Rezessionsmonitor

Allianz Global Investors verdichtet monatlich einen Strauß makroökonomischer Indikatoren zu einem Risikomuster. Dies konstatiert ein hohes Rezessionsrisiko. Die Aktienmärkte feiern im November 2019 vielerorts Jahres- oder gar Allzeithöchstände. Genauso war es um den Jahrtausendwechsel.

(Stuttgart, 22.11.) Das Wichtigste zuerst: Die Allianz schätzt die Wahrscheinlichkeit für eine rezessive Entwicklung bis Juni 2020 als sehr gering ein ( 1 % ). Hieraus schließt Hieronymus messerscharf, dass die Marktpreise zumindest bis ins Frühjahr 2020 auf dem derzeitigen Niveau gut unterstützt sind.

Risikomuster

Die Analysten verdichten 22 Indikatoren in drei Kategorien

  • Strukturelle Kennzahlen
  • Zyklische Indikatoren
  • Finanzkennzahlen

Jeder Indikator wird im aktuellen Kontext interpretiert und in einer Ampel-Farbskala dargestellt. In der folgenden zusammenfassenden Darstellung, die dem Report entnommen ist, wird die Gegenwart mit ausgewählten historischen Daten verglichen. Man möchte Muster herausarbeiten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine TOP-Bildung an den Kapitalmärkten ankündigen.

Sieben Indikatoren deuten auf Übertreibungen hin, vier weitere stehen unter Beobachtung. Das Rezessionsrisiko ist hoch.

Notenbank hat geliefert

Wir schauen zuerst auf das Tabellenende. Im Bereich Finanzkennzahlen sind die Bewertungen im grünen Bereich. Im Falle einer konjunkturellen Abschwächung ist keine Neuauflage der Finanzkrise zu erwarten, eigentlich. Denn: die Autoren weisen in der Studie ausdrücklich auf die Fragilität dieser Kenndaten hin. Auch 2007 deutete nur die Zinsstrukturkurve (Yield Curve) auf Probleme hin. Dies änderte sich im Jahr 2008 schlagartig.

Der Indikator Interbank Risk ist zwar grün eingefärbt. Diese Bewertung ist nicht makellos. Die Wiederaufnahme des Anleihenaufkaufprogramms durch die FED ist eine Antwort auf strukturelle Liquiditätsprobleme im Bankensektor (siehe Die Klippen der Geldpolitik). Die FED übertüncht hiermit eine Nebenwirkung der exzessiven Fiskalpolitik in den USA. Dies könnte zu einer Fehlbewertung dieses Indikators leiten.

Problembereich: Strukturelle Kennzahlen

Der amtierende US-Präsident mißt den Erfolg seiner Politik primär an den Wasserständen der Wallstreet. Er freut sich kindisch über hohe Wachstumsraten. Die Volkswirte der Allianz sehen das anders. Sie schauen auf die Kennzahl Output Gap (Produktionslücke) und konstatieren eine Überhitzung der Volkswirtschaft. Die normale Antwort hierauf ist eine restriktive Geldpolitik der Notenbank. Aktuell passiert das Gegenteil.

Zyklik ist Zünglein an der Waage

Die zyklischen Indikatoren zeigen ein ambivalentes Bild. Der US-Immobilienmarkt ist unauffällig. Hier bereitet eher Europa Probleme (s. Global Real Estate Bubble Index ). In den USA flackert es dafür bei Shopping-Centern und Einzalhandelsimmobilien tiefrot. Besorgniserregend ist der Rückgang der Industieproduktion. Derzeit spekulieren die Kapitalmärkte auf die Tragfähigkeit der Digitalen Revolution verbunden mit einer Ausweitung des Dienstleistungssektors (Services). Dem steht die vermutliche Blasenentwicklung im Bereich Private Equity entgegen. An den Publikumsbörsen werden nur Bruchteile der Bewertungen realisiert, die vorab im OTC-Segment (Direkte Beteiligungen fernab der Börse) gehandelt wurden und werden.

Erkenntnisse?

Der Rezessionsmonitor liefert keine grundlegend neuen Erkenntnisse. Er zeigt das heterogene Bild der US-Ökonomie auf einen Blick. Seit nunmehr 24 Monaten verschlechtern sich viele Vorlaufindikatoren; einer nach dem anderen wechselt seine Farbe über gelb nach rot. Ist damit das »Ende der Fahnenstange« erreicht? Vielleicht.

Im Dezember 1996 bezeichnete Alan Greenspan, damals FED-Vorsitzender, den Anstieg der Aktienpreise seit Sommer 1995 als »irrationale Übertreibung«. Erst nach der Jahrtausendwende platze die Blase. Soviel zum Versuch, eine Finanzmarktübertreibung analytisch zu erfassen.

Da die aktuelle Indikatorenlage sehr an die Phase um die Jahrtausendwende erinnert, hilft es die Aktienmarkt-Performance unter Bill Clinton (1996 - 1999: 22 % pa) zusammen mit der folgenden unter Bush jun.(2000 - 2003: -2 % pa) im Kopf zu haben.