Werbung der Sparkasse zum Weltspartag 2016

Vom Narrativ des gedankenlosen Sparens

Der Zugang zu Finanzmärkten ist heute so komfortabel und preisgünstig wie nie zuvor in der Geschichte. Diese Tatsache ist erfreulich, jedoch bringt sie Fallstricke mit sich.

(Erlangen, 04.10.) Kindheitserinnerungen bringen es mit sich, vergleichsweise simpel gestrickt zu sein. Auch Hieronymus brachte sein Sparschwein zum Weltspartag brav zur Volksbank. Es gab schließlich tolle »Zinsen«. Tatsächlich: Noch in den späten 1980ern wies die Bundesbank eine Umlaufrendite jenseits der fünf Prozent per annum aus. Eine positive Realverzinsung auf Sichteinlagen war ein Selbstverständnis, welches auch von der Dame am Bankschalter durch den in der Erinnerung viel zu lauten Nadeldrucker ins eigene Sparbuch manifestiert wurde. Negativzinsen auf 10-jährige Bundesanleihen? Nicht vorstellbar.

Race to Zero

In diesen Tagen werden wir Zeuge eines “Race to zero” auf mehreren Ebenen. Das Anlageuniversum wandelte sich von risikofreiem Zins zu zinsfreiem Risiko. Bereits über 17.000 Milliarden Euro festverzinst angelegtes Vermögen weist heute ein negatives Carry auf, was letztlich nichts anderes bedeutet als dass Gläubiger ihre Schuldner für die Kapitalaufbewahrung in Form von negativen Zinsen vergüten. Und die im ersten Abschnitt beschriebene und von Privatanlegern über Jahrzehnte bewährte Wertaufbewahrungsform (ergänzt um Festgeld- und Tagesgeldkonten) taugen durch den abhanden gekommenen Zins längst nicht mehr zum konstruktiven Vermögensaufbau. Schlimmer noch, die durchgereichten Null- bzw. Negativzinsen werden von den klassischen Kreditinstituten sukzessive mit einem Dreh an der Gebührenschraube garniert. Die Konsequenz für den Sparer lautet daher: Aufbruch in eine riskantere Asset-Allocation.

Retail-Broker ohne Transaktionskosten

Der Trend findet Gehör im Markt, erst in dieser Woche verkündete der US-Retail-Broker Charles Schwab künftig auf Transaktionsgebühren zu verzichten. Man sehe sich gezwungen, an populär gewordene Retail-Plattformen anknüpfen zu können, so begründete dies ein Unternehmenssprecher. An blumigen Worten fehlte es nicht. Walt Bessinger, der CEO, sehe dahinter die Verwirklichung seiner »ultimativen Vision«, das Investieren für jedermann zugänglich zu machen, heisst es in der Pressemitteilung. Ob die bisherigen Kommissionen von rund fünf Dollar diesem Ziel entgegenstanden und ob intransparente Kosten wie der Verkauf der Kunden Order-Flow Daten für das Investment-Verhalten unterm Strich förderlich sind sei an dieser Stelle dahingestellt.1 Als Kunde eines augenscheinlich kommissionsfreien Brokers ist es mit zero cost ETFs2 augenscheinlich möglich, kostenlos (respektive mit vernachlässigbaren Kosten) die Marktrendite ausgewählter Indices abzubilden.

Die Illusion des gedankenlosen Sparens

  Hieronymus konstatiert bereits seit geraumer Zeit einen Hype rund um das passive Investment. Die anfänglichen Schwierigkeiten der RoboAdvisors3 scheinen auch für namhafte Institute kein Argument gegen einen Markteintritt in das Segment darzustellen. Ein Beispiel: Die Macher der PEAKS App werben auf ihrer intuitiv aufgemachten Webseite mit dem Label der niederländischen Rabobank. In deren Heimat ist das Geschäftsmodell nach eigenen Angaben bereits ein Erfolgsmodell.

Bei PEAKS funktioniert das so: Man installiert die App auf seinem Smartphone. Diese dient im Alltag als virtuelle Spardose. Der moderne Mensch bezahlt selbst seine Currywurst per App. Das (virtuelle) Wechselgeld investiert man at your fingertips. Über die Infrastruktur des Roboadvisors wird das Geld je nach Gusto wöchentlich in entsprechende ETFs eingezahlt. Die vier angebotenen Portfolio-Zusammen­stellungen erinnern mit den Bezeichnungen mild, würzig, scharf und feurig an eine Speisekarte.

Die anzusprechende Zielgruppe wird ganz offen erwähnt:

Bist du um die dreißig Jahre alt und möchtest für eine Extra-Rente sparen? Dann haben deine Investitionen noch viel Zeit, um auch einmal schwierige Zeiten zu überstehen. Du möchtest in ein paar Jahren auf Weltreise gehen? Dann ist es ratsam, ein kleineres Risiko zu wählen.4

Die Schärfegrade steuern dabei die Gewichtung des Aktien- und des Anleihenanteils, als Zielrendite gibt man sebstbewusst 3,2 % bis 6,5 % erwartete Bruttorendite an. Der geneigte Interessent vermutet das kleinere Risiko hinter dem Schärfegrad mild, auch wenn man dann laut aktueller Zusammensetzung 49 % des iShares Core Euro Government Bond SRI ETF bespart und letztendlich wieder beim zinslosen Risiko landet.

Simpel soll es schließlich sein, so wie damals mit dem Sparbuch am Bankschalter. Hieronymus meldet Zweifel an und appelliert einmal mehr zu einem aktiven Handelsansatz abseits der ausgetretenen Pfade — ganz altersunabhängig.

  1. Es besteht die Gefahr, dass diese Praxis zur neuen Normalität in den USA wird. Unternehmensanteile der gängigen Broker gaben in den letzten Tagen stark nach (Schwab und Interactive Brokers je rund -10%, TD Ameritrade gar -26%). Die Macht des Faktischen könnte diese Broker zu ähnlichen Schritten zwingen. 

  2. In den USA tobt ein erbitterter Krieg um Marktanteile im lukrativen »ETF-Geschäft«. Eine Konsequenz sind Publikums-ETF’s, die keine Verwaltungsgebühr verlangen. 

  3. Vermögensverwaltung, in der ein Algorithmus Anlageentscheidungen fällt, s.a.Wikipedia

  4. Quelle: Homepage PEAKS, Unterseite “Inverstieren”