Preisverlauf der Wirecard Aktie seit 2015 - (1 Kerze = 1 Tag)

Die Wirecard Story

Sind das nur die üblichen Nebenwirkungen zu schnellem Wachstums oder handelt es sich um organisierten Betrug? Die Spekulationen reißen nicht ab. Wirecard ist das Skandalunternehmen des Jahres 2019.

Ikarus-Moment

(Stuttgart, 12.12.) Am 8. Mai 2018 findet im »Singapore-Office« von Wirecard eine denkwürdige Präsentation statt. Ein Buchprüfer eröffnet den dort versammelten Führungskräften, dass er Hinweise auf Betrugsversuche im Zahlungsverkehr und Geldwäsche gefunden hat.

Das Management nimmt dies zur Kenntnis und verlängert den Beratervertrag. Finanzdienstleister müssen solche Verdachtsfälle auch in Singapore unverzüglich anzeigen. Dies geht wohl in der Hektik des Tagesgeschäfts unter. Im fernen London wird dies aber sehr wohl registriert.

Die Aktionäre bekommen hiervon nichts mit. Wirecard hatte sich zu einem Darling für (deutsche) Privatanleger entwickelt. Der Aktienpreis verdoppelte sich 2017 und nochmals zwischen Januar und August 2018. Ikarus flog – um technische Mängel am Fahrwerk und die Befestigung des Federkleides konnte und wollte man sich nicht kümmern. Im Juni 2018 überflügelt Wirecard an der Börse sogar die Deutsche Bank. Alle sind stolz: Auch Deutschland kann Fintech!

Angelsächsische Intervention und teutonischer Schulterschluß

Am 30. Januar 2019 startet die britische Financial Times seine Attacke. Zunächst online, am Folgetag dann auch in der Print-Ausgabe. Ausriß aus der FT vom 31.1.2019

Der Vorwurf: Das Management hat von den dubiosen Zahlungsströmen gewußt und dies toleriert, vielleicht sogar aktiv gefördert. Ikarus fliegt nicht mehr. Der Aktienpreis fällt in mehreren Verkaufswellen innerhalb von zwei Wochen von 165 auf 87 Euro.

In den USA wird Wirecard derweil mit Sammelklagen wegen irreführender oder falscher Angaben zum Sachverhalt konfrontiert. Das Unternehmen ist immerhin im DAX gelistet und damit automatisch in den Portfolien passiver Anleger auf der ganzen Welt enthalten. Wohl auch deshalb springt die Bafin dem Unternehmen am 18. Februar zur Seite: Zum ersten Mal überhaupt wird ein Shortselling-Verbot für eine Einzelaktie verhängt. Zeitgleich eröffnet die Staatsanwaltschaft München ein Ermittlungsverfahren gegen den verantwortlichen Journalisten der Financial Times.

House of Wirecard Series

Die britische Zeitung lässt sich jedoch nicht in die Schranken weisen. Sie legt im März mit weiteren Enthüllungen nach und belastet den Vorstand Jan Marsalek schwer. Bei Wirecard liegen die Nerven blank. Man weiss sich nur noch mittels einer Unterlassungsklage wegen unrichtiger Darstellung von Geschäftsgeheimnissen zu wehren.

Es läuft sehr gut für die Financial Times. Genüßlich breitet sie die Ermittlungen als House of Wirecard Series online aus. Der Jounalist Dan McCrum, der die Recherchen vorangetrieben hat, wird in die Sparte Investigativer Journalismus befördert.

Es wird April, das Short-Selling-Verbot läuft aus. Die deutsche Finanzwirtschaft steht geeint hinter Wirecard, die angelsächsische Presse und aktivistische Hedge-Funds halten dagegen. Zu guter Letzt erstattet nun auch die Bafin Anzeige. Sie wirft Journalisten und Hedge-Fund Managern Marktmanipulation vor. Dies weist die FT im »House of Wirecard»-Blog umgehend zurück. Auch dieses Verfahren verläuft im Sande.

Bilanzfälschung

Der Sommer vergeht. Wirecard steht seitens der Financial Times unter permanenter Beobachtung. Im Oktober folgt die nächste Salve: Das Unternehmen hätte Umsätze und Gewinne zu hoch ausgewiesen, behauptet die Zeitung. Wir sind jetzt beim Vorwurf der Bilanzfälschung angekommen.

Im Dezember hebt sich der Vorhang zum vorerst letzten Akt: Die FT bezichtigt Wirecard der Manipulation des Cash-Flows. Gleichzeitig legt die Zeitung Dokumente vor, die beweisen sollen, dass Rami El Obeidi, bis 2011 libyscher Geheimdienstchef und Wirecard Großaktionär, bereits seit 2016 die an der Recherche beteiligten Journalisten und vermutete Informanten beschattet. Das Management von Wirecard hat hiervon natürlich nichts gewußt.

Kriminelle Machenschaften

Im Dezember veröffentlicht die FT ein internes Dokument einer Detektei, das beschreibt, wie man preisbestimmende Marktteilnehmer identifiziert und überwacht. Das Dokument ist aus dem Jahr 2016. Es enthält auch Details für einen digitalen Lauschangriff auf die ermittelten Täter. Offenbar wurden über gehackte Mobiltelefone Bewegungsprofile erstellt. Damit wird erstmals strafrechtlich relevantes Material vorgelegt.

Die aktuelle Ausgabe der Wirtschaftswoche beschäftigt sich mit dem Geschäftsgebaren von Wirecard in Dubai und bestätigt im wesentlichen die erhobenen Vorwürfe. Wohlgemerkt: knapp ein Jahr, nachdem die Financial Times den Fall der Öffentlichkeit präsentierte.

Shortseller am Werk

Zeitgleich steigt die Shortquote der Aktie, also die den Regulierungsbehörden gemeldeten leerverkauften Aktien. Hedge-Funds leihen sich Aktien von institutionellen Investoren aus und verkaufen diese an der Börse. Sie spekulieren darauf, die Titel später zu einem niedrigen Preis zurück zu kaufen und die ausgeliehenen Stücke dann an die ursprünglichen Besitzer zurück geben zu können.

Hierfür müssen die Hedge-Funds Kurspflege betreiben. Man lanciert gut gemachte PR-Artikel, die das Unternehmen in ein gutes Licht rücken, beschreibt ausführlich, warum der aktuelle Börsenpreis eine gute Einstiegsgelegenheit ist. Für die Dauer der Short-Selling-Kampagne arbeiten Hedge-Funds und Wirecard Investor-Relations-Abteilung Hand in Hand. Für Außenstehende ist es unmöglich, die Meldungen korrekt einzuordnen. Es sei denn, ein Qualiätsmedium wie die Financial Times veröffentlicht fast täglich selbst recherchierte, kritische Berichte. Hier die Timeline der Wirecard-Artikel bis zum 14.12.2019

Timline FT.com vom 14.12.2019

Was bleibt ist die Frage, was ein derartiges Zockerpapier im DAX zu suchen hat.

(Update: 13.1.2020) Den Vorsitz des Aufsichtsrats bekleidet zukünftig Thomas Eichelmann. Ein neues Gesicht mit einer guten Reputation. Er bekleidete vorher den Posten des CFO der Deutschen Börse. Seine Aufgabe: Retten was zu Retten ist. Die Methode: Vollständige Transparenz.

Ob es gelingt?