbares war eingetreten. Die Schuhe waren höchstens 5 Jahre alt, eher weniger.

Hanwag, ein deutsches Markenfabrikat. Auf der Homepage suggeriert der Hersteller, dass die Produkte von qualifizierten Mitarbeitern in Deutschland hergestellt werden. Entweder haben wir ein minderwertiges Montagsfabrikat erwischt oder es handelt sich doch um billigen Asienimport mit extremer Gewinnmarge.

Zurück in der Hütte präsentierten wir dem Hüttenwirt unser Malheur. Der kannte das schon. »Das passiert, wenn die Schuhe zulange im Keller gestanden haben«, war seine lakonische Aussage. Dann präsentierte er schwarzes Klebeband und Pattex-Kleber. Damit würden wir zumindest wieder zurück ins Tal kommen, behauptete er.1

Exkurs in die Geschichte der Hohen Tauern

Wir nutzten den Nachmittag, uns Mittels der Hüttenbiblothek ein wenig in die Geschichte des Nationalparks Hohe Tauern einzulesen. Tatsächlich entwickelten die Faschisten des Großdeutschen Reichs die Infrastruktur der Hohen Tauern und schufen die Grundlagen des heutigen Nationalparks. Der Großglockner galt damals als Symbol eines deutschen Berges, die Großglockner-Panoramahöhenstraße als Zeichen der technologischen Überlegenheit der arischen Rasse. Der Deutsche Naturschutzbund(DNB) kochte sein eigenes Süppchen. Er hatte die Wirtschaftlichkeit seiner Gebirgshütten im Auge. Naturschutz hatte den Menschen zu dienen, gemacht wurde, was der Partei, den Mitgliedern und den Nutzern der Vereinsinfrastruktur gefiel. Das führte zum bis heute geltenden Klischee der Almwirtschaft als Inbegriff einer intakten Alpenlandschaft. Die NSDAP verfolgte zusätzlich die Idee, den Alpenraum als Erholungsgebiet für die Werktätigen des gesamten Reichs auszubauen. Unsere Vorstellung von Österreich als Urlaubsland hat seine Wurzeln im Dritten Reich.

Pikant: In Salzburg entstand ein Außenlager des KZ Dachau. Die Gefangenen wurden unter anderem für den Ausbau der Wanderwege in den Hohen Tauern eingesetzt. Damit stellte der DNB sicher, dass die Erholungssuchenden die Gebirgshütten leichtfüßig erreichen konnten.

Wir haben uns während des Aufstiegs zur Neuen Fürther Hütte mehrfach gefragt, wer den steilen Weg so gut präpariert hatte. Für den Almauf- und -abtrieb sind üblicherweise keine straßenähnlichen Strukturen notwendig. Fakt ist: Anders als im Anlauftal (Korntauerquerung ) war das Hollersbachtal kein historischer Handelsübergang.2 Der Tauernübergang ist ein rein touristischer. Trotzdem ist der Weg bis zum Grat hervorragend präpariert. Wir wissen nicht, ob dies KZ-Häftlingen zu verdanken ist. Es spricht aber einiges dafür.

Der Tauernübergang

Nachdem wir die Schuhsohle wieder angeklebt und das Ganze schön mit Klebeband fixiert hatten, überlegten wir, was zu tun sei. Klar konnten wir den Weg einfach wieder zurück laufen. Oder sogar mit dem Buschtaxi fahren. Das wäre allerdings nicht unser Stil. Der Rückweg würde 6 Stunden dauern. Der Weg über den Berg ebensolange. Nach einigem Hin- und Her entschlossen wir uns, die Tauernquerung trotz alledem zu wagen. Das Datum war auch Denkwürdig: Freitag, der 13. August.

Weil uns das Hütten-Abendessen noch am Morgen schwer im Magen lag, verzichteten wir dankend auf das Frühstück und gingen, ausreichend mit Flüssigkeit versorgt, zu unserer gewöhnlichen Startzeit um 7:30 Uhr an den Aufstieg. Der Weg war zuerst weniger steil, als der Aufstieg zur Hütte. Später ging es dafür umso steiler über Geröll- und Schneefelder bergauf.

Oben erwartete uns ein einzigartiges Alpenpanorama. Unter uns der Kratzenbergsee, rechts die Gletscher der Venediger-Gruppe und vor uns Tirol, quasi die Alpensüdseite. Faszinierend war auch die Alpenflora: Im regenreichen, kühlen Sommer 2021 war im August alles in voller Blüte. Der Boden war teilweise überseht von blauen Enzianblüten.

Alpenpanorama auf 2750 m

Venediger Höhenweg

Auch in alpinem Gelände gibt es Saumwege. Der Venediger Höhenweg gehört dazu. Er verbindet auf diesem Teilstück die Alte Prager Hütte mit der Neuen Prager Hütte und verläuft größtenteils zwischen 2.600 und 2.500 Höhenmetern. Der Südhang ist baumlos und wird als Viehweide genutzt. Entsprechend ist die Vegetation.

Dafür glänzt der Höhenweg mit Ausblicken.

Der Abstieg

Unter uns konnten wir sehr bald die Ortschaft Felbertauern ausmachen, mit dem Tauernbach als Zufluß. Dorthin wendeten wir uns, als klar wurde, dass die Schuhe nicht viel länger durchhalten würden. Es galt, bis 1.600 Höhenmeter abzusteigen.

Abstieg über Almwiesen

Wir hatten Glück im Unglück. Der Abstieg gestaltete sich kurzweilig und war in weiten Teilen weich gepolstert.

In Felbertauern angekommen krabbelten wir erschöpft aber glücklich in einen Postbus zurück nach Mittersill (über Matrei). Wir erwischten den letzten Bus des Tages – trotz der scheinbaren Unglückszahl im Datum.

  1. Die Aussage des Hüttenwirts wirft ein Schlaglicht auf den Qualitätsverlust von Outdoorbekleidung. Der eifrige Wanderer hat nach der Rückkehr die Probe aufs Exempel gemacht. Im Keller stehen tatsächlich ausgemusterte Wanderschuhe aus einer österreichischem Manufaktur. Etwa 20 Jahre alt. Die Sohle ist völlig abgelaufen, das Material jedoch völlig intakt. Das Profil des fraglichen Schuhs war dagegen Top. 

  2. Im Nachbartal, oberhalb des Felbertauerntunntels, zeugt die »Alte Tauern« (übersetzt: Alter Bergübergang) von der alten Handelsroute über die Alpen. Auf den Spuren der alten Säumer